19.05.2013 06:31 Merkliste 0

Kärnten bleibt der Prügelknabe: Lauter Narren, Gauner, Nazis

ANDREAS MÖLZER (Die Presse)

FPK-Finanzlandesrat Dobernig hat Unsinn geredet und sich im Ton vergriffen. Aber das tun auch andere – etwa ein Botschafter.

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Die Tage um den 10. Oktober sind für Österreichs südliches Bundesland gewissermaßen Lostage: 1920 die Volksabstimmung, 1972 der Ortstafelsturm, 1987 das Attentat auf Landeshauptmann Leopold Wagner, 2008 der Unfalltod Jörg Haiders.

So dramatisch ist es heuer nicht, für Erregung ist dennoch gesorgt. Diesmal durch die Aussagen des juvenilen FPK-Finanzlandesrats Harald Dobernig. Und tatsächlich waren seine Formulierungen bei einer Festveranstaltung des Kärntner Abwehrkämpferbundes alles andere als wohlüberlegt.

Einer ethnischen Minderheit, die seit dem 6./7. Jahrhundert innerhalb der heutigen Landesgrenzen siedelt, den autochthonen Charakter abzusprechen beziehungsweise ihn indirekt infrage zu stellen, ist schlicht Unsinn. Dass ein Teil dieser Volksgruppe in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und rund um Abwehrkampf und Volksabstimmung ihre politische Loyalität eher auf den jungen SHS-Staat (Königreich Jugoslawien) als auf die chaotisch geborene Republik Österreich richtete, ist allerdings auch eine Tatsache. Aber das hat der Landesrat ja offenbar gar nicht gemeint.

Was seinen Sager von der Ortstafellösung als „Einstiegsdroge“ betrifft, konterkariert er mit dieser bösen Formulierung zweifellos seinen Landeshauptmann und Parteifreund, der dieselbe zu Recht als den größten politischen Erfolg seiner Amtszeit betrachtet.

 

Dörflers Gespür für Stimmungen

Schließlich hat Dörfler mit der Ortstafellösung großes Gespür für die Stimmung im Lande bewiesen und den historisch längst überfälligen Konsens zwischen Mehrheit und Minderheit zustande gebracht. Er hat damit auch zu verstehen gegeben, dass Kärnten heute andere Probleme zu lösen hat als die Nationalitätenkämpfe des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

In der Sache selbst aber hat Dobernig nicht ganz Unrecht, da hauptberufliche Volksgruppenvertreter verständlicherweise immer wieder neue Forderungen im Überlebenskampf einer kleinen ethnischen Minderheit erheben werden. Topografische Aufschriften sind da naturgemäß nur ein Bereich unter vielen.

 

Munteres Kärnten-Bashing

Kurios ist, dass der darob so gescholtene Landesrat, der im heraufdämmernden Kärntner Wahlkampf offenbar die Rolle des „Bad Guy“ im Gegensatz zum „Nice Guy“ Dörfler spielen soll, gar nicht aus dem rechten, deutschnationalen Lager kommt, sondern einem eher christlich-konservativen Elternhaus enstammt. Fragen der nationalen Identität und der komplexen Kärntner Geschichte am Schnittpunkt der europäischen Großvölker tangieren ganz offensichtlich nicht seine Gedankenwelt. Deshalb vielleicht auch dieses Vergreifen in Tonfall und Formulierung.

Aber wenn Sloweniens Botschafter in Österreich einen Kärntner Traditionsverband wie den Abwehrkämpferbund mit seinen zehntausenden Mitgliedern nur schwach verklausuliert mit der Nazi-Bewegung der 1930er-Jahre gleichsetzt, vergreift sich da wohl auch sonst noch jemand im Ton.

Aber im Zuge des allgemeinen Kärnten-Bashing gibt es darüber natürlich keine Erregung. Das von Österreichs südlichstem Bundesland gezeichnete Bild, dass hier neben den Spaßvögeln der Faschings-, Kirchtags- und Wörthersee-Event-Gesellschaft nur Korrupte anzutreffen wären, wird durch das alte Klischee vom braunen Kärnten ergänzt: lauter Narren, Gauner und Nazis. Hat Kärnten dies – gerade im Gedenken an den 10. Oktober 1920, an dem es sich für Österreich entschied – wirklich verdient?

Andreas Mölzer ist seit 2004 Abgeordneter der FPÖ zum Europaparlament. Seit 1997 ist er Chefredakteur des konservativen Wochenblattes „Zur Zeit“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)

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5 Kommentare
Gast: Austrianer
11.10.2012 07:31
0 0

Treffend formuliert


Gast: Zweifel tut not
09.10.2012 17:22
0 0

Kann mir einer sagen

wozu wir den ganzen Zirkus brauchen?

Gast: braben
09.10.2012 11:09
1 0

nachlassen kann man noch immer

Der Kärntner Abwehrkämpferbund ( KAB) besteht seit 1955 und hat fast 10.000 Mitglieder, inklusive der Töchter und Söhne der Abwehrkämpfer.(vermutlich auch Enkel und Urenkel)
Quelle: homepage = Hausseite KAB.
http://www.kab.or.at/

Wie kommen Sie da auf „zehntausende Mitglieder „? .

Juvenil?

Eine zu wohlwollende Beurteilung. Ich würde die Aussage von Dobernig eher als infantil bezeichnen. Dass der slowenische Botschafter unangemessen reagiert hat, ist aber auch nicht zu leugnen.

Was die Frage am Ende des Artikels betrifft: Auch mir tun oft die Kärntner leid, wenn sie pauschal als Nazis, Gauner und Narren bezeichnet werden. Andererseits: Kein Klischee ist völlig aus der Luft gegriffen, auch wenn es die Wirklichkeit übertreibt und verzerrt.

Jeder Kärntner sollte also aktiv dazu beitragen, dieses Zerrbild zu korrigieren. Das aktuelle Urteil eines mutigen Richters hat z.B. gezeigt, dass Korruption nicht ungestraft bleibt; da könnte sich die Wiener Justiz eine Scheibe davon abschneiden.

Was den eingefleischten Nationalismus der Kärntner betrifft, so ist dieser Nährboden leider immer noch mit Altlasten überdüngt. Das wird noch dauern.


Gast: Grummelbart2
08.10.2012 19:38
2 0

Ich lese...

...die Kommentare von Herrn Mölzer immer wieder gerne; er ist einer der wenigen in der FPK/Ö Sippschaft, die nur ansatzweise halbwegs objektiv formulieren können und auch einmal bereit ist, die eigenen Leute "anzupatzen".

Dennoch sehe ich hier kein generelles Kärnten-Bashing, sondern eher ein gezieltes "Dobernig-Bashing".

Die Formulierung des slowenischen Botschafters ist nicht nett, aber in etwa auf "Augenhöhe" mit dem Abspruch der Kärntner-Stellung der Kärntner Slowenen - und dass reflexhaft die Nazikeule geschwungen wird war auch klar.

Dass die Slowenen um ihre Bevölkerung fürchten, ist klar - anders, als die vagen "wir sterben aus!"-Ängste, die die Freiheitlichen hinsichtlich der "indigenen" Bevölkerung Ös verbreiten (was heißt das jetzt überhaupt, indigen?), sehen die Kärntner Slowenen tatsächlich ihre Bevölkerungsgruppe Generation für Generation dahinschmelzen.

Sich dann noch entsprechende Kommentare anhören zu müssen ist jenseitig.

Ähnlich jenseitig, wie wenn zB ein türkischer Minister orthodoxen Chrsiten vorwerfen würde, keine "echten Türken" zu sein - angesichts der Tatsache, dass die orthodoxen Christen sich direkt vom Alten Rom ableiten eine ähnlcih gewagte Aussage wie die von Herrn Dobernig.

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