Geschichtswissenschaft als nationale Mission

Die Beschäftigung mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs nimmt auf Seite der Serben mitunter kuriose Formen an. Aber auch leichtfertig gezogene Parallelen zwischen 1914 und 1995 tun einer nüchternen Betrachtung nicht gut.

Mit dramatischer Geste stellte Miroslav Perišić, Direktor des serbischen Staatsarchivs, vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit einen Brief vor. Dieser war im Jahr 1914 von Oskar Potiorek, dem Landeschef Bosniens und Herzegowinas, an seinen Vorgesetzten, den k.u.k Finanzminister Leon Biliński, gerichtet worden. Nach Perišić stellt dieser Brief einen Beweis dafür dar, dass Österreich-Ungarn bereits 1913 einen Krieg gegen Serbien geplant hatte.

Diese „Sensation“ wurde noch durch den Ort ihrer Bekanntgabe unterstrichen: Perišić hatte Andrićgrad als Bühne für seinen Auftritt gewählt. Andrićgrad, im Andenken an den Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić, ist ein potemkinsches Städtchen an der Drina, unweit der Stadt Višegrad, die von Andrić in dem Roman „Die Brücke über die Drina“ verewigt wurde.

 

Eine „Sensation“, die keine ist

Andrićgrad ist die Vision des bekannten und kontroversen Regisseurs Emir Kusturica, eine Art serbisches Mini-Disneyland, mitfinanziert von der Republika Srpska, der bosnisch-serbischen Entität. Kusturica, in seiner Rolle als Leiter des dortigen Andrić-Institutes, selbst sah in diesem Brief eine Rechtfertigung für die Ermordung Franz Ferdinands und beschrieb diese auf der Pressekonferenz als gerechtfertigtes „Anti-Kriegs-Attentat“.

Bei näherer Prüfung erweist sich die behauptete „Sensation“ aber als nichts Neues. Als Beweis für eine in der österreichisch-ungarischen Regierung oder beim Kaiser vorhandene Kriegsabsicht ist der Brief nicht geeignet.

Seit Langem ist dokumentiert, dass Oskar Potiorek, der später als Oberbefehlshaber den erfolglosen Feldzug gegen Serbien führte, zu den Befürwortern eines sogenannten Präventivkrieges gegen Serbien gehörte. Hiermit war er nicht allein. Er wurde auch von Conrad von Hötzendorf unterstützt, dem Chef des Generalstabes. Die Befürworter eines Krieges gegen Serbien, wie in der vor Kurzem erschienenen Hötzendorf-Biografie „Des Kaisers Falke“ von Wolfram Dornik dargestellt, hatten auch Gegner, nicht zuletzt Erzherzog Franz Ferdinand selbst. Im Übrigen scheint die von Perišić präsentierte serbische Übersetzung des Briefes nicht mit dem deutschen Original übereinzustimmen.

Dieser Beginn des Gedenkjahres zeigt, dass die Gegenwart droht, die Vergangenheit einzuholen. Diskussionen in Bosnien über das Gedenken an den hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs haben nicht viel mit der eigentlichen Geschichte zu tun. So kündigte Milorad Dodik, Präsident der Republika Srpska, schon vor einem Jahr an, er werde aus Angst vor Geschichtsfälschungen 2014 alle Gedenkveranstaltungen in Sarajewo boykottieren.

 

Manichäisches Weltbild

In Wahrheit will Dodik zwischen Vergangenheit und Gegenwart nur eine ihm genehme Verbindung zulassen: Sollten Serben als Terroristen am Ausbruch des Ersten Weltkrieges schuld sein, so könnte dies die in der Republika Srpska dominierende Sichtweise vom Bosnien-Krieg als Verteidigungskrieg infrage stellen. Die Interpretationshoheit über den Ersten Weltkrieg bestimmt in diesem manichäischen Weltbild die Sichtweise „der Serben“ schlechthin. Die Gegenwart bestimmt jedoch nicht nur das Gedenkjahr in Banja Luka oder Andrićgrad. Auch die Feierlichkeiten in Sarajewo, gefördert von der EU und bestimmt vom französischen Botschafter Roland Gilles, stehen im Zeichen der Gegenwart.

Die Stiftung „Sarajewo, das Herz Europas“ koordiniert dort die Aktivitäten und betont dabei einen versöhnlichen Akzent. Die europäische Versöhnung soll Bosnien zeigen, wie es geht, so lautet die Botschaft.

Die Wiener Philharmoniker werden bei der 100-Jahr-Feier in der neu renovierten Vijećnica spielen, dem ehemaligen Rathaus, von dem aus Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 aufgebrochen war. Das Gebäude beherbergte später die bosnische Nationalbibliothek, die nach Beschuss durch die Armee der bosnischen Serben im Sommer 1992 inklusive der meisten Bücher abbrannte. Ansonsten werden zahlreiche Veranstaltungen in der letzten Juniwoche organisiert, jedoch gibt es wenig kritische Reflexion über den Weltkrieg und dessen Ausbruch.

Bei so viel Ballast des letzten Krieges bleibt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit leicht auf der Strecke. Eine Historikerkonferenz, organisiert vom Institut für Geschichte in Sarajewo, wurde zur Zielscheibe politischer Kritik.

 

Held oder Terrorist?

So wurde an der Konferenz unter anderem bemängelt, dass serbische historische Institutionen nicht ausreichend beteiligt seien und dass dabei „Revisionismus“ betrieben würde. Der frühere bosnische Diplomat Slobodan Šoja beklagte, dass nur Kriegsverlierer an der Konferenz beteiligt seien und dass Gavrilo Princip auf der Konferenz sicherlich nicht ausreichend geehrt würde. Zuvor hatte Šoja den Attentäter Princip in der bosnischen Wochenzeitung „Slobodan Bosna“ als „reinste Quelle nationaler Kraft und ihr Gewissen“ gepriesen.

Die Fragestellung, ob Princip ein Held oder Terrorist war, ist längst keine Frage der Geschichtswissenschaft mehr. Auch ist die Kritik an der Konferenz völlig unbegründet. Doch zeigt sie, welches Unverständnis hinsichtlich des Stands der Geschichtswissenschaft jenseits „nationaler Missionen“ nach wie vor herrscht. Die Geschichtsschreibung in den meisten europäischen Staaten ist längst nicht mehr damit beschäftigt, die Politik „ihrer“ Regierungen vor 100 Jahren zu rechtfertigen.

 

Leichtfertige Verquickungen

Die Kontroversen zeigen auch, wie gefährlich es ist, 1914 mit der jüngeren Geschichte zu verquicken. Die Beschäftigung mit Ereignissen, die mit nationaler Bedeutung befrachtet sind, hat in Serbien und anderswo immer schon Historiker angezogen, die nationalistische Geschichtsschreibung pflegen. Eine komplexe und vielschichtige Darstellung verunsichert dagegen.

Gerade das erfolgreiche Buch „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark hat in Serbien negative Reaktionen ausgelöst. Lange Zeit dominierte in der Historiografie die These des deutschen Historikers Fritz Fischer, der die Verantwortung Deutschlands für den Krieg in den Vordergrund gerückt hatte. Clark hingegen identifiziert in allen europäischen Großmächten Falken, die einen Krieg wollten oder leichtfertig eine Konfrontation mit anderen Mächten suchten.

Leider tut er diesem wichtigen Argument keinen Gefallen, wenn er im Fall Serbiens einen Bogen von Sarajewo 1914 nach Srebrenica 1995 spannt. Das Gedenken an den Kriegsausbruch sollte gerade nicht leichtfertig Parallelen zur Gegenwart suggerieren: Die Rolle Serbiens bei der Ermordung Franz Ferdinands oder die Befürworter eines Angriffskrieges in Österreich-Ungarn sagen nichts über den Konflikt der 1990er-Jahre aus. Mark Twain wird hier das passende Bonmot zugesprochen, dass „Geschichte sich nicht wiederholt, sich aber reimt“.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Florian Bieber
(* 1973) hat Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Er ist Professor für Südosteuropa an der Karl-Franzens-Universität und Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien und Mitglied des Organisationskomitees der wissenschaftlichen Konferenz „The Great War: Regional Approaches and Global Contexts“, die vom 19. bis 21. Juni 2014 in Sarajewo stattfinden wird. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2014)

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