„Mama-Papa“, „Mama-Mama“, „Papa-Papa“ – wirklich egal?

Bemerkenswert, wie es einer kleinen Minderheit gelungen ist, ihr beschränktes Interesse zu einem zentralen Projekt der Moderne zu machen.


Kundgebungen von Katholiken stellt man sich normalerweise anders vor: Angeführt von Priestern im Talar, ruhig und bescheiden, ohne auffallende Transparente, dafür mit Gemurmel von Gebeten und unter frommem Singen geistlicher Lieder.
Umso erstaunter sind viele, dass junge Katholiken, die in Frankreich einen unverdrossenen Kampf gegen die Ehe von Homosexuellen führen, Formen des Protests anwenden, die man von diversen „Occupy“-Gruppen und Wutbürgern kennt. Mit dem Unterschied freilich, dass sich diese größter Sympathie der Medien erfreuen, während die Katholiken verächtlich gemacht werden. Auch mit rücksichtsvollem Verhalten der Polizei und Entgegenkommen der Behörden dürfen sie nicht rechnen.
In Frankreich hat die Auseinandersetzung um die „Ehe für alle“ die Formen eines Kulturkampfs angenommen. Seit den erfolgreichen Protesten gegen die von der damaligen sozialistischen Regierung geplante Abschaffung der Subventionen für (meistens katholische) Privatschulen 1984 hat das protestgewohnte Paris nicht mehr so große Kundgebungen gesehen.

Ein linkes Prestigeobjekt


Die anfangs von engagierten katholischen Gruppen organisierten „manifestations pour tous“ – ein Wortspiel mit  „mariage pour tous“ – sind zu Massenkundgebungen geworden, die nicht mehr allein von Katholiken bestritten werden.
Während sich die Demonstranten in Paris und anderen französischen Städten wenigstens der verbalen Solidarität ihrer Bischöfe sicher sein können, sind deren deutsche Amtskollegen froh, dass sie ihre Ruhe vor widerständigen Jungen haben, die den Frieden der Kirche mit dem Staat stören könnten. In Deutschland wolle man keine Proteste wie in Frankreich, darin seien sich Protestanten und Katholiken einig, erklärte der Sprecher der Bischofskonferenz naserümpfend. Man spürte die Erleichterung, dass seinen Chefs eine Entscheidung wie die der französischen Amtsbrüder bisher erspart geblieben ist.
Die „Ehe für alle“ ist für die Linke in den USA und in Europa zu einem Prestigeprojekt geworden, obwohl sie nur einen minimalen Teil der Bevölkerung betrifft. In Frankreich war es eines der wichtigen Wahlversprechen von François Hollande, das unterdessen auch umgesetzt worden ist. Senat und Abgeordnetenhaus haben das Gesetz, das auch das Recht auf Adoption einschließt, vor zwei Wochen verabschiedet.

Wie es einer kleinen Minderheit gelingen konnte, ihr beschränktes Interesse zu einem zentralen Projekt der Moderne werden zu lassen, ist als ein bemerkenswerter Erfolg von Lobbying zu verbuchen. Die Sache wird aber dialektisch umgedreht: Die in ihrem vormodernen Denken verhaftete Rechte benütze dieses Projekt, das sich doch eigentlich von selbst verstehe, lediglich dazu, die Linke in Frankreich politisch zu bekämpfen und letztlich zu stürzen. Aber der Fortschritt sei nicht aufzuhalten, in ein paar Jahren werde die „Ehe für alle“ überall gelten, wer sich ihr entgegenstelle, werde das Schicksal der US-Republikaner erleiden.
Die allzeit wendige Angela Merkel hat diesen Wink schon verstanden. Nach der Energiewende wird sie auch die Ehewende schaffen. Vorläufig ist sie von ihrer Partei noch gestoppt worden.
Warum soll man denn wirklich den paar Schwulen und Lesben, die überhaupt eine Ehe eingehen wollen, und den noch selteneren, die Kinder aufziehen oder womöglich über eine „Leihmutter“ bekommen wollen, ihren Willen nicht lassen? Es ist doch, wie die Frauenministerin offenherzig sagte, „völlig egal“, ob ein Kind „Mama-Papa“ sagt oder „Mama-Mama“ oder „Papa-Papa“. Noch dazu, wo gerade in ganz normalen Ehen aus Mann und Frau keineswegs immer ideale Verhältnisse für die Kinder herrschen.

Der zwingende Zeitgeist


Die Schwächung der traditionellen Ehe besorgten die Heterosexuellen schon selbst, bemerkte ein Kommentator in einem Plädoyer für die Homo-Ehe sarkastisch, aber zutreffend. Natürlich ist es für ein Kind keineswegs egal, ob es in einer Familie aus Mann und Frau, idealerweise auch mit Geschwistern, oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt.
Der Kinderpsychologe Heinz Zangerle, als Psychotherapeut und Autor ausgewiesen, beruft sich auf die Generationenforschung, wenn er sagt, „dass Elternschaft aus der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau besteht, die in einem sexuellen Spannungsverhältnis zueinander stehen, und die es den Kindern ermöglicht, in diesem Spannungsverhältnis eine sexuelle und kulturelle Identität zu entwickeln“.
Das deutsche Grundgesetz stellt die Ehe unter den „besonderen Schutz“ von Recht und Gesetz. Für die Autoren war es klar, dass damit die auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau, potenziell mit Kindern, gemeint ist. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat das nun so interpretiert, dass auch eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft durch eine verbindliche Verantwortungsübernahme geprägt ist „wie eine Ehe“. Damit ist die Entscheidung eigentlich schon gefallen. Wenn man trotzdem dagegen argumentiert, widersetzt man sich dem anscheinend zwingenden Zeitgeist.

Mensch als Schöpfer seiner selbst


Es ist üblich geworden, von der „sexuellen Orientierung“ zu sprechen. Das ist verräterisch: Man orientiert sich. Man wählt aus, wer man sein will. Die Lebensform hängt nicht von den biologischen Bestimmtheiten ab, in denen man sich vorfindet. Das Geschlecht ist eine soziale Rolle, über die man selbst entscheidet.
Der Mensch wird zum Schöpfer seiner selbst. Wenn man die vorgegebene Dualität von Mann und Frau leugnet, verliert auch das Kind seine ihm eigene Stellung und wird zum Objekt, auf das man einen Anspruch zu haben meint.
Ein naturrechtliches Menschenbild dagegen hält das Geschlecht für eine Vorgabe, die der Mensch annehmen und in seinem Leben erfüllen muss. Daran hält eigentlich nur noch die Kirche fest, sie kann und darf nicht anders.
Eine naturrechtliche Position schließt ein, dass Homosexualität als eine der Selbstbestimmung des Menschen entzogene Realität nicht diskriminiert werden darf. Aber nicht jede Unterscheidung ist auch eine Diskriminierung.

Schicksalshafte Unterschiede haben auch ihre Konsequenzen in Recht und Gesellschaft. Eine davon ist die Privilegierung der Ehe von Mann und Frau als der natürliche und beste Ort für die Nachkommenschaft – auch wenn das in Einzelfällen immer wieder misslingen wird. Dennoch wird man fragen müssen, welche Konsequenzen die Aufhebung der Verbindung von Ehe und Elternschaft für das Menschenbild und den Fortbestand der Gesellschaft denn überhaupt hätte.

Doch eine heilige Verbindung?


Der zitierte Kommentator spricht von der „heiligen Verbindung von Ehe und Fortpflanzung“, die längst zerbrochen sei. Diese Formulierung ist doch überraschend. „Heilige Verbindung“ für eine angeblich obsolete Institution?
Sollte damit ein Ideal gemeint sein, dessen Realisierung durch die Umstände der Zeit immer seltener  vorkommt – leider?  Hat der Phantomschmerz womöglich schon eingesetzt?

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