22.11.2009 12:21 | Meine Presse Merkliste0

Das grüne Paradoxon

GASTKOMMENTAR VON HANS-WERNER SINN (Die Presse)

Die Vorreiter beim Klimaschutz würden das CO2-Problem nur dann abmildern, wenn sie erreichen könnten, dass ein Teil der nicht von ihnen verbrauchten fossilen Ressourcen unter der Erde verbleibt.

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Die Demonstranten sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt, die Verletzten lecken ihre Wunden, die Staatsoberhäupter sind wieder zum Tagesgeschäft übergegangen und der alte Ostseekurort Heiligendamm träumt wieder seinen Traum von imperialer Schönheit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen beträchtlichen diplomatischen Erfolg erzielt. Mit Charme, Bescheidenheit und klarsichtigem Denken hat sie den G8-Ländern einen Kompromiss abgerungen, der helfen soll, die Welt vor den schlimmsten Auswüchsen der Erderwärmung zu schützen. Die acht reichsten Länder haben versprochen, eine Halbierung ihrer CO2-Emissionen bis 2050 „ernsthaft in Betracht zu ziehen“.

Diese Formulierung mag vage klingen, doch ist sie angesichts der von manchen Ländern vor dem Gipfel vertretenen Positionen ein bedeutender Verhandlungserfolg. Insbesondere die Vereinigten Staaten haben ihre Haltung seit ihrer Ablehnung des Kyotoprotokolls wesentlich verändert und sogar akzeptiert, dass die zukünftigen Verhandlungen unter dem Dach der Vereinten Nationen stattfinden werden.

Doch auch wenn der Kompromiss mehr ist, als zu Beginn des Gipfels zu hoffen war: Eine große Zahl wichtiger Länder blieb außen vor. Sicher, China, Indien, Brasilien, Südafrika und Mexiko haben sich den G8 angeschlossen; doch waren viele andere Länder, darunter die asiatischen Tigerstaaten und die meisten europäischen Länder, trotz ihres großen Beitrags zur Verschmutzung der Atmosphäre nicht an den Vereinbarungen beteiligt.


Könnte sich als nutzlos erweisen

Darüber hinaus waren die Ölscheichs und andere Produzenten fossiler Brennstoffe, die letztlich darüber entscheiden, wie viel Kohlenstoff in die Atmosphäre gepumpt wird, nicht beteiligt. Falls bedeutende Verbraucherländer und die meisten produzierenden Länder der Vereinbarung zur Senkung der CO2-Emissionen nicht beitreten, könnte sie sich als nutzlos erweisen.

Viele Menschen meinen, dass die Gesamtmenge der CO2-Emissionen das Ergebnis unabhängiger Entscheidungen in den einzelnen Ländern ist. Wenn eine Gruppe von Ländern beschließt, ihre Emissionen zu reduzieren, nehmen die weltweiten Emissionen um die Summe der Reduktionen dieser Länder ab, so die Vermutung. Natürlich sei es besser, wenn alle Länder ihre Emissionen einschränkten, doch sei es bereits eine große Hilfe, wenn zumindest einige es täten.

Leider ist eine solche Sicht der Dinge zu schön, um wahr zu sein, denn die Emissionen eines Landes sind nicht unabhängig von den Emissionen anderer Länder. Falls einzelne Länder beschließen, ihre Emissionen zu senken, müssen sie ihren Verbrauch fossiler Brennstoffe, insbesondere den Verbrauch von Öl, reduzieren. Dies führt zu einer Senkung des Weltmarktpreises für diese Brennstoffe und veranlasst andere Länder, mehr zu verbrauchen, als sie es sonst getan hätten. Länder, die ihre Emissionen senken, subventionieren somit möglicherweise nur das Wachstum ihrer Wettbewerber, ohne dabei das Tempo der globalen Erwärmung zu reduzieren.


Scheichs müssten Förderungen drosseln

Die Vorreiter beim Klimaschutz würden das CO2-Problem nur dann abmildern, wenn sie erreichen könnten, dass ein Teil der nicht von ihnen verbrauchten fossilen Ressourcen unter der Erde verbleibt. Sie müssten es schaffen, die Ölscheichs und andere Produzenten fossiler Brennstoffe dazu zu bewegen, ihre Förderung zu drosseln. Was aber, wenn sie das nicht schaffen, wenn die Scheichs widerspenstig sind und weiter so viel fördern, wie sie es ohne die Zurückhaltung der G8 geplant hatten?

Dann muss der Ölpreis so weit fallen, bis die nicht beteiligten Länder genauso viel Brennstoff mehr konsumieren, wie die Vorreiter im Klimaschutz weniger verbrauchen. Die Nettoauswirkungen der Sparanstrengungen von Ländern wie Deutschland auf die Gesamtmenge der CO2-Emissionen ist null.

Werden die Ölscheichs ihre Förderung fossiler Brennstoffe drosseln, wenn einige Verbraucherländer ihre Nachfrage einschränken und den Marktpreis für diese Brennstoffe verringern? Auf den ersten Blick erscheint es natürlich, diese Frage zu bejahen. Anbieter fahren ihre Produktion meistens herunter, wenn der Preis fällt. Aber die Scheichs sitzen auf einer festen Menge Öl. Falls sie das Öl heute nicht fördern, müssen sie es, sofern sie nicht auf Gewinne verzichten wollen, in der Zukunft tun. Bestenfalls lässt sich der Zeitpfad der Förderung in die Zukunft verschieben. Dies würde das CO2-Problem langfristig zwar nicht lösen, doch würde es die Katastrophe hinausschieben.


Fördermengen in Zukunft verschieben

Die Ölscheichs werden ihre Fördermengen indes nur dann in die Zukunft verschieben, wenn sie vermuten, dass der Nachfragerückgang der Unterzeichnerländer und der sich hieraus ergebende Preisrückgang heute stärker ist als in der Zukunft. Eine solche Vermutung ist nicht plausibel. Den Scheichs dürfte vielmehr bewusst sein, dass sich die Ängste in Bezug auf die globale Erwärmung mit der Zeit noch verstärken werden.

Statt die Produktion zu verringern, werden sie sie daher ausweiten, um kein Öl verkaufen zu müssen, wenn die Angst wegen des CO2 kulminiert und künstliche Maßnahmen der Unterzeichnerländer zur Senkung ihres Verbrauchs den Ölpreis besonders stark dämpfen. Eine grüne Politik, die im Laufe der Zeit an Macht gewinnt, wird also paradoxerweise die globale Erwärmung eher beschleunigen als abmildern.

Es ergeben sich zwei Lehren aus diesen Überlegungen. Erstens müssen alle Verschmutzer mit am Verhandlungstisch sitzen und gezwungen oder angehalten werden, sich an der Reduzierung der Verschmutzungsmengen zu beteiligen. Die Zusagen einzelner Länder wie etwa Deutschlands, ihre Verpflichtungen überzuerfüllen, sind nutzlos. Deutschland hat zwischen 1990 und 2008-2012 bereits drei Viertel der Gesamtreduktion der CO2-Emissionen beigetragen, zu denen die EU sich im Kyotoprotokoll verpflichtet hat. Eine solche Politik subventioniert lediglich die CO2-Emissionen der übrigen Verschmutzer. Sie leistet vermutlich keinen nennenswerten Beitrag zur Verlangsamung der Erderwärmung.

Zweitens, und dies ist das eigentliche Problem, muss man die Ölscheichs und sonstigen Produzenten fossiler Brennstoffe überreden, ihre Förderpläne zurückzustellen oder, besser noch, einige ihrer Ressourcen gar nicht zu fördern. Die beste Politik gegen die globale Erwärmung ist es, dafür zu sorgen, dass das CO2 in die fossilen Ressourcen tief unten in der Erde gebunden bleibt.


Weg aus der Sackgasse finden

Die gute Nachricht aus Heiligendamm ist, dass jetzt die UNO eine gemeinsame Lösung organisieren soll. Die schlechte Nachricht ist, dass dies kaum in absehbarer Zeit geschehen dürfte und dass die Eigentümer natürlicher Ressourcen daher alle Anstrengungen unternehmen werden, ihre Ressourcen zu fördern und damit den fossilen Kohlenstoff in die Atmosphäre zu pumpen, bevor die UNO einen Weg aus dieser Sackgasse findet.

Hans-Werner Sinn ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Universität München und Präsident des Ifo Instituts. ©Project Syndicate, 2007.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2007)

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1 Kommentare
arno-graz
22.06.2007 13:09
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Das nationalökonomische Paradoxon

Wie ist es möglich, dass es heute noch Lehrstühle für die Nationalökonomie gibt, obwohl schon längst bekannt ist, dass sich Probleme der beschriebenen Art et al. nur global lösen werden lassen - dieser Artikel liefert geradezu Lehrbeispiele frei Haus!

"Ölscheichs ... dazu zu bewegen ..." > entweder global-politisch oder ökonomisch - zB durch verstärkten Aufbau alternativer Techniken und Märkte > Deutschland investiert so gesehen in zukünftige Märkte bevor es dazu zu spät ist!

In diesem Zusammenhang ist auch dieser Aspekt zu betrachten: "werden sie sie daher ausweiten, ..." > was passiert denn dann, wenn nicht rechtzeitig alternative Energiemärkte inkl. ihrer Techniken existieren > das noch raschere Versiegen der Ölquellen kommt dann nur noch abrupter - abgesehen davon hat die OPEC bereits gegenteilige Signale gesetzt.

Dieses Thema verlangt geradezu nach einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die den meisten NationalökonomInnen fachgemäß ein wenig fremd zu sein scheint

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