Warum das Verborgene fasziniert und irritiert

Wir brauchen Geheimnisse! Über die große Sehnsucht nach dem Mysteriösen in Zeiten totaler Transparenz.

Man muss sagen, dass Josh Harris, der gescheiterte Internetunternehmer, der verrückte Künstler und bösartige Clown ein Pionier ist, ein seltsamer Botschafter einer Zukunft, die heute als unsere Gegenwart erscheint. In der Euphorie-Phase der New Economy der späten 1990er-Jahre wird er mit seinen Netzfirmen reich und beschließt, fortan an der eigenen Unsterblichkeit zu arbeiten, dem Ruhm der großen Tat. Er will etwas tun, was noch niemand getan hat.

 

Die totale Überwachung

So lädt er zur Jahrtausendwende Künstler und Bohemiens ein, ruft Gestrauchelte und Suchende zusammen, die mit ihm in einen Bunker in Manhattan ziehen, einem komplett verkabelten Ort voller Kameras, die sich in den Duschräumen genauso finden wie auf den Toiletten, die den Schießstand zeigen und die tempelähnlichen Arrangements, die er mit seinem Geld unter Tage hat anlegen lassen. Mehr als 100 Menschen kommen schließlich zusammen, feiern nach Kräften und feuern mit den bereitgestellten Gewehren, zelebrieren einen eigenwilligen Kult des Beobachtetwerdens.

Manche der Teilnehmer nehmen Drogen. Es gibt fade Alltäglichkeit, aber es gibt auch Gewalt. Und Sex. Einmal kommt es zu einer inszenierten Orgie, die Josh Harris mit einer Clownsmaske begleitet, um als eine Art Superguru die Grenzüberschreitung zu erzwingen und einen Gruppenorgasmus herbeizudirigieren.

Als die Polizei den Bunker stürmt und das Experiment in einem Akt der Gnade beendet, endet die große Tat der Totalüberwachung des eigenen Lebens in einem Desaster. Josh Harris erleidet nur wenig später einen Nervenzusammenbruch.

Heute, 14 Jahre später, nähert sich seine totalitäre Bunker-Utopie der Realität. Die staatlich-politischen, aber vor allem die persönlich-privaten Geheimnisreservate schrumpfen erkennbar.

 

Ausleuchtung der Existenz

Das Auslesen von Mails durch den amerikanischen, britischen und andere Geheimdienste, die Nutzung von Verbindungsdaten, das Speichern von häufig intimen Webcam-Bildern, das Abhören von Telefonaten und Gesprächen bis hin zum Handy der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel – all dies sind Indizien einer immer präziseren Ausleuchtung der menschlichen Existenz.

Überdies hat sich in einem Prozess allmählicher Gewöhnung auch unser Verhalten der neuen Medienwirklichkeit angepasst. Von der Angst vor der Beobachtung und der Furcht vor Big Brother ist nicht viel geblieben.

Noch in den 1980er-Jahren gab es wütende Proteste gegen die sogenannte Volkszählung in der Bundesrepublik Deutschland; Demonstrationszüge zogen durch die Städte, im Einwohnermeldeamt in Leverkusen ging eine Bombe hoch. Heute treibt die Snowden-Affäre kaum einen Menschen auf die Straße.

Woran liegt das? Die Antwort: Wir fordern Privatsphäre, aber handeln längst nicht mehr danach (das sogenannte Privacy-Paradox). Wir arbeiten kräftig daran mit, den Geheimnisverrat zu erleichtern und perfektionieren – zumindest in dieser Hinsicht Josh Harris verwandt – die eigene Überwachungsmaschinerie.

Fast jeder besitzt heute ein Smartphone, ein wunderbar praktisches Instrument zur Alltagsorganisation. Aber eben auch eine „indiskrete Technologie“ im Sinne des Soziologen Geoff Cooper, die sich zur Fremd- und Selbstbeobachtung einsetzen lässt.

Wir posten, getrieben von kollektiver Faszination und der Sehnsucht nach Feedback, Privates und Intimes auf sozialen Netzwerken. Wir erstellen auf Twitter Verlaufsprotokolle unseres Denkens und dokumentieren mit Selfies unsere Existenz als Laienpaparazzi in eigener Sache.

 

Spuren unserer Sehnsüchte

Wir erzeugen mit jeder Nutzung unserer Kreditkarte und jedem Besuch einer Website freiwillig-unfreiwillig neue Spuren. Das sind alles Puzzleteilchen bei einer immer exakteren Erfassung unserer Sehnsüchte und Wünsche. Dies alles zur Freude der Marketing- und Werbeleute, die uns nun das höchstwahrscheinlich Gewünschte anbieten können.

Was aus all dem folgt? Gewiss keine weitere ideologische Überhöhung der Transparenz, sondern eher der Versuch, die Idee des Geheimnisses und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ohne falsche Romantik zurückzuerobern.

Selbstverständlich ist der Verrat manchmal notwendig und zum Schutz des Gemeinwohls moralisch geboten, das muss man gleich hinzufügen. Und natürlich gibt es gute und böse Geheimnisse, vergleichsweise unbedeutende Geheimnisse, die man taktvoll verschweigt und solche, deren Bewahrung ein Leben rettet. Es gibt das juristisch geschützte Geheimnis, das religiöse Mysterium und das Welträtsel, das Staats- und Herzensgeheimnis und natürlich den Geheimnishandel der Medien, der Aufklärung oder Auflage (oder beides) bringen soll.

 

Unsere zweite Welt

Was es zu verteidigen gilt, ist also nicht irgendein besonderer Inhalt oder eine bestimmte Variante des Verborgenen, sondern – ganz elementar – das Geheimnis als ein Prinzip und Ideal menschlicher Existenz und Gemeinschaft. Denn ein Geheimnis erschafft, wie bereits der Soziologe Georg Simmel formuliert, eine zweite Welt, ein Refugium des Unbeobachteten und Unsichtbaren.

In diese Welt können wir uns zurückziehen. Hier können wir uns erholen und müssen nicht mehr funktionieren. Hier können wir einem anderen von Erschöpfung, Krankheit oder unseren Sehnsüchten erzählen – im Vertrauen auf seine Verlässlichkeit und sein Schweigen.

Wir werden uns auf diese Weise klar, wer wir sind und wer wir sein wollen. Wir sondieren die Konturen unserer Identität und erkunden die Bezirke des eigenen Selbst. Und in der Position dessen, der soeben eingeweiht wurde, schärft sich idealerweise unser ethisch-moralisches Bewusstsein. Denn wir müssen uns fragen, wie wir mit dem uns Anvertrauten umgehen und unter welchen Umständen ein Verrat vielleicht doch geboten sein könnte, um Schaden abzuwenden.

Das Geheimnis ist – so gesehen – Anlass einer Gewissensentscheidung, die einem niemand abnehmen kann; man muss sich klar darüber sein, warum man schweigt. Oder eben doch redet. Und welche Folgen all dies haben könnte.

 

Die Botschaft des Exzesses

Josh Harris, der Pionier einer totalen Transparenz, ist genau vor dieser Situation einer persönlichen Entscheidung und der mit ihr verbundenen Verantwortung geflüchtet. Er hat eine Welt gebaut, in der es keine Geheimnisse mehr geben kann.

Aber diese Welt war grausam und kalt und kollabierte in einer grell überbelichteten Katastrophe, einem Drama unter echten Menschen. Vielleicht ist dies, bei genauerer Betrachtung, tatsächlich die große Tat, die Josh Harris hinterlassen hat, seine im Exzess und im Spektakel verborgene Botschaft.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Bernhard Pörksen,
(* 1969), studierte Germanistik, Journalistik und Biologie. Er ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Soeben ist sein gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun verfasstes Buch „Kommunikation als Lebenskunst“ erschienen (Carl-Auer Verlag, Heidelberg). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2014)

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