12.02.2012 01:26 | Meine Presse Merkliste0

Ist der Finanzmarkt ein Jahrmarkt?

GASTKOMMENTAR VON HELENE SCHUBERTH (Die Presse)

Dass der Staat die Regulierung ausgerechnet jenes Sektors der Volkswirtschaft an Private delegiert hat, dem eine Schlüsselrolle zukommt, erweist sich als folgenschwerer Fehler.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Reaktionen auf Finanzkrisen folgen stets demselben Muster: Es werden Schwachstellen in der Finanzmarktregulierung festgestellt. Nach scheinbar zähem Ringen mit der Finanzindustrie werden einige davon beseitigt. Wirtschaftswissenschaft, Politik, Finanzindustrie und Medien agieren ähnlich, spielen aber mit verteilten Rollen. So auch im Fall der Hypothekenkrise in den USA.

Die Wirtschaftswissenschaft betont die segensreichen Wirkungen deregulierter Finanzmärkte und eines sich selbst regulierenden Finanzsystems, schränkt aber ein, dass der ordnungspolitische Rahmen in Hinblick auf Transparenz verbessert werden muss. Die Politik greift diese Empfehlungen dankbar auf. Sie fordert die Offenlegung von Informationen und eine Reform der Ratingagenturen, die nicht zum ersten Mal Wertpapiere schlechter Bonität mit höchsten Bonitätsnoten ausgezeichnet haben.

Die Medien gehen der Wissenschaft zur Hand und kritisieren die unverantwortliche Kreditvergabepolitik der Hypothekenbanken in den USA. Und sie geißeln Raffgier, „stock options“ und Zockerwesen. Der Öffentlichkeit werden Heerscharen verantwortungslos handelnder Finanzmanager vorgeführt. Es werden Dutzende Arbeitskreise zu Ethik in der Finanzwelt gegründet – von Leuten, die sonst predigen, dass die Verfolgung der eigenen Interessen und das Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes ein Maximum an gesellschaftlicher Wohlfahrt garantieren.

Die Finanzindustrie trotzt selbstbewusst jedem Sturm der Entrüstung, weiß sie doch das Gesetz an ihrer Seite, aber auch eine Wissenschaft, die behauptet, dass die Selbstregulierung direkten Regulierungsformen überlegen sei.


Im Mittelalter übliche Herrschaftsformen

Dieses Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik, Medien und Finanzindustrie hat unabsehbare Folgen. Letztere gewann in den vergangenen Jahrzehnten einen historisch beispiellosen Einfluss auf die Politik. An die Stelle des Staates traten staatlich-private Netzwerke: unabhängige Finanzmarktaufsichtsbehörden, Experten und auch Vertreter der Finanzindustrie. Es entsteht eine Struktur, in der sich nationalstaatliche und internationale, halbstaatliche und private Netzwerke überlagern, und die, wie der Politikwissenschaftler Phil Cerny sagt, den im Mittelalter üblichen Herrschaftsformen nicht unähnlich ist.

Kaum ein Bereich der Politik ist so wenig demokratisch legitimiert wie die Finanzmarktregulierung. Man spricht von „financial governance without government“. Dies korrespondiert mit dem weltweiten Siegeszug des angelsächsischen Finanzsystems. Private-Equity-Firmen und Hedge Fonds schießen aus dem Boden. Sie gefährden mit ihrer überaus hohen Fremdfinanzierung, die regulatorisch unbeschränkt ist, nicht nur die Statik des Finanzsystems, sondern setzen auch in den Unternehmen den „shareholder value“ bisweilen brutal durch. Die Sachzwanglogik wird in dieser Situation zur scheinbar unausweichlichen Handlungsanleitung für die Politik.


Keine schnell reparablen Betriebsunfälle

Droht das Scheitern des Regulierungssystems offensichtlich zu werden, ändert die Politik einige Regeln, bis die Lage sich beruhigt. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass es sich um schnell reparable Betriebsunfälle handelt, nicht um systemimmantente Erscheinungen mit weitreichenden politökonomischen Konsequenzen – auch für die Einkommens- und Vermögensverteilung, also für die Lebensumstände jedes Einzelnen. Nicht in Frage gestellt wird das sich selbst regulierende angelsächsische Finanzsystem, das die Manager zwingt, zugunsten des „shareholder value“ die Grenzen des rechtlich Zulässigen und wirtschaftlich Vernünftigen zu strapazieren.

Die Reaktion auf die Hypothekenkrise wird in punktuellen Reformen bestehen: etwas größere Transparenz, Reform der Ratingagenturen und eine effektivere Koordination der Aufsichtsbehörden. Es sei denn, die Krise spitzt sich noch zu, wofür es immer mehr Anhaltspunkte gibt. Die Gelassenheit der europäischen Politik ist jedenfalls bemerkenswert, sowohl was die Konsequenz für die Finanzmarktregulierung als auch was die Gefahr eines Konjunktureinbruchs betrifft.

Eine angemessene Reaktion auf die Hypothekenkrise setzt eine Analyse ihrer systemischen Ursachen voraus. Hyman Minsky hat in der Tradition der monetären Postkeynesianer die heutige Situation bereits vor mehr als dreißig Jahren als einen dem marktbasierten Finanzsystem inhärenten Mechanismus beschrieben: Stabilität trägt den Keim der Instabilität in sich. Einige Spezifika des modernen Finanzsystems haben diesen Mechanismus verschärft. Obwohl von zunächst überschaubarer Größenordnung hat sich die Krise im globalen Maßstab rasch ausgeweitet. Grund dafür sind Kreditderivate. Dabei handelt es sich um komplexe Techniken der Verbriefung von Krediten und des Kreditrisikotransfers, die den weltweiten Handel mit Hypothekenkredite möglich machten.

Die Meinung vieler Ökonomen war, dass durch die Verbriefung von Krediten die Finanzmarktstabilität steigt, weil das Risiko nun breiter gestreut und nicht mehr so stark im Bankensystem konzentriert ist. Das Gegenteil war der Fall.

Die Risken der Kredite sind über Umwege wieder ins Bankensystem gelangt. Die Hypothekenkrise hat sich somit über Ketten von Kredit-Weiterverkäufen ausgebreitet und rasch andere Segmente des Finanzmarktes erfasst. Die Diversifizierung des Risikos hatte zur Folge, dass Risken anonymisiert wurden, schlechte von guten Risken nicht mehr ausreichend unterscheidbar waren. In der Folge wurde das Misstrauen so groß, dass der Geldmarkt zeitweise zum Erliegen kam.


Laxes Regelwerk ausgereizt

Das Finanzsystem ist die Infrastruktur der Volkswirtschaft und unverzichtbar für deren Effizienz. Nun hat sich aber ein Subsystem zur Herrschaft über das Gesamtsystem aufgeschwungen und diktiert allen seine Spielregeln. Die oft als Finanzakrobaten titulierten Finanzmarktakteure haben das ohnehin laxe Regelwerk bis aufs Äußerste ausgereizt; sie sind aber auch Getriebene, die ihre Praktiken nicht durch freiwillige Wohlverhaltensregeln und mehr Transparenz ändern werden.

Die Krisen des Finanzmarkts und der Banken zählen zu den teuersten. Dass im Zuge von Rettungsaktivitäten, zu denen es angesichts der systemischen Bedeutung des globalen Finanzsystems keine Alternative gibt, Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden, ist ein Phänomen, das jede Finanzkrise begleitet, aber auch den Boden für weitere Krisen aufbereitet: Die Hasardeure werden ermutigt, zu neuen Unternehmungen aufzubrechen. Dass jene, die selbst so bescheidene Forderungen der Politik wie die nach Transparenz brüsk von sich weisen, den Staat nun zu Hilfe rufen, scheint zwar grotesk, ist aber logische Konsequenz daraus, dass die Politik die Usancen der Finanzindustrie immer wieder toleriert hat.


Offshore-Zentren beseitigen

Es gilt das Axiom, das Finanzsystem lasse sich ob seiner Sanktionskraft nicht gegen seinen Willen regulieren, zu durchbrechen. Maßnahmen dazu sind die Beseitigung von Offshore-Zentren und Steueroasen; die Demokratisierung der Banken- und Finanzmarktregulierung; die direkte Regulierung von Hedge und Private Equity Fonds; die Förderung bankbasierter Finanzierungsstrukturen, die staatliche Kontrolle von Rating-Agenturen, die Besteuerung von Finanztransaktionen; der Ausbau öffentlicher Pensions-, Pflege- und Krankenfinanzierungssysteme, um die Abhängigkeit von der privaten Vorsorge einzuschränken sowie Änderungen im Aktien-, Unternehmens- und Steuerrecht, die Anreize für eine langfristige Orientierung der Investitionen schaffen. Dass der Staat die Regulierung ausgerechnet jenes Sektors der Volkswirtschaft an Private delegiert hat, dem eine Schlüsselrolle zukommt, erweist sich als folgenschwerer Fehler. Ein Markt ohne Regeln funktioniert nicht, und er zerstört sich letztlich selbst.

Dr. Helene Schuberth ist Wirtschaftswissenschaftlerin und wirtschaftspolitische Beraterin von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2008)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

11 Kommentare
Murray
01.04.2008 17:14
0 0

Was soll der Quargel?

Wie wäre es mit Nachdenken statt Jammern? Woher kam denn das Geld, das die Banken mit faulen Immobilienkrediten in den Sand gesetzt haben? Warum war denn das Zinsniveau so niedrig, dass es zeitweise wirtschaftlich durchaus sinnvoll war, Kredite an Kunden niedrigster Bonität zu vergeben? Hat das etwas mit den Eigengesetzlichkeiten unregulierter Finanzmärkte zu tun oder mit staatlicher Geld- und Konjunkturpolitik?
Warum wird die Vergabe solcher Kredite in den USA als Zeichen tiefster moralischer Verkommenheit gewertet, gilt dann aber als nobelpeiswürdig, wenn sie in Bangladesh geschieht?
Wer Kompetenz durch Betroffenheit ersetzt, mag die Abwesenheit staatlicher Regulierungen bedauern - muß dabei aber über die Auswirkungen der zahlreichen Staatsbankrotte, ruinösen Handelskriege, Enteignungen durch staatlich geförderte Inflation, Münzverschlechterungen und Handelshemmnisse hinwegsehen.
Die Probleme auf den - keineswegs unregulierten - Finanzmärkten sind da noch vergleichsweise gering.

Antworten Gast: Anton
01.04.2008 22:43
0 0

Re: Was soll der Quargel?

Es gibt eben Marktversagen und Politikversagen. That¿s it. Frau Schuberth hat etwas beschrieben das gleichzeitig beides betrifft.Markt-und Politikversagen.

Antworten Antworten Murray
02.04.2008 08:05
0 0

Re: Re: Was soll der Quargel?

Politikversagen gibt es sicher, schon allein deshalb, weil die Begriffe "Politik" und "Versagen" teilweise synonym sind. Worin das Marktversagen in diesem Fall bestand, hat niemand ausreichend erläutert.

Antworten Antworten Antworten Gast: suderer
02.04.2008 10:57
0 0

Re: Re: Re: Was soll der Quargel?

Und worin bestand das Politikversagen in diesem konkreten Fall?

Antworten Gast: suderer
01.04.2008 22:33
0 0

Re: Was soll der Quargel?

Verstehe ich Sie richtig? Ist eh alles in bester Ordnung? Die weltweiten Probleme auf den Finanzmärkten sind eh gering? Folgen für die Realwirtschaft sind unerheblich? Börsenindices lassen da anderes vermuten.
Wie stark muss der irrationale Glaube an das Dogma von der Unfehlbarkeit der Märkte sein, dass man sich bemüssigt fühlt, so einen Quatsch nicht nur zu vertreten sondern sogar zu publizieren. Und das nicht etwa in der Krone.
Bezüglich der niedrigen Zinsen, die die armen Banken zu faulen Krediten gezwungen haben, erlaube ich mir Sie dahingehend zu korrigieren, dass das Zinsniveau in fast allen Industriestaaten nicht vom Staat sondern von vom Staat unabhängigen Notenbanken festgesetzt wird, völlig konträr zu Ihrem Dogma, wonach schlechtes nur vom Staat ausgehen könne.
Wie wäre es, sich zuerst informieren, dann solchen Quatsch schreiben?


Antworten Antworten Murray
02.04.2008 08:33
0 0

Re: Re: Was soll der Quargel?

"Vom Staat unabhängig" ist eine coole Formulierung - die Zentralbanken sind also von alleine entstanden und ihre Kompetenzen sind gottgegeben?
Wenn die Zentralbanken Zinssatz und Geldmenge kontrollieren können, was hat das mit Markt zu tun?
Wenn man das willkürliche Dekretieren von Zinssätzen als "Marktmechanismus" betrachtet, dann kann man in der Tat nur noch Marktversagen sehen - auch wenn es sich in Wirklichkeit um getarntes Politik- und Regulierungsversagen handelt.
Und ja: die weltweiten Probleme auf den Finanzmärkten sind gering gegenüber denen, die wir haben, wenn sich unsere regulierungsgeilen Politiker frei austoben können.

Antworten Antworten Antworten Gast: suderer
02.04.2008 11:51
0 0

Re: Re: Re: Was soll der Quargel?

Also schaffen wir endlich die Notenbanken ab und erfreuen uns einer marktkonformen Inflation in beliebiger Höhe. Immer noch besser 1000 % Jahresinflation als ein unfreier Geldmarkt. Oder?
Im übrigen bleibe ich bei meiner belegbaren "coolen" Formulierung, dass die Zentralbanken in ihren geldpolitischen Entscheidungen von den Staaten unabhängig sind. (Sehr zum Missfallen mancher Finanz- und Wirtschaftsminister)
Cool finde ich es hingegen von Ihnen, fiktive Szenarien (Probleme, die wir hätten, wenn...) zu erfinden, um das tatsächlich existierende gravierende Problem zu verniedlichen.
Wieviel Unheil müssen "freie" Märkte noch bewirken, damit Gläubige der reinen Wahrheit ihr Dogma in Hinblick auf seine bisweilen verheerenden Folgen ein klein wenig kritisch zu hinterfragen beginnen?


Antworten Antworten Antworten Antworten Murray
02.04.2008 15:43
0 0

Re: Re: Re: Re: Was soll der Quargel?

So "fiktiv" sind diese Szenarien nicht, sie sind vielmehr Teil der Wirtschaftsgeschichte.
Dass es jetzt die freien Märkte sind, die die Inflation verursachen, ist auch eine eigenwillige Interpretation. Man muss wohl wirklich ein sturer Dogmatiker sein, um staatliche Ausgabenpolitik dafür verantwortlich zu machen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: suderer
03.04.2008 01:01
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Was soll der Quargel?

Ein letztes Mal, weil es Spass macht, sich mit Ihnen zu unterhalten.
Dies insbesondere deswegen, weil Sie mit Ihrem letzten Satz, dem ich volle zustimme, meinen Verdacht widerlegt haben, Sie wären ein sturer Dogmatiker, der den exorbitanten Anstieg etwa des Butterpreises oder der Wohnungsmieten staatlicher Ausgabenpolitik in die Schuhe schieben möchte.
Des damit gewonnenen Friedens wegen will ich zur selektiven Wahrnehmung von Wirtschaftsgeschichte nichts mehr schreiben.
Oder war der Satz doch nur eine Fehlleistung?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Murray
03.04.2008 09:23
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Was soll der Quargel?

Der Butterpreis hat vielleicht nichts mit staatlicher Ausgabenpolitik zu tun, aber die Quotenregelungen für die Milchbauern, die das Angebot bei steigender Nachfrage gleich halten, sind staatliche Eingriffe, die die Preise in die Höhe treiben.
Sie dürfen gerne über selektive Wahrnehmung von Wirtschaftsgeschichte schreiben - ich bin nicht nur Dogmatiker in Hinsicht auf freie Märkte, sondern auch auf freie Rede.

Gast: Gerhard2
01.04.2008 13:58
0 0

Arbeitnehmer- Betroffenheiten

Dass die Politik die Usancen der Finanzindustrie immer wieder toleriert hat, ist richtig, gehört aber präzisiert. Die Politik hat nicht nur toleriert, sonder auch befördert. Denn, auch die Ersparnisse der Arbeitnehmer, die in der Finanzwelt verspielt werden. sind zu erwähnen. Die angloamerikanischen Ökonomien haben uns vorgeführt, wie man die staatlichen Umlageverfahren für die Altersversicherung Stück für Stück entsorgt, um damit Zugriff auf die enormen Ersparnisse der Arbeitnehmer zu bekommen um diese über die Pensionsfonds in die Finanzmärkte zu pumpen.Dadurch können/könnten es die Betroffenen nicht mehr wagen, die Strukturen des Finanzsystems auch nur anzutasten, weil das unter den herrschenden Verhältnissen einem Attentat auf ihre eigene Altersversorgung gleichkäme.Die dahinter stehende Strategie ist im Kern der hinterlistige Versuch, die gesamte Arbeitnehmerschaft umfassend in die Finanzsphäre einzubinden.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News