Missbrauchte Sprache und falsche Signale an Putin

Dem physischen Massenmord geht zumeist mediale Vernichtung voraus.

Blicken wir in die Geschichte zurück, sehen wir, dass einem physischen Massenmord immer ein Mord mit sprachlichen Mitteln vorausgegangen ist und ihn begleitet hat. Die russischen Massenmedien sind zum Gegenteil dessen geworden, was die Grundidee von Berichterstattung ist: Fakten und Analysen zu liefern. Russlands Medien sind eine riesige Maschine, die unaufhörlich Manipulationen und Propaganda produziert. Ihr Ziel ist die Beleidigung, Entmündigung und sprachliche Eliminierung.

Mario Vargas Llosa und Tomas Tranströmer kritisieren die andauernden verbalen Aggressionsakte Russlands gegen die Ukraine. Russland „spekuliert absichtlich mit Wörtern, um Sinne zu zerstören und die Wahrheit zu verbergen“, meinen die beiden Literaturnobelpreisträger. „Tötet die Ukrainer!“ Dieser Aufruf zum Massenmord kommt vom Professor der Moskauer Universität, Alexander Dugin, der vor Kurzem in Wien zu Gast war.

Es war ein Fehler, Wladimir Putin Anfang Juni zum feierlichen D-Day-Gedenken in die Normandie einzuladen. Es war nicht nur Verhöhnung all derjenigen, die ihr Leben geopfert haben, um Massenmord und Rassenwahn inmitten Europas zu stoppen, sondern auch eine gewisse Legitimierung der aktuellen Kreml-Politik, selbst, wenn diese offiziell als inakzeptabel kritisiert wird.

 

Die falsche Einladungsliste

Was als Gelegenheit zur Verständigung genutzt werden sollte, hat die umgekehrte Wirkung erzielt. Man hätte die Vertreter eines anderen, demokratischen Russlands einladen sollen – beispielsweise Menschenrechtsaktivisten von der Organisation Memorial.

Die Stimme der russischen Zivilgesellschaft wird von der jetzigen Propagandamaschinerie des Kremls um tausende Dezibel übertönt. Die Normandie wäre doch eine hervorragende Möglichkeit gewesen, diese schwache Stimme zu stärken und ein Signal zu setzen. Das Signal, dass die europäischen Werte, wie sie genannt werden, ein Synonym für die Menschenrechte sind.

 

Schlachthaus Ostukraine

Dieselben russischen Medien, die die Zustände im Schlachthaus rechtfertigen, in das sich die ukrainischen Regionen von Donezk und Lugansk verwandelt haben, geißeln Europa als dekadent, schwul, minderwertig. Diejenigen, die Verständnis für Putins Vorgehen zeigen, identifizieren sich mit dieser repressiven Rhetorik und übernehmen Mitverantwortung für das Töten und das Leiden der Menschen in der Ostukraine.

Es ist wiederholt auf die Verblendung der europäischen Linken hingewiesen worden, die in Putin immer noch einen Vertreter der linken Ideale sehen wollen. Wer heute Wladimir Putin empfängt, macht seine Politik salonfähig, spielt in die Hände der Putin-Versteher und leistet einen Beitrag zur Dekonstruktion Europas.

Wenn Geschäfte über Menschenrechte gestellt werden, können wir ein vereintes Europa vergessen – ein Europa der großen Träumer wie des Wieners Stefan Zweig oder des aus Brody in Galizien stammenden Belletristen und Reporters Joseph Roth. Ein vereintes Europa, das zum ersten Mal in seiner Geschichte die Chance hätte, Wirklichkeit zu werden.

Solange die sprachliche Gewalttätigkeit der russischen Medien nicht aufhört, solange Putins Politik von 90 Prozent der Russen unterstützt wird, solange die politische Agenda Russlands von einem Hass- und Mordprediger wie Alexander Dugin bestimmt wird, solange Putin durch falsche Signale wie Staatsempfänge ermuntert wird, werden selbst die gescheitesten Friedensinitiativen scheitern.

Tymofiy Havryliv (* 1971 in Iwano-Frankiwsk)

 

ist Schriftsteller, Übersetzer, Blogger und Literaturtheoretiker.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2014)

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