Warum macht mir Stronach Angst? Über Frank, den Fußballpräsidenten, konnte ich noch lachen, über den Politiker nicht mehr. Weil er sich in zwei Sätzen dreimal widerspricht? Weil er übertreibt, vereinfacht und poltert? Weil sein Personal selbst dem BZÖ zu dubios war? Nichts von alledem. Schaudern lässt mich Stronachs Selbstsicht als gütiger Patriarch, für den Österreich eine große Fabrik ist.
Das Bild des Fabrikanten benutzte er gleich mehrmals in der ORF-Sendung „Im Zentrum“, in der er Journalisten duzte und schulmeisterte. Nicht zufällig erinnert sein Habitus an die alten steirischen Gewerken. Diese Bezeichnung trugen die Besitzer von Bergwerken in Stronachs Heimatbundesland einst wie einen Adelstitel vor dem Namen.
Der Gewerke Gottfried Pengg-Auheim (†2009) zum Beispiel hatte in Thörl hohes Ansehen. Die soziale Absicherung seiner Leute galt ihm viel. Er ließ einen Kindergarten und gar ein Kino für die Stahlarbeiter und ihre Familien bauen; die Männer bekamen eine Werkskapelle und konnten Sport treiben. Der Patriarch schenkte Grundstücke dafür her.
Dies alles hatte einen doppelten Nutzen: Der Arbeiter fühlte sich dort wohl, sodass ein Klima entstand, das produktiv war. Der Gewerke Emmerich Assmann (†2005) hingegen war vor allem für seine Härte bekannt. (Bevor Assmann Pleite machte, war er übrigens ein früher Förderer des Ex-Magna-Managers Siegfried Wolf.)
Knüppelharte Gönner
Jedenfalls prägten die Gewerken und andere patriarchalische Unternehmer, die sich pflichtbewusst um ihre Leute kümmerten, aber in der Führung knüppelhart und unangreifbar waren, bis weit ins 20.Jahrhundert ganze steirische Landstriche. Stronach, 1932 bei Weiz geboren, scheint es nicht anders zu kennen. Ein Gönner und Geber will er sein, aber keinen Widerspruch dulden.
In Kärnten wird Stronach laut einer OGM-Umfrage erstmals in einen Landtag einziehen. Auch in anderen Bundesländern sticht die Aura der Stärke bei manchen Wählern jedes Argument. Stronach verkörpert den väterlich-autoritären Politikertypus. „Wir machen in Österreich wenig Profit. Ich baute dort Fabriken, weil ich Österreicher bin“, erklärte der Magna-Patriarch im ORF. Ein Philanthrop also, der nun aber Dank einfordert.
In der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ hat das Auftreten des Industrie-Tycoons bereits Befremden ausgelöst. Stronach sei eine Mischung aus „Jörg Haider und einem amerikanischen Erweckungsprediger“, urteilte „Spiegel Online.“ Es ist ein altes Lied, dass die deutsche Demokratie relativ reif ist und die österreichische eher kümmerlich. Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass Stronach niemals in den deutschen Bundestag einziehen könnte.
Die Nationalratswahl 2013 wird zeigen, wie viele Österreicher es sich noch gerne in einfältigem Untertanentum einrichten und für die Versprechen des Fabriksherren ihre Vernunft abgeben wollen – wie ein Arbeiter die Stempelkarte an der Stechuhr.
Lukas Kapeller (28) schrieb nach seinem Journalismusstudium in Graz unter anderem für die Österreich-Seiten der Hamburger „Zeit“ und den „Standard“. Er lebt als Reisereporter in München.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)















