Kulturmanagement: Neue Ideen, bitte!

„Die Presse am Sonntag“ präsentierte eine Reihe von Vorschlägen, wie das Burgtheater aus den jetzigen Turbulenzen herausgeholt werden könnte. Eine gute Gelegenheit, ein paar alternative Konzepte dagegenzustellen.

Auch mit großem Respekt vor Barbara Petsch und ihrer unbeugsamen Haltung kann man ihr „Sanierungskonzept“ für das Burgtheater („Die Presse am Sonntag“, 16.3.) aus der Sicht innovativen Kulturmanagements nicht unwidersprochen lassen.

Denn das Burgtheater mag in einer Finanzkrise stecken, schwerwiegender aber wird jene Legitimitätskrise sein, die droht, wenn die öffentlichen Kulturinstitutionen weiterhin ihr Heil nur in neuen Zusatzfinanzierungsoptionen suchen, ohne an ihrer – durch die Finanzskandale geschwächten – Legitimation zu arbeiten.

Mit 46 Millionen Euro Förderung ist jedenfalls nicht der Auftrag verbunden, eine noch tollere Kulisse für Sponsorselbstdarstellung zu bieten, sondern kulturelle Grundversorgung für eine sich verändernde Gesellschaft anzubieten. Alle großen Kulturinstitutionen stehen dabei heute auf einem Scheideweg zwischen der routinemäßigen Fortsetzung ihrer bisherigen Arbeit oder einer Neuausrichtung in einer Zeit gesellschaftlicher Veränderungen.

 

Wieder mehr verschenken

„An einem Theater lässt sich allerlei verkaufen“, schreibt Barbara Petsch und führt Beispiele an, die von Spenden durch Stiftungen bis zu Vermietungen für Events reichen. Durch diese Haltung gerät völlig unter die Räder, dass es verstärkt darum gehen müsste, am größten Theater der Republik wieder mehr zu verschenken – nämlich an jene, die bisher noch nicht in den Genuss und in die Nähe seiner Angebote gekommen sind.

Völlig richtig fragt zum Beispiel der Kulturpolitikexperte Michael Wimmer jüngst in seinem Blog, warum eigentlich den unter 19-Jährigen freier Eintritt in die Bundesmuseen gewährt wird, während für die Bundestheater diese Maßnahme nicht einmal diskutiert wird?

In eine ähnliche Kerbe schlug der Bekannte, der sich nach der Vorstellung von „Wunschloses Unglück“ im Burgtheater-Kasino fragte, warum diese „experimentelle“ Spielstätte nur mit einem Eintritt von 50 Euro zu besuchen war? Als Filmproduzent wäre es für ihn auch ein Leichtes gewesen, Barbara Petschs Aussage zur Filmfinanzierung zu entkräften, dass „Förderungen nur einen Bruchteil der Finanzierung von Kino- und Fernsehfilmen ausmachen“. Diese Aussage stimmt bestenfalls dann, wenn man Michael Haneke, das „Glücksrad“ und „Ice Age“ demselben „Markt“ zuschlägt.

Doch auch wenn man mit dem Kino vergleicht, kommt man an den Herausforderungen der Gegenwart nicht vorbei. So berichtete „Die Presse“ am 22.Februar von „ausverkauften Sälen für türkische Filme“. Zur Reform des Abo-Systems wäre ja auch diskutierbar, ob es an einem „Nationaltheater“ nicht Zyklen mit anderssprachigen Aufführungen oder es Abo-Kontingente für jene geben könnte, die die Voraussetzungen für „Hunger auf Kunst und Kultur“ erfüllen.

 

Ausgerechnet Namensschilder

Diskutiert man die Preisgestaltung von Burg und Oper verweist bereits die x-te Generation auf ihre Stehplatzprägungen. Doch stellt sich trotzdem die Frage, warum sozial Schwächere das Bühnengeschehen nicht auch einmal regelmäßig, planbar und bequem sitzend aus dem Parkett beobachten sollten. Statt jedoch die Krise dazu zu nutzen, eine grundlegende Debatte über den Kurs der Kulturtanker bei abnehmendem Rückenwind zu führen, verweist die Autorin auf die Namensschilder auf den Plätzen der Josefstadt – so, als wäre es nicht gerade das Verdienst republikanischer Kultur, eben keine Namensschilder zu vergeben.

Etwas innovativer ist die Idee zum Ausbau von Crowdfunding. Doch auch in diesem Punkt ist festzuhalten, dass es in einer zeitgemäßen öffentlichen Institution des 21.Jahrhunderts zuerst um die Schaffung eines barrierefreien Raums der Teilhabe gehen sollte, bevor die „Crowd“ auf ihre Rolle als potenzieller Investor reduziert wird.

In diesem Punkt ist – angesichts der grassierenden Eventvermietungen – einzufordern, dass öffentliche Ressourcen auch kostengünstig – beispielsweise an NGOs, Vereine und freie Szenen – zur Verfügung gestellt werden sollten. Warum eigentlich nicht nach dem Muster der Vereinsnutzung von Turnsälen in öffentlichen Schulen?

Es ist heute zwar möglich, die Räume vor dem „Hitler-Balkon“ in der Hofburg vom Kunsthistorischen Museum für seine Hochzeit zu mieten, doch auf Angebote wie jene des Metropolitan Museum in New York, das über sein Multicultural Audience Development Committee einzelne Communitys gezielt dazu einlädt, kostenfrei Ressourcen des Museums zu nutzen, wartet man in Wien bisher vergebens.

 

Unveränderte Rezepte

Sollten also Räume im Hanuschhof nicht benötigt werden, muss man sie nicht verkaufen, sondern könnte sich, gerade wegen des repräsentativen Standorts, auch überlegen, dort Theaterworkshops anzubieten, die sich Themen gesellschaftlicher Inklusion widmen. Mehrkosten müssten dafür nicht entstehen, denn die Teilnahme von Burgtheater-Schauspielern könnte in den Verträgen verankert werden.

Genau hier schließt sich dann auch der Finanzierungskreis. Denn für neue, innovative Angebote könnten auch Geldgeber geworben werden, die zunehmend mehr an dieser Form von Gemeinnützigkeit als am hundertsten Sektempfang im exklusiven Rahmen orientiert sind.

Geht es um Reform, sind es immer dieselben – im Wesentlichen seit den 1980er-Jahren unveränderten – Rezepte. Sie laufen darauf hinaus, eine weitere Institution jener Szene zu überlassen, die sich mit geringen Zusatzfinanzierungen einen großen Teil der Sichtbarkeit öffentlich finanzierter Kultur kauft und zugleich durch ihre Exklusivitätswünsche Offenheit und wahre Gastfreundschaft verhindert.

 

Eine Stadt voller Visionen

Drastisch manifestiert sich dieses Missverständnis in Barbara Petschs Vorschlägen für einen Beirat mit der innovativen Besetzung Helga Rabl Stadler, Klaus Albrecht Schröder und Josef Kirchberger in Verbindung mit der von ihr angedeuteten Idee der Schließung von Off-Bühnen zugunsten eines Budgetbeitrags der Stadt Wien.

Hier ist das Gegenteil zu fordern: Die Beiräte, Kuratorien und Aufsichtsräte der großen Kulturinstitutionen sollen endlich durch jene ergänzt werden, die in kleineren Organisationen erfolgreich an jenen neuen Modellen arbeiten, die den Großen so guttun würden.

Von der Brunnenpassage über die Wiener Wortstätten bis zur Divercitylab-Akademie, von der GarageX über das Brut bis zum Theatercombinat ist diese Stadt voll von Expertise und Vision für eine zeitgemäße Form von Kultur, die auch zur neuen Hochkultur werden könnte, wenn man sie nur ließe.

Denn Barbara Petschs letztem Satz ist zuzustimmen: „In dieser Krise soll man sich von der Häme gegen die Burg verabschieden und zusammen wirken.“ Aber bitte mit neuen Ideen und Akteuren!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Martin Fritz
(*1963 in Klagenfurt) war nach Anfängen in der Wiener freien Theaterszene unter anderem Director of Operations des P.S.1 Contemporary Art Center (heute Moma-PS1) in New York und Leiter des Festivals der Regionen in Oberösterreich. Er arbeitet als selbstständiger Berater, Kurator und Publizist in Wien und schreibt monatlich auf artmagazine.cc zu Themen im Umfeld der Kunst. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2014)

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