Maya hin, Maya her...

Weltuntergang 2012: Schon am morgigen Samstag werden wir erkennen, worauf es wirklich ankommt im Leben. Werden wir das?

Die Frage nach der Rolle, die die Dummheit in der Schöpfungsgeschichte zu spielen hat, ist durchaus berechtigt. Sie kann kaum erschöpfend erörtert werden. Der für heute prophezeite „Weltuntergang“ verleiht ihr wieder einmal unmittelbare Aktualität. Übrigens: Wann genau ist eigentlich „heute“? Da die Erde rund ist, gibt es ja eine offizielle Datumsgrenze? Maya hin, Maya her, so mancher mag mit dem Gedanken liebäugeln, dass vielleicht doch etwas dran sein könnte.

Immerhin scheinen Hurrikans und Tsunamis in letzter Zeit eher gehäuft aufzutreten, ähnliche Phänomene werden auch in der Bibel als Zeichen für das Herannahen der letzten Zeiten beschrieben. Wer diesen entkommen möchte, den zieht es dieser Tage in ein kleines französisches Dorf in den Pyrenäen namens Bugarach, das einer weiteren Vorhersage zufolge das Schicksal des restlichen Planeten nicht teilen soll. Zigtausende Weltuntergangsflüchtlinge aus aller Welt strömen bereits zusammen, die Immobilienpreise in der Gegend erreichen Höchststände, die französische Polizei hat den Zugang zu dem Dorf für drei Tage abgeriegelt. Angesichts solcher „Logik“ hat die Dummheit schon fast wieder so etwas wie Charme.

Na ja. Morgen werden wir es definitiv besser wissen, so gesehen haben solche „Prophezeiungen“ vielleicht auch ihr Gutes: Dummheit und Leichtgläubigkeit werden eindeutig entlarvt, und so mancher traut sich dann vielleicht auch klar zu sagen: „Der Kaiser ist nackt!“

 

Wem die Prophezeiungen nützen

Wird es so sein? Mitnichten! Es wird weiterhin Prophezeiungen aller Art geben, denn es gibt immer jemanden, dem sie nützen. Meistens sind das deren Urheber. Aber abgesehen vom mittlerweile sattsam bekannten Phänomen der Selffulfilling Prophecy, dem wir die immer noch andauernde „Krise“ zu verdanken haben, illustriert der nicht eintretende Weltuntergang noch ein anderes, oft übersehenes Phänomen eindrucksvoll: Unser Bewusstsein täuscht uns!

Es hat die fatale Eigenschaft, unerfreuliche Ereignisse und Tatsachen wesentlich schärfer wahr-zunehmen als all das Wunderbare, das hier und jetzt und überall existiert und funktioniert und Voraussetzung für das größte Wunder selbst – das Leben – ist. Keine Frage, Leid, Schmerz, Ungerechtigkeit, Tod und was uns sonst noch alles die Lebensfreude vermiest, sind Tatsachen. Die perverse menschliche Lust an der Katastrophe lässt diese Dinge aber um ein Vielfaches bedeutender erscheinen, als sie sind. Ohne diese Lust gäbe es wohl weder „Bild“ noch „Kronen Zeitung“.

In Wahrheit aber umgibt uns unendlich viel Gutes und Schönes, die nur die Gewohnheit uninteressant erscheinen lässt. Dabei beschreiben Schlagzeilen doch stets nur die Ausnahme! Was interessiert den Fisch das Wasser? Erst wenn er in der Luft am Angelhaken hängt, mag es ihm dämmern, dass das Wasser auch seine guten Seiten haben mochte...

Mit dem „Weltuntergang“ aber haben die Unheilspropheten nun doch etwas tief in den Farbtopf gegriffen, und darin besteht eine Riesenchance: Schon morgen, dem Tag eins „danach“, werden wir erkennen, worauf es wirklich ankommt im Leben. Werden wir das?

Martin Ploderer ist Schauspieler und freier Kulturschaffender.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2012)

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