21.11.2009 14:59 | Meine Presse Merkliste0

Die hohen Privilegien-Professoren

GASTKOMMENTAR VON STEFAN GALLER (Die Presse)

Geld allein macht Österreichs Wissenschaft nicht flott. Wir brauchen freien Wettbewerb und die Regelungen der amerikanischen Spitzen-Unis.

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Leitungsorgane haben dafür zu sorgen, dass optimale Ergebnisse erzielt werden. Auch an den Unis. Doch hier steht ein Problem im Weg: die „Standesschranke“, die sich quer durch die Reihen der selbstständigen Wissenschaftler zieht. Hier die weit hervorgehobenen Professoren der Professorenkurie („Kurienprofessoren“), dort die vielen anderen auf der Stufe der Auszubildenden („Mittelbau“). Beide Gruppen sind mit den gleichen Aufgaben betraut, und beide sind wohl auch fähig, diese gleich gut zu erfüllen.


Sinnlose, belastende Abhängigkeiten

Wie können Leitungsorgane die ihnen anvertrauten Ressourcen wie Räume, Arbeitsmittel und nichtwissenschaftliches Personal unter den selbstständigen Wissenschaftlern effizient verteilen, wenn die Ansicht herrscht, dass Kurienprofessoren stets bevorzugt oder gar exklusiv zu behandeln sind? Das gegenwärtige System vereitelt freien Wettbewerb und führt oft zu sinnlosen und allseits belastenden Abhängigkeiten. Diese wirken leistungshemmend; denn Bevormundung verletzt die Wissenschaftlerseele, die nach freier Entfaltung, ungebundener Kreativität und anregendem Teamwork sucht.

Jedenfalls ist der Zugang zu Ressourcen für die Mehrheit der Wissenschaftler erschwert. Angemessene Ressourcen erhält meist nur, wer den Kurienprofessoren in irgendeiner Weise entgegenkommt. Wer sich dem nicht beugt, ist eklatant benachteiligt. Denn er muss Geldmittel von außen beschaffen, was in der Regel schwierig, zeitaufwendig und vor allem unsicher ist.


Lösung ist einfach und kostenlos

Damit nicht genug. Jede Firma bemüht sich, die besten Mitarbeiter durch gute Karrierechancen zu halten. Die Unis hingegen berücksichtigen hauseigene Bewerber nur in besonderen Fällen, wenn sie Stellen von Kurienprofessoren neu besetzen (Hausberufungsverbot). Und da diese Stellen ohnedies knapp sind, bleibt die Mehrheit der Wissenschaftler auf der Stufe von Auszubildenden. Viele von ihnen sind nicht nur in der Fachwelt, sondern auch über die Medien bekannt. Außerhalb der Uni ahnt jedoch niemand ihre niedrige Stellung und die vielen Behinderungen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Weil sie alle – selbstverständlich zu Recht – Professoren heißen (außerordentliche Professoren, Assistenzprofessoren usw.).

Das Problem wäre einfach und kostenlos zu lösen. Österreich bräuchte nur die Regelungen der USA zu übernehmen. Dort ist jeder, der nach der Promotion oder einer weiteren „Postdoc“-Phase die Arbeit eines Assistant Professors aufnimmt, ein freier und unabhängiger Wissenschaftler. Der Aufstieg zum dauerhaft angestellten Associate Professor und schließlich zum besser bezahlten Full Professor erfolgt normalerweise am gleichen Ort und hängt ausschließlich von der erbrachten Leistung ab.


Die „Standesschranke“ aufheben

Assistant, Associate und Full Professors haben alle gleiche Chancen, sich für ihre Uni verdient zu machen, und dürfen gleichberechtigt über die Geschicke ihres Instituts und ihrer Uni mitbestimmen („Peer-Prinzip“).

Um die Verhältnisse näher an die der USA anzupassen, protestierten im Jahr 2002 etwa 2500 österreichische Wissenschaftler in einer Unterschriftenaktion. Doch die Politik verstand damals den Ruf nach freiem Wettbewerb noch nicht. Im Regierungsprogramm vom Januar 2007 wurde aber schließlich vereinbart, die „Standesschranke“ aufzuheben. Werden nun in der Novelle des Universitätsgesetzes die Regelungen der USA übernommen, dann bedeutet dies einen beispiellosen Reformschritt, der die wissenschaftlichen Leistungen forciert und in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Auch wenn die Berufstitel und die Bezahlung der Wissenschaftler unverändert bleiben, werden Österreichs Unis von einer nachhaltigen Aufbruchsstimmung erfasst werden. Denn es wird zum ersten Mal freien Wettbewerb geben, der allen gleiche Chancen einräumt, sich für die Uni verdient zu machen. Kontraproduktive Abhängigkeiten werden ein Ende haben, und jeder wird frei und ungehindert produktiv sein können. Die Leitungsorgane werden keine Hindernisse mehr vorfinden, die Ressourcen sach- und leistungsgerecht zu verteilen, sodass optimale Leistungen möglich sind.


Angst vor Chancengleichheit?

Mag sein, dass da und dort ein Kurienprofessor vorübergehend Unbehagen empfindet, wenn andere Kollegen plötzlich chancengleich und gleichberechtigt neben ihm stehen. Aber das wird niemanden hindern, weiterhin durch besondere Exzellenz oder durch Förderung anderer zu brillieren. Jedenfalls ist die satte Mehrheit der Kurienprofessoren leistungsstark und braucht daher den freien Wettbewerb nicht zu fürchten. Am Ende des Tages werden schließlich alle froh sein. Denn das neue System begeistert und bringt ins Alltagsgespräch das Freudvollste zurück – die Wissenschaft.
Näheres: www.sbg.ac.at/aggaller/EK

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2008)

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4 Kommentare
Gast: Unitomorrow
20.05.2008 10:28
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Für eine neue Uni

Stefan Galler hat vollkommen Recht. Das Hauptproblem der österreichischen Unis sind die abstrusen Standesschranken, die einen wirksamen Wettbewerb verhindern. Wer das österreichische Universitätssystem kennt, weiß dass Berufungen weitgehend steuerbar sind. Einmal "Ordinarius" (Kurienprofessor) geworden, besteht keinerlei Druck zur Leistung mehr und das Ergebnis ist überall sichtbar. In vielen Fällen ist Leistung sogar kontraproduktiv. Ein Habilitierter, der sich zu sehr einsetzt, muss mit Widerständen auf allen Ebenen rechnen. Wir brauchen mehr Wettbewerb. In der Einheitskurie sollen Ressourcen auf der Grundlage effektiver Leistung verteilt werden und nicht auf der Grundlage von Titeln, die vielleicht vor Jahrzehnten in einem universitätspolitischen Arrangement erworben worden sind.

AOttitsch
20.05.2008 09:50
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Das US-UNI-Paradies?

An der gleichen Uni von der Promotion bis zur Pension? Und die Uni-Verwaltung erfolgt paritätisch, wie in den 80-er Jahren in Österreich? Ganz so funktioniert es in den USA (oder in anderen Staaten) denn doch nicht. Denn eine "Tenure"-Position wird dort nur für einen Bereich ausgeschrieben (und nicht intern vergeben!), den eine Universität für "profitabel" hält. Und Einnahmen - entweder in Form von Studiengedern oder in Form von Forschungsmitteln - spielen dort eine wesentlich grössere Rolle als in Ländern, wo nach wie vor der Staat den größten Teil des Uni-Budgets finanziert. Beim genaueren Studium von US-Postenausschreibungen sieht man auch, daß dort viele Stellen vom Assistant-Professor aufwärts zwar als "Tenure-Track" ausgeschrieben werden, das aber mit dem Zusatz "9-Month". Man ist dann nur für 75% des Jahres angestellt, den Rest der Zeit muß man sehen, daß man z.B. mit Consulting, sein Brot verdient. Ein pragmatisierter A.o.Prof." in Österreich hat es da besser...

Antworten Gast: Letzko21
20.05.2008 10:42
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Re: Das US-UNI-Paradies?

Wer sich zum amerikanischen Uni-System äußert, sollte doch eine gewisse Ahnung davon haben. Die österreichischen Universitäten könnten sich ein Beispiel von den weitreichenden Mitbestimmungsmöglichkeiten an amerikanischen Universitäten nehmen. Was den tenure-track anbelangt, soll man nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen. Amerikanische Universitäten finanzieren sich zu einem erheblichen Teil über den Markt, d.h. sie stehen als ganze in einem starken Wettbewerb zueinander (und zu anderen Unis weltweit). Österreichische Universitäten sind primär staatlich finanziert. Deshalb besteht intern auch kaum eine Veranlassung die besten Kräfte zu holen bzw. zu halten. In den USA hängt das Einkommen des einzelnen Wissenschaftlers dagegen auch von der Leistung des Kollegen ab. Der erste Schritt, damit österreichische Universitäten zu internationalem Standard aufschließen, kann nur der sein, dass das Kuriendenken der k.-u.k-Zeit überwunden wird.

Antworten Gast: realityCheck
20.05.2008 10:28
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Leistung soll zählen

Wenn wissenschaftliche Leistung in Forschung und Lehre zählt, geht es darum, die besten Köpfe zu akquirieren. Ob diese Akquisition über den eigenen Nachwuchs (billiger) oder über Bewerbungsverfahren erfolgt (Modus Berufung ist die teuerste und unzuverlässigste Variante), ist dafür nicht relevant.

Amerikanische Unis glänzen mit Durchlässigkeit aufgrund von Leistungen in der wissenschaftlichen Lehre und/oder Forschung, es gibt keine künstlichen Standesschranken, die gegen Leistungsdruck isolieren könnten wie bei uns.

Auf Tenure-Stellen bewirbt man sich und muss über mehrere Jahre nachweisen, dass man die Erwartungen erfolgreich erfüllen kann. Genau das ist im Entwurf des österreichischen Kollektivvertrags so vorgesehen.

Freie Wissenschaftler, die sich mehrmals erfolgreich qualifiziert (Doktorat, Kommissionen mit unabhängigen Gutachtern, Habilitationen, etc.) haben, gehören anerkannt und daher als Peers in einer gemeinsamen Faculty organisiert!


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