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Frauentag abseits vom Standardphrasenrepertoire

GASTKOMMENTAR VON EDIT SCHLAFFER (Die Presse)

Die Bereiche, die zum Kern der Machtausübung gehören, sind nach wie vor für Männer reserviert, auch wenn langsam die Barrieren für Frauen fallen und die Akzeptanz steigt.

Wieder ein internationaler Frauentag, Anlass für prestigereiche Konferenz. Von Weltbank bis zu den Vereinten Nationen versichern hochrangige Bürokratinnen, dass das Investment in Frauen und Mädchen – zumindest am 8.März – an oberster Stelle ihrer Agenda steht. Dass die Zukunft weiblich sei, gehört mittlerweile zum Standardphrasenrepertoire von Emissären und Delegierten selbst der immer noch nach patriarchalischen Mustern organisierten Länder.

Worum geht es also am internationalen Frauentag tatsächlich? Um Gerechtigkeit und um Wahrheit. Es geht um die Frauen, die keine Parolen haben, deren Proteste ohne eine internationale (Frauen-)Öffentlichkeit ungehört bleiben. Es geht beispielsweise um das kleine Mädchen aus Afghanistan, das wahrscheinlich gegen seinen Willen mit einem 70-Jährigen verheiratet wurde und ein Ereignis darstellt, das uns nur erreichte, weil das Foto der beiden mit dem World Press Award ausgezeichnet wurde.

Eine kurze historische Rückblende: Die Sozialistische Internationale hat bei einem Treffen in Kopenhagen 1910 den Frauentag eingeführt, um die Bewegung für Frauenrechte zu würdigen. Über 100 Frauen aus 17 Ländern waren dabei, auch die ersten drei Frauen, die ins finnische Parlament gewählt wurden. Ein Jahr später forderte über eine Million Frauen und Männer in Österreich, Dänemark, Deutschland und in der Schweiz am 8. März das Ende der Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz. In Russland haben die Frauen am 8. März 1917 einen landesweiten Protest für Brot und Frieden abgehalten; wenige Tage darauf hatten sie das Wahlrecht durchgesetzt. Heute ist der Frauentag vor allem Frauen in Krisensituationen und Kriegsgebieten eine Möglichkeit, auf ihre Situation aufmerksam zu machen.


Die Instanz heißt Gewissen

Freiheit ist ein großes Wagnis für uns. In ihrem Versuch, erstarrte Traditionen durch individuelle Freiheiten zu ersetzen, beschritt die westliche Kultur einen riskanten Weg. Die Auflösung fester Bindungen und das Infragestellen überlieferter Gewissheiten setzten den/die Einzelne unter großen Druck: Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit sind oft die unvermeidlichen Folgen. Doch kein Fortschritt ohne Risiko. Den möglichen Gefahren steht auf der Habenseite eine moralische Entwicklung gegenüber, welche die Verantwortung weitgehend erfolgreich zum Prinzip gemacht hat. Die Instanz heißt Gewissen.

Und genau darum geht es am Internationalen Frauentag, dass wir das Wagnis eingehen, die Freiheit zu suchen. Und das ist schwierig genug, selbst für uns privilegierte Frauen im Westen, wo Abweichung von gesellschaftlichen Normen, Eigenständigkeit und Eigensinn manchmal zwar geahndet werden, aber nicht in lebensbedrohlicher Form. Anders in Pakistan zum Beispiel, wo diesen Februar bei den jüngsten weltweit beachteten Wahlen nur acht Prozent der möglichen weiblichen Wählerinnen es wagten, in der Grenzregion Peshawar in die eigens für sie eingerichteten Wahlbüros zu gehen. Religiöse Militante hatten die Schließung dieser Lokale zuvor durchgesetzt, und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Im Irak übernehmen Frauen durch den anhaltenden Krieg immer mehr Verantwortung. Der Familienexperte Muhssin von der Universität Bagdad spricht von einem Rollenwechsel in den Familien. Ein typisches Beispiel: Fawziya Ibrahim Mohammed, eine 36-jährige Hausfrau und Mutter von vier Kindern, ging durch ein grauenvolle Erlebnis: Sie musste die Leichen ihres Bruders und ihrer zwei Cousins aus dem Leichenschauhaus abholen. „Männliche Familienmitglieder würden sicher gekidnappt und getötet werden“, sagt sie, „die Familien können es nicht riskieren, noch mehr Männer zu verlieren, die nach wie vor die Familien erhalten müssen.“


Hohes Risiko für Freiheit

Einige der mutigen Frauen Irans, die die Kampagne „Eine Million Unterschriften für Frauenrechte“ ins Leben gerufen haben, sind mir ihrer Zivilcourage für Freiheit und Gerechtigkeit ein hohes Risiko eingegangen. Präsident Mahmoud Ahmadinejad hat die Aktivistinnen konsequent verfolgt, die sich unerschrocken für die Änderungen von Gesetzen einsetzen, welche Frauen zu Bürgerinnen zweiter Klasse machen. Die 36-jährige Mitbegründerin der Kampagne, Parvin Ardalan, sollte nun mit dem schwedischen Olof Palme-Preis ausgezeichnet werden, allerdings wurde sie bei ihrem Abflug aus Teheran von zwei Sicherheitsagenten aus der startbereiten Air France Maschine geholt.

Das Preiskomitee hat Ardalan in Abwesenheit gewürdigt; sie hätte trotz Bedrohung und Verfolgung niemals ihre Ideale verraten. Frauen, die im Iran für Freiheit, Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung kämpfen, kommen meist unter die Räder des islamischen Fundamentalismus.

Wenn wir diesen Frauen unsere Solidarität verweigern, haben wir nicht nur sie, sondern auch den besten Teil unserer Zivilisation verraten, unseren eigenen Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit.

Wir beobachten das Entstehen einer globalen Zivilgesellschaft, meistens getragen von Frauen, die gerade in extremen Situationen den Alltag aufrechterhalten müssen.

Erstmals ist ein arabisches Anti-Gewalt-Netzwerk entstanden mit der Bezeichnung „Karama“, was so viel bedeutet wie „Würde“. Würde ist ein grundlegendes soziales Konzept in der arabischen Gesellschaft.

Heute sind Frauen nicht nur kompetent, sondern gebildeter denn je. Die Wissensgesellschaft ist weiblich, nicht nur im Westen. Auch im Nahen Osten übersteigen die Zahlen der weiblichen Studierenden bereits die der Männer. Und diese Frauen setzen ihre Fähigkeiten auch ein. Eine der Gesundheitspionierinnen Saudiarabiens, Dr. Maha Muneef, hat als Kinderärztin hautnah miterlebt, wie viele Verletzungen auf häusliche Gewalt zurückzuführen sind. Sie hat ein Tabu berührt und sich gemeinsam mit einer Gruppe von engagierten Mitstreiterinnen erfolgreich für die Etablierung von Maßnahmen gegen häusliche Gewalt eingesetzt.

Die junge ruandesische Radioreporterin und Fußballspielerin Emertha Uwanyirigira, die nach dem Genozid als Waisenkind aufgewachsen ist, hat jede Woche eine Stunde für die Straßenkinder Kigalis im lokalen Radiosender reserviert, damit die Bevölkerung an ihrem Schicksal Anteil nimmt. Einige von ihnen haben auf diesem Weg eine neue Familie gefunden.

Aicha al Wafi, Mutter des angeklagten 20.Hijackers, der die Anschläge auf das World Trade Center mit vorbereitet haben soll, hat sich bei den Angehörigen der Opfer der Anschläge entschuldigt. Auf diesem Weg sind eine wunderbare Freundschaft und ein Versöhnungsprojekt mit der jüdisch-amerikanischen Mutter von Greg, Phyllis Rodriguez, der beim Anschlag von 9/11 ums Leben kam, entstanden. Die beiden haben ihre Wut und Verletzung in Sympathie und Mitgefühl verwandelt und schicken damit ein politisches Signal aus. Phyllis wollte jenseits ihrer persönlichen Aufarbeitung ein politisches Statement setzen, dass sie in einer Zeit, wo die anti-muslimische Stimmung hohe Wellen schlug, nicht alle Muslime für diese schreckliche Tat verantwortlich machte.


Alternative Netzwerke als Strategie

„Das Persönliche ist politisch“ ist der Slogan der internationalen Frauenbewegung und das Leitmotiv für die Aichas und Mahas, die in ihrem unmittelbaren Umfeld mit kleinen Schritten beginnen und große Dinge erreichen. Politik, Diplomatie und Militär, die Bereiche, die zum Kern der Machtausübung gehören, sind nach wie vor für Männer reserviert, auch wenn langsam die Barrieren für Frauen fallen und die Akzeptanz steigt. Aber die Strategien, die Frauen effektiv für sich einsetzen, sind alternative Netzwerke, die öffentliche Meinung und das mit einer hervorstechenden weiblichen Eigenschaft: einfach Ausdauer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2008)


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