09.02.2010 06:22 | Meine Presse Merkliste0

Gesamtschule? War's das schon?

GASTKOMMENTAR VON CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Die Umstellung auf die Gesamtschule ist ein grundlegender und schwieriger Akt, bei dem einiges schief geht.

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Ja, aber.

Ja, ich bin ein klarer Befürworter der Gesamtschule. Es ist viel zu früh und unendlich ungerecht, bereits bei Zehnjährigen über ihren weiteren Lebensweg zu entscheiden. Außer in Deutschland bestimmt in keinem EU-Staat die soziale Stellung der Eltern so stark den Bildungs- und damit den Lebensweg der Kinder. Wegen dieser frühen Selektion sind Karrieren in Österreich ebenso vererbbar wie Armut.

Deswegen sollte mit aller Kraft versucht werden, jenen, die Startnachteile aus ihrer Familie mitbringen, mit und durch die Schule Aufstiegshilfen zu verschaffen. Und das gelingt mit Sicherheit nicht, wenn man Kinder schon mit zehn aussiebt und in (städtische) Hauptschulen steckt.

Um einen Vergleich aus der Stadtplanung zu bemühen: Niemand würde absichtlich Banlieues, jene Vorstädte, in denen Arbeitslosigkeit und Armut in Frankreich geballt auftreten, bewusst aufkommen lassen. In der Stadtentwicklung geht es um Durchmischung; trotzdem leben verschiedene Menschen unterschiedlich.


Sozialarbeiter statt Wissensvermittler?

Ja, ich befürworte die Gesamtschule, aber: Die Umstellung ist ein grundlegender und schwieriger Akt, bei dem einiges schief gehen kann. Deswegen müsste sie extrem sorgfältig vorbereitet werden. Davon ist bisher kaum etwas zu bemerken. Und die Voraussetzungen sind nicht die besten: Ein großer Teil der AHS-Lehrer ist skeptisch bis ablehnend, ebenso viele Eltern. Da tauchen einerseits uralte Standesdünkel auf „So G'fraster kommen nicht in unsere Schule“, andererseits bestehen berechtigte Ängste: Sind AHS Lehrer/innen darauf vorbereitet, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu unterrichten, mehr Sozialarbeiter als Wissensvermittler zu sein? Wie schaut diese „gemeinsame Schule der Vielfalt“ im Detail aus? Wie gestaltet sich die Übergangszeit, wo einerseits noch Haupt- bzw. AHS-Schüler/innen in der 3.Klasse sind, am selben Standort jedoch bereits die Gesamtschule beginnt? Wie wird eine gemeinsame Kultur des Lehrkörpers geschaffen, wenn völlig unterschiedlich ausgebildete und unterschiedlich bezahlte Hauptschul- bzw. AHS-Lehrer plötzlich gemeinsam unterrichten sollen?

All diese Fragen sind lösbar, sollen und müssen gelöst werden. Aber sicher nicht in einem Jahr. Man kann der wünschenswerten Großreform „Gesamtschule“ nichts übleres antun, als sie schlecht vorbereitet und gegen den Willen wesentlicher „stakeholder“ quasi von oben durchzudrücken.

Und noch ein weiteres „Aber“. Gibt es nicht andere, mindestens ebenso wichtige Fragen rund um unsere Schulen, die dringend diskutiert und verändert gehörten? Ins Auge springt im internationalen Vergleich die extreme Unfreiheit österreichischer Schulen ihre nahezu lückenlose Abhängigkeit von der Schulbehörde. Das wäre ein Demokratieschub sondergleichen: Schulen erhalten weitestgehende Autonomie, bekommen einerseits klare Ziele, was sie zu vermitteln haben, sowie ein ausreichendes Budget. Wie, mit welchen Methoden, welchem Tempo sie indes diese Ziele erreichen, entscheiden sie selbst. Auch die Kompetenz zur Auswahl „ihrer“ Lehrer/innen wird den Schulen übertragen. Die Gleichung ist simpel: Guter Unterricht hängt maßgeblich von qualifizierten und vor allem motivierten Lehrern ab. Gängelung und Bevormundung durch die praxisferne Behörde ist mit Sicherheit nicht der Weg, Motivation zu steigern. Und wenn man jedes Mal, bevor man etwas Neues ausprobieren darf, hunderte Genehmigungen einholen muss, spart man lieber die Neuerung ein.

Nur mit nachhaltig erweiterter Autonomie können Schulen zu selbstlernenden Organisationen werden, die die fundamentalen Fragen beantworten können: Wie viel Erziehungsaufgaben sollen (müssen) Schulen übernehmen, welche früher in den Familien geleistet wurde. Wie ändert sich dadurch die Rolle des Lehrers? Sind die Gebäude, in denen dieses neue Lernen ganztags stattfinden soll, solche, in denen man sich wohlfühlt, gerne lernt, isst, feiert, ausruht, liest? Haben, um nicht nur von den Schülern zu reden, die Lehrer ihren Computer, Räume, um sich vorzubereiten, in Ruhe Gespräche zu führen?

Manche Konferenzzimmer, in denen dicht gedrängt 60 und mehr Lehrer jeweils kaum einen Quadratmeter Platz an einem Tisch finden müssen, sind skandalöser Ausdruck der gesellschaftlichen Geringschätzung, die in Österreich dem Lehrerberuf entgegengebracht wird.

Früher (nein, da war es nicht besser, nur anders) war vieles klarer: Die Schule ist das Fenster zur Welt. Lehrer weiten mit Büchern, Atlanten, Erzählungen, Kreide und Tafel die Perspektive ihrer naiven Zöglinge.


Aufmerksamkeit wird knappes Gut

Heute? Nicht nur wir alle, sondern ganz besonders die Kids saugen sich aus Dutzenden Fernsehkanälen, Computerspielen, dem Internet, aus dem Handy und dem iPod unausgesetzt Erlebnis-und Vorstellungswelten in den Kopf, die kein noch so suggestiver Lehrstoff „toppen“ kann. Aufmerksamkeit wird zum knappen Gut. Ablenkung wird zum Regelzustand. Wie kann hier die Schule mithalten? Soll sie die elektronische Eskalation mit noch mehr PowerPoint, Multimedia und Computerlabor mitmachen. Oder nicht eher eine neue Gegenwelt der Besinnung, der Konzentration, der Ruhe schaffen?

Es gilt also einiges zu durchdenken, das weit über das Reizthema Gesamtschule hinausreicht. Genauer gesagt: Sollte die Einführung der Gesamtschule die zentrale Zukunftsdebatte unserer Gesellschaft – wie kommt die Schule aus dem 19. Jahrhundert ins 21. – übertönen oder verdrängen, dann wäre ich als Gesamtschulbefürworter mehr als skeptisch.

 

 

Christoph Chorherr ist grüner Wiener Gemeinderat und war von 1991 bis 1996 nicht-amtsführender Stadtrat in Wien. Eineinhalb Jahre Bundessprecher der Grünen.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2007)

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11 Kommentare
Gast: outsider
01.05.2007 02:15
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hoffentlich bald vorbei

Ich hoffe, das derzeitige Modethema "Gesamtschule" ist bald wieder out, ich halte nicht allzuviel davon. Ich stimme Herrn Chorherr jedoch zu, dass es viel Probleme in unserem Schulsystem gibt, die viel akuter sind und mit der Trennung von Schultypen gar nichts zu tun hat. Ich persönlich hatte die Erfahrung, dass selbst unser differenziertes System noch Probleme hat, auf unterschiedlich begabte/motivierte Schüler einzugehen und fand mich in der AHS durchwegs unterfordert. Es wäre wohl vernünftiger, das derzeit bestehende System zu verfeinern, so dass den Schüler tatsächlich gedient ist, anstatt alles auf den Kopf zu stellen, was ja nur in Chaos enden kann.

Und selbst unter dem Titel Gesamtschule können nicht alle und alles vereinheitlicht werden. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass "Gesamtschule Stubenbastei" und "Gesamtschule Ensleinplatz" wirklich das gleiche sein werden? Die Ideologie der Gleichmacherei funktioniert nicht im richtigen Leben.

Differenzierte Betrachtung

Chorherr setzt sich in diesem Kommentar differenziert mit Schule auseinander. Es ist wohltuend wie der Kommentator die wichtigen Fakten, z.B. den Zeitpunkt der Trennung zwischen zwei Schultyp wirklich im Auge behält und als den Angelpunkt der gesamten Problematik wahrnimmt. Was mich auch sehr beeindruckt ist der Umstand, wie sensibel Chorherr die Gesamtproblematik der Schule hinsichtlich der Aufmerksamkeit analysiert. Die zahlreichen Ablenkungsmöglichkeiten die heute den Schülerinnen und Schülern angeboten werden und eine nicht unbedeutende "Konkurrenz" für die Schule darstellen. Der Versuchung diesen Konkurrenzkampf mit einem weiteren Medienbombardement in der Schule selbst aufzunehmen, ist kaum zu widerstehen. Warum stehen nicht Menschen wie Christoph Chorherr an vorderster Front in der Schuldiskussion, sondern der vorauseilende und eifernde Wiener Stadtschulrat und Parteisekretäre, deren eigentliches Ziel die Demontage von Personen auf der jeweils anderen Seite ist?

junius
30.04.2007 23:55
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wohltuend ist auch, ...

... dass sich gelegentlich leser und schreiber in die phalanx der kampfposter hineinzwicken.
ergänzend vielleicht:
in der gestrigen tv-runde hat frau schmied - hoffentlich nicht vergeblich - versucht, ersten dampf aus der diskussion zu nehmen und zugleich beiträge und analysen einzufordern.
als frau gehrer mit einem federstrich die begleitlehrer "einsparte" (quasi abschaffte) gabs applaus.
dass schmied nun halbwegs demokratisch ansetzt, argumente und überzeugungsarbeit einfordert, wird reflexartig als "chaotisch" (vp-misseton) diskreditiert.

Antworten Antworten Gast: Jack
01.05.2007 07:50
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Re: Antwort

Ja, was soll sie den bei den Umfragewerten zur Gesamtschule auch anderes tun? " Wir werden die Wähler schon überzeugen, dass die Gesamtschule die bessere ist", tönt es immer wieder. Sind die Wähler wirklich so unmündig , um nicht sebst zu erkennen, welches Schulsystem das bessere ist ?Oder glaubt vielleicht jemand, dass Ideologen aus einem Parteisekretariat hier die finale Antwort parat haben ?Die Geschichte weist unds hier den richtigen Weg !

Gast: Jack
30.04.2007 20:25
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Aufmerksamkeit wird knappes Gut..

..aber nicht in Ländern wie Finnland,Südkorea, Japan....
Sind dort die Lehrer so viel besser oder bringt ganz einfach die Gesellschaft der Schule ganz allgemein mehr Respekt entgegen ? Ich glaube zu wissen, dass eher letzteres der Fall ist.Hier sollte man den Hebel ansetzen und nicht, wie in den vergangenen Jahrzehnten, aus populistischen Gründen die Schule und vor allem die Lehrer schlecht machen.
Ich glaub auch nicht, dass dieAHS-Lehrer aus Standesdünkel "so Gfaster kommen nicht in unsere Schule" sagen.Warum sollen Hauptschüler "Gfraster " sein?
Sie sind sicher oft netter als so mancher
"Plöschberger "(Drahdiwaberl-glaube ich). Manches ist dem obigen Kommentar schon richtig dargestellt, vor allem was die katastrophalen Arbeitsbedingungen vieler Lehrer betrifft. Auch die Festellung, dass die Gesamtschuldebatte wirklich vieles ,was im Schulbereich zu erörtern wäre , übertönt, stimmt absolut !!

Gast: Böeswicht
30.04.2007 15:04
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Hmm?

Abschaffen von Wahlmöglichkeiten bringt also einen Demokratieschub? Das ist Chorherrsche Logik.

junius
30.04.2007 23:56
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Re: können sie nicht oder wollen sie nicht?


Antworten Antworten Gast: Bösewicht
02.05.2007 08:42
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Re: Re: können sie nicht oder wollen sie nicht?

"Mitdenken" ist die oberste Pflicht des Demokraten. Das sagte schon Erich Honecker. Wer das nicht kann ist entweder ein Dummkopf oder ein Querulant.
Die "Analyse" von Herrn Chorherr zeigt ja auch, dass dieser -wie die meisten seiner Politikerkollegen- offenbar noch nie in seinem Leben eine Hauptschule betreten hat, noch nie mit einem Hauptschullehrer einer Problemschule gesprochen hat und noch nie Hauptschülern zugehört hat. Die Gewalt in Hauptschulen kümmert offenbar niemanden- denn diese läßt sich nicht mit einer ideologischen Maßnahme - wie etwa der Einführung der Gesamtschule - bekämpfen.

Gast: Disraeli
30.04.2007 14:38
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Frühe Selektion

Die Hälfte aller Maturantinnen und Maturanten hat eine Hauptschule besucht. Warum wird immer behauptet, die Entscheidung mit 10 sei eine für's Leben? Mit 14 kann diese Entscheidung noch einmal getroffen werden - dadurch unterscheidet sich Österreich von vielen anderen Ländern auch solchen mit Gesamtschulen.

Gast: Wolfgang Türtscher
30.04.2007 12:00
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Gesamtschulversuche werden scheitern

Die angekündigten Gesamtschulversuche werden scheitern, wie auch frühere Versuche in Wien und in Deutschland! Aber es muss wohl so sein, dass von Zeit zu Zeit ausprobiert wird, was schon gescheitert ist! In den 90er Jahren gab es in Wien unter der Bezeichnung „Neue Mittelschule“ Schulversuche, die kläglich gescheitert sind. Verbesserungsbedürftig ist allerdings das Aufnahmeverfahren ins Gymnasium. Das allein von den Volksschulnoten abhängig zu machen, funktioniert nicht. Eine langfristige Strategie zur Einführung der Gesamtschule wird man der SPÖ nicht absprechen können: Mit dem Wegfall der Aufnahmeprüfung ins Gymnasium und der Einführung der Leistungsgruppen in der Hauptschule hat die SPÖ – langfristig denkend – zwei Verfahren geschaffen, deren Scheitern absehbar war – und an deren Ende dann die Gesamtschule stehen soll. Deshalb sprechen sich momentan auch jene wenigen ÖVP-Politiker und bürgerlichen Pädagogen, die diese Absicht nicht erkennen, für die Gesamtschule aus!


g.m.
30.04.2007 10:44
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Umstellung wirklich notwendig?

Herr Chorherr ist für die Gesamtschule:
wird zur Kenntnis genommen.

Was ich aber von der Gesamtschule höre, läuft ja eigentlich auf jeweils zwei (oder mehr) differenzierte Züge in jeder Klasse hinaus: je nach Intelligenz, Neigung und Lernbereitschaft wird fleissig getrennt, geteilt, "gefördert" usw.
Die vielbesprochene "Diskriminierung"
weniger Begabter bzw. Lernwilliger wird wohl auch in diesem System passieren: Ätsch, Du bist im B- oder Z-Zug!!!

Also, wo ist da der Unterschied?
Auch heute können lernwillige, von ihren Eltern unterstützte intelligente Hauptschüler problemlos in die AHS wechseln: sie müssen nur wollen!

Die aktuelle Diskussion wird noch seltsame Blüten treiben: jedoch gehe ich jede Wette ein, daß wir auch noch in zehn, zwanzig Jahren unser (bestenfalls milde modifiziertes) differenziertes Schulsystem haben werden. Amen!

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