23.05.2013 07:09 Merkliste 0

Es ist so weit: Endlich wieder ein Nobelpreis für Österreich!

EGYD GSTÄTTNER (Die Presse)

Die Weiterentwicklung einer alten Losung lautet: „Stell dir vor, es ist Frieden – und wir alle sind Friedensnobelpreisträger!“

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Guten Morgen, liebe Friedensnobelpreisträger und -nobelpreisträgerinnen! Ein großer Tag ist heute! Denn heute hole ich meine neue Visitenkarte, auf der steht: „Dr. Egyd Gstättner. Friedensnobelpreisträger.“ Das schaut doch gleich besser aus!

Nicht, dass ich übertrieben stolz, eitel oder ruhmsüchtig wäre – jedenfalls nicht mehr als andere Künstler auch. Aber ich bekenne: Die Zuerkennung des Friedensnobelpreises rührt mich doch ein wenig. Immerhin hat seit Jelinek kein Österreicher, keine Österreicherin mehr einen Nobelpreis gewonnen. Jetzt ist es – endlich!!! – so weit. Ich habe es immer gewusst! Ich habe mich nur in der Branche geirrt. Aber Friede oder Literatur – wo ist der Unterschied? Danke, Oslo!

Jetzt macht es sich bezahlt, dass ich als Junger den Wehrdienst boykottiert und keine Waffe in die Hand genommen habe – nicht einmal zum Putzen! Dass ich mich von keinem primitiven Feldwebel zu blindem Gehorsam habe abrichten lassen! Mich anbrüllen? Aber hallo! Dass ich dem Zöllner in Thörl-Maglern, der mich schikanieren wollte, ins Gesicht gesagt habe, er sei ein Auslaufmodell! Ha! Wie visionär war ich damals, als ich ihm den Vogel gezeigt und mich geweigert habe, die Rückbank meines VW Käfer auszubauen! Wer von euch ohne Lederjacke ist, der werfe den ersten Stein!

 

Die Verdienste des Ministers

Langfristig habe ich immer recht gehabt, auch wenn das kurzfristig keine Autorität jemals zugegeben hat. Also: Der Preis geht sicher an die Menschen, nicht an die Politik: Ein Friedensministerium haben wir ja nicht, auch wenn sich der amtierende sogenannte Verteidigungsminister wirklich Verdienste um den Rückbau des Militärwesens erworben hat.

„Guten Morgen, liebe Friedensnobelpreisträgerin!“, begrüße ich meine Nachbarin, Frau Wegscheider, und schiebe ihr meine Visitenkarte durch die Maschen des Gartenzauns. „Das ist nix Besonderes“, raunzt sie zurück, „das sind nicht nur die Pazifisten und die Zigarettenschmuggler, Friedensnobelpreisträger sind ab sofort auch die Machtpolitiker, Finanzmarkthaie und Börsenspekulanten, die Militaristen und Waffennarren, die Waffenindustriellen und die Waffenlobbyisten, die Wirtshausschläger, die Gewaltbereiten, Hinz und Kunz, Heinzl und Sido, die Hooligans, die Vorbestraften, sogar die Totschläger und Mörder, sofern sie bloß zufällig in der EU leben?“

 

Keine Reise nach Oslo

Sehen Sie, gebe ich zurück, genau deswegen werde ich unter Protest nicht zur Preisverleihung nach Oslo reisen! Um ein Zeichen zu setzen! Es geht mir auch nicht um das Preisgeld. Das Millionderl mit den paar Zerquetschten dividiert durch die zigzigzigmillionen EU-Bürger, also das spende ich für einen wohltätigen Zweck!

Aber Friedensnobelpreisträger ex aequo ist besser als nichts. Divide et impera, sozusagen. You may say: I'm a dreamer, Frau Wegscheider. But I'm not the only one!Man muss die Leute eben dort abholen, wo sie stehen. Bisher hatte Frieden immer mit Tod zu tun: Bestattungsunternehmen heißen so – und Gottesäcker.

Die neue Botschaft lautet: Frieden vor dem Tod! Und wenn dahinter gar nicht so viel Menschenliebe, Moral und Ethik stecken, sondern einfach die Einsicht, dass man im Frieden bessere Geschäfte machen kann, dann sei's drum. Besser Unglück im Glück als Glück im Unglück. Bisher hat es geheißen: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin! Die Weiterentwicklung der Losung lautet: Stell dir vor, es ist Frieden, und alle sind Friedensnobelpreisträger!

Egyd Gstättner (* 25.5. 1962) studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Schriftsteller und Essayist. Sein neuestes Buch: „Ein Endsommernachtsalbtraum“ (Picus).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2012)

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2 Kommentare
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Manchmal lernt man doch dazu

Bis jetzt bin ich immer davon ausgegangen, dass die Saure-Gurken-Zeit im August endet. Aber dieser Beitrag zeigt, dass sie auch Ende Oktober noch anhält.

Das vollständige Brecht-Zitat lautet im übrigen sinngemäß so: "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin - dann kommt der Krieg zu Dir!".

Aber wenn Sadat und Begin den Friedensnobelpreis erhalten haben, warum nicht auch die EU?

Antworten Gast: alibababa
28.10.2012 21:22
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Re: Manchmal lernt man doch dazu

Wenn Sie etwas über die "Saure-Gurken-Zeit" erfahren wollen, dann lesen sie Lichals Kommentar: 'SPÖ, der Nationalfeiertag und die halbe Wahrheit'

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