Der Event-Kult ist in Wien zu einem auffälligen Phänomen geworden. Die Wiener Parks und Plätze sind keine Orte des Müßigganges und der Erholung mehr, längst gilt heute überall: Wo Platz ist, soll Event werden. Dies betrifft vor allem die innerstädtischen Räume, sie sind die bevorzugten Event Locations.
Der Rathausplatz, der Heldenplatz und all die anderen berühmten historischen Freiräume der City sind nicht mehr jene bedeutungsvollen und herzeigbaren Areale der Weltstadt Wien, als die sie einmal entworfen wurden. Ihre Ursprünglichkeit besitzen sie nur noch auf Ansichtskarten und in Wien-Führern.
Wo früher Gediegenheit und gelassene Pracht herrschten, regieren heute Bierzeltmusik und Lautsprechertürme. Über Riesenleinwände flimmern hektische Bilder und diverse Standeln und Punschhütten bemühen sich um die Wette, die Originalsicht auf historische Plätze und Bauwerke zu verstellen. Meist gelingt ihnen das auch.
Einst haben weltbekannte Architekten und Stadtplaner den alten Plätzen eine repräsentative und raumschaffende, jedenfalls aber besondere Funktion zugedacht. Diese historische Bestimmung wird nun durch den „Eventismus“ kontinuierlich zerstört.
Gefragt wurde bisher niemand
Der Rathauspark beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert als Erholungsort konzipiert. Er sollte eine Ruhezone werden, die auf dem Areal des militärisch genutzten Glacis einen Kontrapunkt zur ursprünglichen kriegerischen Bestimmung bilden sollte. Die Wiener sollten dort lustwandeln und ihren Frieden haben.
Ein kontemplativer Spaziergang ist aber heute weder auf dem Rathausplatz noch im gleichnamigen Park möglich, denn das Areal wird mittlerweile als zentrales Event-Gelände nahezu ganzjährig missbraucht. Zugegeben, vielen Bürgern gefällt dieser öffentlich gelebte „Eventismus“. Vielen anderen aber ist er ein Graus. Gefragt wurde in unseren angeblich so demokratischen Zeiten jedenfalls noch niemand, ob er mit dieser speziellen Nutzung des öffentlichen Raumes einverstanden ist.
Die Spiele kommen zum Volk
Wozu auch? Die Wirtschaft, vor allem die Gastronomie, ist froh über den Event-Wahn, die Parteien nützen den Trend für politisch unterlegte Happenings. Berechtigte Kritik verhallt meist ungehört.
Freilich, städtische Plätze waren niemals nur kultivierte Orte der Muße, sondern immer auch Stätten volksverbundener Veranstaltungen. Früher hießen diese Events eben Volksfest, Kirtag oder Jahrmarkt. Der Unterschied zur heutigen Event-Kultur besteht darin, dass für die traditionellen Veranstaltungen streng definierte kurze Zeiten und eigens dafür zugewiesene Räume existierten. Weder der Rathausplatz noch der Heldenplatz wurden für Volksfeste und dergleichen geschaffen.
Brot und Spiele, das will das Volk seit den Zeiten des alten Rom. Ging das Volk früher zu den Spielen, so kommen die Spiele heute zum Volk. Die Stadt wird zum Circus Maximus und das Kolosseum ist ab nun die City. Wir erleben somit die endgültige Eroberung des städtisch-bürgerlichen Raumes durch die Massen. Manche sagen auch Demokratisierung dazu.
Schade ist es aber auf jeden Fall, wenn geschichtsträchtige Plätze im Taumel der Events stetig an ursprünglichem Charakter verlieren. Gerade in einer Zeit, in der alle Welt über Lärm, Hektik, Multitasking und ähnliche stressende Erscheinungen klagt, wäre es doch schön und nahezu avantgardistisch, würde die Weltstadt Wien dem grassierenden „Eventismus“ eine klare Absage erteilen und der Ruhe mehr Platz einräumen.
Prim. Dr. Marcus Franz ist ärztlicher Direktor des Hartmannspitals, Vorstand der internen Abteilung.
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