23.05.2013 00:17 Merkliste 0

"Glaube" - "Superintelligenz", die gebändigt werden will

MICHAEL KÖCK (Die Presse)

Zwei provokante Thesen zum "Jahr des Glaubens", für das die katholische Kirche am 11.Oktober den Startschuss geben wird.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Am 11.Oktober beginnt in der katholischen Kirche ein „Jahr des Glaubens“. Eine Frage steht im Raum: Bis zu welchem Grad kann ein säkular denkender Mensch zum religiösen Glauben eine positive (naturgemäß nicht bejahende, sondern rein tolerierende) Haltung einnehmen? In Zeiten wie diesen – in denen nicht nur Regressionen zur Religion, sondern auch unheimliche fanatische Formatierungen derselben zu beobachten sind.

Hier eine stenogrammartige Antwort, im Sinne freier Assoziationen zu zwei Leitsätzen Anselms von Canterbury: „Ich glaube, um zu erkennen“ (Credo ut intelligam). (Biologische) These: „Glauben“ ist im Grunde eine besondere Intelligenzleistung des Homo sapiens, trotz aller zu beobachtenden Entartungen (Fanatisierung, Dogmatismus etc.). Der religiös Glaubende beansprucht, über ein „höheres Wissen“ zu verfügen.

Natürlich kann dem ein weltanschaulich indifferenter, agnostischer Mensch so nie zustimmen. Aber enthält das Phänomen „Glaube“ nicht doch einen interessanten Restbestand an „Weisheit“? Ein gewisser „Glaube“ kann doch tatsächlich bisweilen „Berge versetzen“ und scheint teilweise mit einem seltsamen „Wissens“-Vorsprung einherzugehen. „Wissen“ meint hier kein bewusstes Wissen, sondern mehr „Bauchwissen“, das aus dem Unbewussten aufsteigt.

 

Rätselhafte Placebo-Effekte

Man denke an die nach wie vor rätselhaften medizinischen Placebo-Phänomene. Man könnte den Placebo-Effekt auch einmal rein (religions-)philosophisch betrachten – als epistemisches Phänomen im Sinne des Wetterleuchtens einer „Superintelligenz“: Manche Menschen „glauben“, ein richtiges Medikament zu sich zu nehmen, obwohl es sich nur um eine Attrappe handelt, und werden geheilt – wenn auch nur ein gewisser Prozentsatz. Aber jener Prozentsatz kann nachdenklich machen: Verfügt der menschliche Organismus möglicherweise über eine Art (unbewusster) „Superintelligenz“, die der heutigen Medizin Jahrhunderte voraus ist?

Beispiel: Ein Mensch nimmt ein angebliches Mittel gegen eine schwere Krankheit und wird geheilt. Das Mittel war nichts anderes als leicht gesüßtes Wasser. Der Organismus selbst „heilt“ die Krankheit mithilfe einer Strategie, die im Großen und Ganzen (noch) unbekannt ist.

 

Tuchfühlung mit der Gesellschaft

Der „Glaube“ an die Wirksamkeit des Mittels aktiviert eine im Organismus verborgene „Superintelligenz“, die um einen Weg zur Heilung weiß – „credo ut (super)intelligam“. Man darf sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (vgl. Lk 17,19; Mk 5,34 usw.).

Freilich mag der religiöse Glaube mit einem solchen Placebo-Mechanismus nur teilidentisch sein. Doch könnte er gerade wegen jenes Placebo-Quantums auch für einen völlig säkular denkenden Menschen interessanter und schützenswerter sein, als dies oft zugestanden wird. Im „Glauben“ liegt ein „Wissen“ verborgen, das der Menschheit nützlicher sein dürfte, als ihr bewusst ist.

Der Glaube sucht die Vernunft (Fides quaerens intellectum).Eine weitere These (in gewissem Kontrast zur ersten): Der Glaube ist eine „Superintelligenz“, die gebändigt werden will. Es sollte nicht nur für den religiösen, sondern auch für den rein säkular empfindenden und lebenden Menschen von Interesse sein, dass es an staatlichen Einrichtungen wie Universitäten und Schulen auch in Zukunft einen Grau- und Grenzbereich des wissenschaftlich Erforschbaren gibt; nämlich das Areal der rationalen Auseinandersetzung mit dem religiösen Glauben (Theologie, Religionsunterricht) – Zusatz: unter religiösen (also dogmatischen) Voraussetzungen, also unter der immer wieder Ärgernis erregenden und kurios anmutenden Prämisse, dass religiöse Autoritäten Interventionsrecht (z.B. per „missio canonica“) haben.

Nur so – Begründung der These – wird nämlich der religiöse Glaube in Tuchfühlung mit der säkularen Gesellschaft bleiben und umgekehrt. Andernfalls droht eine Abwanderung der Religiösen in private Bildungsinstitutionen, wo dann ein „Fundamentalismus“ nicht nur ungestört ausgelebt werden kann, sondern noch intensiviert und gegen jede vernünftige Kritik immunisiert wird.

Kurzfristig hat eine Gesellschaft, die Theologie und Religionsunterricht aus den öffentlichen Bildungseinrichtungen verbannt, „Ruhe“ – bis die Religion aus den Tümpeln der introvertierten Beschäftigung mit sich selbst als „geistige Epidemie“ (C.G. Carus) wiederkehrt, die nicht mehr zu steuern ist.

 

Selbstisolierung der Religion

Natürlich bleibt das Ärgernis, dass Religionswächter aus einem intellektuellen Halbdunkel ständig kontrollierend in den säkularen Bereich des Staates eingreifen. Aber es bestehen auch subtile Möglichkeiten, umgekehrt auf die Religion einzuwirken und sie immer wieder geduldig mit den Prinzipien der Vernunft zu konfrontieren – und dadurch auf sie einen positiven Einfluss zu nehmen.

Mein Wunsch zum „Jahr des Glaubens“: Dass einerseits diese fragile Verbindung nicht abreißen möge, trotz gegenteiliger Tendenzen einer Selbstisolierung und Segregation der Religion von der „bösen Welt“ (das Stichwort dazu lautet: „Entweltlichungstendenzen“). Dass andererseits eine weitsichtige säkulare Gesellschaft bei der dem religiösen Glauben inhärenten „Suche nach vernünftiger Selbstartikulation“ – und sei sie noch so ein zartes Pflänzchen – anknüpft, um die Religion einzubinden und vorsichtig zu kultivieren.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Univ.-Doz. Dr. P.Michael F. Köck OSB (*1968 in Wien) studierte Theologie und Philosophie in Salzburg und Innsbruck. Seit 1987 Benediktiner der Erzabtei St. Peter, unterrichtet seit 1998 an der Uni Salzburg (Religionsphilosophie, Logik und Sprachphilosophie). 2008 habilitierte er sich im Fach „Christliche Philosophie“. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

5 Kommentare
0 0

»Im „Glauben“ liegt ein „Wissen“ verborgen, das der Menschheit nützlicher sein dürfte, als ihr bewusst ist.«

Ich möchte auf den Unterschied hinweisen zwischen den lateinischen Worten „credo“ und „puto“. Während „puto“ soviel bedeutet wie „für wahr halten, meinen“, also sozusagen „glauben = nix wissen“, leitet sich „credo“ her von „cor dare“ – das Herz geben.
Wie schade, daß wir das heute mit demselben Wort übersetzen: glauben.

Sie nennen es „Bauchwissen“ – aber ich habe den Eindruck, Sie sprechen von den Herzenskräften des Menschen. Denn diese Kräfte sind es wohl, die hinter dem „Placeboeffekt“ und so manch anderem „Bergeversetzen“ stehen.

„Credo ut intelligam“: mein Herz leitet mich, gibt mir die Fragen ein – und die Antworten, die sich daraufhin einstellen, können mich schließlich be-greifen lassen, wovon mein Herz schon vorher er-griffen war.
Dadurch kann religiöser Glaube (derzeit wohl ein ziemliches Gemisch aus „credo“ und „puto“) nach und nach emporgehoben werden aus dem, was Sie „intellektuelles Halbdunkel“ nennen, in das Licht der Erkenntnis.

Ich stimme Ihnen zu: es ist sehr wichtig, daß der „religiöse Glaube“ und die „säkulare Gesellschaft“ in Tuchfühlung bleiben, nicht nur, damit die in den Untergrund gedrängte „Religion“ nicht immer „fundamentalistischere“ und jeglicher Vernunft abgekehrte Blüten treibt…
Allerdings ist es mir unbehaglich, von einem „Grau- und Grenzbereich des wissenschaftlich Erforschbaren“ zu lesen – denn das würde doch bedeuten, das im „Glauben“ verborgene „Wissen“ für immer im Verborgenen zu lassen, statt es für die Menschheit fruchtbar zu machen.

Gast: Be-obachter
09.10.2012 20:33
0 0

Glaube ist

nur dann eine Intelligenzleistung, wenn man ihn als "Platzhalter" für noch nicht erworbenes Wissen verwendet. Sobald die Thesen des Glaubens wissenschaftlich emirisch bewiesen sind, ist der anfängliche Glaube berechtigt. Werden die Glaubensthesen aber widerlegt, sollte man bereit sein, sie über Bord zu werfen.

Wenn zB. jemand die Welt immer noch als Zentrum des Universums betrachtet, obwohl jeder halbwegs gebildete Mensch sich mittels eigener Wahrnehmung vom Gegenteil überzeugen kann, dann ist Glaube keine Intelligenzleistung mehr.

Gast: Elvenpath
08.10.2012 11:41
1 0

Gott der Lücken

Mal wieder der "Gott der Lücken".
"Gott" wird in das hineininterpretiert, was man (noch) nicht versteht.
Das Pech für die Religionen: Diese Lücken werden immer weniger.
Glaube ist auch keine besondere Intelligenzleistung, sondern das genaue Gegenteil: Was man nicht versteht, wird einfach einem höheren Wesen zugeschrieben.

Re: Gott der Lücken

Da haben Sie mich mißverstanden. Ich spreche in dem ganzen Text nirgends von "Gott" oder einer "Lücke" im Universum, in der er Platz nehmen könnte. Höchstens das menschliche Wissen hat noch Lücken, insbesondere was das Funktionieren des angedeuteten Placebo-Effekts betrifft. Wenn ich von "Glauben" spreche, der positive Wirkungen hat, denke ich noch nicht unbedingt an den Glauben an ein höheres Wesen - die angesprochene "Superintelligenz" ist keine übernatürliche Größe, sondern ich bezeichne sie ausdrücklich als Fähigkeit des menschlichen Organismus - die sich immer wieder als ein Phänomen zeigt, handelt es sich nun um den Glauben an einen Gott, an einen grünen Kobold vom Mars oder an ein echtes oder auch unechtes Medikament. Meine erste "These" bewegt sich methodisch eigentlich rein in einem biologischen Rahmen, auch wenn das nicht so hinüber kommen sollte... mit freundlichen Grüßen Köck

Gast: Elvenpath
08.10.2012 11:40
0 0

Gott der Lücken

Mal wieder der "Gott der Lücken".
"Gott" wird in das hineininterpretiert, was man (noch) nicht versteht.
Das Pech für die Religionen: Diese Lücken werden immer weniger.
Glaube ist auch keine besondere Intelligenzleistung, sondern das genaue Gegenteil: Was man nicht versteht, wird einfach einem höheren Wesen zugeschrieben.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News