26.05.2013 04:57 Merkliste 0

Wien im Wahn: Die zerstörerische Kraft des Eventismus

VON MARCUS FRANZ (Die Presse)

Die Stadt als Circus Maximus: Wir erleben die endgültige Eroberung des städtisch-bürgerlichen Raumes durch die Massen.

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Der Event-Kult ist in Wien zu einem auffälligen Phänomen geworden. Die Wiener Parks und Plätze sind keine Orte des Müßigganges und der Erholung mehr, längst gilt heute überall: Wo Platz ist, soll Event werden. Dies betrifft vor allem die innerstädtischen Räume, sie sind die bevorzugten Event Locations.

Der Rathausplatz, der Heldenplatz und all die anderen berühmten historischen Freiräume der City sind nicht mehr jene bedeutungsvollen und herzeigbaren Areale der Weltstadt Wien, als die sie einmal entworfen wurden. Ihre Ursprünglichkeit besitzen sie nur noch auf Ansichtskarten und in Wien-Führern.

Wo früher Gediegenheit und gelassene Pracht herrschten, regieren heute Bierzeltmusik und Lautsprechertürme. Über Riesenleinwände flimmern hektische Bilder und diverse Standeln  und Punschhütten bemühen sich um die Wette, die Originalsicht auf historische Plätze und Bauwerke zu verstellen. Meist gelingt ihnen das auch.
Einst haben weltbekannte Architekten und Stadtplaner den alten Plätzen eine repräsentative und raumschaffende, jedenfalls aber besondere Funktion zugedacht. Diese historische Bestimmung wird nun durch den „Eventismus“ kontinuierlich zerstört.

Gefragt wurde bisher niemand


Der Rathauspark beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert als Erholungsort konzipiert. Er sollte eine Ruhezone werden, die auf dem Areal des militärisch genutzten Glacis einen Kontrapunkt zur ursprünglichen kriegerischen Bestimmung bilden sollte. Die Wiener sollten dort lustwandeln und ihren Frieden haben.

Ein kontemplativer Spaziergang ist aber heute weder auf dem Rathausplatz noch im gleichnamigen Park möglich, denn das Areal wird mittlerweile als zentrales Event-Gelände nahezu ganzjährig missbraucht. Zugegeben, vielen Bürgern gefällt dieser öffentlich gelebte „Eventismus“. Vielen anderen aber ist er ein Graus. Gefragt wurde in unseren angeblich so demokratischen Zeiten jedenfalls noch niemand, ob er mit dieser speziellen Nutzung des öffentlichen Raumes einverstanden ist.

Die Spiele kommen zum Volk


Wozu auch? Die Wirtschaft, vor allem die Gastronomie, ist froh über den Event-Wahn, die Parteien nützen den Trend für politisch unterlegte Happenings. Berechtigte Kritik verhallt meist ungehört.
Freilich, städtische Plätze waren niemals nur kultivierte Orte der Muße, sondern immer auch Stätten volksverbundener Veranstaltungen. Früher hießen diese Events eben Volksfest, Kirtag oder Jahrmarkt. Der Unterschied zur heutigen Event-Kultur besteht darin, dass für die traditionellen Veranstaltungen streng definierte kurze Zeiten und eigens dafür zugewiesene Räume existierten. Weder der Rathausplatz noch der Heldenplatz wurden für Volksfeste und dergleichen geschaffen.

Brot und Spiele, das will das Volk seit den Zeiten des alten Rom. Ging das Volk früher zu den Spielen, so kommen die Spiele heute zum Volk. Die Stadt wird zum Circus Maximus und das Kolosseum ist ab nun die City. Wir erleben somit die endgültige Eroberung des städtisch-bürgerlichen Raumes durch die Massen. Manche sagen auch Demokratisierung dazu.

Schade ist es aber auf jeden Fall, wenn geschichtsträchtige Plätze im Taumel der Events stetig an ursprünglichem Charakter verlieren. Gerade in einer Zeit, in der alle Welt über Lärm, Hektik, Multitasking und ähnliche stressende Erscheinungen klagt, wäre es doch schön und nahezu avantgardistisch, würde die Weltstadt Wien dem grassierenden „Eventismus“ eine klare Absage erteilen und der Ruhe mehr Platz einräumen.

Prim. Dr. Marcus Franz ist ärztlicher Direktor des Hartmannspitals, Vorstand der internen Abteilung.

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10 Kommentare

Brot und Spiele

Vom Donauinselfest über den Christkindlmarkt zum Eistraum …. als Höhepunkt von Gier und Kulturlosigkeit: Der ALBTRAUM - die Vernichtung des Wiener Jugendstilensembles Otto-Wagner-Areal am Steinhof!

Im Ostteil kann man bereits den Beton-gewordenen Höhepunkt des Total-Versagens von Bürgermeister, Vizebürgermeisterin, Kulturministerin, Bundesdenkmalamt, Kultur-Stadtrat, Kultursprechern, MA19, MA21 klar erkennen: Der gigantische Hotelkomplex mit Panorama-Hallenbad der VAMED, in seiner Scheußlichkeit nicht mehr zu toppen, wurde binnen Jahresfrist innerhalb des denkmalgeschützten Steinhof-Areals, neben der Totenkapelle, neben den Pavillons, „hochgezogen“, die denkmalgeschützte Steinhofmauer an mehreren Stellen niedergerissen – die berühmte „Goldene Kuppel“ der Steinhofkirche ist vom Osten nicht mehr zu sehen, sie wird von diesem Monsterbau verdeckt!

http://www.steinhof-erhalten.at/bauvorhaben_vamed.html

Die zuständigen Politiker investieren unser abgepreßtes Steuergeld lieber in Events zur Ruhigstellung der Massen, Herr Bürgermeister schweigen, die Medien warten auf lukrative Wahl-Inserate und werden sich hüten, die Parteien und Politiker zu vergrämen und womöglich leer auszugehen!
Mittlerweile wird unser aller Kulturgut verhökert, das Otto-Wagner-Spital, der „Spiegelgrund“ der Nazi-Zeit, wird verschandelt und vernichtet – Vergangenheitsbewältigung durch Beton, Jux&Tollerei auf Gedenkstätten und Denkmälern?

Die Spektakel am Rathausplatz

gehen mir vor allem auf die Nerven. Es sind nur ganz wenige Tage, an welchen man das Burgtheater auf der einen und das Rathaus auf der anderen Seite ungehindert bewundern kann. Wenn die aufgebauten "Platzfüller" schön wären. Das sind sie aber nicht. Es sieht immer schauderhaft improvisiert aus. Werbung freilich vermisst man selten.
Dieser Trubel zeugt kaum von Geschmack und Kunstsinn. Was will man aber vom roten Wien. Hier regiert die Mittelmäßigkeit.
Apropos Platz: Am OWS-Gelände gibt es angeblich so viel Platz, sodass der Ostteil neu "verwertet" werden muss. So nennt die Stadtregierung das auf elegante Art und Weise, wenn das wunderschöne Jugendstilensemble Otto Wagners mit einem seelenlosen Null acht Fünfzehn Monster, das in allergrößter Eile - auch mit Wochenendarbeit - aus dem Boden gestampft worden ist. Nach dem Geschmack Rot-Grün hätten noch weitere 420 Wohnungen Platz. Diese werden die Bürgerinitiativen
hoffentlich zu verhindern wissen. Diese Ungetüme würden dann für immer auf diesem Platz stehen. Der Rathausplatz ist wenigstens hin und wieder "leer". Wer das verhindern will, ist herzlichst eingeladen unter
www.steinhof-erhalten.at
zwei Petition online zu unterschreiben.

Korrektur

....mit einem seelenlosen Null Acht Fünfzehn Monster, das in allergrößter Eile - auch mit Wochenendarbeit aus dem Boden gestampft - bedrängt wird.

Re: Die Spektakel am Rathausplatz und andere Ablenkungsmanöver für die Massen

Steinhof ist unser Familiensilber, die Kronjuwelen, dieses Meisterwerk des Jugendstils, um das uns wg. seiner Größe und Geschlossenheit die Kulturwelt beneidet – das gehört nicht mehr uns, sondern den Privatschatullen von Politgünstlingen?

http://www.aktion21.at/themen/index.html?menu=183

http://www.steinhof-erhalten.at/index.html

Das Banausen-Argument, die Käufer und Verwerter würden eh „nur dazwischen bauen“ "die Pavillons sind sanierungsbedürftig" (ja, stimmt, weil das Geld dafür verjuxt wird!) und es sei dort „eh Platz genug“ zeigt, wie wenig diese Politschranzen begriffen haben … wenn dieses Juwel Steinhof vernichtet ist, dann ist es unwiederbringlich dahin.

Es muß unversehrt der Nachwelt übergeben werden!


11 0

Wien wird rot regiert.

Eine Garantie für Verproletarisierung.

Re: Wien wird rot regiert.

Sie müssen das verstehen - so stellen sich die Genossen das Paradies der Arbeiterklasse vor.....

11 0

Sapere aude

Ruhe? Erholung? Entspannung? Danach sehnen sich Menschen, die Raum brauchen, um Ihre Gedanken zu ordnen, um Erlebtes zu reflektieren und um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Menschen, die im Alltag immer gefordert sind und/oder ihn auch für andere mitgestalten müssen.
Der stete Zirkus, immer und überall, dient jenen, die entweder sowieso genug Freizeit haben und Ruhe eher als premortale Erfahrung für das, was nach ihrem Ableben sein wird empfinden, jenen die gar nicht reflektieren wollen, was so um sie herum vorgeht und natürlich denjenigen, die diese Ablenkungsmaschinerie antreiben, denn ein abgelenktes Volk, gängelt man leichter.
Das Ergebnis der Dauerbespaßung sitzt dann in den Wartezimmern ärztlicher Ordinationen und klagt über somatoforme Störungen. Die Menschen leiden an Unruhe, Angst, Tinnitus, Schlafstörungen, Tics, Kopf-, Magen-, Rückenschmerzen und dem allgegenwärtigen Burnout. Aber auch bei ausgeprägter Co- Morbidität wollen viele nichts hören von Ruhe, Entspannung oder vielleicht sogar Abartigkeiten, wie Spaziergänge (ohne Lärm aus dem Kopfhörer) und Meditation. Igitt – wie langweilig!
Da nehmen wir doch lieber das Rezept für die Pille zum Runterkommen und dann geht ’s wieder ab, auf die Lärm- und Flackerlichtpisten der Stadt.

sudern, sudern, sudern

Herr Österreicher bei seiner Lieblingsbeschäftigung: SUDERN.

Wien ist eine Großstadt. Deal with it.

Ich freue mich über das vielfältige Angebot, das diese Stadt zu bieten hat. Wer Gediegenheit und gelassene Pracht haben will, kann ja auf's Land raus ziehen.

Re: sudern, sudern, sudern

Wenn man keine eigenen Ideen der Freizeitgestaltung hat und sich auch sonst nicht gedanklich mit ernsterem Beschäftigen möchte, dann ist dieser Jahrmarkttrubel das richtige für die geistes- und interessenlose Gesellschaft.

Re: sudern, sudern, sudern

Wien ist vielleicht von der Bevölkerungszahl eine "Großstadt", sonst aber eher eine "Möchte-Gern-Großsein"-Stadt...

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