24.05.2013 18:11 Merkliste 0

Republik Katalonien? Nicht nur auf dem Balkan entstehen Staaten

KARIN KNEISSL (Die Presse)

In Zeiten der Krise wächst die Lust auf Unabhängigkeit: Katalonen, Schotten, Flamen - historisch gewachsene Nationen begehren auf.

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Die politische Landkarte Europas veränderte sich vor 20 Jahren mit dem Zerfall Jugoslawiens. Doch souveräne Staaten müssen nicht nur auf dem Balkan oder im Kaukasus entstehen. Auch in Westeuropa könnten sich die Grenzen verändern. Katalonien, Schottland und Flandern führen die Liste möglicher neuer Staaten an.

Am Anfang vom Ende Jugoslawiens stand eine Wirtschaftskrise. Ähnlich verhält es sich nun mit den Zerfallserscheinungen so manch anderen europäischen Staates. Der Slogan der 1990er-Jahre „España va bien“, also Spanien geht es gut, den der konservative Premier José María Aznar im Refrain kundtat, gilt schon lange nicht mehr. Das Wirtschaftswunder stand auf tönernen Füßen namens Immobilienblase und Profit aus diversen EU-Fördertöpfen.

Als der Kosovo im Februar 2008 gegen den Widerstand Belgrads seine Unabhängigkeit erklärte und zum sechsten Staat wurde, der aus Jugoslawien hervorging, war Spanien der schärfste Kritiker. Madrid fürchtete wie einige andere EU-Staaten, dass der Kosovo einen gefährlichen Präzedenzfall für separatistische Bewegungen – wie jene der Basken und Katalanen – schaffen könnte. Angesichts einer sich rasant zuspitzenden Wirtschaftskrise mit fatalen gesellschaftlichen Rissen wächst der Unmut der reicheren Provinzen.

 

Wunsch nach Steuerhoheit

Die rund sieben Millionen Katalanen fühlen sich schon seit Langem ungerecht behandelt – vor allem, wenn es um die Verteilung staatlicher Steuergelder geht. Die Region selbst ist unterfinanziert, trägt aber mit über 20 Prozent überdurchschnittlich zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ähnlich den Slowenen einst in Jugoslawien klagen sie, durch Solidarzahlungen zum regionalen Ausgleich zu viel Geld nach Madrid abgeben zu müssen.

Zugleich diktiert das Sparpaket der Regierung den Regionen umfassende Einsparungen. Es ist absurd, dass die wirtschaftlich stärkste Region des Landes mit 42 Milliarden Euro am stärksten verschuldet ist. Die katalanische Regionalregierung pocht daher auf mehr Einfluss bei der Besteuerung. Sollte es keine Einigung geben, dann sei der Weg für die Unabhängigkeit frei, heißt es in Barcelona.

Die jugoslawische Bundesverfassung sah das Recht auf Selbstbestimmung vor. Slowenien und Kroatien waren die ersten Gliedstaaten, die davon 1991 Gebrauch machten. Die spanische Verfassung von 1978 verneint ein solches. Denn innerhalb der „unauflöslichen“ spanischen Nation gäbe es nur Nationalitäten, nicht aber eigenständige Nationen.

Im Zuge der Debatte über das neue Autonomiestatut wurde 2006 der Begriff der Nation vom katalanischen Parlament mit fast 90 Prozent eingefordert. Die Sehnsucht der Katalanen nach mehr Eigenständigkeit war nicht zuletzt Resultat der Repression aller katalanischen Tradition unter der Franco-Diktatur (1939–1975). Doch Bürgerkrieg und Diktatur wurden in Spanien bis heute nicht aufgearbeitet. Als der umtriebige Richter Baltasar Garzón einen Vorstoß unternahm, wurde ihm der Prozess gemacht, er wurde mit Berufsverbot bestraft. Gerade in Zirkeln der regierenden Volkspartei scheinen Ewiggestrige weiter Einfluss zu haben.

Bezeichnend ist die Aussage des konservativen Europaparlamentariers Alejo Vidal-Quadras, der in einem Interview anregte, eine mögliche Volksabstimmung über die katalanische Selbstständigkeit mit der Entsendung eines Generals der paramilitärischen Zivilgarde zu beantworten, weil sie ohne Zustimmung Madrids verfassungswidrig wäre.

Man erinnere sich an 1991: Belgrad entsandte die jugoslawische Volksarmee, weil man sich um die serbische Minderheit in Kroatien sorgte, die in den Plänen der kroatischen Nationalisten gar nicht vorkam. Würde Madrid auch ohne solche Bedenken gleich in Barcelona einmarschieren?

 

Wachsende Nervosität

Die Nervosität wächst jedenfalls. Als die Autorin dieses Beitrags im Mai 2009 einen Vortrag zum Thema in Wien hielt, intervenierte der spanische Botschafter beim Veranstalter, um den Vortrag absagen zu lassen. Mit Verweis auf die akademische Freiheit der Lehre wurde dieses Begehr zurückgewiesen, doch drei Vertreter der spanischen Botschaft notierten an jenem Abend alles Gesagte.

Im Jahr 2014 werden es 300Jahre sein, dass Katalonien unter die spanische Krone fiel. Im Spanischen Erbfolgekrieg unterstützte Katalonien den Habsburger Erzherzog Karl gegen den Bourbonen Philipp von Anjou. Letzterer ging aber im Frieden von Utrecht als Sieger hervor und bestrafte die Katalanen hart.

Zum Gedenken an den Tag der Kapitulation gehen nationalistisch gesinnte Katalanen am 11.September regelmäßig auf die Straßen. Dieses Mal waren es 1,5 Millionen Menschen, die mit Plakatsprüchen wie „Katalonien – ein neuer Staat in Europa“ demonstrierten. In aktuellen Umfragen spricht sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung für das Ende der „Unterjochung durch Madrid“ aus.

 

Erschüttertes Königshaus

Der Bourbone und greise Elefantenjäger Juan Carlos spricht davon, „Hirngespinsten hinterherzujagen“, wenn es um ein Referendum zur Unabhängigkeit der Region geht. Doch an einem territorialen Umbruch in Spanien könnte das von Korruption erschütterte spanische Königshaus sogar zerbrechen. Die Retourkutsche aus Barcelona kam sofort. „Ein Hirngespinst ist es vielmehr, wenn in Katalonien alles beim Alten bliebe,“ meinte der katalanische Regionalregierungschef Artur Mas.

Die Devise der Franco-Gegner „no pasarán“ – sprich: sie werden nicht durchkommen – geht auf die katalanische Kommunistin Dolores Ibárruri zurück. Es ging um die von der Republik gegen die Faschisten verteidigte Verbindung Kataloniens zum Süden.

Nicht nur Geschichte, Sprache und Mentalität trennen die Katalanen vom dürren Hochland Kastiliens. Auch in der Bekämpfung der Rezession geht man getrennte Wege. Alte Konzepte genossenschaftlicher Betriebe finden gerade in Katalonien als Rezept gegen Arbeitslosigkeit regen Zulauf.

Was wäre, wenn Katalonien per Referendum sich unabhängig erklärte und tags darauf um EU-Beitritt ansuchte? Wollte man ein demokratisches Land, das wirtschaftlich mehr als lebensfähig ist, dann etwa ablehnen? Die EU verhandelt doch auch mit dem Kosovo!

 

Leopold Kohr sah es voraus

Auch Schottland will 2014 ein Referendum abhalten, um seine historische Selbstständigkeit wiederzuerlangen. Premier David Cameron geht in dieser Frage so tollpatschig vor, dass die Schotten vielleicht noch früher der englischen Rezession entkommen wollen.

Bereits 1951 schrieb der österreichische Autor Leopold Kohr in seinem Werk „Vom Zerfall der Nationen“ über das Ende großer Gebilde und die Rückkehr zu den historisch gewachsenen Regionen. Katalonien kommt darin ebenso vor wie Flandern. Demnach könnte so mancher Nationalstaat noch seiner Auflösung harren. Neue Staaten entstehen eben nicht nur auf dem Balkan.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin


Karin Kneissl studierte Jus und Arabistik in Wien, war von 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst, stationiert u. a. in Madrid. Danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident
nicht miteinander können“ (2007), „Der Energiepoker“. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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11 Kommentare
Gast: Candide
22.10.2012 15:32
1 0

Die katalanischen Separatisten sind auch keine Engel

Auch wenn dieser Artikel in einigen Details korrekt ist, so bleibt er doch einseitig und weist einige Fehler auf, die daran zweifeln lassen, ob die Autorin Spanien gut genug kennt. Als Beispiel für letzteres: dass Dolores Ibárruri Baskin war lässt schon ihr Nachname erahnen.

Um dem Eindruck entgegenzutreten, der katalanische Separatismus sei eine demokratische Bewegung, erlaube ich mir, auf einen eigenen Artikel zu verweisen.

http://iberosphere.com/2012/10/spain-news-catalonia-kosovo-6952/6952

Antworten Gast: Andreas Steffen
22.10.2012 18:27
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Re: Die katalanischen Separatisten sind auch keine Engel

danke für diesen Beitrag! Gut,dass ich mit meinem Eindruck nicht alleine bin.

Gast: Niederösterreicher
18.10.2012 00:17
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Die wirtschaftlich erfolgreichen Nationalitäten

wehren sich halt gegen die div. Transfer-Unionen, durch die sie von zentralistischen Nationalstaaten ausgebeutet werden.

Das belgische Flandern ist ein besonderer Fall - es wurde seit der Gründung von Belgien von den belgischen Wallonen, die auf die Flamen herabgeschaut haben, fast wie eine Kolonie dominiert. Diese Dominanz ist heutzutage absurd, weil die Flamen in Belgien die Bevölkerungsmehrheit bilden und - seit der Verödung der wallonischen Industrieregionen -wirtschaftlich erfolgreicher sind.

Leider wollen die frankreichhörigen Wallonen nicht vom hohen Roß herunter!

Gast: Gast, der in Katalonien wohnt
17.10.2012 10:28
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Danke!

Exzellenter Artikel! Danke, dass Sie zur Aufklärung darüber beitragen, was den Katalanen zugemutet wird.

Gast: GrafGudenus, Paris
16.10.2012 19:46
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Katalonien goutierte durchaus Karl VI


Was ist den schon schlecht daran?

Wenn sich ein Volk in einem Staatsgebilde nicht mehr wiederfindet sollte es sich selbstständig machen können. De Welt braucht keine grossen Staatsformationen mehr. Die USA halten auch nur zusammen weil die Bundesstaaten sehr viel mehr Kompetenzen haben als dies in einem Bundesland in Österreich kjemals der Fall sein könnte. Aber natürlich auch die Verantwortung.

Ich könnte mir ein Österreich ohne Vorarlberg, Tirol oder Kärnten auch gut vorstellen. Aber auch mit, wenn sie bleiben wollen.

De spanische Verfassung sieht keine Loslösung einer Region von Spanien vor. Nun, die Verfassung ist von Menschen gemacht worden und kann deshalb auch verändert werden. Entweder die Spanier sind frei und können auch frei bestimmen ob sie dazugehören oder nicht wollen oder Spanien soll aufhören sich ein freies Land zu nennen. Ich erwarte mir noch sehr viel mehr freie Staaten in Europa und das ist gut so.

Verschiedene Völker brauchen eben auch verschiedene Regeln, gleiche Gesetze für alle funktionieren nicht!

Neben den hier genannten Völkern, die nicht mehr miteinander können, muss man auch die Tschechen und Slowaken nennen, die auseinander gegangen sind, weil die dauernde Unterstützung der Slowaken durch die Tschechen für beide Teile unerträglich war.

Sogar im homogenen Italien will der Norden die seit mehr als 100 Jahren andauernde und ausweglose, aber teure "Solidarität" mit den Süditalienern beenden und einen eigenen Staat "Padanien" gründen!

Leopold Kohr hat eben recht, wenn es nicht mehr nötig ist, einen Staat zu haben, der mehr Soldaten mobilisieren kann als der feindliche Nachbar, will man "die Rückkehr zu den historisch gewachsenen Regionen"!

Vor diesem Hintergrund erweist sich die realitätsferne Idee der EU-Politiker, alle Probleme damit zu beseitigen, dass man die grundverschiedenen europäischen Völker in einen Eintopf Namens "Europäische Föderation" (oder so ähnlich) mit gleichen Gesetzen für alle wirft, als völlig weltfremde, unsinnige Vorstellung!

Gast: Andreas Steffen
15.10.2012 09:32
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Katalanische Kommunistin??

Im Herbst 1936 mobilisierte sie alle republikanischen Kräfte zur Verteidigung der spanischen Hauptstadt. Ihr Ruf "¡No pasarán!" (dt. "sie werden nicht durchkommen") wurde zum Schlachtruf der Verteidiger der Republik. Die Hauptstadt war damals wie heute Madrid!!Ich glaube Sie bringen da was durcheinander :-)

Antworten Gast: gäst
16.10.2012 00:12
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Re: Katalanische Kommunistin??

Falsches Beispiel, aber richtige Erwähnung. Der Widerstand gegen den Faschismus war kaum wo in Spanien stärker als in den Hochburgen der Arbeiterbewegungen, Katalonien und dem Baskenland.

Gast: Andreas Steffen
15.10.2012 09:28
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Katalanische Kommunistin??

katalanische Kommunistin Dolores Ibárruri????
Soviel ich weiß,war Sie eine baskische Kommunistin und stand nicht für Unabhängigkeit Kataloniens vom faschistischen Spanien,wie man laut diesem Artikel meinen könnte!!
Der widerstand gegen den Faschismus war übrigens in ganz Spanien

Antworten Gast: Andreas Steffen
21.10.2012 17:53
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Re: Katalanische Kommunistin??

Ich glaube auch dass Garzòn nicht wegen der aufarbeitung der vergangenheit mit berufsverbot bestraft wurde sondern soviel ich weiß wegen des falls Gürtel!!!
ich finde den artikel leider nicht differenziert genug

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