19.05.2013 13:18 Merkliste 0

Abschaumschläger: Über Gebühr strapaziert

KARL WEIDINGER (Die Presse)

Die Haushaltsabgabe wird kommen, obwohl vieles im Öffentlich-Rechtlichen die Bezeichnung Abschaum verdient.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Pack schlägt sich. Pack verträgt sich. Schon bald – man wird sehen. Nicht einmal auf der „allwissenden Müllhalde“ konnte man der Attacke entgehen. Summa summarum sind es über 3Millionen Klicks auf YouTube im Internet. Die Affäre Sido gegen Heinzl gibt tiefe Einblicke. „Deine Mutter ist 'ne Hure“, plärrte der Rapper, der laut Biografie seinen Vater nie gekannt hat. Wenig später erfolgte der Niederschlag. „Opfer“ ist auch ein beliebtes Schimpfwort bei jenen Tätern, die gern in der Selbststigmatisierung Zuflucht suchen.

Auffällig nach der Attacke von Paul Würdig vulgo Sido an Karl H. (mit „Künstlernamen“ Dominic) ist, wie rasch viele Bohemiens ihren intellektuellen Anstrich verloren haben. Im Normalfall blicken diese, auf ihren Bobo-Inseln lebend, vom moralisch höheren Standpunkt verächtlich auf den Pöbel herab.

Jaja, dünn ist die Decke der Zivilisation, und lustig ist das Verbrecherleben, faria. Es scheint, als wäre ein Kriminellendasein von Vorteil. Den Rüpelrappern wird alles nachgesehen, auch gewaltverherrlichende Demütigungssongs unter Einbeziehung des Analverkehrs zwecks Erniedrigung. Aber wehe, ein normaler Mensch würde dieser Spezies ihr kontinuierliches, fortgesetztes Verhalten vorwerfen, frage nicht. Diskriminierung mindestens!

 

Getarnte Heuchler

Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen Auftrag zur Bildung, der bis zur (Um-)Erziehung reicht. Neben dem Griff in die prall gefüllte Inseratenkiste für willfährige Printmedien dürstet es die Mediokraten nach der lückenlosen Steuer. Sobald diese Schleuse sich öffnet, wird ein ganzes Land in Geiselhaft genommen.

ORF-General Alexander Wrabetz erwartet bis 2016 die Einführung der Zwangsabgabe. Ganz egal, ob Sendungen empfangen werden können oder nicht. Ob Radio und Fernsehen im Heim vorhanden sind, ist egal, Handy und Computer sind ausreichend. Gut, dann müsste ich für die BBC oder den ARD ebenso zahlen. Und wofür?

„Die Rundfunkgebühr in Deutschland liegt bereinigt heute ca. 20 Prozent höher als zum Beginn der Einführung im Jahr 1953. Im Vergleich zu den 1980er-Jahren sind die Gebühren real sogar um 40 Prozent gestiegen“, schreibt die freie, also nicht zwangsfinanzierte, Wikipedia.

Jedoch hätte der ORF die digitale Umstellung dazu nutzen können die Übertragungen zu verschlüsseln. Das wurde bewusst unterlassen, da sonst der Kunde die Wahl- und Entscheidungsfreiheit hätte, auf die öffentlich-rechtlichen Angebote zu verzichten.

Nach Beschwerde der Privatsender wurde amtlich festgestellt, dass der ORF von Jänner 2010 bis August 2011 kein ausgewogenes Gesamtprogramm abgeliefert und somit gegen das ORF-Gesetz und den öffentlich-rechtlichen Kernauftrag verstoßen habe. Die Komm-Behörde stellte fest, dass der ORF seinem Auftrag in erschreckend geringem Maße nachkommt. Wen wundert das, wenn der Sender sich als Abspielstation von US-Serien sieht. Meine hochbetagte Mutter, die selbstverständlich Gebühren zahlt, versteht am ORFeins-Serienmontag nur Bahnhof: Jeder Titel zur Primetime ist auf Englisch.

 

Die spinnen, die Briten

Ein Klima der Verherrlichung von fragwürdigen TV-Ikonen bescherte der BBC einen Skandal allererster Güte. Eine Ikone des Gutmenschentums, Jimmy Savile, verging sich an Minderjährigen, die ihm zugeführt wurden. Und das Erschütternde daran: Viele müssen davon gewusst – und geschwiegen – haben. Der Skandal hat Saviles ehemaligen Arbeitgeber in die „schlimmste Krise seit 50 Jahren gestürzt“, so ein renommierter BBC-Veteran.

TV-Star Savile stellte in einem Behindertenheim sogar sein eigenes Bett auf. Die Schwestern sollen die Kinder vorgewarnt und empfohlen haben, sich schlafend zu stellen, wenn der Star nachts auf Opfersuche durch die Schlafsäle strolchte. Das geht nur in einer Zwangsinstitution, die den Mächtigen den Hintern küsst, ihren Kunden dagegen missachtet.

 

Wir sind Bildungsauftrag

„Sheeple“ ist eine Verschmelzung der Bezeichnung für Schafe (sheep) und Leute (people). Der Ausdruck steht für das herdenhafte Erdulden von unbotmäßigen Situationen, aufgebürdet von der Obrigkeit.

Man wird sehen, ob es im Jahre 2013 in Deutschland zum angekündigten Widerstand gegen die „Haushaltsabgabe“ kommen wird. „Deutsche Revolutionäre könnten nie einen Bahnhof besetzen, ohne vorher Fahrkarten zu lösen“, spöttelte Lenin.

Dann wird man sehen, wie ernst es den Sympathisanten von „Pussy Riot“ ist. Wenn es nämlich um das eigene Fell geht, das einem über die Ohren gezogen werden könnte.

 

Intelligenz-Massenvernichtung

TV-Geräte sind Massenvernichtungswaffen der Intelligenz: Ein Blick auf das Frauenbild ist aufschlussreich. In den „Trottelzuchtanstalten“ der Privaten geht noch mehr ab.

Die Ergüsse auf ATV sind fallweise eine Causa für den Menschenrechtsgerichtshof. Wegen zahlreicher ungeahndeter Verstöße gegen die Menschenwürde, Aufforderung zu mit Strafe bedrohten Taten, Ermunterung zur Körperverletzung, unterlassene Hilfeleistung etc.

Die Öffentlich-Rechtlichen versuchen in diesem Limbo des schlechten Geschmacks das Niveau der Privaten zu unterbieten. Solche Leistungen langen ungefragt bei mir ein, es besteht kein Liefervertrag dazu. Akustische und visuelle Umweltverpestungen. Belästigungen in Bild und Ton, als Krawall und Lärm, mit Wort und Werk. Und während ein „Juror“ in einer Produktion wie „Die große Chance“ kolportierte 12.000 Euro erhält, müssen die freien Mitarbeiter darben, die Qualität auf dem ehrenwerten Kulturkanal Ö1 abliefern.

 

Empört Euch!

Apropos Qualität: Vor Jahren waren meine Werke Maturathema für Deutsch und Literaturkunde. Beim Stadtschulrat für Wien fragte ich nach Abgeltung meiner Leistungen als Schriftsteller. Immerhin ging es um meine geistigen Elaborate, an denen ich jahrelang und entbehrungsreich gearbeitet hatte. Der Stadtschulrat erwiderte, dass es eine große Auszeichnung und Ehre bedeute, als Maturathema auserwählt zu sein, das müsse genügen.

Nun denn (Epilog): Für die Öffentlich-Rechtlichen mag es auch eine Ehre sein. Aber sollte die Haushaltsabgabe kommen – und sie wird kommen (SPÖVP haben sich schon zugunsten ihres Manipulationswerkzeugs festgelegt) –, dann mache ich es wie einst Generalintendant Gerd Bacher.

Nachdem er auf Seite 20 meines ihm unverlangt zugesandten Buches den Erlagschein entdeckte, schickte er mein Buch zurück. Er habe definitiv nix bei mir bestellt, ließ das Sekretariat ausrichten.

Stimmt. Man kann vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch was lernen!


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Karl Weidinger(*1962) lebt als Schriftsteller in Wien und im Burgenland. Sein Anliegen ist die Gesellschaftskritik. Hauptwerke: „Der Missbrauch des aufrechten Ganges“ (1993), „Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs“ (2003), „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ (2007), Androkles Verlag. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

8 Kommentare
Gast: Gebührenzahler
04.11.2012 17:23
1 0

ORF lehrt : Gewalt macht sich bezahlt !

Als Gebührenzahler habe ich jedenfalls nicht nur den Verdacht sondern die oftmalige Bestätigung dass der ORF ein linker Propagandasender ist der seinem Auftrag zur ausgewogenen Bericht-, Meinungserstattung nicht gerecht wird.

Da er weiter mit Niveaulosigkeiten unterster Schublade (iü Stronach wurde so Rassimus vorgeworfen) und Drogen verherrlichenden gewalttätigem "Künstler" der Migrantenmachosprüche "deine Mutter eine Hure" bildungsfernen Jugendlichen zeigt, dass sich schlechter Umgangston und Gewalt sehr gut bezahlt machen wären der Gründe mehr für unsere Politiker den ORF sofort zu privatisieren um diesen Freunderlstall auszumisten.

Es ist einfach unvorstellbar dass man so eine Unkultur finanzieren MUSS (Sidos,Stermanns ... hoch bezahlen muss) nur weil man ein Fernsehgerät besitzt!

Wann wachen die politisch Verantwortlichen endlich auf? Erst wenn sie selber im Studio eine aufgelegt bekommen? Dürfen die Zwangsgebührenzahler auch mal hinlangen?

Gast: Knut Ogris
02.11.2012 16:17
0 0

Auch die ORF Leistungen müssen diskutiert werden

http://www.agdok.de/de_DE/news/153738/hpg_detail

Das - im obigen LINK angesprochene - sollten wir auch mal durchdenken, was die AG Dok hier andenkt und zur Diskussion stellt! Haushaltsabgabe gibt es nicht nur für ORF und seine manchmal zurecht absonderlich zu bezeichnende Programgestaltung - sondern für das was es noch gibt, im denkmöglichen.

@Knut Ogris: durchdenken. andenken. denkmöglich


ich hab´s durchdenkend versucht, aber ich erfasse nicht, was sie sich dabei dachten, als sie zusammenfassend und abschliessend schrieben:
"...sondern für das was es noch gibt, im denkmöglichen."

Gast: NocheinParteiloser
01.11.2012 23:01
2 0

Zwangsabgaben für den ORF sind Menschenrechtswidrig!

Nach der EU Grundrechtscharta steht jedem Menschen prinzipiell die Verfügungsgewalt über sein Vermögen und sein Einkommen zu. Staatliche Eingriffe, also Zwangsabgaben, sind nur soweit zulässig wie es die Aufrechterhaltung der Staatlichkeit erfordert. Zwangsabgaben für den ORF erfüllen mit Sicherheit die Voraussetzung dafür nicht!

Die Ambitionen dazu sind also Ambitionen für ein schweres Vergehen gehen die Menschengrundrechte.

Die aktuelle Vorgangsweise ist auch ein Vergehen gegen die Menschengrundrechte, die Grausigen haben sich also schon an diese Vorgangsweise gewöhnt.

Dass dann auch die Zwangsabgaben für den ORF dazu verwendet werden um den eigenen ORF Bonzen herrliche "Betriebspensionen" zukommen zu lassen, das zeigt doch das Grausame der gewählten Vorgangsweise.

2 0

Wer sollte sich denn empören, Herr Weidinger?

Dieser von ihnen geforderten Empörung mangelt es an einer bemerkbaren Mehrheit!

Re: Wer sollte sich denn empören?


ich denke, es existiert eine große schweigende Mehrheit, der Karl Weidinger hier aus der Seele gesprochen hat, leider eine schweigende.

Diese Mehrheit sollte beginnen, ihre Stimme zu erheben.

2 0

Re: Re: Wer sollte sich denn empören?

Können Sie sich vorstellen wie so ein Sprecher niedergeprügelt wird?
Die Medienlandschaft ist mehr als vernetzt. Es ist wie bei den Schwammerln. Ein gigantisches Mycel aus Beziehungen und Abhängigkeiten hat sich in der Gesellschaft ausgebreitet. Die Fäden sind in das Substrat von Politik, Gesetzgebung usw. hineingewachsen und zersetzen es und beziehen daraus ihre Energie.

Ein kleiner Fehler...

.... sei auch Herrn Weidinger, von dem leider viel zu wenig in der "Presse" zu lesen ist, auch gestattet: die Qualität auf dem ehrenwerten Kulturkanal Ö1 ist leider rapid im Schwinden begriffen.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News