„Warum nur greift uns Russland an?“

Zwischen Zorn, Ohnmacht und Verzweiflung: Ein aktueller Stimmungsbericht aus einem Dorf in der Westukraine.

Seit ein paar Tagen bin ich in einem Dorf in der westukrainischen Region Ivano-Frankivsk, das ich bei meinen Recherchen zur Migrationsgeschichte der Region wiederholt besucht habe. Ich treffe den Bürgermeister, er ist außer sich vor Zorn: „Wenn ich in die Armee eingezogen werde, nehme ich ein Maschinengewehr und schieße die Banken der Oligarchen zusammen! Die Regierung Poroschenko ist die schlimmste, die wir in 23 Jahren Unabhängigkeit hatten. Jetzt sind alle Oligarchen plötzlich Patrioten. Warum wird von den Abgeordneten niemand zur Armee eingezogen?“

Das Dorf hat offiziell etwa 1000 Einwohner. In Wirklichkeit sind es viel weniger, da zahlreiche Menschen seit Jahren im Ausland arbeiten – in Italien, Spanien, Tschechien, Polen und Russland. Auch der Bürgermeister ist erst vor Kurzem aus Moskau zurückgekehrt, wo er auf Baustellen gearbeitet hat: „Ehrlich gesagt, ich will wieder nach Moskau, dort verdiene ich wenigstens genug zum Leben. Wir alle sind doch Diebe, alle! Ob ich Bestechungsgeld genommen habe? Natürlich! Bezahlt mich normal, dann höre ich damit auf!“

14 junge Männer aus dem Dorf sollten dieser Tage zur Armee eingezogen werden. Ob ein Einziger von ihnen kämpfen wird, ist ungewiss: Viele sind nicht auffindbar, die Nachbarn schweigen, wenn die Stellungskommission nachfragt. Ein Junge wurde nach der Musterung dank seiner resoluten Mutter, die den Beamten eine schreckliche Szene machte, wieder nach Hause geschickt. Ein anderer konnte nach der Musterung ungehindert nach Polen ausreisen, ein weiterer nach Tschechien.

 

Ost-West-Kluft vergrößert

Für den Donbas in den Krieg ziehen will in der Westukraine, Hochburg des ukrainischen Nationalismus, kaum jemand. Der Krieg hat die Kluft zwischen Ost- und Westukraine eher vergrößert als verringert. Die Flüchtlinge aus dem Donbas, die es in die Westukraine geschafft haben, sind hier unbeliebt: „Zuerst wollten sie nach Russland, und jetzt sollen wir für sie kämpfen? Gleichzeitig nennen sie uns Banderowtsy und machen sich über unser Ukrainisch lustig?“

 

Enttäuscht von Europa

Ich frage, ob es eine allgemeine Mobilisierung geben wird. „Entweder gehen alle oder keiner“, meint der Bürgermeister. „Wenn es eine allgemeine Mobilisierung gibt, bricht auch hier im Westen ein Bürgerkrieg aus. Die Leute halten das nicht mehr aus. Aber wenn die Russen bis in die Westukraine kommen, kämpfe ich als Partisan.“

Im Hotel der benachbarten Kleinstadt, wo ich untergebracht bin, hat die Frau am Tresen gerötete Augen: „Ich weine schon den halben Tag. Mein Sohn ist 22 und ich habe solche Angst, dass er eingezogen wird. Aber ich lasse ihn nicht gehen!“ Sie ist von allen enttäuscht: „Wir wollten nach Europa, aber ihr habt uns fallen gelassen.“

Ihr Hass auf Russland ist groß: „Putin gehört öffentlich aufgehängt. Sind denn alle blind? Die knallen doch unsere Kinder ab wie die Hasen.“ Auch von der eigenen Regierung ist sie enttäuscht: „Es ist mir peinlich, dass ich für Poroschenko gestimmt habe. Das sind doch lauter Gauner.“ Die zweite Frau an der Bar stimmt ihr zu: „Europa und Amerika, das sind doch viele, Putin ist allein. Warum macht ihr nichts?“ Beide Frauen sind in der Westukraine aufgewachsen, haben aber russische Mütter. Selbstverständlich sprechen sie Ukrainisch miteinander, wie 97 Prozent der Westukrainer.

Welche Lösungen kann es für diesen Konflikt geben?, frage ich. „Ich bin so verzweifelt, wir sind doch friedliche Menschen, warum nur greift uns Russland an?! Ich höre schon gar keine Nachrichten mehr!“ Was soll man als EU-Bürger den beiden Frauen antworten? Sie hofften auf Europa und fühlen sich nun im Stich gelassen: „Wir sind völlig allein. Uns wird niemand helfen.“

Matthias Kaltenbrunner, Historiker, Doktorand am Institut für Slawistik der Universität Wien, Doktoratskolleg „Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2014)

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