25.05.2012 17:08 | Meine Presse Merkliste 0

Auslöser und Ursache nicht verwechseln

GASTKOMMENTAR VON STEPHAN SCHULMEISTER (Die Presse)

Ökonomen sind gut in der Konstruktion abstrakter Theorien, aber schlecht im Begreifen des Konkreten.

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Die Ursache der aktuellen Finanzkrise wurde rasch gefunden: Banken und Hedge Fonds haben sich an „faulen“ Hypothekarkrediten in den USA beteiligt („subprime mortgages“). Ein (vorerst) geringer Rückgang der Immobilienpreise sowie ein im Vergleich zum Immobilienboom hohes US-Zinsniveau genügten, um einige dieser Kredite (vorerst) uneinbringlich zu machen. Folge: Eine Vertrauenskrise im Bankensektor und fallende Kurse auf den Aktienbörsen.

Allerdings: Diese Entwicklung ist nicht Ursache, sondern lediglich Auslöser der Krise. Hauptursache des Kursverfalls ist ihr Boom der letzten Jahre: Seit März 2003 ist etwa der DAX um mehr als 350% gestiegen, der ATX fast um (groteske) 500%. Je länger ein solcher „bull market“ andauert, desto wahrscheinlicher wird ein Kippen in einen „bear market“ (die Kurseinbrüche vom März und Juni 2007 waren Vorboten). Professionelle „Investoren“ warten nur mehr auf einen Auslöser, um von „long“ auf „short“ zu wechseln. Die Kurse fallen dann noch rascher, als sie zuvor gestiegen waren, wer rechtzeitig darauf setzt, macht hohe Gewinne (und verstärkt des Abwärtstrend). So wurden zwischen 2000 und 2003 in Deutschland fast die gesamten Kursgewinne der 90er-Jahre eliminiert.


„Manisch-depressive“ Schwankungen

Was sind die Ursachen dieser „manisch-depressiven“ Schwankungen, welche die wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft erfasst haben, nämlich jene, die in Zeit und Raum die Real- und Finanzwirtschaft miteinander „verknüpfen“ (Aktienkurse, Wechselkurse, Zinssätze, Rohstoffpreise)?
1)Die Deregulierung der Finanzmärkte in den 70er-Jahren und die Schaffung neuer Spekulationsinstrumente in den 80er-Jahren („Finanzinnovationen“, besonders Futures und Optionen) eröffneten immer mehr Gewinnchancen für kurzfristig-spekulative Transaktionen.
2)Spekulatives „trading“, die Instabilität von Aktien- und Wechselkursen sowie Rohstoffpreisen (insbesondere von Erdöl) und die Chancen ihrer profitablen Ausnutzung stiegen in Wechselwirkung an.
3)„Technische“ Spekulationssysteme (Charts, gleitende Durchschnitte etc.) fanden weitere Verbreitung. Diese setzen auf Preistrends („trend followers“) und verstärken so die Trends (Rückkoppelung). Internet und „trading software“ verstärkten diese Entwicklung.
4)Die „Renditeansprüchlichkeit“ der (großen) Unternehmen stieg, Realinvestitionen wurden entsprechend reduziert, „Finanzinvestitionen“ ausgeweitet.
5)Immer mehr „Amateure“ wurden von den Verlockungen des „schnellen Geldes“ erfasst. Die Banken bemühten sich, dieses Interesse durch „Spekulationsseminare“ zu fördern. (Kürzlich ging ich zu einer solchen Veranstaltung einer großen österreichischen Bank: Ich fand mich in einem vollen Saal des „Austria Center“ mit 1700 Amateuren wieder, welche andächtig einem US-Trader lauschten. Dieser zeigte ihnen am Beispiel vergangener Trends, wie leicht jeder hätte Profit machen können, wenn er am Beginn eingestiegen und am Ende ausgestiegen wäre – ich habe noch selten einen größeren Schwachsinn gehört, im Vorhinein weiß man ja nicht, ob sich ein Trend entwickeln wird.)
6)All diese Entwicklungen führten dazu, dass derzeit der Wert aller Finanztransaktionen in Industrieländern mehr als das Hundertfache (!) des nominellen BIP beträgt. Gleichzeitig nehmen kurzfristige Kursschübe zu, die sich zu „bull markets“ bzw. „bear markets“ akkumulieren.

Zusammengefasst: Die Illusion, dass „Geld arbeitet“, hat sich immer mehr ausgebreitet. Tatsächlich „arbeitet“ es aber nur auf zwei Weisen, durch Schaffung von Bewertungsgewinnen (z. B.: als Folge „überschießender“ Aktienkurse, denen freilich „Korrekturen“ folgen) und durch Umverteilung zwischen guten Tradern (in der Regel die Profis) und weniger guten (in der Regel die Amateure). Ein Beispiel für beide Effekte: Jene Profis (Analysten etc.), die derzeit die Kleinanleger beschwören, nur nicht die Nerven zu verlieren, reduzieren gerade ihr Aktienportefeuille.

Das Zusammenwirken all dieser Entwicklungen wird von Mainstream-Ökonomen ignoriert. Erich Streissler meinte kürzlich in diesem Blatt, Ökonomen seien eben dumm. Abgesehen von der feinsinnigen Anspielung auf Epimenides' Paradox vom „lügnerischen Kreter“ (ein Ökonom erklärt: „Alle Ökonomen sind dumm“), diese Erklärung reicht nicht aus. Denn intelligent sind sie ja, „die“ Ökonomen, vielleicht sogar zu sehr: gut in der Konstruktion abstrakter Theorien (mit legitimatorischen „Nebenwirkungen“), schlecht im Begreifen des Konkreten.

Ich denke: Der ökonomische Mainstream kann die Transformation vom „realkapitalistischen“ Regime der ersten Hälfte der Nachkriegszeit zum „Finanzkapitalismus“ der letzten 30 Jahre deshalb nicht wahrnehmen, weil die damit verbundene „kognitive Dissonanz“ unerträglich ist. Wenn nämlich die „freiesten“ aller Märkte, die Finanzmärkte, „manisch-depressive“ Schwankungen produzieren, also systematisch falsche Preissignale setzen, dann kollabiert das gesamte Theoriegebäude. Dieses aber hat man in mühevollster Restaurationsarbeit wieder aufgerichtet.


Den alten Keynes ausgraben?

Man stelle sich vor: Alle „gängigen“ Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik, von der Senkung der Arbeitslosenunterstützung, der Rückführung der Staatsquote bis zur Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, sie alle hätten ihre wissenschaftliche Fundierung verloren! Denn sie beruhen auf einer Theorie, die nur gültig ist, wenn die „unsichtbare Hand“ auf allen Märkten ihre effiziente Wirkung entfaltet. Ja, am Ende müsste man sogar den alten Keynes ausgraben, dessen Grab man mit solcher Mühe immer wieder zugeschüttet hat! Da schaut man lieber weg und schreitet mit festem Expertentritt in der Sackgasse voran. An ihrem Ende könnte es krachen, die Köpfe werden sich aber andere blutig schlagen, die Ökonomen sicher nicht.

Dr. Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien. Forschungsschwerpunkte u. a. Globalisierung, Wohlfahrtsstaat und Staatsverschuldung.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2007)

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9 Kommentare
Gast: wellerding
21.10.2008 10:48
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finanzkrise

Hallo.
Alle hacken auf den Banken herum,dabei sind sie zwar nicht unschuldig aber nicht die Ursache der Krise.Hauptverurschacher ist die amerikanische Inflationspolitik der letzten 50 Jahre.Der Dollar hat in dieser Zeit 93 % seines Wertes verloren.(sprich jährlich 4 % Inflation). Alle ,die diesen Wertverfall des Dollar ausgenutzt haben,lachen doch nur über diese "kleine"
Finanzkrise.
Wer in USA eine Investition mit 100 % Fremdkapital finanzierte konte diese Immobilie nach 2 Jahren steuerfrei mit Gewinn (inclusive Zinsen) verkaufen.
Kein Wunder wenn Investionen fehlgeleitet wurden.
Leider muss ich befürchten ,dass diese Inflationspolitik
auch in Zukunft weitergeführt wird und damit die Grundlage für die nächste Inflationsblase gelegt sind.
Gruss
Ewald Wellerding

Gast: Christdemokrat
14.08.2007 11:50
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Kapitalismus und Sozialismus

"Kapitalismus und Sozialismus haben eine gemeinsame Wurzel nämlich den Materialismus" (Anton Orel, Priester und christlich sozialer Abgeordneter im Wiener Gemeinderat) und in diesem stecken wir ganz tief drinnen, natürlich gilt das für den Kreditgeber wie für den Schuldner. Allerdings geht es beim Kreditgeber um den Zinsgewinn, während sich der Schuldner eben oft nur ein Haus bauen will. Hier geht es jedoch nicht um die Schuld oder Nichtschuld eines Einzelnen, da doch der Bankangestellte der den Kredit gibt auch nur seine Arbeit macht. Gerade in der globalisierten Welt sehen wir jedoch wie sehr die Dynamik der Zinsen für das Kaptial wirkt und die Arbeit immer mehr unter die Räder zu kommen droht. Wenn es Länder gibt in denen offziell möglicherweise das Zinsverbot gilt, so heisst doch dies nicht dass diese Länder in der globalisierten Welt von der Dynamik der Zinsen die kapitalistischen System eine große Rolle spielen, geschützt sind. Leider sind eben auch die Terroristen globalisiert.

Antworten Gast: Austriacus
14.08.2007 14:52
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Re: Kapitalismus und Sozialismus

Ein Schuldner bekommt vom Gläubiger Geld, um sich z. B. ein Haus zu bauen. Der Vorteil des Schuldners besteht darin, dass er nicht 15 oder 20 Jahre lang sparen muss, sondern gleich jetzt bauen kann statt später. Dafür muß aber jemand anderer (ein Sparer, dessen Geld die Bank weiterverleiht) jetzt auf seinen Genuß verzichten und ihn auf später aufschieben. Dafür, dass der eine seinen Nutzen jetzt hat und der zweite warten muss, zahlt der Erste Zinsen als Entgelt (+Risikoaufschlag +Inflationsaufschlag).
Zinsen sind das Entgelt dafür, dass jemand seinen Genuss aufschiebt, damit ihn jemand anderer vorziehen kann.
Was um Himmels willen ist daran so schlimm?

Antworten Antworten Gast: Christdemokrat
14.08.2007 20:44
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Was ist daran so schlimm?

Zunächst: Im Gastkommentar von Stephan Schulmeister sind natürlich Auswirkungen des Geldsystems beschrieben die längst über Kreditgeschäfte hinausgehen, nämlich das Spekulieren auf Trends und die damit verbundenen Auswirkungen. Ihre Wahrnehmung richtet sich offensichtlich ausschließlich auf das Kreditgeschäft aus der Sicht der Bank. Nun gut, wenn das die Grundlage Ihrer Wahrnehmung des Wirtschaftsgeschehens ist, so sage ich Ihnen trotzdem, ein Kreditgeschäft ist aus der Sicht des Kreidtnehmers immer ein Vorgriff auf dessen Einkommen. Also der Kreditnehmer kauft etwas ehe er es sich leisten kann. Die damit verbundenen Gefahren sind eben im Umstand gegeben, dass die "Konsumation vor der Jagd" erfolgt. Wir beide werden wohl wissen, dass mittels Krediten Volkswirtschaften auch flott gemacht werden können, allerdings wissen wir auch dass es sowohl Privatpersonen als auch Staaten gibt, die das Prinzip "Konsumation vor der Jagd" nicht richtig verstehen, d.h. es geht ihnen die Luft aus.

Gast: Christdemokrat
14.08.2007 09:44
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Twin Towers - Finanzkapitalismus - Terror

Schon im AT finden wir die Auseinandersetzung mit dem Problem der Überschuldung, der Zinsen sowie der Frage der "Früchte des Mehrwertes". Wir sind nun an einem Punkt an dem das Geld- und Finanzwesen eine Bedeutung erlangt, die gefährlich ist. Warnungen werden in den Wind geschlagen, vor allem so lange die Zahl der Profiteure oder auch jener die sich für Profiteure halten, größer ist als jener Personenkreis der damit in die Schuldenfalle getrieben wird. Da kein "Jobeljahr" (Jahr der Entschuldung, AT) in diesem System vorgesehen ist, findet sie in Wirklichkeit nicht statt. Die Zahl Personen die in einem Menschenleben zu unermesslichem Reichtum kommen wird größer, allerdings ist und bleibt diese Zahl ganz gering, während die Zahl jener Menschen die "hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit" sehr groß ist. Nicht alle hungernden und dürstenden Menschen finden den "Weg zum Gebet", manche sehen in ihrer Hilflosigkeit den Terror als einzigen Ausweg. Die Geschichte lehrt wer bluten wird.

Antworten Gast: Austriacus
14.08.2007 10:21
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Re: Twin Towers - Finanzkapitalismus - Terror

Zum Verschulden bedarf es zweier Seiten: Schuldner und Gläubiger. Und wer ein Hypothekardarlehen aufnimmt ohne über ein ausreichendes Einkommen für Tilgung und Zinsen zu verfügen, ist eigentlich selbst schuld, wenn das in die Binsen geht. Es ist natürlich praktischer, die "Finanzmafia" dafür verantwortlich zu machen und nicht die eigene Fehlentscheidung, aber es stimmt eben nicht. "Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit" bedeutet nicht, das Geld des Kreditgebers zu nehmen und sich dann vor den eigenen Verpflichtungen zu drücken.
Im übrigen stammen die grausamsten Terroristen aus Gegenden, in denen Zinsverbot herrscht.

Gast: Austriacus
14.08.2007 09:14
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Keynes soll ruhig weitermodern

Selbstverständlich ist der Markt schuld daran, dass die Zentralbanken Geld zu niedrigen Zinsen in den Markt pumpen und damit unrentable Investitionen fördern, dass die Staaten jede Bank stützen, die sich auf abenteuerlichste Weise verspekuliert hat und damit Krisen erst recht heraufbeschwören.
Herr Schulmeister muss einmal akzeptieren, dass jedes Unternehmen definitionsgemäß eine Spekulation darstellt: man spekuliert darauf, dass die Konsumenten neue Produkte annehmen, auf neue Modetrends aufspringen oder dass sie es eben nicht tun - beides kann in die Hose gehen. Dann wird liquidiert. Das ist umso schmerzhafter, je länger man es aufschiebt. Greift der Staat ein, werden Fehlinvestitionen subventioniert statt liquidiert (der Staat macht ja keine Fehler, daher auch keine Fehlinvestitionen). Und dafür geben wir ja gerne 50% und mehr unseres Einkommens auf. Schließlich weiß Papa Staat viel besser als wir, was gut für uns ist (kommt das vom staatlichen Bildungssystem?).

Antworten Gast: Glasnost
06.11.2007 19:14
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Re: Keynes soll ruhig weitermodern

Genau derselben Meinung bin ich auch. Mag. Hochreiter hat einen sehr guten Artikel dazu geschrieben (durch welchen ich auf diese Site gestossen bin), weshalb sich ein Kommentar meinerseits erübrigt: http://de.liberty.li/magazine/?id=4425&q=Ein+Doppelgrab+für+Keynes+und+Friedman
Wäre Zeit, dass Papa Staat endlich merkt, dass er nichts weiss, denn nur derjenige, der etwas weiss, weiss, dass er nichts weiss.

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Noam Chomsky in "Profit Over People" (2006):

"Die Freigabe von Wechselkursen und Kapitaltransfer, mit der die neoliberale Ära in den siebziger Jahren begann, reduziert politische Wahlmöglichkeiten, weil sie die Entscheidung in die Hände eines "virtuellen Senats" von Investoren und Kreditgebern legt. Die Regierungen sehen die Verfassung ihres Staates gleich von zwei Seiten in die Zwickmühle genommen:

Zum einen stehen die Interessen der Wähler gegen die Aktivitäten von Währungsspekulanten und Managern von Hedgefonds, zum anderen halten diese "über die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Industrienationen wie auch der Entwicklungsländer ein tägliches Referendum ab". Wer dabei die besseren Karten hat, ist nicht schwer zu erraten."

Schon vor 70 Jahren wies John Maynard Keynes darauf hin, "daß die Kräfte globaler Finanzmärkte nichts Geringeres als demokratische Experimente der Selbstbestimmung in Gefahr bringen".

Siehe: http://www.ohnepolemik.at/ Kap. "Globalisierung" und "Freie Marktwirtschaft"

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