Bewegung, Spannung, Unruhe: Das ist urchristlich

Das Atemberaubende waren der Geist, die Dynamik und das Ziel des Vatikanum II.

Coraggio! Und sie bewegt sich ja doch! Die Kirche! Manchmal langsam, bedächtig, fast möchte man sagen, behäbig. Und dann macht sie plötzlich einen Sprung, so geschehen beim 2. Vatikanischen Konzil.

Dieses Konzil war nicht bloß ein Jahrhundertereignis, sondern ein Wendepunkt. Das Besondere bestand nicht darin, dass der Index abgeschafft wurde, die Bibel nicht mehr wörtlich gelesen werden musste und die Liturgie durch die Muttersprache verständlicher wurde. Das alles war zweifellos längst überfällig und ist ebenso verdienstvoll wie der interreligiöse Dialog oder die Bemühungen um die Ökumene.

Religionsfreiheit, vor dem Konzil als Häresie verurteilt, wurde anerkannt, das Verhältnis zum Judentum neu überdacht, das Bild von Ehe und Familie neu bestimmt. Für uns, die Nachkonzilsgeneration, eigentlich unvorstellbar, dass es dazu eines Konzils bedurft hatte. So sehr sind uns diese Reformen inzwischen vertraut. Aber das Entscheidende des Konzils waren nicht die einzelnen Reformen. Das wirklich Atemberaubende waren der Geist, in dem dieses Konzil einberufen wurde, die Dynamik, die es geprägt hat, das Ziel, auf das es ausgerichtet war.

„Aggiornamento“ meint den Auftrag, das von gestern Übernommene ins Heute und Morgen hineinzutragen. Wer sich dieser Aufgabe stellt, weiß, worauf er sich einlässt – oder besser gesagt: Er weiß es nicht. Denn dazu braucht es totale Offenheit. Dazu braucht es Vertrauen!

 

„... du bist ja nur Papst!“

Der Papst mit der Selbsteinschätzung „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig, du bist ja nur Papst!“ hatte wohl den richtigen Zugang. In seiner Eröffnungsansprache gab Johannes XXIII. auch unmissverständlich die Richtung vor: „Wir wollen uns mit Eifer und ohne Furcht der Aufgabe widmen, die unsere Zeit fordert.“ Mit „coraggio“ und „avanti“ hatte der Papst die Vorbereitungen für das Konzil vorangetrieben. „Mut, wir sind in guter Gesellschaft!“ Dieses Vertrauen und die Überzeugung, dass die Kirche im Evangelium Jesu Christi eine Antwort auf die Fragen der Zeit hat, diese aber in einer neuen Art verkündigen muss, ließen den Papst nicht ruhen.

 

Absage an Untergangspropheten

Weder ließ sich Johannes XXIII. vom Zögern der Bischöfe irritieren noch von den Unglückspropheten seiner Zeit. Ihnen, die die Menschheit vom moralischen Untergang bedroht und die Kirche von bösen Mächten umstellt sahen, erteilte er eine klare Absage.

Der johanneische Schubs führte zum Sprung. Eine unglaubliche Dynamik war entstanden, eine weltkirchliche Gemeinschaft, die lernte, aufeinander zu hören, miteinander zu kommunizieren, einander ernst zu nehmen. Offenheit, Aufbruch, Neubeginn, Transparenz. Die hierarchische Priesterkirche wird zum pilgernden Gottesvolk. Die Laien werden aufgerufen, ihre Charismen einzubringen.

Das gemeinsame Priestertum aller Getauften wird wiederentdeckt. Die Kirche versteht sich nicht mehr als alte Trutzburg, „umtobet von des Sturmes wilder Wut“ – wie im Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ suggeriert wurde –, sondern als die lebendige Gemeinschaft aller Glaubenden, die ihre Verantwortung in der Gesellschaft von heute und morgen wahrnimmt.

Kein Wunder, wenn heute engagierte Gläubige die Errungenschaften des II. Vatikanum nicht nur mit aller Entschiedenheit verteidigen, sondern auch fortschreiben möchten, und zwar im Geist des Konzils! Mag sein, dass dieser Geist auch Unruhe, Bewegung, Spannung bringt. Doch gerade das ist urchristlich. Gerade das gilt für das Christusereignis selbst. Wovor sich also fürchten?

Gerda Schaffelhofer (*1955) ist Geschäftsführerin der Wochenzeitung „Die Furche“ und der Styria-Buchholding. Seit 1.Oktober ist sie Präsidentin der Katholischen Aktion.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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