Die Tage um den 10. Oktober sind für Österreichs südliches Bundesland gewissermaßen Lostage: 1920 die Volksabstimmung, 1972 der Ortstafelsturm, 1987 das Attentat auf Landeshauptmann Leopold Wagner, 2008 der Unfalltod Jörg Haiders.
So dramatisch ist es heuer nicht, für Erregung ist dennoch gesorgt. Diesmal durch die Aussagen des juvenilen FPK-Finanzlandesrats Harald Dobernig. Und tatsächlich waren seine Formulierungen bei einer Festveranstaltung des Kärntner Abwehrkämpferbundes alles andere als wohlüberlegt.
Einer ethnischen Minderheit, die seit dem 6./7. Jahrhundert innerhalb der heutigen Landesgrenzen siedelt, den autochthonen Charakter abzusprechen beziehungsweise ihn indirekt infrage zu stellen, ist schlicht Unsinn. Dass ein Teil dieser Volksgruppe in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und rund um Abwehrkampf und Volksabstimmung ihre politische Loyalität eher auf den jungen SHS-Staat (Königreich Jugoslawien) als auf die chaotisch geborene Republik Österreich richtete, ist allerdings auch eine Tatsache. Aber das hat der Landesrat ja offenbar gar nicht gemeint.
Was seinen Sager von der Ortstafellösung als „Einstiegsdroge“ betrifft, konterkariert er mit dieser bösen Formulierung zweifellos seinen Landeshauptmann und Parteifreund, der dieselbe zu Recht als den größten politischen Erfolg seiner Amtszeit betrachtet.
Dörflers Gespür für Stimmungen
Schließlich hat Dörfler mit der Ortstafellösung großes Gespür für die Stimmung im Lande bewiesen und den historisch längst überfälligen Konsens zwischen Mehrheit und Minderheit zustande gebracht. Er hat damit auch zu verstehen gegeben, dass Kärnten heute andere Probleme zu lösen hat als die Nationalitätenkämpfe des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
In der Sache selbst aber hat Dobernig nicht ganz Unrecht, da hauptberufliche Volksgruppenvertreter verständlicherweise immer wieder neue Forderungen im Überlebenskampf einer kleinen ethnischen Minderheit erheben werden. Topografische Aufschriften sind da naturgemäß nur ein Bereich unter vielen.
Munteres Kärnten-Bashing
Kurios ist, dass der darob so gescholtene Landesrat, der im heraufdämmernden Kärntner Wahlkampf offenbar die Rolle des „Bad Guy“ im Gegensatz zum „Nice Guy“ Dörfler spielen soll, gar nicht aus dem rechten, deutschnationalen Lager kommt, sondern einem eher christlich-konservativen Elternhaus enstammt. Fragen der nationalen Identität und der komplexen Kärntner Geschichte am Schnittpunkt der europäischen Großvölker tangieren ganz offensichtlich nicht seine Gedankenwelt. Deshalb vielleicht auch dieses Vergreifen in Tonfall und Formulierung.
Aber wenn Sloweniens Botschafter in Österreich einen Kärntner Traditionsverband wie den Abwehrkämpferbund mit seinen zehntausenden Mitgliedern nur schwach verklausuliert mit der Nazi-Bewegung der 1930er-Jahre gleichsetzt, vergreift sich da wohl auch sonst noch jemand im Ton.
Aber im Zuge des allgemeinen Kärnten-Bashing gibt es darüber natürlich keine Erregung. Das von Österreichs südlichstem Bundesland gezeichnete Bild, dass hier neben den Spaßvögeln der Faschings-, Kirchtags- und Wörthersee-Event-Gesellschaft nur Korrupte anzutreffen wären, wird durch das alte Klischee vom braunen Kärnten ergänzt: lauter Narren, Gauner und Nazis. Hat Kärnten dies – gerade im Gedenken an den 10. Oktober 1920, an dem es sich für Österreich entschied – wirklich verdient?
Andreas Mölzer ist seit 2004 Abgeordneter der FPÖ zum Europaparlament. Seit 1997 ist er Chefredakteur des konservativen Wochenblattes „Zur Zeit“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)















