Nach dem Fasching ist vor dem Fasching. Jón Gnarr, Boris Johnson und Beppe Grillo weisen den Weg. In Reykjavík, London und Italien haben Komödianten inzwischen Saison.
Beginnen wir mit Jón Gnarr: Der Sohn eines Polizeibeamten schmiss die Schule im Alter von 14. Zwei Jahre verbrachte er in einem Internat für schwer erziehbare Jugendliche. Mit 20 Jahren wurde er Vater und verfasste die fiktive Autobiografie „Der Indianer“. Seine Karriere als Komiker begann beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Am 27.Mai 2010 erzielte seine Partei „Besti flokkurinn“ die meisten Stimmen in Reykjavík, und Gnarr wurde neuer Bürgermeister der isländischen Hauptstadt. Seither tummeln sich Comiczeichner und Gaukler im Rathaus. Zu Gnarrs Wahlprogramm gehörten: offene statt heimliche Korruption, kostenlose Handtücher für Schwimmbäder sowie ein Eisbär für Reykjavíks Zoo.
Die Absage an jede Konformität ist die Erkennungsmelodie der demotischen, dem Volk verbundenen neuen Volkstribune. Eine Kampfansage an das erstarrte Apparatschik-System mit den angepassten Opportunisten an der rein administrativen Front des ausgelebten Machterhalts.
Wie ein umgekehrtes Vogelnest
Zweitens, Boris Johnson: Er ist ein gestandener Republikaner. Als erster gewählter Tory-Bürgermeister eroberte er die Zehn-Millionen-Metropole London. Vor Kurzem eröffnete der Mann mit dem wirren Haarschopf, der wie ein umgekehrtes Vogelnest seinen Kopf umtost, das höchste Gebäude mit 310 Metern: The Shard, der Scherben.
Man könnte ihn für einen Vagabunden auf höchster Ebene halten. Wegen seines Auftretens ist er einer der bekanntesten Politiker des Landes. Die britische Yellow Press nennt ihn Bo-Jo. Der kanariengelb gefärbte Bürgerschreck gilt als Geheimwaffe der Tories, aber auch als „unguided missile“ (unlenkbare Rakete). Der fahrradfahrende Tausendsassa hat das Zeug zum künftigen Premierminister, so glaubt man.
Er war Chefredakteur beim „Spectator“. Ein Wirbelwind, der als Erfindung von „Monty Python“ oder „Little Britain“ durchgehen könnte. Johnson veröffentlichte ausgerechnet 2005 seinen Roman „72 Jungfrauen“ – knapp vor den blutigen Terroranschlägen des 7.Juli 2005 mit 56 Todesopfern. Eine Groteske über einen misslungenen Anschlag islamistischer Terroristen. Ein Unterhauskollege forderte daraufhin von Johnson, er müsse sich zwischen Politik und Komödie entscheiden. Warum eigentlich? Es geht doch beides.
Clown und Schreihals
Schließlich Grillo: Er ist das Phänomen der italienischen Politik. Oder der Antipolitik? Unlängst gab er al-Qaida die Koordinaten des italienischen Parlaments für einen Anschlag durch. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite, woanders wäre er wegen Verhetzung angezeigt worden.
Der gelernte Buchhalter entfloh dem Mief der Genueser Kleinkunstlokale und gründete im Oktober 2009 die staatstragende „Fünf-Sterne-Bewegung“. Ende Februar 2013 tritt der 65-jährige Grillo gegen den wankelmütigen Tattergreis Berlusconi mit 77 Lenzen an. Grillo, der Komiker, meint es ernst. Er fordert Bürgergeld für alle, volle und kurze Arbeit bei einer 25-Stunden-Woche.
Derzeit steht er bei 18Prozent, bei Wählern unter 23 Jahren liegt er an erster Stelle: Ein Clown und Schreihals, der vor drei Jahren mit der Forderung eines „Leck-mich-am-Arsch-Tages“ aus der Blogger-Szene aufgetaucht ist, schickt sich an, nach der Macht zu greifen.
Und wann, bitte, geht's bei uns zur Sache Dauerkarneval, zur Elite der clownesken Unterhaltung? Ob man auch bei uns Angst haben soll vor Menschen, „die lieber mit den Adlern kreisen als mit den Hendln picken“ (Frank Stronach), wird die Zukunft weisen. Schon bald.
Karl Weidinger (*1962) ist Schriftsteller und Übersetzer mit Vorliebe für die Gesellschaftskritik.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)















