Am 11.Oktober beginnt in der katholischen Kirche ein „Jahr des Glaubens“. Eine Frage steht im Raum: Bis zu welchem Grad kann ein säkular denkender Mensch zum religiösen Glauben eine positive (naturgemäß nicht bejahende, sondern rein tolerierende) Haltung einnehmen? In Zeiten wie diesen – in denen nicht nur Regressionen zur Religion, sondern auch unheimliche fanatische Formatierungen derselben zu beobachten sind.
Hier eine stenogrammartige Antwort, im Sinne freier Assoziationen zu zwei Leitsätzen Anselms von Canterbury: „Ich glaube, um zu erkennen“ (Credo ut intelligam). (Biologische) These: „Glauben“ ist im Grunde eine besondere Intelligenzleistung des Homo sapiens, trotz aller zu beobachtenden Entartungen (Fanatisierung, Dogmatismus etc.). Der religiös Glaubende beansprucht, über ein „höheres Wissen“ zu verfügen.
Natürlich kann dem ein weltanschaulich indifferenter, agnostischer Mensch so nie zustimmen. Aber enthält das Phänomen „Glaube“ nicht doch einen interessanten Restbestand an „Weisheit“? Ein gewisser „Glaube“ kann doch tatsächlich bisweilen „Berge versetzen“ und scheint teilweise mit einem seltsamen „Wissens“-Vorsprung einherzugehen. „Wissen“ meint hier kein bewusstes Wissen, sondern mehr „Bauchwissen“, das aus dem Unbewussten aufsteigt.
Rätselhafte Placebo-Effekte
Man denke an die nach wie vor rätselhaften medizinischen Placebo-Phänomene. Man könnte den Placebo-Effekt auch einmal rein (religions-)philosophisch betrachten – als epistemisches Phänomen im Sinne des Wetterleuchtens einer „Superintelligenz“: Manche Menschen „glauben“, ein richtiges Medikament zu sich zu nehmen, obwohl es sich nur um eine Attrappe handelt, und werden geheilt – wenn auch nur ein gewisser Prozentsatz. Aber jener Prozentsatz kann nachdenklich machen: Verfügt der menschliche Organismus möglicherweise über eine Art (unbewusster) „Superintelligenz“, die der heutigen Medizin Jahrhunderte voraus ist?
Beispiel: Ein Mensch nimmt ein angebliches Mittel gegen eine schwere Krankheit und wird geheilt. Das Mittel war nichts anderes als leicht gesüßtes Wasser. Der Organismus selbst „heilt“ die Krankheit mithilfe einer Strategie, die im Großen und Ganzen (noch) unbekannt ist.
Tuchfühlung mit der Gesellschaft
Der „Glaube“ an die Wirksamkeit des Mittels aktiviert eine im Organismus verborgene „Superintelligenz“, die um einen Weg zur Heilung weiß – „credo ut (super)intelligam“. Man darf sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (vgl. Lk 17,19; Mk 5,34 usw.).
Freilich mag der religiöse Glaube mit einem solchen Placebo-Mechanismus nur teilidentisch sein. Doch könnte er gerade wegen jenes Placebo-Quantums auch für einen völlig säkular denkenden Menschen interessanter und schützenswerter sein, als dies oft zugestanden wird. Im „Glauben“ liegt ein „Wissen“ verborgen, das der Menschheit nützlicher sein dürfte, als ihr bewusst ist.
Der Glaube sucht die Vernunft (Fides quaerens intellectum).Eine weitere These (in gewissem Kontrast zur ersten): Der Glaube ist eine „Superintelligenz“, die gebändigt werden will. Es sollte nicht nur für den religiösen, sondern auch für den rein säkular empfindenden und lebenden Menschen von Interesse sein, dass es an staatlichen Einrichtungen wie Universitäten und Schulen auch in Zukunft einen Grau- und Grenzbereich des wissenschaftlich Erforschbaren gibt; nämlich das Areal der rationalen Auseinandersetzung mit dem religiösen Glauben (Theologie, Religionsunterricht) – Zusatz: unter religiösen (also dogmatischen) Voraussetzungen, also unter der immer wieder Ärgernis erregenden und kurios anmutenden Prämisse, dass religiöse Autoritäten Interventionsrecht (z.B. per „missio canonica“) haben.
Nur so – Begründung der These – wird nämlich der religiöse Glaube in Tuchfühlung mit der säkularen Gesellschaft bleiben und umgekehrt. Andernfalls droht eine Abwanderung der Religiösen in private Bildungsinstitutionen, wo dann ein „Fundamentalismus“ nicht nur ungestört ausgelebt werden kann, sondern noch intensiviert und gegen jede vernünftige Kritik immunisiert wird.
Kurzfristig hat eine Gesellschaft, die Theologie und Religionsunterricht aus den öffentlichen Bildungseinrichtungen verbannt, „Ruhe“ – bis die Religion aus den Tümpeln der introvertierten Beschäftigung mit sich selbst als „geistige Epidemie“ (C.G. Carus) wiederkehrt, die nicht mehr zu steuern ist.
Selbstisolierung der Religion
Natürlich bleibt das Ärgernis, dass Religionswächter aus einem intellektuellen Halbdunkel ständig kontrollierend in den säkularen Bereich des Staates eingreifen. Aber es bestehen auch subtile Möglichkeiten, umgekehrt auf die Religion einzuwirken und sie immer wieder geduldig mit den Prinzipien der Vernunft zu konfrontieren – und dadurch auf sie einen positiven Einfluss zu nehmen.
Mein Wunsch zum „Jahr des Glaubens“: Dass einerseits diese fragile Verbindung nicht abreißen möge, trotz gegenteiliger Tendenzen einer Selbstisolierung und Segregation der Religion von der „bösen Welt“ (das Stichwort dazu lautet: „Entweltlichungstendenzen“). Dass andererseits eine weitsichtige säkulare Gesellschaft bei der dem religiösen Glauben inhärenten „Suche nach vernünftiger Selbstartikulation“ – und sei sie noch so ein zartes Pflänzchen – anknüpft, um die Religion einzubinden und vorsichtig zu kultivieren.
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Univ.-Doz. Dr. P.Michael F. Köck OSB (*1968 in Wien) studierte Theologie und Philosophie in Salzburg und Innsbruck. Seit 1987 Benediktiner der Erzabtei St. Peter, unterrichtet seit 1998 an der Uni Salzburg (Religionsphilosophie, Logik und Sprachphilosophie). 2008 habilitierte er sich im Fach „Christliche Philosophie“. [Privat]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)















