24.05.2013 00:37 Merkliste 0

Eine Krise der Demokratie - oder doch eher eine Parteienkrise?

NINO WILLROIDER (Die Presse)

Warum die breite Unzufriedenheit mit traditionellen Parteien und auch Politikerbeschimpfungen neuerdings so en vogue sind.

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Die derzeitige Krise der Demokratie macht sich unter anderem in einer Parteienkrise bemerkbar, die sich durch die Bildung neuer Gruppierungen aus dem Parlament heraus festmachen lässt. Das jüngste Beispiel ist in diesem Zusammenhang das Team Stronach.

Die klassischen Parteien scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, die Wählerschaft von ihren Anliegen zu überzeugen. Dies ist anhand des sinkenden Stimmenzuspruchs und des Zustroms zu neuen politischen Gruppierungen ohne gewachsenen ideologischen Hintergrund – wie den Piraten oder dem erwähnten Team Stronach – klar zu erkennen. Eine These dazu ist, dass die Gesellschaft mittlerweile die tradierten politischen Konflikte überholt hat und sich zu anderen Werten und Konflikten hin orientiert, die nicht mehr durch zwei Parteien allein vertreten werden können.

Somit stehen Gruppierungen am Start, die sich einer liquiden Ideologie verschrieben haben, die nach Belieben veränderbar ist und der modernen Gesellschaft mehr entspricht als dies die klassischen Milieus Arbeitnehmer (= SPÖ-Wählerschaft) und Arbeitgeber (= ÖVP-Klientel) tun.

 

Wandelbare Weltanschauungen

Somit ist der Weg frei für Parteien mit einer wandelbaren Weltanschauung. Als anschauliches Beispiel ist hier wieder die Liste Frank Stronachs zu nennen. So hat es Stronach geschafft, schon in den ersten Tagen nach seiner Ankündigung, eine Partei zu gründen, in den Umfragen sensationelle 13 Prozent zu erreichen.

Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Wir leben in einer hochkomplexen Welt in der viele Vorgänge dem nationalstaatlichen Handeln entzogen sind. Jüngstes Beispiel sind die Austeritätsprogramme der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank.

Diese beiden Akteure agieren auf Grundlage der Verträge weitgehend unabhängig von parlamentarischen Entscheidungsstrukturen der Mitgliedstaaten und zwingen diesen ihre Vorstellung von Krisenpolitik auf. Dieser scheinbare Automatismus stößt naturgemäß auf Widerstand bei der Bevölkerung in den betroffenen Staaten.

 

Aufgezwungene Sparprogramme

Auf der einen Seite stehen die direkt betroffenen Bevölkerungen in den „PIIG“-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland), die diese aufoktroyierten Sparprogramme am eigenen Leib zu spüren bekommen; auf der anderen Seite stehen jene Mitgliedstaaten, die das weitere (knappe) finanzielle Überleben der tief verschuldeten Partnerländer sichern sollen.

Dies und die Komplexität der Materie sorgen in den Bevölkerungen aller betroffenen Staaten für Unmut. Der schlägt sich dann in der Wahl von Parteien nieder, die Lösungen anbieten, die sich außerhalb des Rahmens der europäischen Institutionen bewegen und die somit nationalstaatliche Lösungen propagieren. Dies sind meist populistische Parteien, die an den äußeren Rändern des politischen Spektrums zu Hause sind.

Populistische Parteien sind also sowohl Motoren wie Profiteure der Unzufriedenheit mit der Politik. In den vergangenen Jahrzehnten sind hierzulande und andernorts vermehrt populistische Parteien aus dem Boden geschossen – aber, wie jüngst zu beobachten war, auch wieder verschwunden oder sie sind gerade dabei zu verschwinden. Diese Parteien machen sich Krisensituationen zunutze, indem sie unkonventionelle Lösungen propagieren und die etablierten Kräfte für den status quo verantwortlich machen. So verstärkte in den 1980er- und 1990er-Jahren die Kritik der FPÖ am bestehenden korporatistischen Parteienstaat die Unzufriedenheit der Bürger, und sie legte damit auch den Grundstein für die derzeit wahrnehmbare Demokratiekrise.

Gegenwärtig ist bei allen drei populistischen Gruppierungen – FPÖ, BZÖ und Team Stronach – die Kritik an der EU und den scheinbaren Automatismen auffallend. Diese Gruppen nutzen zusätzlich die Ohnmacht der Regierungen, nach dem vermeintlichen Wählerwillen zu handeln.

Nun ist es ein Leichtes, Regierungspolitiker als schwach zu bezeichnen, da sie sich nicht gegen jene Politiken zur Wehr setzen können, die die Europäischen Verträge von ihnen verlangen. Die Sparpolitik der Union trägt die Handschrift einer klar neoliberalen Metaideologie.

 

Politik der kurzfristigen Lösungen

Paradox ist, dass ein sozialdemokratischer Regierungschef Lösungen, die der tiefen Überzeugung der eigenen Partei und Wählerschaft widersprechen, unterstützen muss, will er innerhalb der bestehenden Verträge handeln. Dieses oft schizophrene Verhalten durch unterschiedliche Aussagen ein- und derselben Person auf europäischer oder nationaler Ebene schürt die Unzufriedenheit der Wähler zusätzlich, da diese erkennen müssen, dass die eigene Wahl keine messbaren Ergebnisse bringt.

Zudem stützt dies eine Politik der kurzfristigen Lösungen, da nicht mehr Partei-Ideologien vertreten werden (können), sondern Kompetenzen von den direkt gewählten Repräsentanten des Volks abgezogen und auf eine europäische Ebene verschoben werden.

In weiterer Folge ist denkbar, dass Parteineugründungen wie die Piraten oder das Team Stronach in der ersten Aufregung Umfragewerte von bis zu 15 Prozent erzielen, nach einiger Zeit aber wieder in der Versenkung verschwinden. Das ist ein Nebeneffekt der beschriebenen Entwicklungen ebenso wie der Politik der schnellen Versprechungen, wie sie in Wahlkämpfen so gerne getätigt werden.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)

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9 Kommentare
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Die Sparpolitik der Union trägt die Handschrift einer klar neoliberalen Metaideologie.

Nein, tut sie nicht. Das ist lediglich die Handschrift der normativen Kraft des Faktischen. Denn die Alternative zu den Sparprogrammen hieße Staatsbankrott. Wer jahrelang über seinen Verhältnissen lebt, wird gezwungen unter seinen Verhältnissen zu leben, denn irgendwann reicht es dem Kreditgeber, wenn seine Aussichten auf Rückzahlung gegen Null tendieren.

Wobei selbst der Ausdruck "Sparpolitik" ja auch schon falsch ist. Denn unter Sparen versteht man sich von Überschüssen etwas zurücklegen für schlechtere Zeiten. Von Überschüssen sind die Staaten aber weit entfernt, zur Zeit geht es nur darum die ausufernden Defizite so halbwegs in den Griff zu bekommen.

Antworten Gast: Willroider
30.10.2012 10:52
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Re: Die Sparpolitik der Union trägt die Handschrift einer klar neoliberalen Metaideologie.

Ich sehe in der derzeitigen vorherschenden Wirtschaftspolitik Weltweit ein sich selbst einmauerndes System der Herrschaft des Geldes, das die Handschrift des Neoliberalen Friedrich August von Hajek trägt. Dies spiegelt sich in den Vorstellungen einer Regierung der Wirtschaftsbosse wider, wie sie sich Frankie Stronach vorstellt.

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Re: Re: Die Sparpolitik der Union trägt die Handschrift einer klar neoliberalen Metaideologie.

Keine Ahnung wo Sie Hajeks Handschrift sehen. Alles was nun schon seit Jahrzehnten gemacht wird ist dümmlichster Halbkeynesianismus. In schlechten Zeiten Geld zur Konjunkturankurbelung (=Staatsinterventionismus den Hajek absolut abgelehnt hat) hinausschmeißen und in guten Zeiten erst recht. Das hat uns und halb Europa einen gigantischen Schuldenberg beschert, der nun kaum noch bewältigbar ist.

Re: Re: Re: Die Sparpolitik der Union trägt die Handschrift einer klar neoliberalen Metaideologie.

tatsächlich interresant, wie man den linken Verschuldungswahnsinn Hajek in die Schuhe schieben will.

Gast: Frau W. Lan
29.10.2012 14:31
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liquide Ideologien

Ein äußerst interessanter Beitrag, mit dem der Autor das Problem im Kern trifft. Indem er auf die "wandelbare Weltanschauung" der Parteien hinweist, zeigt er den Krisenbrennpunkt: Nicht der Demokratie ist man verdrossen, sondern ihrer Akteur_innen, die zwar allerorts "Werte" in die TV-Kameras plärren und neuerdings gar "Liebe" versprechen (Love is in the Heinz!), uns doch immer nur "dienen" - tatsächlich aber kaufen - wollen, und dabei handeln wie Fähnlein im Wind.

Antworten Gast: Willroider
29.10.2012 15:31
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defensio

Ich danke der Kollegin Wlan für die unterstützenden Worte, tatsächlich ist zu beobachten, dass sich Werte vielfach wandeln lassen. Dies hat zu allererst die FPÖ vorgemacht, als sie sich in den 90er Jahren von einer wirtschaftsliberalen zu einer sozialpopulistischen Partei wandelte. Man erinnere sich, auch in EU Fragen war es die FPÖ, die als erste den Beitritt zu jener forderte und als sich der gesellschaftliche Kurs wandelte diesen Zug verließ und ein eher nationales Gleis propagierte.
Die alten Großparteien folgten dieser Methodik um am Jahrmarkt der Inhalte den Anschluss nicht an den populistischen Angreifer zu verlieren. Seither ist der Kampf um das Besetzen einzelner populärer Inhalte entbrannt und es etablierte sich das, was ich als liquide Ideologie bezeichne.

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Cui bono?

Ich frage mich ernsthaft, wo der Autor die letzten Jahr(zehnt)e verbracht hat. Die Krise der österreichischen Demokratie wird durch nichts so deutlich gemacht, wie durch diesen Gastkommentar, der, allem Stillstand, aller Verschwendung, aller Reformunfähigkeit zum Trotz, die "Große" Koalition fortschreiben möchte bis in alle Ewigkeit.
Das aktuelle politische System hat vielleicht in der Vergangenheit seine Rechtfertigung gehabt, aber wie deutlich muss es noch werden, damit es alle begreifen? Für die Herausforderungen der heutigen Zeit ist es gänzlich ungeeignet, ja schwerst kontraproduktiv!

Antworten Gast: Willroider
29.10.2012 14:31
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Re: Cui bono?

Es geht nicht um die Festschreibung der großen Koalition, wenn ich auch zu den wenigen zähle, die dieser Trägen Einrichtung noch etwas abgewinnen können. Es geht in diesem Kommentar rein um die Feststellung der Tatsachen, ´wobei ich zugeben muss den Pfad der empirischen Wissenschaft verlassen zu haben indem ich feststellte, dass es sich bei der Liste Stronach um eine ideologiefreie Vereinigung handelt. Vielmehr geht es hier darum eine Plutokratie zu errichten, die Werte die aus dem rechten Lager mitgebracht wurden, wurden nur auf unbestimmte Zeit ins Kämmerchen verbannt.
Eine Wertung dieser Umstände wollte ich öffentlich sicher nicht tätigen, aber ich glaube dies kann der Wähler sehr wohl selbst erledigen.

Gast: fi ha
28.10.2012 19:50
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man muss schon sehr dumm sein um sich abhängigkeit zu wünschen,

abhängigkeit von personen die man nicht kennt.
noch dazu wenn diese personen politische ziele verfolgen, die man garantiert niemals verwirklicht erleben will und die sich fundamental gegen die eigene existenz richten.

so dumm ist die mehrheit der österreichischen bevölkerung nicht (ausnahme höchstens die beamten, die mangels eigener talente und ideen meist ohne abhänggkeit nicht lebensfähig sind) und daher gibt es in unserer aktuellen situation nichts wichtigeres als den handlungsspielraum wiederherzustellen und die unabhängigkeit wiederzuerlangen.
welche parteien diesen lebensnotwendigen weg realisieren ist letztlich egal, hauptsache ist, dass es gelingt und der souverän die herrschaft wiedererlangt hat.

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