Klimavorbild USA? Die Euphorie ist völlig unangebracht

Replik. Es ist ein Irrglaube, dass der Wettbewerb um „Billigenergie“ zum spezifischen industriepolitischen Vorteil Europas werden könnte.

Walter Boltz, Vorstandsmitglied der E-Control, veröffentlichte in der „Presse“ am 17.8. ein Plädoyer für eine Neuausrichtung der europäischen Klima- und Energiepolitik. Runter mit den Förderungen für erneuerbare Energie und weg mit alleinigen Klimaschutzbestrebungen, so sein Credo.

Aber die Euphorie von Boltz über den – dank Schiefergas – „besseren Klimaschützer USA“ ist unangebracht. Die Treibgasemissionen in der EU sind seit 1990 um rund 15 Prozent gesunken, in den USA jedoch um nahezu 15 Prozent gestiegen. Eine mögliche US-Trendwende ist erst seit Kurzem absehbar. Zudem sind die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf in den USA nahezu doppelt so hoch wie in Europa. Hauptverantwortlich für das erwähnte US-Szenario „Energieimportunabhängigkeit“ sind allerdings neben dem Schiefergas-Boom insbesondere die neuen Treibstoff-Effizienzbestimmungen, die den Verbrauch drosseln werden.

Von „runterrasselnden amerikanischen Öl- und Gaspreisen“ (Boltz) kann zumindest bei Rohöl keine Rede sein. Der Ölweltmarktpreis ist mit rund 100 US-Dollar/Barrel kontinuierlich dreimal so hoch wie vor zehn Jahren. Der Hype rund um die nichtkonventionelle Förderung von Öl und Gas hat auch ökonomisch einen schalen Beigeschmack: Sie liefert häufig keine Gewinne ab, ist jedoch vollgepumpt mit Milliarden der Ölkonzerne und des Kapitalmarkts, der den Verheißungen der Industrie folgt.

 

Rückgang der Reserven

Mehrere Unternehmen, unter anderem Shell, meldeten zuletzt relevante Abschreibungen, weil sich Schieferöl-Projekte als nicht profitabel herausstellten. Dies ist auch ein entscheidender Faktor für die Einschätzung der Ölvorkommen, die Teil des politischen Spiels rund um künftige Investments sind. Mehrere Publikationen weisen auf einen signifikanten Rückgang der relevanten Reserven hin. Wie der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt, sind 2011 rund 88 Milliarden US-Dollar an Subventionen in erneuerbare Energie geflossen. Und in fossile Energie? 523 Mrd.! Und das soll Europas intelligenter Weg in die Zukunft werden?

 

Es braucht neue Kraftwerke

Schon jetzt ist das Versagen des EU-Emissionshandels eine klimapolitische Bremse. Es ist unbestritten, dass es neue Kraftwerkskapazitäten braucht. Wo investiert wird, ist die entscheidende Frage. Billig wird es jedenfalls nicht. Schon gar nicht, wenn man plant, in Europa Schiefergas lukrativ zu gewinnen, wie kürzlich eine Studie der TU-Delft konstatierte.

Ist schon aufgefallen, dass seit 2001 im Gegensatz zu vorangegangenen Jahrzehnten kaum mehr größere Kraftwerke in Österreich errichtet wurden? Die Schuld der Energiewende? Oder doch Folge der Liberalisierung, wie ich meine. Öffentliche Finanzierungsmechanismen (z. B. das Ökostromgesetz) werden weiter absolut notwendig sein – trotz Adaptionsbedarf im Strommarktdesign.

Es ist ein Irrglaube, dass der Wettbewerb um „Billigenergie“ der spezifische industriepolitische Vorteil Europas sein wird. Bildung, Innovationsfähigkeit und eine auf eigenen Stärken aufbauende Energiestrategie sind die Zukunft.

Mehr als eine Milliarde Euro täglich beträgt der Wert der Öl- und Gasimporte der EU. Innerhalb von drei Jahren sind trotz sinkenden Verbrauchs die Ausgaben Europas für fossile Energieimporte um mehr als 200 Mrd. Euro jährlich gestiegen. Ist das nicht die relevantere Bedrohung für Europa?

Georg Günsberg (*1973), in Wien tätiger Politik- und Strategieberater mit Schwerpunkt Energiepolitik. Eine Langversion des Beitrags ist auf www.guensberg.at zu finden.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2013)

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