Die Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 entspricht einem Trend der Zeit. Aber nicht nur das, man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Jugend von heute einfach nicht nur früher reif ist, sondern (das Resultat einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der die Kommunikation per Print- und Elektronikmedien eine rasante, ja fast überbordende Entwicklung genommen hat) auch früher, besser und umfangreicher informiert als Generationen vor ihr. So manche(r) Sechzehnjährige(r) ist informierter als viele Sechzigjährige. Ob auch interessierter, darf man dahingestellt sein lassen.
Wenn man aber schon dem Zeitgeist Tribut zollt, dann sollte man auf das andere Ende der Alterspyramide nicht vergessen. In den letzten 40 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung um fast zehn Jahre gestiegen. Im Durchschnitt wird mehr als jeder Zweite (48 Prozent der Männer und gar 67 der Frauen) heute schon locker 80 Jahre alt. War bis vor kurzem die Senkung des Pensionsalters ein Standard-Wahlversprechen, so muss die Politik heute versuchen, den Bürgern die Erhöhung des Pensionsalters schmackhaft zu machen.
Marketing für Hörgeräte
Und nicht nur das, die Menschen sind körperlich wie geistig länger fit. In Wirtschaft und Industrie findet man daher wieder mehr ältere Semester. Und geht man auch mit 60 oder 65 in die Pension, so ist man plötzlich als Konsulent gefragt oder macht sich gar mit einer Firma selbstständig. Selbst die Werbung beginnt sich (nicht nur beim Marketing für Hörgeräte) wieder langsam mit der älteren Generation zu beschäftigen.
Während die Jugendorganisationen dafür sorgen, dass auch immer mehr Altersgenossen in Gemeinderäte, Landtage und ins Parlament entsandt werden, sehen die Seniorenverbände ihre Tätigkeit weitgehend darin erschöpft, für eine höhere jährliche Pensionsanpassung, für die Sicherung der sozialen Leistungen, für die Ermäßigung bei den öffentlichen Tarifen zu plädieren. Sie haben aber offenbar vergessen, dafür zu sorgen, dass sie auch noch in den Landtagen und im Parlament selbst das Wort ergreifen, ins Geschehen eingreifen können.
183 Mandatare sitzen heute im Nationalrat. Davon sind 18 zwischen 60 und 65 Jahre alt. Nur einer ist noch älter, nämlich 67, und liegt damit jenseits der Pensionsgrenze. Anders gesagt, derzeit vertritt ein einziger von 183 Mandataren die Altersgruppe der über 65-Jährigen. Diese Altersgruppe stellt aber fast 16 Prozent der Bevölkerung. Wenn man Politik nicht als Beruf, sondern als Berufung versteht, dann dürfte es für Volksvertreter eigentlich keine Pensionsgrenze geben, wie man sie aus dem Berufsleben kennt. Wenn man sich in anderen als österreichischen Parlamenten umsieht, dann findet man sehr wohl auch aktive Politiker, die hierzulande schon längst im Ausgedinge sitzen würden. In Frankreich etwa hat sich Jacques Chirac erst im Alter von 73 Jahren entschieden, für keine weitere Amtsperiode als Staatspräsident mehr zu kandidieren. In Österreich zog sich dagegen der gerade erst 60-jährige Wolfgang Schüssel zurück, nicht nur als Folge einer Wahlniederlage, sondern auch, weil er Jüngeren Platz machen wollte.
Über 60-Jährige nicht verkalkter
Die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre sollte ein Anstoß sein, um auch darüber zu diskutieren, ob nicht die Generation der über 60-Jährigen im Parlament unterrepräsentiert, die der über 67-Jährigen erst gar nicht mehr vertreten ist – sondern sich durch die Kinder und Enkelkinder vertreten lassen muss. Die unter 18-Jährigen sind heute reifer als früher, die über 60-Jährigen aber nicht verkalkter als früher. Ganz im Gegenteil. Auch sie, vielleicht gerade sie könnten mit ihrer Erfahrung, mit ihrem Wissen einen Beitrag zur politischen Kultur, zur Weiterentwicklung der Gesellschaft, zu notwendigen Reformen (mit Augenmaß) leisten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2007)

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