Ja, aber.
Ja, ich bin ein klarer Befürworter der Gesamtschule. Es ist viel zu früh und unendlich ungerecht, bereits bei Zehnjährigen über ihren weiteren Lebensweg zu entscheiden. Außer in Deutschland bestimmt in keinem EU-Staat die soziale Stellung der Eltern so stark den Bildungs- und damit den Lebensweg der Kinder. Wegen dieser frühen Selektion sind Karrieren in Österreich ebenso vererbbar wie Armut.
Deswegen sollte mit aller Kraft versucht werden, jenen, die Startnachteile aus ihrer Familie mitbringen, mit und durch die Schule Aufstiegshilfen zu verschaffen. Und das gelingt mit Sicherheit nicht, wenn man Kinder schon mit zehn aussiebt und in (städtische) Hauptschulen steckt.
Um einen Vergleich aus der Stadtplanung zu bemühen: Niemand würde absichtlich Banlieues, jene Vorstädte, in denen Arbeitslosigkeit und Armut in Frankreich geballt auftreten, bewusst aufkommen lassen. In der Stadtentwicklung geht es um Durchmischung; trotzdem leben verschiedene Menschen unterschiedlich.
Sozialarbeiter statt Wissensvermittler?
Ja, ich befürworte die Gesamtschule, aber: Die Umstellung ist ein grundlegender und schwieriger Akt, bei dem einiges schief gehen kann. Deswegen müsste sie extrem sorgfältig vorbereitet werden. Davon ist bisher kaum etwas zu bemerken. Und die Voraussetzungen sind nicht die besten: Ein großer Teil der AHS-Lehrer ist skeptisch bis ablehnend, ebenso viele Eltern. Da tauchen einerseits uralte Standesdünkel auf „So G'fraster kommen nicht in unsere Schule“, andererseits bestehen berechtigte Ängste: Sind AHS Lehrer/innen darauf vorbereitet, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu unterrichten, mehr Sozialarbeiter als Wissensvermittler zu sein? Wie schaut diese „gemeinsame Schule der Vielfalt“ im Detail aus? Wie gestaltet sich die Übergangszeit, wo einerseits noch Haupt- bzw. AHS-Schüler/innen in der 3.Klasse sind, am selben Standort jedoch bereits die Gesamtschule beginnt? Wie wird eine gemeinsame Kultur des Lehrkörpers geschaffen, wenn völlig unterschiedlich ausgebildete und unterschiedlich bezahlte Hauptschul- bzw. AHS-Lehrer plötzlich gemeinsam unterrichten sollen?
All diese Fragen sind lösbar, sollen und müssen gelöst werden. Aber sicher nicht in einem Jahr. Man kann der wünschenswerten Großreform „Gesamtschule“ nichts übleres antun, als sie schlecht vorbereitet und gegen den Willen wesentlicher „stakeholder“ quasi von oben durchzudrücken.
Und noch ein weiteres „Aber“. Gibt es nicht andere, mindestens ebenso wichtige Fragen rund um unsere Schulen, die dringend diskutiert und verändert gehörten? Ins Auge springt im internationalen Vergleich die extreme Unfreiheit österreichischer Schulen ihre nahezu lückenlose Abhängigkeit von der Schulbehörde. Das wäre ein Demokratieschub sondergleichen: Schulen erhalten weitestgehende Autonomie, bekommen einerseits klare Ziele, was sie zu vermitteln haben, sowie ein ausreichendes Budget. Wie, mit welchen Methoden, welchem Tempo sie indes diese Ziele erreichen, entscheiden sie selbst. Auch die Kompetenz zur Auswahl „ihrer“ Lehrer/innen wird den Schulen übertragen. Die Gleichung ist simpel: Guter Unterricht hängt maßgeblich von qualifizierten und vor allem motivierten Lehrern ab. Gängelung und Bevormundung durch die praxisferne Behörde ist mit Sicherheit nicht der Weg, Motivation zu steigern. Und wenn man jedes Mal, bevor man etwas Neues ausprobieren darf, hunderte Genehmigungen einholen muss, spart man lieber die Neuerung ein.
Nur mit nachhaltig erweiterter Autonomie können Schulen zu selbstlernenden Organisationen werden, die die fundamentalen Fragen beantworten können: Wie viel Erziehungsaufgaben sollen (müssen) Schulen übernehmen, welche früher in den Familien geleistet wurde. Wie ändert sich dadurch die Rolle des Lehrers? Sind die Gebäude, in denen dieses neue Lernen ganztags stattfinden soll, solche, in denen man sich wohlfühlt, gerne lernt, isst, feiert, ausruht, liest? Haben, um nicht nur von den Schülern zu reden, die Lehrer ihren Computer, Räume, um sich vorzubereiten, in Ruhe Gespräche zu führen?
Manche Konferenzzimmer, in denen dicht gedrängt 60 und mehr Lehrer jeweils kaum einen Quadratmeter Platz an einem Tisch finden müssen, sind skandalöser Ausdruck der gesellschaftlichen Geringschätzung, die in Österreich dem Lehrerberuf entgegengebracht wird.
Früher (nein, da war es nicht besser, nur anders) war vieles klarer: Die Schule ist das Fenster zur Welt. Lehrer weiten mit Büchern, Atlanten, Erzählungen, Kreide und Tafel die Perspektive ihrer naiven Zöglinge.
Aufmerksamkeit wird knappes Gut
Heute? Nicht nur wir alle, sondern ganz besonders die Kids saugen sich aus Dutzenden Fernsehkanälen, Computerspielen, dem Internet, aus dem Handy und dem iPod unausgesetzt Erlebnis-und Vorstellungswelten in den Kopf, die kein noch so suggestiver Lehrstoff „toppen“ kann. Aufmerksamkeit wird zum knappen Gut. Ablenkung wird zum Regelzustand. Wie kann hier die Schule mithalten? Soll sie die elektronische Eskalation mit noch mehr PowerPoint, Multimedia und Computerlabor mitmachen. Oder nicht eher eine neue Gegenwelt der Besinnung, der Konzentration, der Ruhe schaffen?
Es gilt also einiges zu durchdenken, das weit über das Reizthema Gesamtschule hinausreicht. Genauer gesagt: Sollte die Einführung der Gesamtschule die zentrale Zukunftsdebatte unserer Gesellschaft – wie kommt die Schule aus dem 19. Jahrhundert ins 21. – übertönen oder verdrängen, dann wäre ich als Gesamtschulbefürworter mehr als skeptisch.
Christoph Chorherr ist grüner Wiener Gemeinderat und war von 1991 bis 1996 nicht-amtsführender Stadtrat in Wien. Eineinhalb Jahre Bundessprecher der Grünen.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2007)

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