Kim droht. Aber bellende Hunde beißen selten

Nordkoreas neuer kleiner großer Führer, Kim Jong-un, rasselt wild mit dem Säbel und stimmt Kriegsgeschrei gegen Südkorea und die USA an. Zugleich will er dem geknechteten Volk Hoffnung durch ein paar scheinbare Freiheiten geben.

Gleich vorweg: Ich glaube nicht, dass Nordkorea seinen martialischen Kriegsdrohungen Taten folgen lässt. Erstens, weil es das nicht kann; zweitens, weil die Herrscherklasse um Kim Jong-un ganz andere Ziele verfolgt. Und drittens beißen bellende Hunde eher selten. Das Kriegsgeschrei nach außen ist nur an die Adresse des eigenen Volkes gerichtet. Die Rudelführer lassen die Muskeln spielen und zeigen diese in erster Linie ihrem Volk. Gleichzeitig aber passiert im Land etwas, was Nordkorea-Reisende geahnt, gehofft, aber für unmöglich gehalten haben: Der neue kleine große Führer – der Enkel von Kim Il-sung – will ein guter Diktator werden.

Die neue Marschrichtung


Die bis in die jüngste Gegenwart andauernde depressive, aussichtslose Realität unter Mobilisierung aller Unterdrückungskräfte kostet zu viel Geld und vernichtet produktive Energien. Etwas Hoffnung durch ein paar scheinbare Freiheiten und Stärke durch Säbelrasseln – das kombiniert ist die neue Marschrichtung in Nordkorea.

Hoffnung zu wecken und den Deckel etwas zu lüften sind notwendige Schritte. Das weiß auch Kim Jong-un. Deshalb macht er öffentliches Machtmarketing ganz anders als sein Vater Kim Jong-il. Er macht Kommunikation. Er tritt auf. Er lässt eröffnen. Er verteilt zu Symbolen der Macht auch Symbole der kleinen individuellen Freiheiten. Film, Mobiltelefone, Autos, Zeitungen, Einkaufszentren, Basketballstars, vielleicht auch erweiterten TV-Zugang.

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droht Aber bellende Hunde – Karikatur: Peter Kufner (http://www.peterkufner.com/)

Er macht sich sympathisch – und gleichzeitig mächtig, er „kann Großvater“: Kim Il-sung war ein überwältigend populärer Volkstribun. Er hat in den 1970er-Jahren tatsächlich einen nordkoreanisch-kommunistischen Tigerstaat mit hochtourigem Erfolgsmotor inszenieren können. Da war was los. Autobahnen wurden gebaut, Staudämme, Häuser und Volkspaläste, allein in Pjöngjang sieben herzeigbare Sporthallen und drei Stadien.

Der Mechanisierungsgrad in der Landwirtschaft war deutlich höher als heute. Die Menschen konnten sich freier bewegen – auch Besucher aus dem Ausland. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gab es für Nordkorea zwei Alternativen: die völlige und tiefgehende Unterdrückung jeder Individualität; oder eine blitzartige Öffnung mit Perestrojka, Umbau des Wirtschaftssystems und der Gefahr, dass die Generäle samt der Familie Kim verjagt werden. Wir wissen, welche Alternative gewählt wurde. Ein gespenstischer, exzessiver Unterdrückerstaat mit Ausschluss von Kommunikation, Mobilität und Konsum wandte sich von der übrigen Welt ab.

Ein röchelnder Staat


Kim Jong-un kann und will das Regime seines Vaters und der verbliebenen Steinköpfe im Militär nicht mehr einfach linear fortführen, er würde schnell stürzen. Das will er verhindern, indem er das Militär mit Lautstärke nach außen beruhigt und dem Volk neue Hoffnung im Inneren macht.

Er versucht, dem röchelnden Staat neues Leben einzuhauchen. Das geht nur mit der Bevölkerung und nicht gegen sie. Das Modell der totalen Vorenthaltung von Freiheit, Kommunikation, Mobilität und teilweise sogar Nahrung ist gescheitert. Deshalb geht Kim Jong-un auf die Leute zu, macht sich sichtbar, tritt hervor. Wer aus der Deckung kommt, gibt entweder auf oder er signalisiert: „Hallo Volk, ich bin es, euer Führer. Jetzt machen wir gemeinsam etwas anderes.“

Nordkorea bleibt weiterhin eine harsche Diktatur. Es soll aber herangeführt werden an die Errungenschaften und Geldtöpfe der westlichen Waren- und Konsumgesellschaften. Dazu muss das Volk telefonieren lernen, Computer beherrschen, auch Autofahren. Mediengebrauch wird weniger zensuriert, der Blick auf die Welt wird größer. Supermärkte und Riesenhotels werden gerade eröffnet. Die Menschen werden vorbereitet. Zugleich werden sie weiterhin manipuliert und eingeschüchtert.

Den Generälen bietet Kim Jong-un eine neue Beteiligung an der Macht – nicht mehr der militärisch institutionalisierten, sondern an der Macht des fließenden Geldes, das aus einer sich stärker ins Private entwickelnden Wirtschaft kommen soll. Wenn Kempinski sagt: „Das Hotel wird eine Gelddruckmaschine, wenn sich Nordkorea ein wenig zu öffnen beginnt“, lesen wir daraus auch, dass sich dieses Geld teilweise auch nach unten in die Bevölkerung verteilen wird.

Das wahre Kriegsziel


Kim Jong-un hat Experten der Weltbank eingeladen, sich Gedanken über ein Investitionsschutzprogramm in Nordkorea zu machen. Das ist das wahre Kriegsziel: Investitionen ins Land zu holen. Die Unterdrückung wird in Kauf genommen, denn jede erblühende Hoffnung in einer Gesellschaft erstickt gleichzeitig die Energie des Widerstands. Sie erlöst von der verzweifelten Resignation und setzt einen Optimismus in Gang, der das individuelle Aggressionspotenzial vollkommen zudeckt.

Ein fast unglaublicher Startschuss zu mehr persönlicher Freiheit ist die Ermutigung zu individueller Sport- und Freizeitbetätigung; Letzteres eine fast mystische Befreiung vom endlosen Exerzieren für die Jubel- und Martialaufmärsche, dem bisher kein Nordkoreaner entgehen konnte.

Ein Hauch von Frühling weht durch Pjöngjang. Die weiterhin gellende Kriegsrhetorik und die andauernde Unterdrückung des Volkes sind das alles durchdringende Hintergrundgeräusch, das die Menschen bei der Stange halten und den allmächtigen Staat als unangreifbare alternativlose Fixgröße einzementieren soll.

Mit dem Fahrrad durch Pjöngjang


Das Bild Nordkoreas wird sich trotz anhaltender Anpöbelungen Südkoreas und der USA rasant ändern. Die wirtschaftliche Öffnung wird Nordkorea rasch verwandeln: in eine irgendwie fast ein wenig sympathische Diktatur, die man besuchen kann – auch als Politiker. Die politische Rhetorik aus und gegenüber Nordkorea wird sich mäßigen, das Menschenrechtsauge des Westens wird erblinden. Nordkorea wird weiterhin Dissidenten samt Familien in Lagern verrotten lassen oder einfach umbringen. Die Führung Chinas wird wohlwollend auf die Nachahmung ihres eigenen Weges blicken.

2015 können Sie mit ziemlicher Sicherheit als Individualtourist nach Nordkorea reisen, dürfen mit dem Fahrrad durch Pjöngjang fahren, einen Markt besuchen und am Abend in ein Lokal Ihrer Wahl gehen. Anschließend können Sie mit dem Mobiltelefon ein Taxi rufen, das Sie ins riesige Hotel Kempinski bringt. Sie werden mit Einheimischen reden können und Straßenszenen filmen dürfen.

Alles Freiheiten, die, von diesem Datum fünf Jahre zurückgerechnet, völlig undenkbar für einen westlichen Touristen waren. Und Krieg? Den Krieg wird es geben, aber um Investitionen und Touristen.

Zum Autor

Hans Bachmann ist in den Bereichen Kommunikation, Werbung, Unternehmensberatung und Bedarfsluftfahrt tätig. Seit 40 Jahren intensiv Weltreisender. Der promovierte Volkswirt und Politikwissenschaftler hat Nordkorea 2005 als Tourist bereist. Seither gilt sein Interesse der surrealen Rhetorik und realen Entwicklung dieses abgeschotteten Staates.


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