Kim droht. Aber bellende Hunde beißen selten

HANS BACHMANN (DiePresse.com)

Nordkoreas neuer kleiner großer Führer, Kim Jong-un, rasselt wild mit dem Säbel und stimmt Kriegsgeschrei gegen Südkorea und die USA an. Zugleich will er dem geknechteten Volk Hoffnung durch ein paar scheinbare Freiheiten geben.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Gleich vorweg: Ich glaube nicht, dass Nordkorea seinen martialischen Kriegsdrohungen Taten folgen lässt. Erstens, weil es das nicht kann; zweitens, weil die Herrscherklasse um Kim Jong-un ganz andere Ziele verfolgt. Und drittens beißen bellende Hunde eher selten. Das Kriegsgeschrei nach außen ist nur an die Adresse des eigenen Volkes gerichtet. Die Rudelführer lassen die Muskeln spielen und zeigen diese in erster Linie ihrem Volk. Gleichzeitig aber passiert im Land etwas, was Nordkorea-Reisende geahnt, gehofft, aber für unmöglich gehalten haben: Der neue kleine große Führer – der Enkel von Kim Il-sung – will ein guter Diktator werden.

Mehr zum Thema:

Die neue Marschrichtung


Die bis in die jüngste Gegenwart andauernde depressive, aussichtslose Realität unter Mobilisierung aller Unterdrückungskräfte kostet zu viel Geld und vernichtet produktive Energien. Etwas Hoffnung durch ein paar scheinbare Freiheiten und Stärke durch Säbelrasseln – das kombiniert ist die neue Marschrichtung in Nordkorea.

Hoffnung zu wecken und den Deckel etwas zu lüften sind notwendige Schritte. Das weiß auch Kim Jong-un. Deshalb macht er öffentliches Machtmarketing ganz anders als sein Vater Kim Jong-il. Er macht Kommunikation. Er tritt auf. Er lässt eröffnen. Er verteilt zu Symbolen der Macht auch Symbole der kleinen individuellen Freiheiten. Film, Mobiltelefone, Autos, Zeitungen, Einkaufszentren, Basketballstars, vielleicht auch erweiterten TV-Zugang.

Karikatur: Peter Kufner (http://www.peterkufner.com/) droht Aber bellende Hunde

vergrößern


Er macht sich sympathisch – und gleichzeitig mächtig, er „kann Großvater“: Kim Il-sung war ein überwältigend populärer Volkstribun. Er hat in den 1970er-Jahren tatsächlich einen nordkoreanisch-kommunistischen Tigerstaat mit hochtourigem Erfolgsmotor inszenieren können. Da war was los. Autobahnen wurden gebaut, Staudämme, Häuser und Volkspaläste, allein in Pjöngjang sieben herzeigbare Sporthallen und drei Stadien.

Der Mechanisierungsgrad in der Landwirtschaft war deutlich höher als heute. Die Menschen konnten sich freier bewegen – auch Besucher aus dem Ausland. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gab es für Nordkorea zwei Alternativen: die völlige und tiefgehende Unterdrückung jeder Individualität; oder eine blitzartige Öffnung mit Perestrojka, Umbau des Wirtschaftssystems und der Gefahr, dass die Generäle samt der Familie Kim verjagt werden. Wir wissen, welche Alternative gewählt wurde. Ein gespenstischer, exzessiver Unterdrückerstaat mit Ausschluss von Kommunikation, Mobilität und Konsum wandte sich von der übrigen Welt ab.

Ein röchelnder Staat


Kim Jong-un kann und will das Regime seines Vaters und der verbliebenen Steinköpfe im Militär nicht mehr einfach linear fortführen, er würde schnell stürzen. Das will er verhindern, indem er das Militär mit Lautstärke nach außen beruhigt und dem Volk neue Hoffnung im Inneren macht.

Er versucht, dem röchelnden Staat neues Leben einzuhauchen. Das geht nur mit der Bevölkerung und nicht gegen sie. Das Modell der totalen Vorenthaltung von Freiheit, Kommunikation, Mobilität und teilweise sogar Nahrung ist gescheitert. Deshalb geht Kim Jong-un auf die Leute zu, macht sich sichtbar, tritt hervor. Wer aus der Deckung kommt, gibt entweder auf oder er signalisiert: „Hallo Volk, ich bin es, euer Führer. Jetzt machen wir gemeinsam etwas anderes.“

Nordkorea bleibt weiterhin eine harsche Diktatur. Es soll aber herangeführt werden an die Errungenschaften und Geldtöpfe der westlichen Waren- und Konsumgesellschaften. Dazu muss das Volk telefonieren lernen, Computer beherrschen, auch Autofahren. Mediengebrauch wird weniger zensuriert, der Blick auf die Welt wird größer. Supermärkte und Riesenhotels werden gerade eröffnet. Die Menschen werden vorbereitet. Zugleich werden sie weiterhin manipuliert und eingeschüchtert.

Den Generälen bietet Kim Jong-un eine neue Beteiligung an der Macht – nicht mehr der militärisch institutionalisierten, sondern an der Macht des fließenden Geldes, das aus einer sich stärker ins Private entwickelnden Wirtschaft kommen soll. Wenn Kempinski sagt: „Das Hotel wird eine Gelddruckmaschine, wenn sich Nordkorea ein wenig zu öffnen beginnt“, lesen wir daraus auch, dass sich dieses Geld teilweise auch nach unten in die Bevölkerung verteilen wird.

Das wahre Kriegsziel


Kim Jong-un hat Experten der Weltbank eingeladen, sich Gedanken über ein Investitionsschutzprogramm in Nordkorea zu machen. Das ist das wahre Kriegsziel: Investitionen ins Land zu holen. Die Unterdrückung wird in Kauf genommen, denn jede erblühende Hoffnung in einer Gesellschaft erstickt gleichzeitig die Energie des Widerstands. Sie erlöst von der verzweifelten Resignation und setzt einen Optimismus in Gang, der das individuelle Aggressionspotenzial vollkommen zudeckt.

Ein fast unglaublicher Startschuss zu mehr persönlicher Freiheit ist die Ermutigung zu individueller Sport- und Freizeitbetätigung; Letzteres eine fast mystische Befreiung vom endlosen Exerzieren für die Jubel- und Martialaufmärsche, dem bisher kein Nordkoreaner entgehen konnte.

Ein Hauch von Frühling weht durch Pjöngjang. Die weiterhin gellende Kriegsrhetorik und die andauernde Unterdrückung des Volkes sind das alles durchdringende Hintergrundgeräusch, das die Menschen bei der Stange halten und den allmächtigen Staat als unangreifbare alternativlose Fixgröße einzementieren soll.

Mit dem Fahrrad durch Pjöngjang


Das Bild Nordkoreas wird sich trotz anhaltender Anpöbelungen Südkoreas und der USA rasant ändern. Die wirtschaftliche Öffnung wird Nordkorea rasch verwandeln: in eine irgendwie fast ein wenig sympathische Diktatur, die man besuchen kann – auch als Politiker. Die politische Rhetorik aus und gegenüber Nordkorea wird sich mäßigen, das Menschenrechtsauge des Westens wird erblinden. Nordkorea wird weiterhin Dissidenten samt Familien in Lagern verrotten lassen oder einfach umbringen. Die Führung Chinas wird wohlwollend auf die Nachahmung ihres eigenen Weges blicken.

2015 können Sie mit ziemlicher Sicherheit als Individualtourist nach Nordkorea reisen, dürfen mit dem Fahrrad durch Pjöngjang fahren, einen Markt besuchen und am Abend in ein Lokal Ihrer Wahl gehen. Anschließend können Sie mit dem Mobiltelefon ein Taxi rufen, das Sie ins riesige Hotel Kempinski bringt. Sie werden mit Einheimischen reden können und Straßenszenen filmen dürfen.

Alles Freiheiten, die, von diesem Datum fünf Jahre zurückgerechnet, völlig undenkbar für einen westlichen Touristen waren. Und Krieg? Den Krieg wird es geben, aber um Investitionen und Touristen.

Zum Autor
Hans Bachmann ist in den Bereichen Kommunikation, Werbung, Unternehmensberatung und Bedarfsluftfahrt tätig. Seit 40 Jahren intensiv Weltreisender. Der promovierte Volkswirt und Politikwissenschaftler hat Nordkorea 2005 als Tourist bereist. Seither gilt sein Interesse der surrealen Rhetorik und realen Entwicklung dieses abgeschotteten Staates.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

20 Kommentare

Hope so!

ich hoffe, Herr Bachmann, sie haben recht!

Freiheit

Einäußerer Feing vereint und beruchigt das Volk und mindert das Hungergefühl.Freiheiten für das Volk wird es sisher nicht geben,weil damit die Herrschaft der Nomenklatura gefährdet wäre.Aus dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 hat Norkorea sicherlich gelernt.

Der bellende NK-Hund

kann garnicht beissen mit seinem total verfaulten und lückenreichen Gebiß!

Ich würde mich nicht darauf verlassen,

dass ein bellender Hund nicht beißt. Man weiß nie was der pubertären, wahnsinnigen Marionette in Nordkorea einfällt. Selbst wenn seine Raketen amerikanisches Territorium nicht erreichen können, genügt es, wenn sie in Japan oder Südkorea einschlagen. Es ist mir sowieso schleierhaft, wie sich ein ganzes Volk von ein paar alten Männern und einem idiotischem Führer gängeln läßt. Gäbe es in Nordkorea Öl, hätten die Amis schon längst einen Krieg, wie im Irak, angezettelt.


Im Rausch eigenen Wunschdenkens gefangen...

Gewiss ist es legitim, überall und immerdar auf Frieden zu hoffen. Doch dabei unterliegt man leicht der Täuschung, in jeder politischen Veränderung sofort die Chance auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die jeweilige Bevölkerung zu sehen. Selbst wenn sich der neue Diktator schon seit Monaten in wüster Kriegsrethorik überschlägt und allen möglichen Staaten die totale Vernichtung androht. Angeblich, glaubt man dem Autor, möchte er auf diese Weise Investoren ins Land locken, damit diese mit ihrem Geld den Herrn Kim Jong-un friedlich stimmen. Doch das, wie auch die übrigen Ausflüsse von purer Traumdeuterei wird sich letzten Ende als trügerisch erweisen. Es mag zwar stimmen, dass "bellende Hunde selten beißen"; aber das "selten" bedeutet eben nicht "nie"! Und so klein kann das weiter existierende Restrisiko gar nicht sein, dass man aufhören darf, weiterhin wachsam zu bleiben. Zumal gerade Kims Hass-Ausbrüche gegen Südkorea und dem Westen durchaus irgendwann eine Eigendynamik entfalten könnten, die den rhetorischen Bereich weit übersteigen, um fliegend in die praktische Umsetzung des bisher nur Angekündigten überzugehen. Diktatoren von Kims Zuschnitt konnten noch nie "schön geredet" werden. Zuweilen sind manche Personen eben tatsächlich so, wie sie zu sein scheinen...

Re: Im Rausch eigenen Wunschdenkens gefangen...

kann mich Ihren Ausführungen nur anschließen.

hm ...


Klingt ja ganz nett.

Die USA sehen das vermutlich ebenso, denn dort nimmt man die Drohungen zwar ernst (man soll bekanntlich keinen Gegner unterschätzen), belohnt sie aber mit keiner wie auch immer gearteten Aufmerksamkeit.

Seltsame Interpretationen

Wenn Diktatoren von Krieg sprechen, haben sie im allgemeinen zwei Sachen vor:
1. das eigene Volk mit noch größeren Repressionen zu überziehen als zuvor, schließlich muß man sich ja gegen "Agenten des Feindes" schützen...
2. Krieg führen.

Kriegsdrohungen hingegen als Zeichen eines nordkoreanischen Tauwetters zu deuten, ist eine Interpretation, die auf ausufernden Drogenkonsum hinweist...
"Ein guter Diktator" - na immerhin ist er ja fast so liberal wie A. H.

Re: Seltsame Interpretationen

Glauben Sie wirklich, daß der nordkoreanische Diktator einen Krieg entfacht ohne die Billigung (genauer gesagt Genehmigung) des großen Bruders? Was hat er für Chancen? Und wie soll ein solcher Krieg mit China's Interessen vereinbar sein? Also, Ihre zweite Vermutung ist einfach unwahrscheinlich. Die erste paßt, aber dann sind Sie ungefähr im Sinne des Autors, nur größere Repressionen in Nordkorea verbieten sich nahezu von selbst. Was soll da gesteigert werden?

Re: Re: Seltsame Interpretationen

Sie fragen mich, ob ich tatsächlich glaube, dass der Diktator eines paranoiden Regimes irrational agieren könnte? Ja, das glaube ich.

Den Gastkommentar halte ich deswegen für überspannt,

weil das Volk völlig anders als zB. ein arabisches so eine Diktatur nichtbenötigt. Südkorea und Japan haben zwar eine verschiedene Geschichte, sind aber trotzdem vergleichbar.

"So eine" habe ich im Vergleich zu Syrien und Umgebung geschrieben.

Artikel von Hans Bachmann - frei nach Diktat von BP Dr. Heinz Fischer


Dem aggressiven Polit-Stil von Kim Jong-un

werden in diesem Artikel tiefsinnige, strategische Überlegungen unterstellt. Ich fürchte, dieser Outsider der internationalen Politik ist wirklich so, wie er ist: ein psychisch Gestörter.

Profilierungsneurose?

Dem kleinen Fetten gehörte eigentlich eine gehörig aufs Maul, denn mit dem Tod von tausenden Menschen taktiert man nicht !

Gute Meinungen, gute Propheten


Die Drohungen des Großen Führers gegen die USA und Verbündete seien nur zur Beruhigung des Militärs gedacht; „nach innen“ aber sei der Führer gesonnen, eine neue Politik der Öffnung und Freiheit anzufangen. Also den Weg Chinas zu gehen. Sein Wort in Gottes Ohr, möchte man zustimmend meinen. Aber unser guter Prophet muß unterstellen, die inneren Absichten und Gesinnungen, das innere Denken und Wollen des großen Führers zu kennen und zwar ziemlich genau und intim.

Dies kann nicht der Fall sein. Worauf er sich stützt, sind seine Annahmen, seine Vermutungen, seine Schlüsse aus seinen Theorien; und diese mögen zutreffen und eintreffen; sie mögen…

Einer guten und gut gemeinten Meinung scheint man nur durch eine böse Meinung widersprechen zu können. Aber dies ist aber nur die halbe Wahrheit; denn wenn des Korea-Kenners Meinung naiv und falsch sein sollte, dann wird sie eine böse gewesen sein und nicht nur eine bös gemeinte. Denn sie könnte, würde wie von den USA und Verbündeten für „bare Münze“ genommen, verhängnisvolle Konsequenzen haben. Man könnte auf präventive Verteidigung und Wachsamkeit verzichten, man könnte die Sanktionspolitik einschränken und auf jede nur mögliche Weise unvorsichtig und zutraulich werden, kurz: in die Falle eines dummen und bösen Appeasements tappen.

Bis 2015 eine "fast schon sympathische Diktatur"

....

mit Konzentrationslagern.

11

Da hat unser Bundesheinzi wohl seine Genossen entsandt, um für seine Roten Freunde Werbung zu machen.

Hätt ich im Standard erwartet, aber hier? Naja, freie Meinungsäußerung und so. Aber dass man in einer vermeintlich aufgeklärten Welt und in einer, wo man durch die Globalisierung der Technologie im Prinzip die Wahrheit recht schnell herausfinden kann, noch so einen Blödsinn verzapfen kann ist hart...

11

"a enourmous heap of bullshit"

ich kenne Korea aus intensiven Geschäftsreisen und behaupte - der Autor schwafelt einen fürchterlichen Käse zusammen, der Karl May vergleichsweise als akribischen Historiker darstellen würde.
Das ist "a enourmous heap of bullshit"

Wer ein mal in Panmunjeom war und allein von der Aussichtsterasse (vor der ein alter US Apache Hubschrauber als Denkmal steht, das nie gezeigt wird - nur als Beweis, das ich dort war) hinübergeschaut hat, der weiß, was einige Generationen gelebter Hass als einzige politische Grundlage und sozialer Kitt bedeuten.

Die Zukunft wird es zeigen

Ich lese gerade das Buch von Kahneman zum zweiten Mal durch. Das zentrale Konzept ist das impulsive System 1 und das langsame, rational orientierter System 2. System 1 arbeitet nahezu mühelos, das andere nur unter Anstrengungen, was dazu führt, dass Menschen viel lieber nach dem ersten agieren (einen Daumen anklicken ist halt viel einfacher ...)

In meinen Augen zeichnet einen guten Politiker aus, wenn er Menschen über ihr System 1 das Gefühl geben kann, er versteht ihre Sorgen, im Hintergrund allerdings davon unabhängig Handlungen über das System 2 setzen kann.

Wenn die Prognosen des Artikels zu treffen werden, dann hat Kim Jong-un diese Führungsqualität und es war eine weise Entscheidung ihn als Führer zu etablieren und nicht einen seiner Geschwister, die mehr dem schnellen leichten Leben des Systems 1 zugeneigt sind.

PS: Ein Paradebeispiel für die beiden Systeme ist aktuell Zypern. Der ursprüngliche Rettungsplan von einem fähigen zypriotschen Politiker schnell durchgezogen wäre mM für sie wesentlich weniger schmerzhaft gewesen, als jetzt diese Hängerpartie deren Auswirkungen ihren Gegnern wesentlich stärker in die Hände spielen. Aber so ist da Leben ...


Top-News

AnmeldenAnmelden