20.05.2013 22:30 Merkliste 0

Wiens Grüne machen Politik – ohne Hinsichtl und ohne Rücksichtl

PETER HAJEK (Die Presse)

Replik. Eine Partei in der Bundeshauptstadt tut das, wofür sie gewählt worden ist. Und ganz Österreich fragt sich: „Ja, dürfen s' denn das?“

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Es herrscht große Aufregung in Wien und über seine Stadtgrenzen hinaus. Was ist geschehen? Ist der Euro endgültig gescheitert? Wurden bestehende Pensionen gekürzt, die Erbschafts- und Schenkungssteuer reaktiviert, oder wurde gar die Gesamtschule eingeführt? Nichts dergleichen.

Aber es gibt eine Partei in der Wiener Stadtregierung, namentlich die Wiener Grünen, die seit Amtsantritt das macht, was man sich von einer Partei erwarten sollte: die Wahlversprechen auch umzusetzen. Und das gegen den Großteil der Bürger und gegen die „Kronen Zeitung“, wie der Chefredakteur dieser Zeitung konsterniert in seinem Leitartikel in der „Presse am Sonntag“ (21. 10.) festgestellt hat.

 

Die Grünen machen Ernst

Die Grünen machen in der Verkehrspolitik nun tatsächlich das wahr, wofür sie immer eingetreten sind: Verbilligung der Jahresnetzkarte – umgesetzt; Installierung eines Fahrradbeauftragten – umgesetzt. Ausweitung des Parkpickerls – umgesetzt. Verkehrsberuhigung der Mariahilfer Straße – vor der Umsetzung. Und das ohne Rücksicht auf Wählerverluste! Einfach nur, weil sie davon überzeugt sind und diese Schritte für richtig halten.

Jetzt kann man viel über die Politik der Wiener Grünen streiten. Und das ist auch wünschenswert. Endlich werden wieder Argumente ausgetauscht – teils sachlich, teils polemisch, manchmal leider auch gehässig. Aber es tut sich was, weil die Regierungskoalition etwas tut.

Bürger organisieren sich, treffen sich abends zu Diskussionsrunden und mobilisieren für ihre Anliegen. Und auch die Parteien profitieren davon. Die Wiener ÖVP, noch unlängst auf der politischen Intensivstation, erlebt unten ihrem neuen Obmann einen nicht mehr für möglich geglaubten Frühling und lässt bei der Mobilisierung für Unterschriften gegen das neue Parkpickerl die Wiener FPÖ um Meilen hinter sich. Wer hätte das vor ein paar Monaten noch gedacht? Und so soll es sein. Eine Regierung, die Politik macht, ohne Hinsichtl und Rücksichtl. Eine Opposition, die Gegenvorschläge bringt, und eine Bevölkerung, die sich engagiert und sich nicht sediert von der Politik abwendet.

 

Ein Wettbewerb der Ideen

Und vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass, obwohl es sich um ein hoch emotionales Thema handelt, kein Akteur salopp einfach die Abschaffung des Parkpickerls fordert, sondern Konzepte zur Parkraumbewirtschaftung präsentiert werden. Was wir hier erleben, ist der viel beschworene Wettbewerb der Ideen, das Salz in der Demokratie.

Auffallend ist auch, dass der Koalitionspartner SPÖ den Juniorpartner gewähren lässt und dass die Grünen auf populistische Äußerungen verzichten. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Pendler aus dem Speckgürtel um Wien als Sündenbock ausfindig zu machen.

Die Wiener Grünen werden durch ihre Politik mit Sicherheit (zwischenzeitlich) Wählergruppen verlieren, sie werden einiges an Negativemotionen abbekommen, und sie hätten es vermutlich gemütlicher haben können. Aber am Ende der Legislaturperiode werden sie zumindest ansatzweise gehalten haben, wofür sie fünf Jahre davor eingetreten sind.

 

Visionärin Maria Vassilakou?

Ob Maria Vassilakou eine große Vision antreibt oder ob sie scheibchenweise das politisch Machbare umsetzt, darüber lässt sich streiten. Offen ist auch, ob die Grünen 2015 verlieren oder sich über einen Wählerzuwachs freuen werden. In jedem Fall haben sie bisher das gemacht, wofür sie gewählt worden sind: Politik.

Dr. Peter Hajek (*1971) ist promovierter Politikwissenschaftler der Uni Wien und akademisch geprüfter Markt- und Meinungsforscher.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)

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18 Kommentare
Gast: tigerenter
26.10.2012 04:03
3 1

ist das eine neue reihe

wo uns besonders skurrile unbegabte akademiker vorgestellt werden?
neulich war da einer der uns allen ernstes den eu-beitritt der schweiz angekündigt hat.
jetzt haben wir da einen der zur schamlosen bürgerabzocke allen ernstes meint:
Es wäre ein Leichtes gewesen, die Pendler aus dem Speckgürtel um Wien als Sündenbock ausfindig zu machen.
das kann doch kein zufall sein.

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Re: ist das eine neue reihe

Inhaltlich haben sie auch was anzumerken, oder nutzen sie nur noch die Gelegenheit bis 5. November unregistriert heiße Luft abzulassen?

Gast: Andere Meinung
24.10.2012 10:06
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So ist das auch wieder nicht...

Die Grünen haben eine Änderung des Wahlrechtes versprochen, notariell beglaubigt und - gebrochen. Mit dem Ignorieren von 160000 Unterschriften haben sie sich moralisch sowieso ins Abseits gestellt.

Das Parkpickerl schafft Geld in die Kasse, aber keine neuen Parkplätze oder gar einen Ausbau der Öffis.

Nicht einmal, wenn die Pendler es wollten, könnten alle oder auch nur die meisten mit der Bahn nach Wien. Meine Linie zB hat regelmäßig Verspätung, Waggons sind abgesperrt usw.

Einzelfahrscheine sind teurer geworden, die Jahreskarte um 100 EUR war eine Wahllüge. Es ist auch verboten, zu gewissen Tageszeiten mit dem Rad in die U-Bahn einzusteigen.

Auch die Kombination S-Bahn und Rad verträgt sich nicht so recht.

Für die Schaffung neuer Radwege müssen Bäume geschlägert werden und Grasflächen zubetoniert.

Auch das wollen wir offen zur Sprache bringen!

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Re: So ist das auch wieder nicht...

Es gibt ein Gesetz, das Abstimmungen über Gebühren nicht zu lässt und zugegeben, das hilft in der Argumentation. Fakt ist auch, dass es Parkraumbewirtschaftung braucht und es ist nur eine Frage der Zeit bis die Anrainer ihren Widerstand aufgeben. Nicht weil sie von einer Partei gezwungen werden, sondern von den Umständen wie Feinstaub, erfolglose Parkplatzsuche usw.
Die Jahreskarte um 100 Euro scheiterte am Regierungspartner. Ist aber auch gut so denn die Zunahme der Öffi Benutzer ist jetzt schon kaum zu bewältigen.
Fahrräder zu gewissen Zeiten nicht mitnehmen zu dürfen, stammt aus der SPÖ Alleinregierung, macht aber Sinn. Versuchen sie mal um 16 Uhr mit dem Rad rein zu kommen. Keine Chance und ich bin Radfahrer, weiß also wovon ich rede.
Das mit den Baumschlägerungen ist eine Mär von der Frau Stenzl. Die Bäume leben am Ring, durch die starke Belastung nicht lange genug und jedes Jahre werden rund 100 gefällt und neu gepflanzt.
In diesem Sinn, nicht pflanzen lassen ;)

Gast: toledo
23.10.2012 19:41
5 3

die koalition

Vor allem das beste an der rot-grünen KOalition ist, dass die Spö-Alleinherrschaft in Wien gebrochen ist und endlich ein frischer Wind in Wien weht. Für schwarz/blau Wähler vielleicht nicht aus der richtigen Richtung, aber das Bemühen bsp. für eine bessere Luftqualität kommt allen zugute. Sowie eine günstigere Jahreskarte oder mehr Parkmöglichkeiten für Wienerinnen und Wiener.

Re: die koalition

Die Beurteilung "hat sich bemüht" heißt im Klartext: Ist unfähig!
Was nützt Bewegung, wenn die falsche Richtung eingeschlagen ist. Wie in der EU: Man sieht zwar, dass es so nicht funktioniert, darum muss es noch mehr davon geben.

Re: die koalition

was für "frischen wind" gibts durch die grünen? es gibt ein fortschreiben des bestehenden...die parkpickerl gibts ja in vielen bezirken schon seit jahren, das haben ja nicht die grünen erfunden.
da ist mehr kontinuität als sie es vielleicht wahrhaben wollen-was ja nicht per se schlecht ist.

Re: die koalition

was für "frischen wind" gibts durch die grünen? es gibt ein fortschreiben des bestehenden...die parkpickerl gibts ja in vielen bezirken schon seit jahren, das haben ja nicht die grünen erfunden.
da ist mehr kontinuität als sie es vielleicht wahrhaben wollen-was ja nicht per se schlecht ist.

Gast: Meinungsforscher
23.10.2012 19:28
6 1

der "beratende" "Forscher"

nunmehr auch Propagandist.

Dr. Peter Hajek...

... ist promovierter Politikwissenschaftler und akademisch geprüfter Markt- und Meinungsforscher.

Danke, keine weiteren Fragen.

10 5

Das Problem ist, dass lediglich

12,6 % (minus ca. 2% gegenüber letzter Wahl) der Wähler die Grünen überhaupt in der Stadt/Landesregierung wollten. Die Grünen belegten lediglich den 4. und letzten Platz hinter ÖVP (14%), FPÖ (25,8% ) und SPÖ (44%). Wo da der Auftrag des Wählers ist frage ich mich. Ganz abgesehen davon, dass die Grünen nur an die Futtertröge drängen: Uni-Beauftragter, Radfahrbeauftragter, Fußgängerbeauftragte(r) samt entsprechender Entourage. Zufälligerweise ohne entsprechende Ausschreibung oder Hearing lauter Grüne. Frei nach Kreisky: Wenn du nicht weiter weißt, gründe einen Ausschuß oder ernenne einen Beauftragten. Zum guten Schluß muss auch noch bemerkt werden, dass die Aktionen völlig plan- und hinrlos undemokratisch über die Bühne gehen. Demnächst wird man als Autobesitzer wohl vor Gericht stehen und sich rechtfertigen müssen.

Re: Das Problem ist, dass lediglich

Der Auftrag ist der von 12,6% der Wähler. Ist so. Wo genau ist die Unklarheit? Oder muss eine Partei erst 20% der Wähler haben, um etwas umsetzen zu dürfen? Oder 30%? 40%? 50%?

Re: Das Problem ist, dass lediglich

Der Auftrag ist der von 12,6% der Wähler. Ist so. Wo genau ist die Unklarheit? Oder muss eine Partei erst 20% der Wähler haben, um etwas umsetzen zu dürfen? Oder 30%? 40%? 50%?

Re: Das Problem ist, dass lediglich

Zum ersten Satz: Das ist der Anteil derer, die Grün gewählt haben. Das ist nicht dasselbe wie die Zahl derer, die sie gewählt haben - das können weniger oder mehr sein: Bei Meinungsumfragen zeigt sich sehr oft, dass z.B. fast doppelt so viele Menschen die ÖVP in der Regierung haben wollen wie sie tatsächlich Wähler hat. Einzig bei der FPÖ ist der Wert derer, die Strache als Kanzler wollen, meist kaum über dem der Wähler.
Zweitens gibt es keinen "Auftrag des Wählers". Das ist eine der fast schmerzhaft dummen Floskeln, die Politiker gerne am Wahlabend verwenden. Es gibt keinen homogenen Wähler, sondern hunderttausende mit unterschiedlichen Meinungen.
Und schließlich funktioniert die repräsentative Demokratie in Ländern ohne Mehrheitswahlrecht über Koalitionen. Man kann dafür sein, dass ein Mehrheitswahlrecht eingeführt wird, aber das ist ein anderes Thema.

Gast: Martin_S
22.10.2012 23:05
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FALSCH, HERR HAJEK!

Verbilligung der Jahresnetzkarte – umgesetzt --> Eine Jahreskarte soll nur mehr 100 Euro kosten: NICHT UMGESETZT!
Installierung eines Fahrradbeauftragten – umgesetzt --> Versorgungsposterl eingerichtet --> Nicht mehr!
Ausweitung des Parkpickerls – umgesetzt --> Schröpfaktion.
WO BLEIBT...
.. Änderung des Wahlrechts ????
Unterschriften gelten nichts (O-Ton Ellensohn)
Kontrolle???? Fehlanzeige --> Nix hören/sehen/wissen/sagen

Diese Partei hat bisher genau das gemacht, was andere Parteien auch schon machen: Kassieren, Hand aufhalten, Lügen

Antworten Gast: monikabargmann
23.10.2012 16:20
2 1

Re: FALSCH, HERR HAJEK!

da sollten Sie sich aber eher bei der SPÖ beschweren - wenn's nach der gegangen wäre, wäre die Jahreskarte um einiges teurer geworden, auch wenn sie jetzt dreist plakatiert, dass man der SPÖ die Verbilligung zu verdanken hätte.

Antworten Gast: Gast: Leser
23.10.2012 11:32
12 2

Re: FALSCH, HERR HAJEK!

Eines fehlt noch in der Aufzählung: Verteuerung des Wiener-Linien-Einzelfahrscheins, sowie Wochen- und Monatskarte, ebenso 8-Tage-Fahrschein. Auch umgesetzt? Oder war das nicht geplant?

Lieber Peter,

mit der Reaktion auf den Nowak-Artikel hast du schon recht. Aber wer wird nach einer Aktion wie "wir führen rasch das Parkpickerl ein und HINTERHER überlegen wir uns ein post-Schicker Konzept dazu und befragen die Bürger" noch an ein Vision glauben?

Und das hat überhaupt nichts mit dem Sachthema zu tun. Was ich mir (früher) von grüner Politik erwartet hätte, wäre eine Ansage wie: "Liebe Leute, wir brauchen die Kohle im Moment, da müsst ihr durch, aber für die Zukunft überlegen wir uns sinnvolle und güstige Anrainerparkmodelle" oder dergl.

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