Was andere Länder in Sachen Schule wirklich erfolgreich macht

BERNHARD GÖRG (Die Presse)

Gastkommentar. Das Leistungsprinzip steht in Österreich nicht besonders hoch im Kurs. Entsprechend mau sind die PISA- und sonstige Testergebnisse.

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Mitte der 1990er-Jahre bin ich gemeinsam mit Andreas Salcher bei Karl Popper gewesen, um ihn davon zu überzeugen, Namenspatron für unser Schulprojekt für Hochbegabte zu sein. Es war anfangs ein schwieriges Gespräch. Bis ich ihm erklärt habe, dass wir nicht nur auf die Auswahl der Schüler, sondern auch auf die Auswahl der Lehrer größten Wert legen. Da war das Eis gebrochen. (Dass die Sir-Karl-Popper-Schule heuer vom Raffles Institute in Singapur in die Liste der 30 innovativsten Schulen weltweit aufgenommen worden ist, würde den Namensgeber posthum sicher freuen.)

Ich habe nie viel von der These gehalten, dass die Schulorganisation ein entscheidendes Kriterium für Schülerleistung ist. Da sind die Befürworter des Gymnasiums ebenso auf dem Holzweg wie die Befürworter der Gesamtschule.

Die internationalen PISA-Ergebnisse zeigen, dass es Gesamtschulsysteme wie in Finnland oder in den Niederlanden gibt, die hervorragend funktionieren, während ähnliche Systeme in Italien, Spanien, aber auch Schweden nur unterdurchschnittliche bis grottenschlechte Ergebnisse liefern.

Die Schweiz schneidet mit ihrem differenzierten Schulsystem sehr gut und Deutschland gesamthaft recht gut ab. Österreich ist ein Sonderfall: Da funktioniert die gemeinsame Schulform Volksschule überhaupt nicht und das Gymnasium auch nicht richtig.

 

Zweigeteiltes Belgien

Bis vor wenigen Wochen bin ich allerdings geradezu vernarrt in die These gewesen, dass es in erster Linie auf die Lehrer ankommt. Da bin ich eher durch Zufall auf die belgischen PISA-Daten gestoßen. Belgien ist zwar ein kleines Land, aber zweigeteilt in einen französisch und einen flämisch sprechenden Teil. Daher werden auch die PISA-Ergebnisse getrennt ausgewiesen.

Die Überraschung war auch in Belgien groß: Flandern schneidet im internationalen Vergleich hervorragend ab, während die Wallonen PISA-Kellerkinder sind. Das, obwohl in beiden Landesteilen das gleiche Schulsystem gilt (Gesamtschule) und das zum Lehrberuf führende Studium zentralstaatlich geregelt ist. Selbst belgische Bildungsexperten sind recht ratlos.

 

Sind Bayern die besseren Lehrer?

Interessanterweise gibt es aus Deutschland Ähnliches zu berichten. Dort sind regionale Vergleiche problematischer, weil die Schulorganisation stark föderalistisch beeinflusst ist, aber das Phänomen ist ähnlich wie in Belgien. Bayrische, sächsische, baden-württembergische, thüringische Schüler zählen zur europäischen Spitze, viele Bundesländer sind Durchschnitt und manche Regionen jenseitig.

Würde die These, dass es auf den Lehrer ankommt, stimmen, würde das bedeuten, dass die bayrischen und sächsischen Lehrer ihren Kollegen in Nordrhein-Westfalen oder Brandenburg um Lichtjahre an Qualität voraus wären. De facto undenkbar.

Auf dem Arbeitsmarkt ist gerade in Bayern und Baden-Württemberg so ein „Griss“ um gute Leute, dass die viel zitierten „besten Köpfe“ kaum in größeren Massen das Berufsziel Lehrer haben werden als im deutschen Norden.

In Thüringen und in Sachsen sind zwar die beruflichen Alternativen für begabte Leute nicht so toll, aber mehr als fünfzig Prozent der dortigen Lehrer haben ihre Ausbildung noch in alten DDR-Zeiten gemacht. Ohne dem System des realen Sozialismus nahetreten zu wollen, bezweifle ich, dass die Lehrer andere Methoden angewendet haben als die Sporttrainer: Selektion und Drill.

Was macht dann also die Schüler in Flandern und Bayern erfolgreicher im Erwerb kognitiver Fähigkeiten als ihre Kameraden in Wallonien oder Bremen? Meine Vermutung ist, dass der Stellenwert von Leistung in einer Gesellschaft den größten Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kinder dieser Gesellschaft hat. Nicht nur in Südkorea oder Singapur.

Die Flamen waren noch weit ins vorige Jahrhundert hinein die Dienstmädchen und Kutscher der wallonischen Oberschicht. Flandern war das Armenhaus Belgiens. Mit kollektivem Ehrgeiz und großem Fleiß sind sie heute zum belgischen Oberhaus geworden. Bayern ist bis vor fünfzig Jahren ein armes Agrarland gewesen. Aber das hohe Leistungsethos hat es nicht nur zu einem reichen Industrieland, sondern auch zu einem PISA-Musterland gemacht.

Das „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ aus Baden-Württemberg passt gut ins Bild. Auch das Beispiel Finnland widerlegt die These nicht. Die Finnen haben bis zum Kollaps der Sowjetunion 1991 wirtschaftlich kommod mit einem riesigen verstaatlichten Industriesektor vom großen Nachbarn gelebt. Der Kollaps war dann für die Finnen dramatisch. Von 1991 bis 1994 ist die Wirtschaft um 13 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit von drei auf 18 Prozent gestiegen.

 

Finnischer Schulterschluss

In einem Schulterschluss haben sich die finnischen Parteien zur Erkenntnis durchgerungen, dass nur eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit inklusive massiver Privatisierungen, deren Erlöse vor allem in den Hochschulbereich investiert worden sind, das Land aus dem Schlamassel führen kann.

Das Leistungsprinzip steht bei uns nicht hoch im Kurs, folgerichtig sind die PISA- und sonstige Testergebnisse mau. Warum zählen wir dennoch zu den ökonomischen Spitzenreitern in Europa? Weil wir über die wertvollste Eigenschaft verfügen, die eine Gesellschaft haben kann: die Fähigkeit, unter suboptimalen Bedingungen ein optimales Resultat zu erzielen. Aber das ist eine andere These.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Bernhard Görg (*9.2. 1942 in Horn) studierte Geschichte und Latein sowie Rechtswissenschaften in Wien. Von 1968 bis 1986 war er bei IBM Österreich tätig, von 1968 bis 1992 bei der Neumann-Beratungsgruppe. Von 1992 bis 2002 Parteichef der ÖVP Wien, von 1996 bis 2001 Planungsstadtrat und Wiener Vizebürgermeister. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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14 Kommentare

Leistung ist im Gegenteil

sogar noch verpönt. Wer will schon Streber sein? Ich kann mich noch gut an meine Zeit beim Staat erinnern. Ich wollte durch Leistung vorankommen. Eingebracht hat es mir gemobbt zu werden und im Endeffekt dermassen gegängelt bis ich selber ging. Die Aussitzer und Leistungsverweigerer waren (und ) hochangesehen und sitzen immer noch dort. Leistung ist ein Schimpfwort in Österreich und genau deswegen geht alles vor die Hunde.

Ich möchte Zuwanderern nicht die Lebensrechte absprechen:

aber der in den letzten Jahrzehnt festzustellende Niedergang unseres Schulwesens gerade in Wien ist wohl ein deutlicher Hinweis, daß dieser auch mit der extrem starken Zuwanderung von Menschen aus fremden Kulturkreisen und geringer Bildung zusammenhängen dürfte. Man ist deshalb zu Reformen gezwungen: vor allem bei der Begrenzung der Zuwanderung von Fremdsprachigen ohne ordentliche Ausbildung!

Der Schulerfolg kommt nicht von der Schulform und nicht von den Lehrern, sondern von der Ideologie!


Re: Der Schulerfolg kommt nicht von der Schulform und nicht von den Lehrern, sondern von der Ideologie!

dzt wird das erwerben von sozialer kompetenz ÜBER den wissenserwerb gestellt.

und: "leistung fordern/erbringen" ist im sozialistischen dunstkreis sowieso ein absolutes schimpfwort!

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Re: Der Schulerfolg kommt nicht von der Schulform und nicht von den Lehrern, sondern von der Ideologie!

Wenn nicht die Leistung, sondern die Gleichheit das oberste Ziel ist, dann wird nach unten nivelliert, und am Ende kann keiner mehr etwas! Deshalb sind Schulen, in denen jeder so viel lernt, wie es seiner Veranlagung entspricht, besser als die, die nur erreichen wollen, dass keiner mehr Chancen hat als die anderen!

Das bei uns übliche dauernde Hinhacken auf die Lehrer ist einfach nur dumm! Lehrer sind genau so tüchtig oder untüchtig wie das ganze Volk und machen genau das, was ihnen aufgetragen wird. Es sind ganz allein die "Experten", die für den Erfolg oder für den Misserfolg der Schule verantwortlich sind, Leider fallen viele darauf herein, wenn die ihre Schuld auf die Lehrer abzuschieben versuchen!

Re: Re: Der Schulerfolg kommt nicht von der Schulform und nicht von den Lehrern, sondern von der Ideologie!

genau so ist es, dort wo die Linksverseuchung im Vordergrund steht ist der Leistungswille am Boden. Von Kuschelschule bis Kuscheljustiz, Spaß und Selbsverwirklichung zu Lasten Dritter, Zerstörung der Eigenverantwortung (Schuld sind immer die Anderen) sind die Auswüchse dieser Ideologie.

da ist viel WAHRES drann...

insbes. im vorletzten Satz ! (auch ein Leserbrief heute "Ist dann jeder Friseur ein Akademiker?" sagt solches.
Eine kl. Ergänzung:
Das was in Belgien Flandern ist (kaum auch Ausländerklassen, im Gegensatz zur Wallonie) haben wir als Gegensatz der letzten Ergebnsse in Oesterr. zw. den Spitzenleitungen in OÖ u. d.Wiener Ergebnis (dort gehen aber doppeltsoviele in die AHS-Unterstufe...)
Hervorgehoben gehört aber auch, dass Ö. bei Berufs(Lehrlings)wettbewerben SPITZENPLÄTZE regelmäßig belegt!
UND: Wir haben ein gutes Bausteinprinzip (Lehre mit Matura + Studienberechtigungsprüfungen ..zur FH & Uni, bzw. von HAS mit Aufbaulehrgängen zur HAK-Matura etc.
Kurzum: wir haben in manchen Gegenden zuviele in d.AHS u.zuviele in manchen "weichen" Studien... und daher zuwenige GUTE mit Dualer Ausbildung.
weitere Probleme ortet übrigens heute die AMS-Chefin Oö
http://www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/Birgit-Gerstorfer-Wir-rennen-den-Jugendlichen-nach;art15,1035700
Hier u. bei Ganztagsschulen FÜR PROBLEMGRUPPEN bzw. Standardüberprüfungen nach d.4. HS + eben dann externer Verlängerung d.Schulpflicht in Spezialklassen, wo die Grundfertigkeiten eben für das Pflichtschulniveau gepaukt werden... bzw. wie die Oö-sterreicherin meint: Familienbeihilfe ab 15 an d.Jugendlichen -aber nur wenn er/sie seiner Ausbildungspflicht nachkommt. Und in den AHS endlich wirklich auf Studierfähigkeit - durchaus selektiv vorgehend - setzen.

Lern- und Lebenserfolge 2


Vor allem aber steht zur Aufgabe und Verantwortung: die je eigenen Stärken und Interessen aller Art und Höhe zu entfalten und auch davon aus an der Überwindung von Schwächen zu arbeiten. Dazu hat Österreich bis in die Duale Berufsbildung der Lehrlinge und Berufsschüler (Popper hat übrigens eine Tischlerlehre absolviert) sehr Beachtenswertes zu bieten, das nicht gefährdet werden sollte.

Entscheidend sind nicht irgendwelche Tests – insbesondere nicht die Irreführungen durch PISA und das BIFIE – sowie Machtgewinne durch gesellschaftliche Veränderungen, sondern die Erfolge der persönlichen und gemeinschaftlichen Lebensführungen.

Lern- und Lebenserfolge 1


Zu dem aus besonders kenntnisreicher Position geschriebenen Gastkommentar von Bernhard Görg sind einige Anmerkungen angebracht. Wollen wir die Erfolge unseres Schulwesens und des Lerngeschehens insgesamt bloß der PISA-Konkurrenz und etwa dem Ziel größerer Matura- und Akademikermengen unterwerfen? Wie halten wir es mit dem quantitativen und mit dem qualitativen Wachstum? Wollen wir unsere Gesellschaft nur konkurrenzfähig oder auch kooperationsfähig gestalten? Soll unsere Jugend lernen, selektiv Bewährtes zu bestärken und zukunftstaugliches Neues zu schaffen? Soll ihr Bildung persönlicher Qualitäten mit eingebundener Ausbildung funktionaler Qualifikationen statt einer fortschreitenden Verzwecklichung angedeihen?

Die Faktoren für Erfolge des Schulwesens und des Lerngeschehens insgesamt sind personell und sachlich vielfältig. Sir Karl Popper hat aus seiner Zeit als Hauptschullehrer in Wien sehr klar die Erkenntnis gewonnen und verbreitet, wie sehr es in der Güte des Schulgeschehens auf die Lehrkräfte ankommt.

Das Leistungsprinzip zu stärken, ist gewiss äußerst wichtig, aber nicht per Drill.

Es gibt aber keinen Lebenserfolg ohne Lernerfolg bei den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen!

Natürlich ist es die vornehmste Aufgabe der Schule, dafür zu sorgen, dass die Menschen das, was Sie “Konkurrenzfähigkeit” nennen, erwerben. Denn ohne materielle Grundversorgung sind alle schönen Ideale, wie “Kooperationsfähigkeit” , “persönliche Qualitäten”, “Interessen aller Art und Höhe zu entfalten“ und „Erfolge der persönlichen und gemeinschaftlichen Lebensführungen“ nur sinnloses Brimborium! Solche Dinge erlernte man auch immer schon beim lebendigen Kontakt mit Eltern und anderen Menschen besser als im Schulunterricht! Die für den Lebenserfolg unerlässlichen Kulturtechniken können aber nur mit einem Zeitaufwand, der ohne Schule nicht aufgebracht wird, erworben werden. Darum muss sich die Schule zuallererst kümmern und nicht um die „Sozialisierung“!

toller beitrag!

erklärt irgendwie auch, wenn einer gesellschaft seit 1970 alles auf pump in den allerwertesten geschoben wird, bereits eine generation später das alles als selbstverständlich hingenommen wird und dann protestiert wird, wenn einem die warm gewordene bettdecke bei den füßchen gelüftet wird.

die mentalität machts aus. erklärt vllt auch, warum schulen mit sehr vielen bildungsfernen zuwandererschichten bei derartigen tests katastrophal abschneiden!

Werter Herr Görg


Ist schon recht, dass sie einen Erklärungsversuch wagen, um das österreichische Bildungswesen zu verbessern. Vieles mag auch in Ihren Erläuterungen richtig sein nur... warum erst jetzt?

Auch Sie haben, zusammen mit ihren Parteikollegen massiv an der Zerstörung des Berufsbildes Lehrer mitgewirkt.
Sie haben Maßnahmen mitbeschlossen, die zur Demontage des Bildungswesens geführt haben!

Arbeiten Sie Zuerst ihre Mitverschuldung auf, treten Sie vor die Öffentlichkeit und gestehen- mea culpa- dann wirken Sie mit an einer Entpolitisierung des Bildungswesens und einer Aufwertung des Lehrberufs, hier liegen die Grundübel und die sind hausgemacht!

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Also ein weiterer Baustein im Erklärungsmodell ...

... und wenn wir ein wenig weitersuchen, werden wir wohl noch ein paar mehr finden; nur: ob das die politischen Entscheidungen, die öffentliche Meinung und die einschlägigen Professionen wesentlich berührt ...?

Mein Gott, jetzt hat er`s!


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