02.09.2010 16:26 | Meine Presse Merkliste0

Identität zwischen Arbeit und Freizeit

GASTKOMMENTAR VON ROTRAUD A. PERNER (Die Presse)

Wenn Identität nur über beruflichen Status oder Einkommensstärke samt stetem Aufstieg definiert wird, sind andere Anteilnahmen am großen gesellschaftlichen Ganzen von vornherein abgewertet.

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Es sind unsere eingespeicherten geistigen Bilder, die uns wählen lassen, mit welchen Worten wir unsere Wahrnehmungen benennen und dementsprechend gefühlsmäßig besetzen.

Nehmen wir beispielsweise die Worte Arbeit und Freizeit: Arbeits- und Sozialrechtler Wolfgang Mazal regt immer wieder an, zwischen Arbeit, Beruf und Erwerb exakt zu differenzieren, und ich möchte ergänzend anregen, ähnlich exakt zwischen den verschiedenen Möglichkeiten von Freizeit zu unterscheiden. Es gefällt mir nämlich gar nicht, wenn nur die „Fit and Fun“-Aspekte beleuchtet werden oder wenn Freizeitforscher jubeln, dass wir in Zukunft alle so viel Freizeit haben werden wie nie zuvor und es daher jetzt schon gelte, die nötigen Freizeiteinrichtungen zu schaffen, damit nur ja kein Leerlauf aufkommt ... Dann mag ich dieses rosarote Bild zerstören und in Erinnerung rufen: Depressive Menschen haben weder die Lust noch die Kraft, sich in Freizeitparks zu tummeln – oder was es sonst noch an Freizeitaktivitäten gibt, die von der Freizeitindustrie und den zugehörigen Dienstleistungsberufen propagiert werden. Und die Gefahr, an Depression zu erkranken samt deren üblichen „Selbstheilungsversuchen“ mittels Alkohol oder anderen Drogen oder wie auch immer die Selbstauslöschung inszeniert wird, steigt, wenn man kein Ziel mehr vor Augen hat, das dem Leben dauerhaft Sinn gibt.


Aufmerksamkeit auf die eigene Mitte

Manche verstehen Freizeit als jene Zeitspanne, in denen keine Chefität anschafft, was man zu tun hat – wo man selbstbestimmt „tun und lassen“ könnte, was man wollte – und beeilen sich, diese Zeitlücken zu füllen, machen sich sozusagen zu Ersatzchefs und treiben sich an, damit nur ja keine Entzugserscheinungen, keine depressive Leeren auftreten – und die treten auf, zumindest bei Workaholics. Es gibt aber auch die, die nicht nur sich selbst in Daueraktivität hetzen, sondern auch andere, Personal Trainer, die nicht die Individualität fördern, sondern auf Stereotype trimmen: Schlank und fit und damit jugendlich soll der Mensch aussehen, damit er oder sie nur ja nicht zum „alten Eisen“ gereiht und damit aus dem Berufsverkehr gezogen wird.

Ich verstehe Freizeit als Zeit, Aufmerksamkeit auf die eigene Mitte, das eigene Innere zu richten, sich zu „zentrieren“ und Bilanz zu ziehen. Bilanz ist immer der erste Schritt zur Balance. Auch zur Balance von Arbeit und Freizeit.

Immer wenn der Begriff des „Freiseins“ auftaucht, stellt sich die Frage des „Frei von etwas“ oder „Frei für etwas“.

Im 19. Jahrhundert war es für die Ziegelarbeiterschaft auf den Drasche-Gründen kaum denkbar, für etwas anderes frei zu sein, als nur roboten und erschöpft zusammenbrechen, vielleicht noch ab und zu in einem Rausch (mehr des Fusels als der Sinne) der Realität zu entfliehen; dass es aber auch heute für viele nur mehr Anspannung gibt – unbezahlte Mehrleistungen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust, Ketten-Fortbildungen um sich mit laufender Besserqualifizierung über die drohende Freisetzungsgefahr hinwegzuretten, Präsentismus (die Präsenz am Arbeitsplatz trotz krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit) und eifriges Netzwerken, um sich unentbehrlich zu machen, bis hin zum verjüngenden Lifting – das alles widerspricht den arbeitsrechtlichen Errungenschaften der letzten fünfzig Jahre.


Leben dreht sich nicht nur um Arbeit

Wir Gesundheitspsycholog/innen sprechen heute von Work-Life-Balance – wie wichtig es zur Erhaltung der Leib-seelisch-geistigen Gesundheit ist, dass sich das ganze Leben nicht nur um Arbeit dreht, um Karriere, Statusgewinn, Vermögensanhäufung, Macht über andere – all das, wonach Erfolg aus traditioneller Männersicht gewertet wird. Aus Frauensicht ist dagegen die Qualität der Beziehungen wichtiger – das zeigten Untersuchungen wie etwa die von Sally Helgesen. Ist nun aber Beziehungspflege Arbeit oder Freizeitvergnügen? Zyniker würden wohl sagen, kommt drauf an, mit wem man in Beziehung tritt... Tatsache ist aber, dass Spitzenarbeitskräfte lieber dort werken, wo sie auch gut behandelt werden; und dass diese sich die Arbeitsplätze aussuchen können und das auch tun, kann man den Klagen „verlassener“ Arbeitgeber entnehmen, die zwar erkennen, welchen finanziellen Verlust es bedeutet, wenn ein „Kenner“ oder eine „Kennerin“ der Firma ihr Fachwissen woanders hin trägt, nicht aber, welche spirituelle Bedeutung es für ein „System“ hat, wenn „Geist“ verloren geht.

Ich habe in meinem Institut für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS – ein Kooperationsprojekt der NÖ Landesakademie) heuer zur Stressbelastung von Lehrkräften geforscht (die Präsentation der Studienergebnisse findet am 5. 10. nachmittags im Landhaus in St. Pölten statt). Die durchgängige Klage der Pflichtschullehrer/innen lautete, der Geist der Nachwuchsförderung ginge immer mehr in Verlor: Die Kids kommen mit einem so ungestillten Bedarf an Gespräch und Zuwendung in die Schule – es müsse so viel aus ihnen heraus, und kaum jemand höre ihnen zu –, dass sie nicht offen genug wären, dass etwas in sie hineinkommen dürfe. Sie wären nicht hinreichend frei von ihren individuellen privaten Belastungen (unverarbeitete Fernsehbilder inbegriffen), dass sie auch nicht frei genug wären für etwas Bereicherndes. Wissen beispielsweise. Und soziale Beziehungen.


Übervoll mit Information

Ähnlich ergeht es auch Erwachsenen, egal, welchen Beruf sie ausüben. Oder keinen ausüben können. Sie sind auch übervoll mit Information (im kybernetischen Sinn: alles ist Information – auch der Sessel, auf dem man sitzt, oder die Speise, die man zu sich nimmt – und hat Wirkung), vor allem der, was andere von ihnen erwarten und fordern, und daher nicht frei für Muße.

Im Sinne von Work-Life-Balance geht es darum, die wesentlichen Sektoren eines „erfüllten“ (und, wie ich ergänze, auch „erfühlten“!) Lebens nicht nur im jeweiligen Feld des Erwerbslebens zu pflegen. Aber wer lebt wirklich im Gleichgewicht? Denn weil wir zu viel arbeiten, „leben“ wir zu wenig, verkümmern unsere sozialen Kontakte mit anderen als Berufskollegen, werden emotionale Bindungen als störend aufgegeben oder erst gar nicht geknüpft, und intellektueller Nachschub wird ebenso als entbehrlich angesehen; dabei sind Bücher bekanntlich unsere „besten Freunde“. Teilhabe an kulturellen Ereignissen dient oft nur dem „Sehen und Gesehenwerden“ so wie körperliches Training dem Networking über die ureigensten Berufsgrenzen hinaus (oder dem Aggressionsabbau wie beispielsweise die regelmäßige morgendliche Tennisstunde). Und spirituelle Bedürfnisse zu haben gilt ohnedies als altmodisch...


Fehlende Sinnspender

Umgekehrt gibt es aber immer mehr Menschen ohne fixen Arbeitsplatz oder auch regelmäßige Erwerbstätigkeit – und auch diese sind ähnlich aus dem Gleichgewicht gefallen. Nicht etwa, weil es ihnen an Geld mangelte – denn soziale Kontakte, emotionale Beziehungen, intellektuelle Erneuerung, kulturelle Aktivitäten, körperliche Herausforderungen oder spirituelle Selbstbesinnung zu pflegen, braucht überhaupt nichts zu kosten – außer Motivation und eigene Seelenkraft. Und genau diese beiden Sinnspender fehlen: Wenn Identität nur über beruflichen Status oder Einkommensstärke samt stetem Aufstieg definiert wird, sind andere Anteilnahmen am großen gesellschaftlichen Ganzen von vornherein abgewertet. Dort muss man meiner Ansicht nach ansetzen – an brachliegenden Potenzialen – damit die von der WHO prognostizierte Volksseuche Depression nicht all die trifft, die keine sinnstiftende Arbeit finden, behalten oder auch schaffen.

Die Autorin ist Vortragende an der 23. Internationalen Sommerschule der Waldviertel Akademie zum Thema „Arbeit“ (26. bis 29. August, Weitra).

Univ.-Prof. Dr. Rotraud A. Perner ist Juristin, Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin, Gesundheitspsychologin und Coach, unterrichtet Gesundheitskommunikation, Kommunalprävention sowie Sozial- und Genderkompetenz an der Donau Universität Krems.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)

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