Immer mehr leben wir heute in künstlichen Welten, denen wir mehr Wirklichkeitsmacht zubilligen als unserem realen Leben. Die Wissenschaftswelt, die Finanzwelt, die Medienwelt und die Psychowelt sind zwar wichtig und nützlich, doch sie nehmen uns mitunter ganz gefangen und vermitteln den Eindruck, sie seien die einzig wahre Welt.
Aber das stimmt nicht. In diesen künstlichen Welten kommen die Erfahrungen, die unserem Leben seinen besonderen Geschmack geben, die existenziellen Erfahrungen, nicht vor – Liebe nicht, Gut und Böse nicht und auch nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Das eigentlich Wichtige im Leben
Das ist auch gut so, denn die Wissenschaft zum Beispiel hat zu den existenziellen Erfahrungen nichts zu sagen. Doch auch der Physiknobelpreisträger liebt seine Frau, das hat er aber nicht physikalisch gemessen und dennoch ist das das eigentlich Wichtige in seinem Leben.
Noch ungestümer als die Wissenschaft beansprucht heute die Finanzwelt, das wahre Leben zu sein. Es gibt Menschen, deren Stimmung hängt vom Aktienindex ab, und sogar die Politik vermittelt den Eindruck, dass die Finanzwelt die eigentliche Welt sei, die die große Politik vor sich her treibt. Doch auch die Finanzwelt hat zu den existenziellen Erfahrungen nichts zu sagen.
Die künstliche Welt schlechthin ist die Medienwelt. Auch sie ist keine schlechte Welt und auch sie ist genauso unvermeidlich wie all die anderen künstlichen Welten. Medien gibt es schon spätestens seit den ersten Keilschrifttafeln. Doch heute dringen sie immer intensiver in unser Leben ein.
Manch einer verwechselt „Freunde“ bei Facebook mit wirklichen Freunden und ist erschüttert, wenn jemand in der „Lindenstraße“ stirbt, merkt aber nicht, dass zur gleichen Zeit die eigene reale Nachbarin einsam stirbt. Und schließlich ist auch die Psychowelt eine künstliche Welt, in der existenzielle Liebe, Gut und Böse und der Sinn des Lebens nicht wirklich vorkommen.
Die alte Frau vom Land
Von diesen existenziellen Erfahrungen hat eine alte Frau vom Land, die schon viel Schlimmes in ihrem Leben bewältigt hat, mehr Ahnung als ein junger, gut ausgebildeter Psychotherapeut, der viele Bücher gelesen und jahrelang in kleinen Zimmern mit gestörten Menschen zusammengesessen ist. Dennoch übt die Psychowelt auf viele eine besondere Faszination aus, und die endlose Ratgeberliteratur gibt allen das Gefühl, für ihr eigenes Leben inkompetent zu sein.
Das tiefe Bedürfnis, dadurch exklusiv den Durchblick zu bekommen, dass man in eine geheime Hinterwelt eingeweiht ist, wird vor allem von schlichten Darbietungen sogenannter Hirnforschung und von veralteten psychoanalytischen Konstrukten befriedigt. Natürlich gibt es seriöse Hirnforscher und Psychoanalytiker, die sich der Grenzen ihrer Einsichten bewusst sind.
Überschrittene Kompetenzen
Markttauglich sind aber vor allem Autoren, die ihre wissenschaftliche Kompetenz überschreiten, indem sie die Neurotransmitter oder die Ereignisse der frühen Kindheit für das einzig Wahre erklären und sich selbst für die einzig wahren Verkünder dieser Wahrheit.
Wer sich sein eigenes Leben nicht von all diesen bedrängenden Welten rauben lassen will, der muss sich seiner Identität vergewissern und im Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments sein eigenes Leben ernst nehmen, damit nicht am Schluss auf dem Grabstein steht: Er lebte still und unscheinbar, er starb, weil es so üblich war.
Manfred Lütz (*18. 3. 1954 in Bonn) ist Psychotherapeut, katholischer Theologe und Schriftsteller. Zahlreiche Publikationen, zuletzt erschienen: „Bluff! Die Fälschung der Welt“ (Droemer Knaur).
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2012)















