08.11.2009 14:22 | Meine Presse Merkliste0

Integration erfordert viel Anstrengungen und Verständnis

GASTKOMMENTAR VON SELIM YENEL (Die Presse)

Wir als Botschaft legen unseren Staatsbürgern nahe, mit der hiesigen Bevölkerung zu kommunizieren und ihren Beitrag zum Aufbau der zwischenmenschlichen Beziehungen zu leisten.

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Integration heißt das Zauberwort der letzten Jahre. Denn wenn die Integration gelingt, erwartet man, die Probleme zwischen den ÖsterreicherInnen und MigrantInnen gelöst und somit ein friedlicheres Klima im Lande geschaffen zu haben. Selbst wenn man die Hoffnung auf ein solches Ergebnis hat, sollte man sich aber klar darüber sein, dass dies nicht sofort geschehen kann, weil Integration viele Anstrengungen und Verständnis erfordert.

Es wäre sinnvoll, dieses Thema detaillierter auszuarbeiten und die Probleme und Erwartungen, denen man gegenübersteht, zu erörtern. Immerzu wird betont, dass in Österreich die Integration eigentlich bekanntes Thema sei, rechtliche Regelungen für das Zusammenleben unterschiedlicher Nationen seien seit der Zeit der Monarchie vorhanden und würden erfolgreich umgesetzt. Es wird immer, so meine Beobachtung seit meinem Dienstantritt in Österreich, auf die Familiennamen mannigfaltigster Art hierzulande hingewiesen und unterstrichen, dass sich die Nationen mit der Zeit, ihre eigene Kultur in gewissem Masse bewahrend, integriert hätten und sich als ÖsterreicherInnen fühlten.

Ich bringe nicht gerne die religiöse Komponente zur Sprache. Ich kann aber diesmal, offen gestanden, nicht umhin, dies zu tun. Denn bei den vorangegangenen Integrationstätigkeiten sind in Hinsicht auf die Religionszugehörigkeit im Grunde keine Differenzen festzustellen. Alle Bürger der Monarchie, ausgenommen die Bosniaken, waren Christen. Jetzt aber liegt der Grundunterschied in der Religion.


Arbeitsgründe und Bildungsgründe

Die Geschichte der türkischen Gemeinde in Österreich liegt noch nicht lange zurück. Man könnte sie folgendermaßen in drei Gruppen aufteilen:
•Diejenigen, die aus wirtschaftlichen und Arbeitsgründen hierher gekommen sind.
•Die Folgegenerationen derjenigen, die sich dauerhaft hier niedergelassen haben, und diejenigen, die durch Familienzusammenführung gekommen sind.
•Diejenigen, die aus Bildungsgründen gekommen sind; z.B. die Absolventen des St. Georgs Kolleg, die ihr Studium in Österreich fortsetzen wollen, und die Gymnasiasten, die die Zulassung zum universitären Hochschulstudium in der Türkei aus verschiedenen Gründen nicht erlangen konnten.

Die ersten türkischen Gastarbeiter kamen vor 30 bis 40 Jahren nach Österreich. Der Hauptgrund dafür war die Suche nach Arbeit. Im Laufe der Zeit nahm deren Anzahl zu. In Österreich leben heute über 220.000 türkischstämmige Menschen, und fast die Hälfte dieser wurde bereits eingebürgert. Gibt es etwa unter diesen keine, die sich erfolgreich integriert haben? Freilich gibt es sie. Diese haben sich bereits so gut integriert, dass sie nicht mehr als Fremde wahrgenommen werden. Auffällig sind nur jene, die es nicht geschafft haben, sich vollständig zu integrieren.

Mittlerweile weiß man, dass die Gastarbeiter nicht zurückkehren, sondern dauerhaft bleiben werden. Die damaligen Regierungen der Türkei und Österreichs haben dies leider viel zu spät erkannt. Daher gab es weder in der Vorbereitungsphase noch später eine systematisch geplante Organisation, die der türkischen Gemeinde zur Integration verhelfen hätte können. Das Nichtvorhandensein einer einheitlichen Integrationspolitik führte zu einem Missverhältnis in dieser Entwicklung. Wie ich bei meinen Besuchen bei den Bezirksvorstehungen und Landesregierungen in Erfahrung gebracht habe, erfolgten die Bemühungen in diese Richtung nur auf Landes- und kommunaler Ebene und nur aus eigener Initiative und auf explorative Art und Weise. Dabei kamen teils erfolgreiche, teils bescheidene Ergebnisse zustande. Ich konnte mit Freude feststellen, dass die Politiker diese Mängel gesehen haben und diese in eine konkrete Politik umzuwandeln versuchen.


Kontakt zur Bevölkerung verhindert

Auch wenn die Gründe wirtschaftlicher Art sein mögen, entstehen nun in Österreich weitere Generationen. Die neuen ImmigrantInnen dürfen nunmehr im Rahmen der Familienzusammenführung zuziehen. Diejenigen, die auf der Suche nach Arbeit gekommen sind, stammen meist aus wirtschaftlich unterentwickelten Regionen und brauchen daher mehr Zeit zur Integration. Daraus lässt sich schließen, dass die Integration nicht leicht sein wird. Jedoch kann beobachtet werden, dass sich in den letzten Jahren das Integrationsbewusstsein deutlich erhöht hat.

Die Hauptprobleme bei der Integration kann man wie folgt aufzählen:
•Aufgrund der Zurückgezogenheit der MigrantInnen wird der Kontakt zur ansässigen Bevölkerung verhindert: In Österreich existiert zwar keine Ghettobildung wie in anderen Staaten. Die Bevorzugung der MigrantInnen, im eigenen sozialen Umfeld zu leben, hält sie aber von der österreichischen Gesellschaft fern und ist daher als einer der wichtigen Hauptgründe für die Behinderung der Annäherung und der allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz zu sehen.
•Die Erwartungen beider Seiten sind hoch: Während die Erwartung der einheimischen Bevölkerung in einer sofortigen Anpassung der MigrantInnen an die gegebene Situation besteht, erwarten die MigrantInnen wiederum Verständnis von der Gegenseite. Beide Seiten möchten, dass das Gegenüber den ersten Schritt macht.
•Die unklare Definition des Integrationsbegriffes:Wie sollen die Kulturen zusammenleben? Nebeneinander oder miteinander? Bei der Sichtbarkeit der religiösen Eigenheiten gewinnt diese Frage noch mehr an Bedeutung. Die Frage zum Beispiel, ob eine Moschee mit oder ohne Minarette gebaut werden soll, kann eine große Diskussion auslösen.
•Von den Extremisten aufgegriffene primitive Vorurteile und Ängste: Es ist zu beobachten, dass von beiden Seiten Gedanken forciert werden, die oft auf Informationsmängeln beruhen, so wie der letzte Vorfall in Graz, der niemandem etwas nützt. Solchen Entwicklungen sollten vor allem verantwortungsbewusste Politiker und führende Persönlichkeiten ausgleichend und korrigierend entgegenwirken.
•Die Schwierigkeiten bei der Bildung und bei der Beschäftigung: Das größte Problem der MigrantInnen ist die Schulbildung ihrer Kinder, hier ist mehr Verständnis notwendig. Mehr Berufschancen im öffentlichen Dienst (z.B. als Polizist, Feuerwehrmann) würden zweifellos positive Beispiele darstellen.

Die ungenügenden Sprachkenntnisse liegen all diesen Problemen zugrunde. Als Verantwortliche spornen wir unsere Bürger dazu an, ihre Kinder so früh wie möglich in den Kindergarten zu schicken, um späteren Problemen bei Bildung und Arbeit vorzubeugen. Natürlich raten wir auch den älteren Zuwanderern, ihre Sprachfähigkeiten zu verbessern, um eine bessere Lebensqualität zu erreichen.

Man kann die Dutzenden Vereine, die von den MigrantInnen gegründet worden sind, als eine positive Entwicklung bei der Bewältigung dieser Probleme sehen. Die NGOs sind in den verschiedenen Bereichen der Integration vor allem im Bildungsbereich und bei der Förderung der Frauen an der Teilnahme am Sozialleben, sehr behilflich. Jedenfalls haben sich die MigrantInnen zusammengeschlossen, um ihre Probleme zu lösen. Unabhängig vom Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft ist der wichtigste Schritt in die Integration für all jene Personen, die sich dazu entschlossen haben, sich in Österreich niederzulassen und ihr Leben hier zu verbringen, sich am gemeinsamen gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Das gilt vor allem für diejenigen, die die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten haben.


Nicht nur von einer Seite

Wir als Botschaft legen unseren Staatsbürgern nahe, mit der hiesigen Bevölkerung zu kommunizieren und ihren Beitrag zum Auf-und Ausbau der zwischenmenschlichen Beziehungen zu leisten. Es wird auch betont, dass sie während der Integration ihre Identität nicht verlieren, zugleich aber eine Bereicherung für ihre neue Heimat darstellen werden. Weiters bemühen wir uns, ihnen zu verdeutlichen, die Entwicklungen in Österreich zu verfolgen, ihre Beiträge dazu zu leisten und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Natürlich ist hier eine Zusammenarbeit erforderlich und die Beiträge der Österreicher sind dazu notwendig, weil die Lösungsfindung nicht ein Thema ist, das nur einseitig behandelt werden kann. Vielleicht sollten die MigrantInnen, den ersten Schritt machen. Jedoch müssten sie dabei unterstützt werden.

Selim Yenel ist seit 2006 Botschafter der Republik Türkei in Wien. Seit 1999 war er im türkischen Außenministerium in der Abteilung für EU-Angelegenheiten tätig.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2008)

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