19.06.2013 19:46 Merkliste 0

SPÖ muss wieder zur Lobby der Menschen ohne Lobby werden

von NIKOLAUS KOWALL (DiePresse.com)

Gastkommentar. Sozialdemokratie muss sich um maximale Glaubwürdigkeit bemühen. Anfangen könnte sie mit dem Kampf gegen das kleine Glücksspiel.

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Die Regulierung der Spielautomaten ist auf den ersten Blick kein gesellschaftspolitisches Topthema für Österreich und die SPÖ. Dennoch hat die Diskussion um das kleine Glücksspiel große Symbolkraft für die Sozialdemokratie.
Anhand des kleinen Glücksspiels können wir exemplarisch untersuchen, wie stark ein kommerzielles Einzelinteresse eine Gesellschaft in Geiselhaft nehmen kann. Der gesellschaftliche Nutzen des Automatenspiels ist im Saldo deutlich negativ. Die enorme Verschuldung der Spielsüchtigen ruiniert Existenzen, zerstört Familien und führt nachweislich zu einer Zunahme an Gewalt gegen Frauen um den Faktor zehn.

Die öffentliche Hand trägt die sozialen Folgekosten von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und therapeutischen Behandlungen. Anrainer sehen mit Argwohn, wie ganze Straßenzüge von Spielkabinen und Wettcafés verschluckt werden und wehren sich mit Bürgerinitiativen, wie zuletzt im fünften Wiener Bezirk geschehen. Selbst etliche Betroffene oder ehemalige Spielsüchtige bestärken uns in der Auseinandersetzung um das Verbot. Das kleine Glücksspiel hilft niemandem, außer den Betreibern.

Dreiste Verdrehungen

Es gibt also eine einzige starke Interessengruppe, die in der Lage ist, ihrem Partikularinteresse in der Gesellschaft gehörig Platz einzuräumen. Ohne mit der Wimper zu zucken wird uns die Glücksspielindustrie erklären, weshalb ihr Interesse deckungsgleich mit dem Allgemeininteresse sei.

Auch die Pharmaindustrie, die Mineralölindustrie, die Waffenindustrie, die Atomindustrie oder die Finanzindustrie: Sie alle erklären uns, das Beste für sie sei auch das Beste für die Gesellschaft - in all diesen Fällen handelt es sich dabei um dreiste Verdrehungen.
Es geht nie um das Wohl möglichst vieler. Im Gegenteil, als Faustregel kann man davon ausgehen, dass es jedes Mal, wenn sich einschlägige Partikularinteressen durchsetzen, dies zum Nutzen weniger und zum Schaden vieler ist.

Vertreter kommerzieller Partikularinteressen nennt man gemeinhin Lobbys. Sie sind perfekt auf die Anforderungen unserer fragmentierten und globalisierten Welt eingestellt. Sie interessieren sich nicht für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, sondern haben einige konkrete und klar abgegrenzte Interessen. Sie operieren global und nützen die Demokratiedefizite internationaler Verträge und der europäischen Ebene, um nationale Parlamente zu umgehen.

Es sind Lobbys wie jene der Glücksspielindustrie, die unsere Demokratie käuflich machen. Ihr zeitgenössischer Gegenpart sind NGOs. Doch handelt es sich dabei - um mit dem britischen Politikwissenschaftler Colin Crouch zu sprechen - um Ruderboote der Zivilgesellschaft, die mit den Schlachtschiffen der Konzerne im selben Gewässer um Einfluss kämpfen. Die traditionellen Institutionen unserer Demokratie wie Parteien, Gewerkschaften, Verbände hingegen sind thematisch breit aufgestellt, in ihren jeweiligen Positionen aber wenig beständig, weil oft an tagespolitischen, taktischen Überlegungen orientiert. Sie sind lediglich national organisiert und konstitutiver Bestandteil des politmedialen Komplexes aus Parteien, Medien, PR-Welt und staatsnaher Wirtschaft. Sie sind - je nach Institution unterschiedlich stark - an ihren Rändern oder teilweise bis in ihre Zentren von Lobbys durchsetzt oder gesteuert.

Damit sind wir beim Kern der Sache angelangt. Die Glücksspielindustrie hatte sich geschickt in die SPÖ hineinlobbyiert. Es ist gar nicht davon auszugehen, dass jemand bestochen wurde. Das Sponsoring der Wiener Bezirksfestwochen, der SPÖ-Zeitung und sogar des Festes am 1. Mai haben das ihre dazu beigetragen, Glücksspielkonzernen einen wichtigen Stellenwert in der SPÖ einzuräumen.

Verlorene Glaubwürdigkeit

Bei marktgläubigen oder ideologisch beliebigen Parteien wird so etwas eher in Kauf genommen. Für eine Partei, die es als historische Aufgabe sieht, kompromisslos auf der Seite jener zu stehen, die eben keine Lobby haben, ist das hingegen unverzeihlich. Es hilft der SPÖ wenig, dass andere Parteien systematisch von Lobbys durchsetzt sind und persönliche Bereicherung dort „part of the game" ist.

Obendrein will sich die Bevölkerung in einer orientierungslosen Zeit darauf verlassen können, dass es in der gesamten undurchsichtigen Kakofonie der öffentlichen Diskussion Stimmen gibt, die frei von Lobbyinteressen aufrichtig Überzeugungen vertreten. Die Sozialdemokratie ist prädestiniert, diese Aufgabe zu übernehmen und sie war wohl in jenen Zeiten am einflussreichsten, in denen sie am glaubwürdigsten als Lobby der Menschen ohne Lobby agiert hat. Weil diese Glaubwürdigkeit heute abhanden gekommen ist, versucht man sich mit kleinkarierten Lösungen auszuhelfen. Inserate in Zeitungen bringen ein, zwei Mal eine positive Berichterstattung. Aber was hilft das langfristig?

Rote Dompteure

All jene Medien, die journalistischen Ethos hochhalten, werden die SPÖ dafür kritisieren - inhaltlich zu Recht, in der Aufmachung nicht frei von Hysterie. Überdies, die subventionierten Medienzaren werden morgen vielleicht schon von jemand anderem gekauft. Der zum Jahreswechsel versuchte Zugriff auf den ORF brächte auf den ersten Blick ein bisschen Einfluss. Aber was hilft das langfristig? Alle jene Redakteure und Redakteurinnen, für die Gewissensfreiheit einen hohen Stellenwert hat, werden jede Gelegenheit beim Schopf packen, den roten Dompteuren des ORF eines auszuwischen.

Überdies, beim nächsten Regierungswechsel wird sich die neue Regierung schamlos am ORF vergreifen und das Spielchen um Einfluss erneut beginnen. Alle kleinlichen Versuche, irgendetwas in dieser Republik unter direkte Kontrolle zu bringen, wird sich mittelfristig als Bumerang erweisen. Noch schlimmer: Diese Methoden machen die SPÖ-Führung selbst zu einer Art Lobbyistin.
Sie kämpft, sichtbar für alle Beobachter, für ihr eigenes Interesse, statt diese Kraft für Vertretung der Interessen aller Menschen ohne Lobby zu verwenden.

Handeln aus Überzeugung

Wer sich nicht mit kurzsichtigen Tricks zur nächsten Umfrage retten möchte, wird darauf angewiesen sein, auf eine andere Währung im politischen Geschäft zu setzen. Es gibt in der Politik nur eine einzige Währung, die nachhaltiges Vertrauen und langfristige Stabilität garantiert: maximale Glaubwürdigkeit. Sie ist das einzige beständige Kapital der Politik.

Nur authentisches Handeln aus Überzeugung kann eine Feuermauer gegen Lobbyinteressen bilden und diese glaubwürdig als Partikularinteressen entlarven. Wer aber selbst im Glashaus sitzt, kann schlecht mit Steinen werfen. Der Kampf gegen das kleine Glücksspiel ist deshalb von großer Bedeutung für die Sozialdemokratie, weil es eine symbolträchtige Auseinandersetzung zwischen Überzeugungen einerseits, Lobbyinteressen andererseits ist. Es ist ein Kampf um die Glaubwürdigkeit der SPÖ - der Lobby der Menschen ohne Lobby.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13. Oktober 2012)

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15 Kommentare

Bravo!

Niki Kowall ist die moderne Verkörperung eines authentischen Sozialdemokraten, der sich voll Energie für die kleinen Leute einsetzt. Er hat das Herz am richtigen Fleck und zudem das nötige Hirn.

Schade, dass es nicht mehr von dieser Sorte in der SPÖ gibt. Schade, dass hingegen eine Laura Rudas in der Löwelstraße sitzt und ihre Unsäglichkeiten von sich geben kann.

Die Presse sollte Herrn Kowall öfter einmal als Gastkommentator einladen. Wie man sieht, ist er zu moderater Ausdrucksweise fähig und vertritt seinen Standpunkt sehr plausibel.

Ich hoffe nur, dass Niki Kowall in einigen Jahrzehnten nicht auch so reden und agieren wird wie ein Josef Cap.

Für Menschen ohne Lobby?

Schon vor 50 Jahren konnte man bei ÖBB, Post, VÖEST, Stadt Wien (Linz,...) nur mit dem SPÖ-Parteibuch "etwas" werden. Dieses System wurde ab 1970 (Kreisky und sein Team) auf alle anderen Bereiche ausgedehnt. Letztes unrühmliches Beispiel: ORF.
Die SPÖ war und wird nie eine Partei für Menschen (ohne Lobby); die SPÖ ist - mit ihren Vorfeldorganisationen ÖGB und AK - die größte Lobbiing-Organisation Österreichs.

Gast: tom green
13.10.2012 18:05
2 0

ich erlebe die spö....

ich erlebe die spö schon lange nicht mehr als gruppierung, "die kompromisslos auf seiten derer steht, die keine lobby haben."
ich erlebe die spö als partei, deren höherrangige funktionäre immer präpotenter - und dem ehemaligen "klassenfeind" immer ähnlicher werden...

Falsches Beispiel...

Beim Kampf gegen das "kleine Glücksspiel" geht es einzig und allein um die Sicherung des staatlichen Glücksspielmonopols und der daraus resultierenden Einnahmen.

Wer nicht am Automaten im Wirtshaus zockt, macht dann halt übers internet auf Seiten wie win2day, wo letztlich die Monopolverwaltung dahintersteht.

Auch die staatlich konzessionierten Lotterieannahmestellen wurden ja keineswegs reduziert.

Der "Kampf gegen das kleine Glücksspiel" ist somit eher als Ausschaltung eines unliebsamen Konkurrenten in einem Bandenkrieg vergleichbar. Der einzige Unterschied ist, dass der Behörde das nicht mit Rollkomandos sondern per Bescheid erledigen kann.


Re: Falsches Beispiel...

Wie hoch ist eigentlich der Betrag pro Posting, den man von N ovomatic überwiesen bekommt? Brauche einen Nebenjob, die Argumente sind ja schnell auswendig gelernt. Auch gegen eine Festanstellung hätte ich nichts.

Re: Re: Falsches Beispiel...

Wieso, ist das Arbeitsklima in der Löwelstraße nicht mehr so toll_

Re: Re: Re: Falsches Beispiel...

Ja leider, seit der Herr Graf uns nicht mehr mag, haben wir nur mehr Gulasch und billigen Tokaj statt Sekt und Kaviar für´s Mittagsbuffet. Ach ja, man hört in Ungarn läuft´s auch nicht mehr so gut für Euch. Vielleicht brechen in Gumpoldskirchen auch bald magere Zeiten beim Buffet an? Aber keine Sorge, mit der Berufserfahrung findet man sicher leicht eine neue Anstellung in der organisierten K riminalität.

Gast: wolfi48
13.10.2012 13:17
2 0

Nachdenklich

Endlich einmal ein Artikel über dessen Inhalt und Aussage man SACHLICH – ohne die sonst hier so beliebten, wüsten, persönlichen Beschuldigungen und Beschimpfungen - diskutieren könnte.
Die Verquickung von Politik, öffentlichen Interessen und (globalisierter) Wirtschaft, samt den sog. „Privaten“ bzw auch Lobbys ist so weit fortgeschritten, dass man sich seit Jahren die Frage stellen muss, ob klare generalisierende Positionierungen von ganzen „Parteien“ überhaupt noch möglich oder zweckmäßig sind? Die gesellschaftliche Zusammensetzung aller polit. Parteien gerade z.B. der SPÖ Anhänger/ Sympathisanten , hat sich (mit wenigen Ausnahmen) doch in den letzten Jahrzehnten enorm geändert.
Nachdenklich macht es mich allerdings, wenn ausgerechnet ein Mann wie Stronach, ethisch-moralische (grundsätzlich allgemein gültige) Maßstäbe vorgibt oder aus seiner Sicht vorgeben „muss“. Noch dazu, wo eigentlich die maßgeblichen! Leute aus den anderen Parteien auf diese Herausforderung viel zu wenig eingehen (Taktik?).
Wie immer weise ich darauf hin, dass ethisch, moralisches Handeln nicht nur von der Politik (Politkern) eingefordert werden darf sondern uns alle – alle Gesellschaftsschichten – betrifft.
Es darf nicht sein, dass man heute als Spitzenpolitiker faktisch unter „Generalverdacht“ steht und „alles andere“ ist erlaubt. Hauptsache „man“ ist nirgends politisch-gesellschaftspolitisch tätig (aktuelles Beispiel Stronach: vermittelt kein Politiker zu sein = erfolgreicher Unternehmer = sauber, denn Politiker sind „alle korrupt“ – obwohl er sich derer bedient und bedient hat.)

Gast: Gast: Leser
13.10.2012 11:55
2 2

Der arme willenlose Mensch

Ganz klar: schuld ist natürlich nicht der Spieler, sondern der Spielautomat. Genauso wie nicht der Mörder schuld ist, sondern die Waffe. Bekanntlich löst allein der Anblick eines Spielautomaten sofort in jedem Menschen den unwiderstehlichen Drang aus, dorthn zu laufen und so lange zu spielen, bis er Haus, Hof, Frau und Großmutter verspielt hat. Dem muss natürlich Einhalt geboten werden - also Verbot der Maschinen. Zum Glück gibt es ja die SPÖ Wien und ihre Sektion 8 (oder so ähnlich), die sich der armen, schwachen und willenlosen Menschen annimmt. Als nächstes kommt natürlich logischerweise ein Verbot von Alkohol, Tabak, Schokolade, Schnitzel und Speckknödel - alles was süchtig macht, den Menschen ins Unglück stürzt bzw. krank macht und - vor allem! - wogegen sich ja kein Mensch wehren kann.

Antworten Gast: Humili
13.10.2012 13:32
1 1

Re: Der arme willenlose Mensch

Und in deiner Welt wird als nächstes Heroin, Meth und Felgenreiniger erst erlaubt und dann an jeder Straßenecke mit Leuchtreklame beworben verkauft? Und das alles nur, damit du deine hoch emotionales Gespinst vom vollkommen rationalen Menschen ablegst? Ziemlich hoher Blutzoll für den Zweck.

Antworten Antworten Gast: Gast: Leser
14.10.2012 16:02
1 0

Re: Re: Der arme willenlose Mensch

Selbstverständlich, jeder - erwachsene und geistig nicht behinderte - Mensch ist für sein Tun und Lassen ganz allein verantwortlich, der Staat hat da überhaupt kein Recht, ihm Vorschriften zu machen. Der Staat darf - und muss - nur dort eingreifen, wo anderen Menschen Schaden zugefügt werden kann - sich selbst schädigen muss jeder dürfen. Ich wüsste nicht, warum Rauschgift (und jetzt auch Glücksspiel) verboten ist, Alkohol aber nicht? Es gibt allein in Österreich rund 300.000 Alkoholsüchtige. Entweder alles, was gesundheitsschädlich ist oder süchtig macht erlauben oder alles verbieten; letzteres finde ich zwar auch nicht gut, aber zumindest wäre es logisch und konsequent. Aber eines ja, das andere (praktisch identische) nicht - das ist (pardon) idiotisch. Das versteht wohl auch niemand, daher kann ich auch jedem nachfühlen, der diese Verbote ignoriert.

Antworten Gast: boerni
13.10.2012 13:17
1 0

Re: Der arme willenlose Mensch

bääh bääh bääh..
ein roter hat was gsagt!
fakten, zahlen, die situation in andern teilen österreichs (unabhängig von der politischen farbe), all das ist egal. wie soll man da a sinnvolle diskussion führen?

Gast: andi007
13.10.2012 11:43
2 0

toller Artikel, ABER

""Die Regulierung der Spielautomaten ist auf den ersten Blick kein gesellschaftspolitisches Topthema für Österreich und die SPÖ.""

nicht nur auf den ersten blick und auch nicht auf den zweiten oder dritten ist dies ein Thema der SPÖ!!!!! (eines für Österreich, ja)

in Oberösterreich, in Tirol und in Vorarlberg ist das kleine Glücksspiel (zum Teil seit Ewigkeiten) verboten! Es ist dort auch Konsens der Konservativen in der ÖVP so etwas nicht haben zu wollen, weil es nicht gut ist, für die Menschen! Sämltliche in den ersten Absätzen gebrachten Argumenten kommen von diesen Leuten auch!

Das Abschaffen des kleinen Glücksspiels kann die SPÖ auf einen früheren Status Quo zurückführen, aber es ist kein Fortschritt. Im Gegenteil, dass über so ein Thema so lange diskutiert werden muss, ist eine Schande für die Partei.

Ich kann auch Stögers Linie nicht verstehen. Natürlich sind rigide Verboten in manchen Bereichen problematisch, aber der Glücksspielsektor gehört rigid geregelt, auch mit Verboten.

2 1

_ ein Kompliment zu Nikokaus Kowalls Artikel!


Gast: ein schwarzes Schaf unter den Roten
12.10.2012 22:04
9 1

Mut gegen Filz und Sumpf!

. . . kurzum die Privilegien- und Pfründewirtschaft.

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