24.05.2013 00:43 Merkliste 0

Fahrrad-Pendeln in die Smart City

TADEJ BREZINA (Die Presse)

Die Frage nach dem Radfahren sollte kein Sommerlochthema bleiben: Konsequent verfolgt könnte sie viele Verkehrsprobleme Wiens und des Umlandes lösen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Sommer ist vorbei und somit auch das alljährliche Sommerlochthema, das heuer durch Beiträge von Häupl und Stenzel eine erhöhte Aufmerksamkeit bekommen hat: Radfahrer als Adressaten urbanen Unmuts. Es ist Herbst und man kann wieder leichter kühlen Kopf bewahren – sowohl beim Radeln als auch bei den verkehrspolitischen Debatten. Obwohl vereinzelte Bezirksvorsteherinnen mit grotesken Baumschutzvorschlägen beharrlich an einer Prolongation arbeiten.

So hat der Radverkehrsbeauftragte Martin Blum in der „Presse“ vom 23.Juli (Seite7) die Notwendigkeit von hochrangigen Radverkehrsverbindungen in Wien angesprochen und auch angeregt, solche Verbindungen ins städtische Umland hinaus weiterzudenken. Am 15.Oktober haben Studierende der Raumplanung von der TU Wien im Fahrradhaus ihre Planungen für solche Radschnellrouten durch Wien präsentiert. Und im Wintersemester werden Architektur-, Raumplanungs- und Bauingenieurstudierende Entwürfe zum verlängerten Radschnellweg Wiental erarbeiten.

Entgegen so mancher festgefahrenen Meinung: Ja, das Arbeitspendeln auch über innerstädtische Distanzen hinaus ist bei Weitem kein Ding der Unmöglichkeit. Dass regelmäßige, leichte sportliche Betätigung wie Radfahren der Gesundheit des Homo sapiens urbanis gut tut, ist hinlänglich bekannt. Aber Radinfrastruktur entlastet auch die restliche Infrastruktur, sie ist platzsparender und effizienter als Autoinfrastruktur – sowohl beim Fahren als auch beim Abstellen.

 

Frage der Lebensqualität

Internationale Beispiele hochrangiger Radschnellwege wie in Holland und Kopenhagen und seit Neuestem auch in London (Cycle Superhighways) zeigen, dass auch längere Arbeitswege mit dem Rad zurückgelegt werden können. Diesen internationalen Mobilitätstrend sollte Wien als „Smart City“ mit den immer wieder hohen Lebensqualitäts-Rankings nicht verschlafen! Selbst in Österreich gibt es Herzeigebeispiele. So werden im dicht besiedelten Rheintal prioritäre Radverkehrsverbindungen geplant und angelegt.

Im Gegensatz zur bisher üblichen Praxis, dem Radverkehr lediglich Restflächen zuzuweisen, ist es am Übergang zu einem nachhaltigen städtischen Verkehrssystem wichtig, dem Radverkehr ausreichend breite Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen. Aber auch eine Verringerung der Wartezeiten für den Radverkehr ist notwendig. Gemäß den deutschen Richtlinien gilt, je hochrangiger die Radverbindung, desto weniger Wartezeiten pro km werden akzeptiert.

Nicht immer sind reine Infrastruktur-Baumaßnahmen notwendig – auch eine Verkehrsorganisation 2.0 ist notwendig: Die Smart City Wien sollte vermehrt auf intelligente Ampelschaltungen setzen. Insbesondere das Thema der optimalen Koordinierung von Ampeln sollte angesprochen werden. Grüne Wellen für Radverkehr mit circa 20 km/h sind absolut spruchreife Maßnahmen, da die durchschnittliche Geschwindigkeit im städtischen Autoverkehr ja auch kaum höher ist.

Und der neue Trend der E-Mobilität setzt sich in Form von E-Bikes auf zwei Rädern sinnvoll fort. E-Fahrräder agieren als Range-Extender gegenüber regulären Fahrrädern und ermöglichen es so, ein großes Potential innerhalb der Umland-Wien-Pendler anzusprechen. Distanzen bis zu 20 km scheinen aus heutiger Sicht als anstrebbare Perspektive.

Wie in aktuellen Forschungsprojekten (z.B. suburbia:bike:city) gezeigt wurde, stellt das Fahrrad als Mittel für Verkehrsbedürfnisse in das Umland von Großstädten eine zukunftsfähige, kostengünstige Variante dar.


Tadej Brezina, Jahrgang 1976, erforscht menschliche Mobilität, plant und lehrt nachhaltige Formen des Verkehrs an der TU Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

7 Kommentare
Gast: Andreas P.
04.11.2012 19:09
2 0

Wir bleiben ein Randgruppe

Obwohl wir immer mehr werden, bleiben wir leider eine Randgruppe. Die Verkehrsplaner richten alles auf den Autoverkehr aus.

Wenn ich von Penzing/Hadersdorf nach Simmering/Alberner Hafen mit dem Rad zur Arbeit fahre, stehe ich bei einigen Ampeln, z.B. Wassergasse im 3ten Bezirk gute 4-5 Minuten, bis die Fussgängerampel grün wird, der Verkehr in Richtung A4 kann eigentlich fast ungehindert fliessen. Es gibt noch einige weitere Ampeln am Weg, wo ich mir denke, dass eine andere Schaltung von Vorteil für Fussgänger und Radfahrer wäre.

Alleine die Ampeln kosten mich gute 15 Minuten, das heißt, ich verliere täglich 30 Minuten nur durch Warten an Ampeln. Es werden jetzt sicher einige Autofahrer sagen, das Problem haben wir auch, aber ich verpeste beim Ampelwarten nicht die oft gepriesene gute Wiener Luft, die bei dem Verkehr immer dicker wird.

Und wenn ich doch einmal eine Ampel bei rot überfahren sollte, was eher selten vorkommt, kommt gleich ein "sch..... Radlfahrer", haltets euch gefälligst an die Regeln, die übrigens auch für Autofahrer und Fussgänger gelten...

Und an alle Autofahrer - haltet gefälligst den Seitenabstand zu einspurigen Fahrzeugen ein, es ist manchmal kriminell, wie knapp überholt wird.


0 1

Re: Wir bleiben ein Randgruppe

wie man an den "argumenten" weiter unten sieht ist aber der militante autofahrer nicht mal in der lage zu sehen welche vorteile er durch mehr fahrrdfahrer hat: weniger verparkte straßen, entlasteter verkehr, mehr stellplätze. autofahren ist aber in etwa so rational wie zigarettenrauchen und sinnvolle argumente verfangen da nicht. ein typ da unten ist sogar gegen verbesserte ampelschaltungen für radler. er möchte vermutlich dass die radler genauso langsam sind wie die überdimensionierten stinkekisten.

Man sollte nach Finnland schauen, um zu sehen, wie es geht!

Vor 3 Monaten machte ich einen Besuch in einer sehr schönen Wohnanlage in einem Vorort von Helsinki. Schöne Wohnungen, viele Grünanlagen, Autos, die zum Ein- oder Aussteigen in den Straßen stehen aber nichts ist verparkt. Auf meine Frage erfuhr ich, dass es unter den Grünanlagen eine Tiefgarage für mindestens 700 Autos gibt, wo die Bewohner ihre Fahrzeuge sicher und vor den Witterungsunbillen gut geschützt abstellen können, ohne Parkplätze suchen zu müssen und ohne irgendjemand optisch zu stören.

Das ist die Zukunft des Individualverkehrs und nicht der Versuch, die Menschen in die Zeit zurückzukatapultieren, wo man die gigantischen Vorteile, die die Verfügbarkeit eines Autos bringt, nicht bieten konnte!

Das Fahrrad war vor 100 Jahren ein Fortschritt, heute ist es nur in Einzelfällen eine gute Alternative!

Wer schwer arbeiten muss, kann nicht noch unnötig Kräfte für das Radfahren erübrigen und wer sein Geld nicht mit schwerer Arbeit verdient, muss ordentlich gekleidet sein, womit Radfahren nicht möglich ist.

Wichtig sind auch die Transporte, die man früher nur mit dem Handwagen, eher aber gar nicht erledigen konnte und die heute mit dem Auto effizient erledigt werden können.

Absurd ist auch der Vorwurf der Autofeinde, dass viele Fahrten nur für wenige Kilometer gemacht werden. Man kauft eben nicht mehr mehrmals täglich in kleinen tragbaren Mengen ein, sondern fährt zeitsparend zum Supermarkt um einen Vorrat für mehrere Tage zu besorgen!

Das Fahrrad ist oft unpassend!

Gast: Martin_S
01.11.2012 21:39
2 2

Der

sollte mal lieber Deutsch lernen, in jedem Satz kommt "Smart" vor.

2 2

Re: Der

Er hat inhaltlich recht. Da kann er "Smart" schreiben soviel er will.

Gast: Gast: Leser
01.11.2012 21:17
3 2

Winterverkehr

Besonders effizient ist wohl der Winterradverkehr: bei Minusgraden, Schnee und Eis sind bekanntlich besonders viele Radfahrer unterwegs, daher sollten natürlich alle Verkehrsmaßnahmen und Ampelschaltungen ständig und endgültig ausschließlich auf den Radverkehr eingestellt werden.

1 0

Re: Winterverkehr

Nun, das ist vor allem eine Frage der Räumung. In Kopenhagen zum Beispiel werden Radwege geräumt, bevor die restlichen Fahrbahnen dran kommen.

http://www.copenhagenize.com/2011/01/cycling-in-winter-in-copenhagen.html

Aber auch in Wien ist Winterradeln keine Seltenheit, angeblich sind die Nutzungszahlen nur um einen Prozentpunkt niedriger als an durchschnittlichen Sommertagen.

Also ich persönlich störe mich an Minustemperaturen nicht (das grössere Problem ist eigentlich das Schwitzen durch die dicke Kleidung). Schnee muss allerdings nicht sein, aber die Anzahl der Tage an denen wirklich Schnee liegt ist in Wien ja sehr gering (meist 1-2 Wochen pro Winter).

Was ich übrigens (auch als ich noch ein Auto zur Verfügung hatte) nie verstanden hab, warum jemand bei Schnee mit dem Auto unterwegs sein will ... Da fahr ich doch lieber mit den Öffis! Oder geh gleich zu Fuss, wenn eh alles darnieder liegt ;)

Plepe.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News