Abschied von der eurozentrischen Kirche

In kürzester Zeit ist es Papst Franziskus gelungen, das Bild der katholischen Kirche in der Weltöffentlichkeit zu verändern.

Franziskus ist ein Meister der symbolischen Kommunikation. In nur kurzer Zeit ist es ihm gelungen, das Bild der katholischen Kirche zu verändern. Lassen wir einige Gesten Revue passieren:

Der neue Bischof von Rom hat am Abend seiner Wahl die Gläubigen zunächst für sich beten lassen, bevor er selbst den Segen erteilt hat. Am Gründonnerstag hat er nicht zwölf Priestern im Petersdom, sondern einer Gruppe von Häftlingen in einem Jugendgefängnis die Füße gewaschen. Der Papst, kein Freund pontifikaler Insignien, wohnt lieber im Gästehaus als im Apostolischen Palast. Seinen Almosenmeister hat er angewiesen, abends die Obdachlosen in den Gassen Roms aufzusuchen und ihnen Hilfe zu bringen.

Seine erste apostolische Reise führte Franziskus an den Rand Europas, nach Lampedusa, wo er für die schiffbrüchigen Opfer betete und die Globalisierung der Gleichgültigkeit anprangerte. Diese und andere Zeichen sind von der medialen Öffentlichkeit mit Wohlwollen, ja Begeisterung aufgenommen worden.

Der neue Stil der Amtsführung hätte im Vatikan nicht Einzug halten können ohne Benedikt XVI. Das darf nicht vergessen werden.

 

Benedikts epochale Geste

Benedikts freiwilliger Amtsverzicht ist eine epochale Geste. Er hat gespürt, dass er den rasanten Transformationsprozessen der Moderne, aber auch den angestauten Problemen in Kurie und Kirche nicht mehr gewachsen war. Die Einsicht in die eigene Schwäche ist stark.

Franziskus hingegen hat sofort erkannt, dass er alle Kraft darauf verwenden muss, die Schwächen der Kirche abzustellen und entsprechende Reformen einzuleiten. Dieser Reformwille hat ihm – noch kein Jahr im Amt – die Wahl zur „Person des Jahres“ durch das US-Magazin „Time“ eingebracht. In der Begründung heißt es, der neue Papst habe sich zu „Wohlstand und Armut, Fairness und Gerechtigkeit, Transparenz, Modernität, Globalisierung, zur Rolle von Frauen, zur Natur der Ehe und zu den Versuchungen der Macht“ unüberhörbar klar geäußert. In diesem Themenkatalog fehlt jedoch das, was Franziskus selbst am wichtigsten ist: die Botschaft der Barmherzigkeit, die aus der lebendigen Begegnung mit dem Wort Gottes erwächst.

Franziskus hat den Begriff der Reform verändert. Die lähmenden Strukturdebatten hat er rückbezogen auf die Gestalt Jesu und seine Botschaft der Barmherzigkeit, an seinem Maßstab müsse jede Erneuerung der Kirche ansetzen. Der Papst hat dafür plastische Bilder gebraucht: Eine „verbeulte Kirche“, die sich auf den Straßen der Welt schmutzig macht, ist ihm lieber als eine Kirche, die um sich selbst kreist. Kirche sei keine „Zollstation“, die kontrolliere, sondern das Vaterhaus, das allen offen stehe.

Franziskus, der die Kirche in einen „Zustand permanenter Mission“ versetzt sehen will, geht mit gutem Beispiel voran, wenn er für eine „heilsame Dezentralisierung“ eintritt und den Ortskirchen mehr Spielraum gewährt. Was auf lokaler oder regionaler Ebene gelöst werden kann, das soll im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auch dort gelöst werden. Entsprechend will Franziskus die Bischofskonferenzen stärken und mit Lehrautorität ausstatten.

Die programmatischen Abschlussdokumente der lateinamerikanischen Bischofskonferenz dürften hier im Hintergrund stehen. Sein Vorgänger hatte den Einfluss der Bischofskonferenzen begrenzt und sah in ihnen rein pastorale Beratungsorgane ohne eigenständige Rechts- oder Lehrkompetenz. Die Sorge Benedikts um die Einheit des Glaubens angesichts einer kulturell polyphonen Weltkirche scheint Franziskus weniger umzutreiben. Mit seinem Votum für mehr Vielfalt in der Einheit leitet er den Abschied von einer eurozentrischen Kirche ein.

 

Kollegialer Führungsstil

Die Schaffung eines Beratungsgremiums von acht Kardinälen, das die Erfahrungen der kontinentalen Großräume in die Leitung der Gesamtkirche einbringt, ist ein klares Signal für einen kollegialeren Führungsstil. Bei der kommenden Sondersynode der Bischöfe wünscht sich der Papst „echte Beratungen“ über die Themen Ehe und Familie.

Im Vorfeld hat er Fragebögen zirkulieren lassen, die die Meinung der Gläubigen erheben sollen. Wie etwa ein pastoral sensibler Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen aussehen kann, das wird hier offen diskutiert werden. Das gesamte „Volk Gottes“ – Bischöfe, Priester und Laien – soll an diesem Reformprozess beteiligt werden.

Dieser Abbau von Zentralismus ist auch ökumenisch bedeutsam, da die Praxis kollegialer Beratung und synodaler Entscheidungsfindung in anderen Kirchen seit Langem üblich ist. Allerdings wäre es illusionär zu meinen, demoskopisch erhobene Mehrheiten würden künftig die päpstlichen Entscheidungen direkt bestimmen. Es geht zunächst um ungeschönte Realitätswahrnehmung und bessere Tuchfühlung mit den Gläubigen.

 

Vision einer armen Kirche

Auch kann der Papst seinen Dienst an der Einheit der Kirche nicht auf eine Moderatorenrolle zurücknehmen. Ansonsten stünde er den konkurrierenden Richtungen innerhalb der Weltkirche machtlos gegenüber.

Die Bischöfe und Priester hat Franziskus ebenfalls eingeladen, ihr Amt nicht als Herrschaftsprivileg, sondern als Dienstamt zu verstehen. Als Hirten sollen sie den Geruch ihrer Schafe kennen und keine klerikale Sondersprache pflegen. Auch die Gläubigen – Männer, Frauen, Alte, Junge – hat er aufgerufen, das Abenteuer des Glaubens zu wagen und der Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes in Beruf und Familie ein Gesicht zu geben.

Dabei schwebt Franziskus die Vision „einer armen Kirche für die Armen“ vor. Diese Vision, die mit prophetischer Kritik am globalen Wirtschaftssystem einhergeht, bedarf einer Erläuterung. Denn den Armen wäre wenig geholfen, wenn die Kirche ihre Misere nur verdoppelte. Den Begriff der Armut wird man daher über den sozioökonomischen Aspekt hinaus erweitern müssen.

Es geht darum, eine Kultur der Teilnahmslosigkeit zu überwinden und eine solidarische Praxis mit Migranten, Vereinsamten, Abhängigen, Leidenden zu üben. Als Anwalt der Stimmlosen tritt der Papst im Sinne einer advokativen Solidarität auch für die Ungeborenen ein.

 

Gespräch mit den Ungläubigen

Im Dialog mit den nichtchristlichen Religionen hat Franziskus freundschaftliche Töne angeschlagen. Dabei spart er heikle Fragen nicht aus. So hat er an die Vertreter des Islam eindringlich appelliert, die Gewaltakte fanatischer Glaubensbrüder gegen Andersgläubige zu verurteilen und sich für Religionsfreiheit einzusetzen.

Dem Gespräch mit den ungläubigen Söhnen und Töchtern der Moderne misst der Papst große Bedeutung bei. Im Interview mit Eugenio Scalfari von „La Repubblica“ hat Franziskus den Fragesteller mit dieser Frage überrascht: „Woran glaubt eigentlich, wer nicht glaubt?“ Um dann, seinerseits befragt, den Glauben an Gott und seine Menschwerdung in Jesus Christis zu bekennen – jene „Revolution der zärtlichen Liebe“, die am Weihnachtsfest von Christen auf der ganzen Welt gefeiert wird.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Jan-Heiner Tück (*1967) ist seit 2010 Professor am Institut für Systematische Theologie der Uni Wien. Er ist Schriftleiter der katholischen Zeitschrift „Communio“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Gottesfrage, das Gespräch zwischen Theologie und Gegenwartsliteratur sowie das Zweite Vatikanische Konzil. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2013)

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