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„Wir hatten Schwein“: 50 Jahre nach der Kuba-Krise

JOSEPH S. NYE (Die Presse)

Im Oktober 1962 schlitterte die Welt nur knapp an einem Atomkrieg vorbei. Eine Analyse, warum es schließlich doch nicht so kam.

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In den vergangenen Wochen hat sich die Kuba-Krise – jene 13 Tage im Oktober 1962, an denen die Welt einem Atomkrieg vermutlich näher war als je zuvor oder danach – zum 50.Mal gejährt. US-Präsident John F. Kennedy hatte die Sowjetunion damals öffentlich davor gewarnt, Angriffsraketen auf Kuba zu stationieren. Doch der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow entschied sich, Kennedys rote Linie heimlich zu überschreiten und die Amerikaner vor vollendete Tatsachen zu stellen. Zum Ausbruch der Krise kam es, als ein amerikanisches Überwachungsflugzeug die Raketen entdeckte.

Einige von Kennedys Beratern drängten auf einen Luftschlag und einen Einmarsch in Kuba, um die Raketen zu zerstören. Kennedy machte mobil, aber er kaufte zugleich Zeit, indem er eine Seeblockade gegen Kuba verhängte. Die Krise klang ab, als die sowjetischen Schiffe mit zusätzlichen Raketen an Bord abdrehten und Chruschtschow sich bereit erklärte, die bestehenden Raketen von der Insel abzuziehen. Der damalige US-Außenminister Dean Rusk beschrieb das Geschehen so: „Wir standen uns damals Auge in Auge gegenüber, und ich glaube, die andere Seite zuckte einfach zuerst.“

 

Erstschlag wäre rational gewesen

Auf den ersten Blick war dies ein rationales, vorhersehbares Ergebnis. Die USA hatten 17 Mal so viele Atomwaffen. Die Sowjets waren waffentechnisch einfach unterlegen.

Und doch unternahmen die USA keinen Präventivangriff gegen die relativ verletzlichen sowjetischen Raketenstellungen, weil das Risiko, dass auch nur eine oder zwei sowjetische Raketen auf eine amerikanische Großstadt abgefeuert würden, groß genug war, um vor einem Erstschlag abzuschrecken. Zudem fürchtete Kennedy wie Chruschtschow, dass rationale Strategien und sorgfältige Berechnungen außer Kontrolle geraten könnten. Chruschtschow verwendete in einem seiner Schreiben an Kennedy ein eindringliches Bild dafür: „Wir und Sie sollten jetzt nicht an den Enden des Seils ziehen, in das Sie den Knoten des Krieges geknüpft haben.“

Im Jahre 1987 gehörte ich einer Forschungsgruppe an, die sich an der Universität Harvard mit den damals noch lebenden Beratern Kennedys traf, um die Krise zu studieren. Robert McNamara, Kennedys Verteidigungsminister, sagte, er sei im Laufe der Krise immer vorsichtiger geworden. Er habe die Wahrscheinlichkeit, dass die Krise zu einem Atomkrieg führen würde, auf vielleicht 1:50 geschätzt (obwohl er das Risiko als viel höher einstufte, als er in den 1990er-Jahren erfuhr, dass die Sowjets bereits Atomwaffen nach Kuba geliefert hatten).

Douglas Dillon, Kennedys Finanzminister, äußerte, seiner Meinung nach habe das Risiko eines Atomkrieges so ziemlich bei null gelegen. Es sei für ihn nicht erkennbar gewesen, wie die Lage zu einem Atomkrieg hätte eskalieren können, und er sei daher bereit gewesen, die Sowjets stärker unter Druck zu setzen und mehr Risken einzugehen als McNamara. General Maxwell Taylor, Vorsitzender der gemeinsamen Stabschefs, war ebenfalls der Überzeugung, dass die Gefahr eines Atomkriegs gering gewesen sei, und klagte, die USA hätten die Sowjetunion zu leicht davonkommen lassen. Seiner Meinung nach hätten die Amerikaner das Castro-Regime stürzen sollen.

 

Geringe Abschreckwirkung

Doch auch die Gefahr, die Kontrolle über die Situation zu verlieren, lastete schwer auf Kennedy, weshalb er eine besonnenere Position einnahm, als manche seiner Berater sich das gewünscht hätten. Die Moral von der Geschichte ist, dass selbst eine geringe atomare Abschreckung eine umfassende Wirkung haben kann.

Trotzdem bestehen nach wie vor Unklarheiten in Bezug auf die Raketenkrise, die es schwer machen, den Ausgang allein der atomaren Komponente zuzuschreiben. Der Konsens in der Öffentlichkeit war, dass die USA den Sieg davongetragen hätten. Doch wie hoch dieser Sieg ausfiel und warum sich die USA durchsetzten ist schwer zu sagen.

Es gibt, zusätzlich zur sowjetischen Ergebung gegenüber der überlegenen atomaren Feuerkraft der USA, zumindest noch zwei mögliche Erklärungen. Eine stellt die Bedeutung dessen, was für die beiden Supermächte jeweils auf dem Spiel stand, in den Mittelpunkt: Für die USA ging es im benachbarten Kuba nicht nur um mehr als für die Sowjets, sondern sie konnten zudem konventionelle Streitkräfte zum Einsatz bringen. Die Seeblockade und die Möglichkeit eines amerikanischen Einmarsches stärkten die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Abschreckung und setzten die Sowjets psychologisch unter Druck.

Die andere Erklärung stellt die Prämisse, dass die USA in der kubanischen Raketenkrise einen klaren Sieg erzielten, überhaupt infrage. Die Amerikaner hatten damals drei Alternativen: die Raketenstandorte zu bombardieren (Shoot-out), die Sowjets durch die Blockade Kubas zu überzeugen, die Raketen abzuziehen (Squeeze-out) oder den Sowjets im Gegenzug etwas zu geben, das sie wollten (Buy-out).

Die Beteiligten haben lange kaum etwas über die Buy-out-Aspekte der Lösung gesagt. Doch inzwischen aufgetauchte Belege lassen vermuten, dass die dezente Zusage der USA, ihre veralteten Raketen aus der Türkei und Italien abzuziehen, vermutlich wichtiger war als man damals dachte. (Die USA gaben zudem öffentlich die Zusicherung ab, dass sie nicht in Kuba einmarschieren würden.)

Abschließend lässt sich sagen, dass die atomare Abschreckung in der Krise eine Rolle spielte und die atomare Dimension in Kennedys Überlegungen mit Sicherheit vorkam. Aber entscheidend war weniger das atomare Bewaffnungsverhältnis als die Furcht, dass selbst einige wenige Atomwaffen eine nicht hinnehmbare Verwüstung anrichten würden.

Wie real waren diese Risken? Am 27.Oktober 1962, kurz nachdem sowjetische Truppen in Kuba ein US-Aufklärungsflugzeug abgeschossen (und dabei den Piloten getötet) hatten, verletzte ein ähnliches Flugzeug, das routinemäßig Luftaufnahmen in der Nähe von Alaska machte, unabsichtlich den sowjetischen Luftraum in Sibirien. Glücklicherweise wurde es nicht abgeschossen. Noch gravierender jedoch war, dass die sowjetischen Truppen in Kuba angewiesen worden waren, eine US-Invasion zurückzuschlagen, und dabei die Freigabe zum Einsatz ihrer taktischen Atomwaffen erhalten hatten – was die Amerikaner damals nicht wussten.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein derartiger Atomschlag rein taktisch geblieben wäre. Der amerikanische Politologe Kenneth Waltz hat kürzlich einen Artikel mit der Überschrift „Why Iran Should Get the Bomb“ veröffentlicht. Und in einer rationalen, vorhersehbaren Welt würde ein derartiges Resultat vielleicht tatsächlich für Stabilität sorgen. In der realen Welt – so legt die Kuba-Krise nahe – könnte das anders sein. McNamara hat es so formuliert: „Wir hatten Schwein.“


Via Project Syndicate. Aus dem Englischen von Jan Doolan.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Joseph S. Nye (*19.Jänner 1937 in South Orange, New Jersey) studierte Politikwissenschaften und Volkswirtschaft. 1994/95 war er stellvertretender US-Verteidigungsminister, danach Professor an der Universität Harvard. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt erschienen: „The Future of Power“. [Project Syndicate]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)

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1 Kommentare
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Schwein oder nicht Schwein, das ist hier die Frage

Die Amerikaner hätten auf Kuba gar nichts entdeckt, wenn sie nicht vom KGB-Überläufer Oleg Penkowski gewarnt worden wären. Er lieferte zudem die Hintergrundinformationen, die die amerikanische Führung benötigte, um die Krise zu meistern. Da Penkowski erwischt und hingerichtet wurde, hat er keine Memoiren verfasst. Und so kam es, dass die offizielle Geschichtsschreibung auf ihn "vergessen" hat.
Wie üblich: wer die Drecksarbeit macht und auch noch draufgeht, fällt dem Vergessen anheim, die Politiker hingegen dürfen sich mit fremden Lorbeeren schmücken.

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