Gotteshäuser sind weder Asylplätze noch Notschlafstellen

KARL WEIDINGER (Die Presse)

Speziell geschützte Orte sind für eine funktionierende Demokratie unerlässlich. Auch um die Religionsfreiheit zu gewährleisten.

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Es gibt in funktionierenden Demokratien eigene Zonen, die unter dem Schutz der Verfassung stehen. Das sind Orte für anerkannt rituelle Handlungen, aber auch demokratisch legitimierte Kraftzentren. Um das Parlament herrscht eine Bannmeile. Während der Sitzungen darf im Umkreis von 300 Metern keine Versammlung unter freiem Himmel stattfinden. Dies gilt auch für Wahllokale, wo während der Stimmabgabe politische Agitation verboten ist.

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Solche Zonen sollen Menschenmengen vor undemokratischer Einflussnahme fern- und abhalten. In Gerichten sind individuelle Äußerungen der Meinungsfreiheit zu Recht verboten und werden streng sanktioniert. Kirchen, wie auch Moscheen, Synagogen und Pagoden, sind ebenfalls geschützte Orte, um die Religionsfreiheit – ohne Behinderung und Störung – ausüben zu können.

Kirchenasyl ist modern geworden. Es gibt ähnliche Aktionen in anderen Ländern, die auf ein konzertiertes Vorgehen hinweisen. Nach einer Kirchenbesetzung in Lille, Frankreich, wurde das exterritoriale Gelände der Apostolischen Nuntiatur des Vatikans in Paris feindlich okkupiert. Stellt sich die Frage: Wird diese Eskalationsstufe bei uns auch noch kommen?

 

Orte der Andacht

Parlamente zu belagern oder Kirchen zu besetzen ist ein Akt von besonders heikler Relevanz. Solche Besetzungen wurden zu anderen Zeiten schon als Kriegsgrund ausgelegt. Doch davon sind wir heutzutage weit entfernt. Unserer friedlichen und toleranten Realverfassung sei's gedankt. An der rituellen Kultstelle einer anderen Konfession wäre das Argument der Entweihung sofort ein Anlass, um die Intervention zu beenden. Aber wo bleibt hier der Respekt? Alle Gotteshäuser sind Orte der Andacht und verdienen Respekt.

Das Wort „Asyl“ ist griechischer Herkunft. Es bedeutet „Zufluchtsstätte“ und erhofften Schutz vor Verfolgung. Seit ewigen Zeiten wird der Kult um die wundersame Errettung an diesen Orten genährt. Bereits durch eine Berührung des Kirchenportals erlangte man Asyl, selbst wenn man vor verschlossenen Toren stand.

 

Unmenschliche Härten?

Im Codex Iuris Canonici von 1983 wurde das Kirchenasylrecht nicht mehr berücksichtigt. Seither erfreut es sich zunehmender Beliebtheit. Die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche evaluierte die Erfolgsaussichten in Deutschland und fand heraus, dass Kirchenasyle in mehr als 70Prozent aller Fälle die Schutzsuchenden vor „unmenschlichen Härten oder Gefahren für Leib und Leben“ bewahrten.

„Unmenschliche Härten oder Gefahren für Leib und Leben“ im Staate Österreich? Abgewiesene Asylwerber erhalten die Grundversorgung. Da ohnehin niemand Österreich verlassen muss, könnte der Fluchtort Votivkirche schön langsam aufgegeben werden. Damit wäre auch das kostbare Gut der freien Religionsausübung wieder gewährleistet.

Denn man stelle sich vor: Einheimische würden eine Gruppe Strenggläubige bei deren Religionsausübung behindern. Was da wieder los wäre im „unmenschlichen Unrechtsstaat Österreich“, der aber dennoch begehrt und bekannt ist in der großen weiten Welt des Elends und der Verfolgung.

Politiker brauchen auch nicht „ihre Krawatten und Jacketts auszuziehen, in die Kirche zu kommen und hier zu übernachten, damit sie wissen, wie es sich anfühlt, Asylwerber in Österreich zu sein“ – wie gefordert. Kirchen sind weder als Asylplätze noch als Notschlafstellen vorgesehen. Dazu gibt es bei uns weitaus besser geeignete Einrichtungen. Das ist auch gut so!

Karl Weidinger (*1962) ist Schriftsteller und Übersetzer mit Vorliebe für die Gesellschaftskritik.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2013)

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10 Kommentare

Ich will nicht wissen,in welchem Zustand diese einzige für Kinder vorgesehene Toilette ist-schrecklich !

So unnötig, das Ganze........

Ich möchte gerne jeden Tag so einen Artikel lesen- denn dadurch artikuliert sich die schweigende Mehrheit !

Wäre ich aktives Mitglieder der Votivkirchengemeinde würde ich mir langsam überlegen,wie ich andere Mitglieder dazu bringen könnte,mit mir zusammen alle diese Besetzer einfach aus der Kirche hinauszutragen- zur Messe könnten sie ja gerne kommen, aber keinesfalls zum dauerhaften Niederlassen. Entweder es gibt gar keine Gläubigen mehr in der Votivkirche oder aber die ganze Gemeinde steht unter unheimlichem Druck der Caritas und des Kardinals-nur um ja nicht aufzumucken.......

34

Orte der Andacht

Für die Besetzer eine Toilette. Und das ohne Ende?

Re: Orte der Andacht

Lösung: eine andächtige Toilette...

47

Und bitte

viel mehr Weidinger in Zeiten wie diesen!!!

gibt 's ned

*Kirchenasyl ist der österreichischen Rechtsordnung unbekannt.* Mikl-Leitner, 1.7.2011


ausgezeichnet!

dem ist nichts hinzuzufügen, außer, dass die Caritas sich hier kirchengesetzwidrig in die Angelegenheiten eines Pfarrers und einer selbständigen Pfarre eingemischt hat.
Was denkt sich Herr Landau jetzt, wenn die Erstkommunionkinder ihre Vorbereitung in dieser Atmosphäre absolvieren müssen? Dass ihr Gemeinschaftsraum in ein Pissoir umgewandelt wurde!
Ich bdewundere den Herrn Pfarrer, dass er nicht schon längst gesagt hat: Macht euch euren Dreck alleene!

Re: ausgezeichnet!

Auf die Frage an den Herrn Schwertner, ob er sich entschuldigt hätte, für die öffentliche Bloßstellung des Herrn Schwertner, antwortete er, er spräche dauernd mit ihm, der Pfarrer Farrugia hätte eben eine ruppige Art.

Soviel zur Einsichtsfähigkeit dieses Herrn Schwertner.

Da wäre aber doch noch einige -Frage offen-oder so..

Darf ich als mos "Flüchtling" ein "Gotteshaus" zweckentfremden ?

Muss man sich als Christ das gefallen lassen ?

Oder was hätten Mosl- getan wenn Christen selbiges verucht hätten ?

Na wie auch immer..........man lernt im Leben nie aus.


Re: Da wäre aber doch noch einige -Frage offen-oder so..

Würden Christen eine Moschee besetzen und entweihen, würden sie sofort wegen Blasphemie von einem fanatischen Mob gelyncht - wie der in der ganzen islamischen Welt um sich greifende Blasphemie-Wahn unmissverständlich zeigt.

In Europa suchen Muslime Zuflucht in Kirchen, in der islamischen Welt werden hunderte, wenn nicht gar tausende Krichen zerstört und abgefackelt - von Indonesien bis Nigeria!

Man würde sich wünschen, dass sich die Kirchenführung in Österreich und Europa laut und deutlich mit den in der islamischen Welt verfolgten Chrsiten solidarisiert und den Weg auch in den Stephansdom findet zu den zweimal im Jahr abgehaltenen Gottesdiensten für die Verfolgten Christen.


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