Leitungsorgane haben dafür zu sorgen, dass optimale Ergebnisse erzielt werden. Auch an den Unis. Doch hier steht ein Problem im Weg: die „Standesschranke“, die sich quer durch die Reihen der selbstständigen Wissenschaftler zieht. Hier die weit hervorgehobenen Professoren der Professorenkurie („Kurienprofessoren“), dort die vielen anderen auf der Stufe der Auszubildenden („Mittelbau“). Beide Gruppen sind mit den gleichen Aufgaben betraut, und beide sind wohl auch fähig, diese gleich gut zu erfüllen.
Sinnlose, belastende Abhängigkeiten
Wie können Leitungsorgane die ihnen anvertrauten Ressourcen wie Räume, Arbeitsmittel und nichtwissenschaftliches Personal unter den selbstständigen Wissenschaftlern effizient verteilen, wenn die Ansicht herrscht, dass Kurienprofessoren stets bevorzugt oder gar exklusiv zu behandeln sind? Das gegenwärtige System vereitelt freien Wettbewerb und führt oft zu sinnlosen und allseits belastenden Abhängigkeiten. Diese wirken leistungshemmend; denn Bevormundung verletzt die Wissenschaftlerseele, die nach freier Entfaltung, ungebundener Kreativität und anregendem Teamwork sucht.
Jedenfalls ist der Zugang zu Ressourcen für die Mehrheit der Wissenschaftler erschwert. Angemessene Ressourcen erhält meist nur, wer den Kurienprofessoren in irgendeiner Weise entgegenkommt. Wer sich dem nicht beugt, ist eklatant benachteiligt. Denn er muss Geldmittel von außen beschaffen, was in der Regel schwierig, zeitaufwendig und vor allem unsicher ist.
Lösung ist einfach und kostenlos
Damit nicht genug. Jede Firma bemüht sich, die besten Mitarbeiter durch gute Karrierechancen zu halten. Die Unis hingegen berücksichtigen hauseigene Bewerber nur in besonderen Fällen, wenn sie Stellen von Kurienprofessoren neu besetzen (Hausberufungsverbot). Und da diese Stellen ohnedies knapp sind, bleibt die Mehrheit der Wissenschaftler auf der Stufe von Auszubildenden. Viele von ihnen sind nicht nur in der Fachwelt, sondern auch über die Medien bekannt. Außerhalb der Uni ahnt jedoch niemand ihre niedrige Stellung und die vielen Behinderungen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Weil sie alle – selbstverständlich zu Recht – Professoren heißen (außerordentliche Professoren, Assistenzprofessoren usw.).
Das Problem wäre einfach und kostenlos zu lösen. Österreich bräuchte nur die Regelungen der USA zu übernehmen. Dort ist jeder, der nach der Promotion oder einer weiteren „Postdoc“-Phase die Arbeit eines Assistant Professors aufnimmt, ein freier und unabhängiger Wissenschaftler. Der Aufstieg zum dauerhaft angestellten Associate Professor und schließlich zum besser bezahlten Full Professor erfolgt normalerweise am gleichen Ort und hängt ausschließlich von der erbrachten Leistung ab.
Die „Standesschranke“ aufheben
Assistant, Associate und Full Professors haben alle gleiche Chancen, sich für ihre Uni verdient zu machen, und dürfen gleichberechtigt über die Geschicke ihres Instituts und ihrer Uni mitbestimmen („Peer-Prinzip“).
Um die Verhältnisse näher an die der USA anzupassen, protestierten im Jahr 2002 etwa 2500 österreichische Wissenschaftler in einer Unterschriftenaktion. Doch die Politik verstand damals den Ruf nach freiem Wettbewerb noch nicht. Im Regierungsprogramm vom Januar 2007 wurde aber schließlich vereinbart, die „Standesschranke“ aufzuheben. Werden nun in der Novelle des Universitätsgesetzes die Regelungen der USA übernommen, dann bedeutet dies einen beispiellosen Reformschritt, der die wissenschaftlichen Leistungen forciert und in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Auch wenn die Berufstitel und die Bezahlung der Wissenschaftler unverändert bleiben, werden Österreichs Unis von einer nachhaltigen Aufbruchsstimmung erfasst werden. Denn es wird zum ersten Mal freien Wettbewerb geben, der allen gleiche Chancen einräumt, sich für die Uni verdient zu machen. Kontraproduktive Abhängigkeiten werden ein Ende haben, und jeder wird frei und ungehindert produktiv sein können. Die Leitungsorgane werden keine Hindernisse mehr vorfinden, die Ressourcen sach- und leistungsgerecht zu verteilen, sodass optimale Leistungen möglich sind.
Angst vor Chancengleichheit?
Mag sein, dass da und dort ein Kurienprofessor vorübergehend Unbehagen empfindet, wenn andere Kollegen plötzlich chancengleich und gleichberechtigt neben ihm stehen. Aber das wird niemanden hindern, weiterhin durch besondere Exzellenz oder durch Förderung anderer zu brillieren. Jedenfalls ist die satte Mehrheit der Kurienprofessoren leistungsstark und braucht daher den freien Wettbewerb nicht zu fürchten. Am Ende des Tages werden schließlich alle froh sein. Denn das neue System begeistert und bringt ins Alltagsgespräch das Freudvollste zurück – die Wissenschaft.
Näheres: www.sbg.ac.at/aggaller/EK
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2008)

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