In modernen Gesellschaften spielen Medien eine bedeutendere Rolle als je zuvor. Daher ist Medienkompetenz essenziell. Das äußern auch Politiker fallweise gerne. Dennoch fehlt das Fach in den Schulen immer noch, nur zum Unterrichtsprinzip konnte die Bildungspolitik sich durchringen. Doch wir wissen nur zu gut, was das bedeutet, und erleben es Jahr um Jahr, wenn junge Menschen an die einschlägigen Fachhochschulen und Universitäten kommen: Es ist die Minderheit, die eine ernstzunehmende Medienkompetenz aufweist.
Bei uns ist die dringliche Forderung, Medienkompetenz in Schulen zu vermitteln, noch virulenter, weil die Medienkritik in den Medien – wegen der hohen Konzentration – so wenig und oft verzerrt geleistet wird. Für umso dringender halte ich es, dass gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Medienkritik intensiv betreibt, am besten mit einem eigenen Medienmagazin. Anspruchsvolle Printmedien müssten dies auch vom ORF fordern, denn je mehr Menschen medienkompetent werden, desto stärker kommt das allen Qualitätsmedien zugute.
Medienkompetenz sollte auch die Politiker auszeichnen. Ich fürchte, dass da noch bei vielen ein gehöriger Weiterbildungsbedarf besteht. Warum die Politik in den letzten Jahrzehnten sich nicht dazu durchringen konnte, in Schulen endlich Medienkompetenz zum Pflichtfach zu machen, könnte polemisch beantwortet werden: Weil auch Politiker davon profitieren, wenn nicht allzu viele das intime Spiel zwischen Politik und Medien durchschauen. Freilich profitieren davon primär jene Politiker, die die Nähe zu den ganz großen Medien finden. Und die Praxis zeigt, dass diese wohlwollende, stützende Nähe auch schnell verloren werden kann. So sehr etwa FPÖ-Chef Jörg Haider in den 90er-Jahren auf die „Kronen Zeitung“ bauen konnte, im Jahr 2000 kam ihm diese rasch abhanden, weil Haider entgegen Dichands Rat nicht noch eine Runde in der Opposition absolvieren wollte (um danach als Stärkster eine Regierung anzuführen). Der folgende dramatische Abstieg Haiders lag dennoch nur zu einem sehr kleinen Teil am Liebesentzug durch die „Krone“. Die Entzauberung Haiders erfolgte vielmehr – nein: nicht durch Wolfgang Schüssel, sondern – durch das eigene Unvermögen: Wer fast allen fast alles in der Opposition verspricht, muss an der Praxis des Regierens scheitern, weil er es nicht allen Recht machen kann. Wer so schnell so groß wird, zieht auch viele an, die wenig versiert als Kurzzeitminister unrühmlich enden.
Aber auch den Aufstieg verdankte Haider nicht nur der Macht der willfährigen „Kronen Zeitung“, die zeitweise den Charakter eine FPÖ-Zeitung angenommen hatte. Nie wählten so viele Menschen, wie das Blatt Leser hatte, zugleich auch die FPÖ. Das lag nicht nur daran, dass es um die Glaubwürdigkeit des gemäßigten Boulevardblattes nicht so toll bestellt ist, sondern weil auch andere Medien – durchaus unabsichtlich – Jörg Haider zu einem damals attraktiven Politiker machten (u. a. das Anti-Haider-Magazin „News“). Es brauchte im übrigen ziemlich lange, bis ein Teil der österreichischen Medien Haiders Tricks gewachsen waren.
In der FPÖ-Falle
Wäre in den 80er- und 90er-Jahren in den Schulen schon Medienkompetenz vermittelt worden und hätten mehr Medien substanzielle Medienkritik-Seiten geführt, dann wären weniger Wähler Haiders Strategie, die „Ausländer“ zu Sündenböcken zu stempeln und sie ständig zu kriminalisieren, gefolgt. Selbst ein Teil der „Kronen-Zeitung“-Leser wäre dem Blatt, das diese FPÖ-Politik massiv stützte, nicht so sehr in die Falle gegangen, weil sie das entsprechende Medienwissen in die Lage versetzt hätte, die mediale und politische Konstruktion des vermeintlichen Zusammenhangs zwischen Kriminalität und Nationalität oder Ethnie zu erkennen. Hätte es damals mehr medienkompetente Politiker gegeben, wären diese weniger Opfer der Medieninszenierung geworden und hätten überhaupt oder überzeugender der FPÖ bei ihren Themen Paroli geboten. Aber so versuchten viele, durch moderates Kopieren oder gelegentliches Überholen der FPÖ die Gunst der Wählerschaft zu erreichen, statt dem inhumanen Programm der FPÖ ein deutlich christliches oder sozialdemokratischen Gegenprogramm gegenüberzustellen.
Weil sich seither in Sachen Medienkompetenz bei vielen Politikern und Wählern wenig geändert hat, ist zu befürchten, dass wesentliche Teile der österreichischen Politik nun in der EU-Frage so handeln, dass die „Kronen Zeitung“ nicht nur irrtümlich für mächtig gehalten wird, sondern Macht bekommt, weil die Politik sie ihr gibt.
Ao.Univ.Prof. Dr. Fritz Hausjell lehrt Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und an der Fachhochschule St. Pölten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)















