Aufgrund zahlreicher und undurchsichtiger Inseratenvergaben müssen Sie vor den U-Ausschuss, Herr Kanzler.“ Der im Leitartikel des neuen Chefredakteurs ausgeschilderte Aufruf (16.9.) ist ein exemplarischer Fall für ein Kräftemessen, zu dem es in fast allen demokratischen Staaten ab und zu kommt und kommen muss. Sogar die Menschenrechtskommission des Europarates anerkennt ausdrücklich die Rolle der Journalisten als „Wachhunde“ und steht im Zweifelsfall auf ihrer Seite.
Auch wenn Medien oft als „vierte Gewalt“ bezeichnet werden, so sieht sich diese mit Mächten konfrontiert, mit denen nicht zu spaßen ist. Deren Durchschlagskraft zeigt sich manchmal schon darin, einen Konflikt nicht auszufechten, sondern auszusitzen. Motto: Es gibt wichtigere Themen. Aber solche gibt es immer. Die scharfe Auseinandersetzung um das Nichterscheinen des Bundeskanzlers im parlamentarischen Ausschuss fällt nur deshalb besonders auf, weil das politisch-mediale Gemisch hierzulande eine eigene Ausdünstung hat. Genau daraus ist ja auch das Problem entstanden, dass sich ein Regierungschef fragen lassen muss, ob er als Infrastrukturminister mit ÖBB-Geld Werbeflächen einkaufte, die ihm politisch nützten.
Die Kampfansage der „Presse“ und der Mehrheit der Tageszeitungen ist noch kein Sieg. Auch wird in einer „Zuschauerdemokratie“ die Rolle derer, die sich für eine edle Sache in die Arena werfen, nicht immer geschätzt. Eher ist es wie beim Boxen: Beifall bekommt, wer das Match gewinnt. Warum also die Aufregung?
Das erklärte Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ schon 2000: „Der recherchierende Journalist hat die Aufgabe, die dunkle Seite der Macht auszuleuchten und den Mächtigen das Gefühl zu geben, dass der Missbrauch nicht völlig gefahrlos ist.“ Seit den Klagenfurter Gerichtsurteilen vom Montag keimt die Hoffnung, dass auch die Gerichte ihre ureigene Aufgabe erkennen.
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Fast hätte ich jetzt auch noch „schlussendlich“ gesagt, was freilich den Blutdruck eines treuen Lesers hinauftreiben würde. „Wozu muss der Herr Redakteur das scheußliche Wort ,schlussendlich‘ wählen?“, schreibt er mir nicht zum ersten Mal. Es taucht bei Fußballniederlagen und Kollektivvertragsverhandlungen auf, ist aber nichts als ein Modewort.
Einem anderen Leser fällt auf, dass unvollständige beziehungsweise verstümmelte Sätze überhandnehmen. Meistens setzen sie den vorhergehenden Satz nach dem Punkt fort und kommen ohne Prädikat oder ohne Subjekt daher so wie hier: „Und, glasklarer Schluss, seien daher nicht gesundheitsschädlich.“ Wenn dieser sprachliche Dreh zu oft vorgeführt wird, entlarvt sich Stilkunst als Marotte. Die einfache Sprache bleibt die schönste und lässt – da bin ich schon beim dritten derartigen Fall – Schnörksel „außen vor“. Warum diese Wortwendung „außen vor lassen“ uns genauso begeistern sollte wie offenbar die Autoren, bleibt verborgen. „Die SPÖ würde den Zivildienst am liebsten außen vor lassen und nur über das Berufsheer abstimmen lassen.“
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Der holländische Prinz Johan Friso kam im Februar in Lech unter eine Lawine und liegt seither im Koma. Wie bei allen anderen Menschen ist das auch für einen Prinzen und dessen Familie eine tragische Angelegenheit. Dass „Die Presse“ die unbestätigte Meldung, Friso sei kurz aufgewacht und habe gelächelt, in der Gerüchteküche „Weltmenschen“ verbrät, deutet auf gedankenlose Episodensammlerei hin (26.9.).
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Repetitio mater studiorum est, sagten die Lateiner, weshalb erneut daran erinnert wird, dass eine Apposition laut Duden üblicherweise im gleichen Fall steht wie das Substantiv oder Pronomen, zu dem es gehört. In dem Bericht über „die Vorgänge in 135 Heimen und Internaten – 80 weltliche und 55 geistliche“ (18.9.) verlangt die Wortgruppe nach dem Gedankenstrich somit den Dativ.
Das schon bestens bekannte und gern abwesende Dativ-n fehlt auch im folgenden Titel „Slowake wurde Identität gestohlen“. Es müsste „Slowaken“ (Dativ) heißen, auch wenn nur einer seine Identität vermisst. Auch dem Genitiv kann etwas fehlen, nämlich ein s: „Das Flaggschiff des drittgrößten Medienkonzern Lateinamerikas?“
Die Verknappung der Studienplätze an der Medizin-Uni verstört nicht nur die Anwärter, sondern Sprachlehrer, wenn darüber so berichtet wird: „Die 60 zusätzlichen Plätze könnten jene Männer zufriedenstellen, die sonst eine Klage erwägt hätten.“ Sie hätten die Klage bestenfalls erwogen. (16.9.)
„Die Presse“ berichtet, dass Mädchen in Heimen in „verließartigen Räumen eingesperrt worden seien“. Ein Verlies hat kein ß. Dass das Geschäftsgebaren der Nationalbank überprüft wird, ist gewiss gut, aber nicht mit folgender Orthografie: „Ihr Geschäftsgebahren wird derzeit ebenfalls vom RH überprüft“ (1.9.).
Italiens Ex-Regierungschef Prodi erhält auf Seite 1 den Vornamen Romani. Klingt offenbar besser als Romano.
Drei Bücher mit Sensationscharakter werden auf ihre tatsächliche Bedeutung zurückgestutzt: die von niemandem eingeforderten Bekenntnisse Bettina Wulffs, der Gattin des gestürzten deutschen Bundespräsidenten; die in deutscher Übersetzung erschienene Sammlung der vom Kammerdiener des Papstes entwendeten vatikanischen Geheimdokumente (12.9.); der Fritzl-Roman „Claustria“ (15.9.). Manchmal sind solche Besprechungen von „Bestsellern“ eine große Hilfe, weil sie die Mühe sparen, selbst durch Lektüre herauszufinden, dass sich die Lektüre gar nicht lohnt.
Somit sei auch verziehen, dass bei der Übersetzung aus dem Italienischen die Fähigkeit der deutschen Sprache zu Wortneubildungen strapaziert wird. Das „Exkommunikationsaufhebungsdekret“ ist der alten Donaudampfschifffahrtsgesellschaft ebenbürtig.
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In der „Presse am Sonntag“ (2.9.) ringen Medizin und Fresslust um die richtige Schreibweise, es gewinnt die Fresslust. Das in Chili und Paprika enthaltene Capsaicin ist eine scharfe Sache, weshalb es im Mittelpunkt einer höchst unappetitlichen „Meisterschaft im Scharfessen“ steht, dabei aber wenigstens richtig geschrieben wird. Hingegen verwirrt die medizinische Wirkung des Naturstoffs – er soll entzündungshemmend sein – gleich auch die Buchstabenfolge. Der Name wird zweimal fälschlich als „Caspaicin“ angepriesen.
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Wenn in Wien-Donaustadt Schrotkugeln herumfliegen, gefährden sie Mensch und Tier. „Die Presse“ stellt in ihrem Bericht eine Rangordnung her, die auf den ersten Blick verblüffen mag. Vielleicht jedoch bilden die dem wirklichen Leben stets nahen Journalisten bloß das natürliche Ordnungssystem ab, das die Beziehungsgeflechte mancher Österreicher auszeichnet: Eine junge Frau habe einen Spaziergang unternommen – „mit ihrem Hund und ihrem Lebensgefährten“ (22.9.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)















