11.02.2012 18:05 | Meine Presse Merkliste0

Eine Chance für Bretton Woods II

GASTKOMMENTAR VON CHRISTIAN FELBER (Die Presse)

Der Umstand, dass alle Ölkonsumenten zuerst Dollar kaufen müssen, bevor sie Öl kaufen können, hat zu der einmaligen Situation geführt, dass die USA scheinbar grenzenlos Kredit genießen.

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Was kommt nach Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds? Richtig: Sovereign Wealth Funds (SWF). Die Angst vor chinesischen, russischen und arabischen Staatsfonds wächst, sie könnten Rohstoffkonzerne und Technologieführer des Westens aufkaufen und unter ihre Kontrolle bringen. Nach 20 Jahren Globalisierungsenthusiasmus ertönt der Ruf nach Finanzprotektionismus.

These1: Für das Auftauchen der SWF sind mehr die USA verantwortlich als die Chinesen.

These2: Finanzprotektionismus ist nicht schlecht, er sollte angesichts der regen Krisenproduktion globalisierter Finanzmärkte sowieso kommen, allerdings nicht in panisch-nationalistischer, sondern in global-koordinierter Form.

In der Währungs- und Finanzordnung nach dem zweiten Weltkrieg, dem System von Bretton Woods, wurde der (goldgedeckte) US-Dollar zur Anker- und Weltleitwährung. Das bringt für die USA bis heute einzigartige Privilegien: Sie sind das einzige Land der Welt, das in eigener Währung Öl kaufen und sich international verschulden kann. Das ist einerseits eine grobe Wettbewerbsverzerrung; andererseits hängt das Geschick der Weltwirtschaft von der Befindlichkeit des US-Dollars ab: Sinkt der Dollar gegenüber der eigenen Währung, verbilligt sich die Ölrechnung. Steigen die Dollarzinsen, steigt der Preis für Dollar-Kredite – das war die Ursache für die Schuldenkrise von 1982, an der die armen Länder bis heute leiden. Systemisch bringt die Identität einer nationalen Währung mit der Weltleitwährung Instabilität für alle.


Handelsdefizit nicht nur Privileg der USA

Mehr noch: Der Umstand, dass alle Ölkonsumenten zuerst Dollar kaufen müssen, bevor sie Öl kaufen können, hat – zusammen mit „Kreditbesicherung“ durch militärische Einsatzbereitschaft – zu der einmaligen Situation geführt, dass die USA scheinbar grenzenlos Kredit genießen und ein weltweit beispielloses Handelsdefizit aufbauen konnten. (Jedes andere Mitglied des Internationalen Währungsfonds würde bei so einer Performance einer makroökonomischen Notoperation unterzogen werden – auf Druck des Hauptaktionärs USA.)

Das Handelsdefizit ist allerdings nicht nur ein Privileg der USA, sondern auch im Interesse von Exportländern wie China, weil die Nachfrage nach ihren Ausfuhren anhält, obwohl der Käufer eigentlich nicht mehr ökonomisch „sound“ ist. Aus dem Handelsüberschuss türmen sich die Dollarreserven in den Himmel. Frage: Wäre nicht jede Regierung dumm, wenn sie nicht auf die Idee käme: Wir kaufen mit unseren sonst nutzlosen Dollarmilliarden die besten westlichen Unternehmen und holen uns auf diese Weise Technologie ins Land?

Die ganze Geschichte – Schuldenkrise, Handelsdefizit, Staatsfonds – hätte nicht stattgefunden, wäre Bretton Woods 1944 so konstruiert worden, wie es der britische Delegierte John Maynard Keynes vorgeschlagen hatte. Keynes erkannte in der Sonderrolle des US-Dollars einen schweren Konstruktionsfehler, der dem System auch bald zum Verhängnis wurde. Als sich die Produktivität in Europa schneller entwickelt als in den USA und die US-Notenbank hemmungslos Greenbacks druckte, verlor der Dollar die Gold-Deckung: Bretton Woods brach 1971 zusammen.

Keynes Alternative war: Nicht eine nationale Währung sollte die Weltleitwährung spielen, sondern der internationale Handel und Schulden in einer globalen Kunstwährung verrechnet werden. Die nationalen Währungen sollten bestehen bleiben – also kein „Globo“ –, die Wechselkurse sollten gemeinsam festgelegt und von den Notenbanken verteidigt werden. In diesem Modell wären Stabilität und Flexibilität erreichbar gewesen, was es dem Euro voraushat, der nur Stabilität bringt, aber keine Flexibilität. Keynes hatte auch vorgesehen, dass die Handelsbilanzen aller Länder im Gleichgewicht gehalten werden, indem sowohl Überschüsse als auch Defizite mit Strafzinsen belegt worden wären. Gegenüber heute, wo jeder Exportweltmeister auf Kosten der anderen werden will, eine revolutionäre Position. Mit der „Glättung“ der Handelskonten wäre es nicht zum Aufbau von Schuldner- und Gläubigerpositionen und damit nicht zu Machtgefällen zwischen den Staaten gekommen. China hätte keine Milliardendollarreserven aufgebaut und könnte gar nicht auf die entzückende Idee von Staatsfonds kommen.


Dann auch globale Kontrolle

Es gibt noch einen gewichtigen Grund, warum heute selbst die USA ein Interesse daran gewinnen könnten, den Vorschlag von Keynes aus der Schublade zu holen: Steigen die Ölexportländer tatsächlich auf den Euro als Ölwährung um (der Irak war kurz vor der Invasion so weit), dann müsste plötzlich niemand mehr Dollar kaufen, bevor er Öl kauft. Ein rapider Verfall des Greenbacks wäre die Folge. Ein Bretton Woods II sollte allerdings gleich Nägel mit Köpfen machen und eine globale Finanzmarktaufsicht miteinschließen, die Ratingaufgaben übernimmt, neue Derivate genehmigt und Fonds aller Art streng reguliert. Wenn schon globale Finanzmärkte, dann auch globale Kontrolle.

Christian Felber ist freier Publizist und Mitbegründer von Attac. Sein jüngstes Buch „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“ (Deuticke) ist in der 6. Auflage.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2007)

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1 Kommentare
Ophicus
17.12.2007 11:39
0 0

Keynes schon wieder...

Was der geniale Vorschlag von Keynes zur virtuellen Weltwährung ein wenig außer Acht lässt - globale Regelungen sind recht wirkungslos, weil es niemanden gibt der ihre Durchsetzung durchsetzt.

Strafzinsen bei Regelbruch verhängen ist eine Sache - sie eintreiben eine völlig andere. Und wenn das eine oder andere Land der strengen Regelungen wegen nicht beitritt oder wieder austritt hat das System massive Probleme. Totaler Boykott der Außenseiters wird kaum durchsetzbar sein und nebenbei auch das Handelsgleichgewicht gefährden. Wenn aber der Außenseiter als einziger tun und lassen kann was er will verliert das System völlig an Attraktivität.

Planwirtschaft hat noch nie funktioniert. Internationale Abkommen auch nicht wirklich. Beides zu kombinieren ist eine interessante Idee, aber mich schaudert, wenn ich an die Umsetzung denke.

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