25.05.2013 18:58 Merkliste 0

Streit ums EU-Budget: Es geht um viel mehr als nur um Geld

HANNES SWOBODA UND JÖRG LEICHTFRIED (Die Presse)

Kürzungen im EU-Haushalt werden die jetzige Krise nicht lösen. Wenn wir nicht investieren, wird jeder verlieren - Reich und Arm.

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Der Druck steigt in den Verhandlungen für den nächsten mehrjährigen Haushalt der Europäischen Union für den Zeitraum von 2014 bis 2020. Einige Hardliner – meist rechtsgerichtete Regierungen – sind auf eine extreme Sparpolitik fixiert und haben den EU-Ministerrat in Geiselhaft genommen.

Sie wollen einen Haushalt, der den Herausforderungen der Zukunft gerecht wird, nicht akzeptieren. Sie beschuldigen vielmehr das Europäische Parlament wegen „unverantwortlicher Ausgaben angesichts der Krise“.

In der Debatte geht es aber in erster Linie nicht ums Geld. Tatsächlich wird der EU-Haushalt als Anteil der Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten berechnet und beträgt insgesamt lediglich ein Prozent des BIP. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Eine Minderheit von EU-Ländern bildet eine Allianz, um die Rolle der EU zu verringern, indem Haushaltsmittel gekürzt werden sollen.

In Zeiten eines zunehmenden Euroskeptizismus und laut vorgetragenen Wünschen nach einem Rückzug in den Nationalismus sowie geschlossenen Grenzen bedroht die unerbittliche Forderung nach Haushaltskürzungen den Erfolg des gemeinsamen Binnenmarktes, die wirtschaftliche Erholung, letztlich die Zukunft Europas.

 

Rückläufige Investitionen

Es mag logisch klingen, dass die EU abspecken müsse mit ihrem Haushalt, dass die EU mit den gleichen Sparmaßnahmen wie die Mitgliedstaaten leben müsse. Doch die Realität ist komplexer.

Wir Sozialdemokraten glauben nicht, dass eine einseitige Sparpolitik aus der Krise führt. Wir brauchen vielmehr einen ausgewogenen Ansatz, vor allem Investitionen in Europa. Diese sind leider rückläufig, verglichen mit der Zeit vor der Krise, und aktuell auf einem gefährlich niedrigen Niveau.

Gegenwärtig würde es in vielen Ländern und Regionen Europas keinerlei öffentliche Investitionen geben, wenn es nicht finanzielle Mittel aus dem EU-Budget gäbe. Wir müssen auf europäischer Ebene Investitionen für Wachstum und Arbeitsplätze verteidigen, im Einklang damit, was wir bereits mit den Mitgliedstaaten vereinbart haben, etwa im Rahmen der EU-2020-Strategie. Es besteht kein Zweifel, dass eine gemeinsame Anstrengung, die Krise zu beenden, viel effektiver ist, als wenn dies nationale Politik 27-mal alleine versuchen würde.

 

Hilfe für ärmere Regionen

Trotz seiner begrenzten Mittel steht das EU-Budget für Solidarität, Investitionen für Arbeitsplätze und Wachstum, für Forschung und Innovation sowie Infrastruktur. Das EU-Budget ist dafür da, zu helfen, damit Europas ärmere Regionen aufholen. Jeder Euro weniger in der EU hat die Konsequenz, dass mehrere Euro weniger investiert werden, weil die EU-Finanzierung eine Hebelwirkung hat und andere Investoren anzieht.

Es geht nicht nur um Länder wie Griechenland, Spanien, Bulgarien und Italien. Es gibt viele Regionen in den reicheren Mitgliedstaaten, die Nutzen aus EU-Investitionen ziehen – etwa Wales, ostdeutsche Bundesländer, Regionen im Norden von Schweden oder im österreichischen Burgenland.

Der EU-Haushalt ist kein Nullsummenspiel, bei dem jemand verliert, wenn ein anderer gewinnt. Beispielsweise fließt ein großer Teil der Mittel durch die EU-Kohäsionspolitik zu den Fertigungs-, Bau- oder Beratungssektoren in die reicheren Mitgliedstaaten zurück. Deshalb profitieren alle vom EU-Haushalt. Von Budgetkürzungen sind allerdings die Ärmsten besonders stark betroffen. Kurz: Der EU-Haushalt ist ein Investitionswerkzeug, um die langfristige europäische Entwicklung mit einer Planungsperspektive von bis zu sieben Jahren zu unterstützen.

Durch den Vertrag von Lissabon bekamen die Mitgliedstaaten der EU eine Reihe neuer Aufgaben übertragen. Dazu gehört die Schaffung von Wachstum und Beschäftigung durch die EU-2020-Strategie, Ziele wie die Einführung neuer Finanzaufsichtsbehörden, neue Aufgaben im Zusammenhang mit Energie und Klima, Grenzkontrollen und Migration, die Stärkung der Rolle der EU in der Welt und das Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele der UNO.

 

„Wachstumspakt“ beschlossen

Während des Juni-Gipfels in Brüssel verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs einen „Wachstumspakt“, der unter anderem bedeutet, dass die EU 55Milliarden Euro für die Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen sowie für den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit bereitstellt. Die Staats- und Regierungschefs können nicht solche Entscheidungen treffen und dann sagen: „Wir zahlen nicht!“

Die EU sollte behutsam sein, wenn es um zusätzliche Ausgaben geht. Auch die Effizienz und Qualität der Ausgaben muss verbessert werden. Weitere Sparmaßnahmen durch Kürzungen beim EU-Haushalt werden die jetzige Krise aber nicht lösen. Wenn wir nicht investieren, dann wird jeder verlieren - Reich und Arm.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zu den Autoren

Hannes Swoboda (*10.11.1946 in Bad Deutsch-Altenburg) studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Wien. Ab 1983 SPÖ-Gemeinderat, von 1988 bis 1996 Planungsstadtrat in Wien. Seit 1996 Abgeordneter zum Europäischen Parlament, seit Anfang 2012 Vorsitzender der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas. Jörg Leichtfried (*18.6.1967 in Bruck an der Mur) studierte Rechtswissenschaften in Graz. Von 2000 bis 2002 Bundesvorsitzender der Jungen Generation der SPÖ, seit 2000 auch stellvertretender Vorsitzender der SPÖ Steiermark. Seit 2004 Abgeordneter im Europäischen Parlament, seit 2009 ist er dort Delegationsleiter der SPÖ. [Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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6 Kommentare

Mit mehr EU-Budget kann man ein Srtrohfeuer entfachen, aber keinen dauerhaften Nutzen stiften!

Investitionen sind Geldausgaben zur Produktion von Gütern, deren Verkauf zu Rückflüssen führt, die die Kosten decken und nach einigen Jahren zu einer Geldvermehrung führen. Sie werden nur getätigt, wenn man sicher sein kann, dass in der Amortisationszeit keine wirtschaftlichen Einbrüche, die die Geldvermehrung unmöglich machen, vorkommen werden.

Die dilettantische EU-Politik bietet diese Sicherheit nicht, weshalb hier Investitionen ausbleiben und zwar umso mehr, je unsicherer die Lage in dem jeweiligen Land ist.

Staatliche "Investitionen" sind keine, sie bringen regelmäßig mehr Folgekosten als Rückflüsse. Deshalb können solche Staatsausgaben zwar kurzzeitig mehr Konsum, aber keinen langfristigen Nutzen bringen und sind deshalb völlig ungeeignet, private Investitionen zu ersetzen!

Swoboda und Leichtfried bringen (wie alle Linken) diese verschiedenen Formen von Geldausgaben völlig durcheinander und glauben, dass man mit einem höheren EU-Budget Wachstum und Beschäftigung dauerhaft sichern könnte, was grundfalsch ist!

Unter "Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen" kann nur die Kreditvergabe an Schuldner, die von den Banken keinen bekommen, gemeint sein. Das führt aber nur zu Ausgaben, bei denen Geld nicht vermehrt, sondern vernichtet wird und zu noch mehr Staatsverschuldung!

Deshalb sollte die EU nicht staatliche "Investitionen", sondern Sicherheit schaffen, damit Fluchtkapital, welches es im Überschuss gibt, wieder zurückkommt und in der EU investiert!


Gast: NocheinParteiloser
15.10.2012 13:15
1 0

Nur naive Planwirtschafter sind noch immer im Irrglauben, dass man Wachstum kaufen kann!

Es geht um Leistung, weil nur Leistung ein Wachstum machen kann. Geld mach diese Arbeit nicht!

Staatliche Investitionen kosten meist das Doppelte als es private Investitionen für den gleichen Nutzen kosten würden. Das bedeutet nichts anderes als, dass der Realwirtschaft diese Summen entzogen werden müssen um einen halben Nutzen zu bekommen.

Das wirklich Dramatische ist dann aber, dass sich die Investitionen gar nicht rechnen, meist sogar laufend sehr viel Geld kosten um irgendwie erhalten werden zu können. Dazu braucht es dann natürlich zusätzliche Zwangsabgaben.

Diese Zwangsabgaben, schon bald 5 Billionen Euro nur in der Eurozone, müssen die Menschen der Realwirtschaft aber erwirtschaften, also eine Arbeit und Leistung erbringen. Wenn man nun diese zusätzlichen Summen den Menschen der Realwirtschaft abnimmt, dann geht die Handlungsfähigkeit der Unternehmen verloren, auch die Einkommen der Mitarbeiter. Die Realwirtschaft muss also schrumpfen! Genau das konnte man, nach dem einnahmenseitigen Sparen in GR, sehr deutlich erkennen, in I sieht man diese Wirkungen auch schon, in F wahrscheinlich 2013.

Diese EU sollte für ein freies Europa für freie Bürger sorgen, geschafft wurden nur viele Millionen arme Menschen mehr, fallende Realeinkommen, noch mehr Planwirtschaft. Freiheit für die Bürger ist aber noch immer nicht in Sicht, die Wirtschaft wird durch den Umverteilungswahnsinn und die riesigen geschützten Bereiche auch ruiniert.

Mit Geld schafft Ihr Versager doch auch nichts!

Investitionen

Das fantasiert Herr Svoboda:

"Das EU-Budget ist dafür da, zu helfen, damit Europas ärmere Regionen aufholen."

Und so schaut´s aus:

"20 Milliarden Euro EU-Zuschüsse standen Sizilien seit dem Jahr 2000 zur Verfügung. Nur Bruchteile davon wurden von der Verwaltung überhaupt abgerufen. Es fehlen zuschussfähige Projekte. Und auch das eingegangene Geld wurde meist verpulvert. Autobahnbrücken ohne Anschluss und Staudämme ohne Wasserzulauf sind Mahnmale des Skandals. Die Mafia hat dabei gut verdient. "

www.spiegel.de

Nur so...

... zum Nachdenken nur ein Beispiel ...

Jedes Monat machen sich die 736 Europa-Abgeordneten gemeinsam mit ihren Assistenten, mit Angestellten der Parlamentsverwaltung, Dolmetschern und Sicherheitspersonal zur Reise von Brüssel nach Straßburg auf. Vier Tage später geht es wieder zurück. Im Jahr kostet allein dieser Wanderzirkus etwa 180 Millionen Euro an europäischen Steuergeldern.

Die Spargesinnung ist geradezu mit Händen zu greifen.

Wo kümmert sich die EU um NACHHALTIGES Wirtschaften a la Schweiz ??


Dann sind die 1% vom BIP ein Klacks !!

Nach 40 Jahren anti-keynesianischer Wirtschaftspolitik bleibt halt nur Sparen.

Doch diese Binsenweisheit wird von Sozis AUSGEBLENDET !!!!

Gast: Hinsichtlich & Rücksichtlich
14.10.2012 18:57
2 0

Vor allem die EU-Beamten sollte man besser bezahlen!

6% Erhöhung sind doch eine Klacks. Eine Null dran, die Burschen und Burschinnen sind wieder motiviert und lassen sich wieder ein paar Schikanen für die Leut' einfallen.....

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