Ewig lockt der Boulevard: Wann ist ein Massaker Aufmacher?

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Auswahlprobleme. Täglich das Gleiche: Entweder es gibt es drei Aufmacher oder keinen. Manchmal erscheint ein boulevardesker Ausritt verlockend.

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In Newtown in den USA schießt ein Amokläufer 20 Schüler und sechs Erwachsene nieder. „Die Presse“ wählt die Horrornachricht „Massaker an US-Volksschule“ zum Aufmacher. Die Fotocollage auf Seite eins zeigt ein verängstigtes Kind und das schmerzverzerrte Gesicht einer Frau. „Die Presse“ ist deshalb noch kein Boulevardblatt, sie dosiert Sensationelles manchmal aber großzügig. Sie könnte sogar kommunikationswissenschaftliche Studien für sich sprechen lassen: Seit Menschengedenken üben Horrormeldungen eine Faszination auf das Publikum aus, weil mit dem Konsum solcher Nachrichten eine Art psychische Bewältigung dessen versucht werde, was Grauen erregt.

Hat „Die Presse“ den richtigen Aufmacher gewählt? Sie hat entschieden. Dass die Themenwahl zwingend war, bezweifle ich. Die Zeitung kann in den wenigen Stunden seit der Bluttat nur so viele Fakten zusammentragen wie andere Medien auch – alle schöpfen aus dem Topf einer vom Informationsvorsprung amerikanischer TV-Sender gespeisten „Nachrichtenlage“. Diese unterscheidet sich kaum von der Boulevardkonkurrenz.

Es hätte eine Alternative gegeben. Am selben 14.Dezember trat in Salzburg Landesrat David Brenner zurück – die ganze Dimension des Finanzskandals begann sich zu entrollen. Hier hätte die Zeitung den von ihr erwarteten Mehrwert bieten können, mit Blick auf die Koalition in Wien, den Wahlkampf, die Haltung der ÖVP und die Rolle der Banken beim öffentlichen Zocken. Die Bluttat in den USA wäre mit einem Kurzbericht oder Bild auf Seite eins und einer detaillierten Schilderung des Unfassbaren im Blattinneren erledigt worden. Niemandem hätte etwas gefehlt.

***
Was sind eigentlich „Weltmenschen“? Die einfachste Antwort: „Weltmenschen“ ist eine Rubrik in der „Presse“. Die Rubrik wurde dankenswerterweise von einer Druckseite auf eine einspaltige Restlsammlung mit Neuigkeiten aus dem Prominentenleben reduziert.

In der abgespeckten Fassung wirken die Weltmenschen freilich noch ärmlicher. Am 1.12. folgen der Reihe nach: Gérard Depardieu ist „wieder einmal“ betrunken am Steuer, der Schauspielerin Lindsay Lohan droht neuerlich Gefängnisstrafe, Anwälte legen den Streit um eine Prügelei im Lebenskreis von Halle Berry und Model Gabriel Aubry bei, Jennifer Lopez werde sich ähnlich wie Lady Gaga bei einem Konzert in Indonesien „bedeckt“ halten – aber nur aus Rücksicht auf islamisches Moralgefühl.

Eine Leserin resümiert traurig: „Alles in allem handelt es sich bei den genannten Weltmenschen weder um Vorbilder noch um Charaktergrößen oder universell gebildete Mitmenschen.“ Mit ihrem Maßstab würde man in Klatschspalten über Stars sowieso nicht weit kommen. Deshalb die Frage: Was ist sonst daran berichtenswert?

Der umtriebige Restaurantbesitzer Toni Mörwald wird unter „Menschen“ abgehandelt (19.12.). Seine Stärke sei laut eigener und ungewollt treffender Aussage „Beziehungsmanagement“. In der positiven Würdigung Mörwalds geht es mit seiner Karriere seit Jahren störungsfrei aufwärts. Zwischen den Betriebserweiterungen zumeist im nahen öffentlichen Bereich ist scheinbar kein Platz, vergangene Geldnöte und Bawag-Kredite, Betriebsschließungen oder die geplante und von den Grünen im letzten Augenblick verhinderte Direktförderung durch das Land Niederösterreich zu erwähnen. Etwas davon hätte schon zum Mörwald-Gesamtbild gehört.

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Der Handybetreiber „3“ schluckt „Orange“. Dass die Firma dafür bloß 1,3 Millionen und nicht 1,3Milliarden Euro zahlt, glaubt niemand. Desgleichen bei Baumax, dem die Zeitung ein Kunststück zutraut: „Die Gruppe machte zuletzt bei 1,25 Mio. Euro Umsatz 57 Mio. Euro Verlust.“ (22.12.)

Weil sich Politiker nie festlegen wollen, „gehen sie davon aus“ – immer wieder. Das ist ansteckend. Eine Umfrage, und sei sie noch so windig, kann nicht von etwas ausgehen, sondern nur eine Meinungslage feststellen. Somit ist folgende Aussage für Unschlüssige vor der Bundesheer-Volksbefragung keine Hilfe: „Zumal man sich mit Umfragen, die von einer Mehrheit der Wehrpflichtbefürworter bei der Heeresvolksbefragung ausgehen, trösten kann.“ (26.11.)

Salzburgs Landesregierung kann ihre Hoffnung auf die verspielten 340 Millionen Euro begraben – oder gleich auch sich selbst. Das Wort „Gebahrung“ mit h zu schreiben weist aber doch zu penetrant Richtung Friedhof.

Lustiger geht es in der Bundeshauptstadt zu. „Richard Lugner konnte sich am Samstag vor lauter Freude gar nicht einkriegen.“ Bitte, was konnte er nicht? (10.12.)

„Wo Wien neue Seiten aufzieht“, verkündet ein großer Titel. Man kann aber nur Saiten aufziehen. Gleich darunter wird in der „Presse am Sonntag“ ein „Niebelungenviertel“ mit ie geschrieben. (16.12.)

Über die Ironimus-Karikatur vom 21.12. über Wahlgeschenke dürfen sich die Leser tags darauf nochmals freuen.

Allen, die sich die Mühe gegeben haben, Österreichs Wirklichkeiten in Gold, Silber, Bronze und Schrott zu gliedern, steht Anerkennung für die von Ironie getragene Hingabe zu, doch kann ihnen eine Enttäuschung nicht erspart werden. Ein paar hundert Einzelwertungen, die flächendeckend zwischen den Seiten zwei und 43 auf alle Ressorts verteilt werden, fallen über die verdutzten Leser her wie ein Platzregen am Sonntag. Eine gute Idee zwar, aber ruiniert durch Perfektionismus. (16.12.)

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„Washietl is not perfect“, hat ein Leser an die Redaktion geschrieben und mir damit leider keine Neuigkeit erzählt. Mein Fehler in der vorletzten „Spiegelschrift“: Aus der „Israelitischen Kultusgemeinde“, die mir gewiss bekannt ist, machte ich ohne fassbaren Grund eine „israelische Kultusgemeinde“. Und das ist selbstverständlich falsch.

Den geordneten Rückzug trete ich aus Amsterdam an. Ich behauptete, Amsterdam sei nicht die niederländische Hauptstadt. Die Regierung sitzt zwar in Den Haag, aber die Holländer betrachten dennoch Amsterdam als ihre Hauptstadt. Da darf man ihnen von außen nicht dreinreden.

***
Mit Weihnachten tun sich österreichische Journalisten muttersprachlich schwer. In der „Presse am Sonntag“ scheinen sie überhaupt nur noch den fremdländischen Begriff „Heiligabend“ zu kennen, und selbst am Heiligen Abend wartet die Zeitung mit Weihnachtsbräuchen für „Heiligabend“ auf. Zum Drüberstreuen folgt am 27.12. die Meldung, dass Spazierengehen „an Weihnachten“ nicht überall möglich gewesen sei.

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Schon deshalb bin ich froh, dass das Fest vorbei ist, aber auch wegen der gefährdeten Kinder. Was denen im Backrohr passieren hätte können! Offenbar ist es aber dann doch nicht so schlimm gekommen, wie folgender Bildtext angedroht hat, jedenfalls hat man nichts weiter darüber gehört: „Franziska Weisz verzierte Kekse mit Kindern von Pro Juventute.“ (5.12.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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1 Kommentare

Wann ist ein Massaker Aufmacher?

Dem Kommentar Herrn Washietls ist nicht mehr sehr viel hinzuzufügen.
Auch ich habe beim Bericht über Toni Mörwald vergeblich eine Hinweis auf seine Firmenpleiten gesucht was mich veranlaßte einen Hinweis wie "Bezahlte Werbeeinschaltung" zu suchen. Leider ohne Erfolg.
Mit dieser Art von Berichterstattung und den Artikeln über "Heiligabend" und was "an" Weihnachten passiert, stellt sich "Die Presse" in eine Reihe mit dem Zeitungsimitat "Österreich". Dies stimmt mich zutiefst nachdenklich und ich fürchte auch in "Der Presse" gibt es vermehrt Jounalisten, die nur mehr "zur" Schule gingen.

Mit nachdenklichen Grüßen
Horst Preisinger

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