08.11.2009 07:46 | Meine Presse Merkliste0

Die Neue Inquisition

GASTKOMMENTAR VON PASCAL BRUCKNER (Die Presse)

Fanatiker und Tyrannen machen die UNO zur Plattform für Hassexplosionen gegen den Westen: Warum Europa die „Durban Review Conference“ in Genf boykottieren muss.

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Im September 2001 versammelte sich in der südafrikanischen Stadt Durban die dritte Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus, die die öffentliche Anerkennung von Sklaverei und Kolonialismus als Verbrechen zum Ziel hatte. Die ganze Menschheit sollte nach dem Wunsch der Veranstalter der Geschichte ins Antlitz blicken und mit Gelassenheit ihre Chronik schreiben. Schöne Absichten, aber sie führten zu einer Atmosphäre der Opferkonkurrenz und der Lynchjustiz gegenüber israelischen Organisationen und allen Personen, die man verdächtigte, Jude zu sein. Das Vorhaben, durch eine Art kollektive Therapie zu einer Heilung der Vergangenheit und neuen Menschenrechtsstandards zu gelangen, führte nur zu einer Explosion des Hasses, die durch die Attentate des 11. September, die einige Tage später verübt wurden, allerdings schnell in Vergessenheit geriet.


Eine Komödie der Verdammten

Erinnern wir uns also: Gegen den Willen der Veranstalter wurde Durban zu einer Arena, in der man sich anschrie und die Komödie der Verdammten dieser Erde im Angesicht ihres weißen Eroberers neu aufführte. Durch den Mund ihrer Nachfahren verlangen die Toten nach Gerechtigkeit, denn der Schmerz und der Zorn sind noch da – „The pain and anger are still felt. The dead, through their descendants, cry out for justice“, hatte Kofi Annan am 31. August desselben Jahres gesagt; eine erstaunliche Ausdrucksweise für einen UN-Generalsekretär, eher ein Ruf nach Rache als Versöhnung.

Die Delegierten, besonders aus den arabisch-muslimischen Staaten, nahmen ihn auch so wahr und machten aus der Konferenz zusammen mit der afrikanischen Gruppe einen Ort antikolonialistischer Revanche. Der von Natur aus völkermörderische Westen sollte seine Verbrechen anerkennen, um Verzeihung bitten und den ehemals Unterdrückten symbolische und finanzielle Reparationen zahlen. Der Zorn kochte hoch und wurde von den Berichten über die von der israelischen Armee niedergeschlagene 2. Intifada noch angeheizt.

Man verdammte sogleich den Zionismus als gegenwärtige Form des Nazismus und der Apartheid, aber auch den „weißen Furor“, der „mit dem Menschenhandel, der Sklaverei und dem Kolonialismus in Afrika einen Holocaust nach dem anderen verursacht hat“. Israel sollte verschwinden, seine Politiker sollten vor einem internationalen Strafgericht ähnlich dem von Nürnberg verurteilt werden. Antisemitische Karikaturen machten die Runde, Exemplare von „Mein Kampf“ und der „Protokolle der Weisen von Zion“ wurden herumgereicht: Unter einem Hitler-Foto hieß es, Israel hätte niemals existiert und die Palästinenser hätten ihr Blut nicht vergießen müssen, wenn er gesiegt hätte. Einige Delegierte wurden physisch bedroht, man rief „Tod den Juden“. Die Farce erreichte ihren Gipfel, als Sudans Justizminister Reparationen für die Sklaverei forderte, während in seinem Land weiterhin schamlos Menschen versklavt werden. Als würde sich ein Kannibale plötzlich für Vegetarismus aussprechen.

Man könnte meinen, dass diese finstere Komödie der UNO zu denken gab. Aber man darf die Entschlossenheit der Diktaturen und Fundamentalisten nicht unterschätzen, die die UN-Menschenrechtskommission zur Plattform ihrer Forderungen machen. Für 20. bis 24. April 2009 ist in Genf die „Durban Review Conference“ angesetzt, ein Durban 2, das eine Wiederholung von Durban 1 verspricht.


Rassismus schon seit den Kreuzzügen

Seit sechs Jahren werden Berichte und Projekte formuliert, die das Schlimmste fürchten lassen. Am 14. September 2007 hielt Doudou Diene, der UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, eine Rede vor den Vereinten Nationen in Genf. Darin beschuldigt er die westlichen Länder zum wiederholten Male, seit dem 11. September 2001 die perfidesten Formen der Islamophobie ins Werk zu setzen. Diese Islamophobie definiert er als einen Rassismus, der bereits auf die ersten Kontakte zwischen Islam und Christentum zurückgeht, besonders die Kreuzzüge und die spanische Reconquista. Zwar erwähnt er Antisemitismus, Christenfeindlichkeit und andere Formen religiöser Unterdrückung, doch der „antimuslimische Rassismus“ liegt ihm besonders am Herzen. In ganz Europa und den USA hätten sich Intellektuelle und Politiker aller Richtungen einer Reihe von Verfehlungen gegenüber der Religion des Propheten schuldig gemacht.

Da sind die Laizität, das „Verbot religiöser Zeichen an öffentlichen Schulen“, drohendes Verbot der Burka in öffentlichen Gebäuden Englands, Erklärungen gegen Schleier und Kopftuch. Diene glaubt, der „dogmatische Säkularismus“ werde benutzt, um die „Freiheit der Religion zu manipulieren“. Der Westen als „Stützpfeiler der Sklaverei und des Kolonialismus“ führe eine „Hetzkampagne gegen muslimische Intellektuelle“ an (er denkt vor allem an Tariq Ramadan), verfolge die Idee eines Huntingtonschen „Kampfs der Kulturen“.

Die Verfolgungen christlicher Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten, Afrika und Indien sind dagegen seiner Meinung nach die bedauerliche Konsequenz der Missionsarbeit evangelikaler Gruppen aus Nordamerika, die ihre Religionsgenossen für ihre Bigotterie büßen lassen. Jede Kritik eines Dogmas, jede Infragestellung eines religiösen Glaubens sollte nach Diene einer rassistischen Beleidigung gleichgestellt und bestraft werden. Jesus, Moses, Mohammed werden so zu unberührbaren Ikonen, die gegen verbrecherische Attacken geschützt werden müssen. Sollte der Straftatbestand der Blasphemie, der von den Fundamentalisten der drei Monotheismen gefordert wird, tatsächlich wieder eingeführt werden?

Dieser Bericht wird von der Islamischen Konferenz und einer Mehrheit der Blockfreien-Bewegung, in der sich die Demokratien an den Fingern einer Hand abzählen lassen, heftig unterstützt. Denn Doudou Diene achtet darauf, den autoritären Regimes in Asien, Afrika und Lateinamerika Kritik zu ersparen. Seine Munition bewahrt er für die Staaten Europas und Nordamerikas auf, denen er regelrechte Pogrome gegen ihre Minderheiten unterstellt. Man wird auch nicht erstaunt sein, dass der Iran im April 2007 zum Vizepräsidenten, Syrien zum Berichterstatter der Abrüstungskommission ernannt wurden. Es wäre zum Kaputtlachen – wäre es nicht so tragisch!


UNO als Werkzeug der Unterdrückung

Kurz: Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Diktaturen oder notorische Halbdiktaturen (Libyen, Pakistan, Iran, Saudi Arabien, Algerien; Kuba, Venezuela usw.) bemächtigen sich einer demokratischen Sprache und instrumentalisieren juristische Standards, um sie gegen die Demokratien in Stellung zu bringen. Eine Neue Inquisition etabliert sich, die den Begriff der „Verunglimpfung der Religion“ hochhält, um jeden Zweifel, besonders in islamischen Ländern, zu unterdrücken. Und das im Moment, wo sich Millionen Muslime, besonders in Europa, von Frömmelei und Fundamentalismus lösen wollen. Umkehrung der Werte: Der von den Despoten verfochtene Antirassismus stellt sich in den Dienst des Obskurantismus, der Unterdrückung der Frauen! Er soll genau jene Dinge rechtfertigen, gegen die er ursprünglich formuliert wurde, Unterdrückung, Vorurteile, Ungleichheit.

Die UNO wird in den Händen dieser Lobbys zu einem Instrument des Rückschritts in der Welt, als sei sie nicht ins Leben gerufen worden, um Recht, Frieden, menschliche Würde zu verbreiten.

Angesichts dieses Narrenstücks ist eine klare Haltung Europas gefordert: der Boykott. Wie ihn Kanada bereits beschlossen hat. Es ist nicht zu ertragen, dass die Lobbys der Fanatiker und Tyrannen im Jahre 2008 – wie einst in den 30er-Jahren – ausgerechnet jene Nationen vor das Tribunal der Geschichte ziehen, die das Recht, den Mehrparteienstaat und die Meinungsfreiheit anerkennen.

Pascal Bruckner, *1948, französischer Romancier und Essayist. 2008 erschien „Der Schuldkomplex: Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa“ (Pantheon).


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2008)

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9 Kommentare
Gast: gast
07.07.2008 15:21
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Toleranz hilft nur den Rücksichtlosen

...meint Henryk M.Broder

"Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?", fragte der streitbare Autor Henryk M. Broder in seiner Dankesrede für den Ludwig-Börne-Preis.

Seine These:
Die westlichen Werte sind nur mit Intoleranz zu retten.

Ja, sie haben sich nicht verhört:
Ich sagte Toleranz.
Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war.
Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig.

Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten,
sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften
kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen,
sondern den Rücksichtslosen zugute.
Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,490497,00.html

Gast: gabi
06.07.2008 11:17
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Antisemitismus bei Schwarzen

Gerade bei den Menschen schwarzer Hautfarbe besteht die fatale Tendenz, "die Juden" für die Sklaverei verantwortlich zu halten, nur weil im 19. Jahrhundert die meisten Sklavenhändler jüdisch waren. Sie vergessen jedoch, dass die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten, die Sklaven erforderten, ein Werk der christlichen Weißen war, Handeln nun einmal der Hauptberuf der Juden war, und man nicht ein Volk der Gegenwart für Ereignisse vor 200 Jahren verantwortlich machen kann. Die heutigen Juden trifft also keine Schuld an der Sklaverei!

Antworten Gast: Niederösterreicher
06.07.2008 16:32
0 0

Ich weiß nicht, ob es unter den Sklavenhaltern überhaupt Juden gegeben hat

die Hauptmasse der Juden lebte damals unter dem Schutz von Monarchen in Europa, wo es aus Glaubengründen regelmäßig zu Progromen kam.

Die viele Juden sind erst nach dem Ende der Sklaverei (1972) in die USA gekommen und sind seither stark im Geschäftsleben vertreten. Auch die Hausbesitzer in N.Y. sind großteil Juden. Demgegenüber stehen als besitzlose Klasse die Afro-Amerikaner in einem natürlichen Gegensatz. Deshalb fühlten sich Afro-Amerikaner (die stärker zu Linksparteien und Marxismus tendieren) sehr oft von ihren jüdischen Dienstgebern und Hausbesitzern ausgebeutet.
Mit dem "schwarzen Holocaust" (der geschichtlich belegt ist) hat der schwarze Antisemitismus sicher nichts zu tun!

Ophicus
05.07.2008 22:12
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Richtig

Europa hat es - leider - aufgegeben eigene Werte zu haben. Man hat die europäischen Grundwerte der Aufklärung und des Humanismus über die UNO internationalisiert und dannach die UNO zum Hüter der Moral ernannt. Einzelne Staaten oder Personen haben keine Moralvorstellungen mehr sondern sollen einfach nur tolerant sein. Die Grenzen der Toleranz gibt die UNO vor. Das kann logischer Weise nicht funktionieren. Jeder Mensch hat gewisse Prinzipien von denen er guten Gewissens nicht abweichen kann - bei aller Toleranz.
Alle Frauen wegsperren damit sie niemand außer ihr rechtmäßiger Eigenrümer...pardon: Ehemann sehen kann ist ein solcher Punkt der bei aller Toleranz in Europa nicht möglich sein darf. Dabei ist völlig egal was die UNO sagt. Die UNO ist ein Forum zum Austausch und der Koordinierung von Staaten, aber sie kann und darf nicht vorgeben was richtig und falsch ist. Das müssen wir immer noch selbst entscheiden.

Gast: Jein
05.07.2008 19:42
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Man sollte differenzieren.

Einerseits geht es der afrikanischen Gruppe nicht nur um "antikolonialistische" Revanche, sondern um KOLONIALISTISCHE. Die illegale Massenmigration wäre ohne bewußte Duldung durch afrikanische Regierungen - auch nordafrikanischer Durchzugsländer - nicht möglich. Durch Ablehnung und Erschwerung der Rücknahme ihrer Bürger verletzen afrikanische Staaten das zivilisatorische Minimum und treten de facto in den Konflikt ein. Doch Europa wehrt sich nicht, betrachtet Invasoren nicht als Kombattanten, die interniert und repatriiert werden, sondern gibt sich selbst auf.

Andererseits gibt es wirklich eine wüste antiislamische Hetze gewisser Medien und einen doppelten Boden zB der Meinungsfreiheit. Eine Moses-Karikatur mit Bombe im Hirn würde selbstverständlich zur Ächtung und Inhaftierung des Zeichners führen.
Und der Westen zeigt keine REALE Distanz zu den Verbrechen an Irakis, Palästinensern und Libanesen.

Durch diesen Doppelfehler Europas entsteht diese brisante Stimmung.

Gast: Niederösterreicher
05.07.2008 00:56
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Absurde Verharmlosung der neokolonialen Ambitionen der USA und ihrer Erfüllungsgehilfen.

Unlängst konnte ich im dt. FS einen Bericht über Afghanistan sehen: Not und Elend wohin man blickt. Und trotzdem werden im Auftrag der NATO bzw. der USA ständig neue schwerbewaffnete Truppen dorthin entsandt, die mit ihren Waffen das Not und Elend der Bevölkerung noch vergrößern statt es zu lindern! Ähnlich auch die Situation im Nahen Osten: seit eh und je wird den dort lebenden Völkern wegen der dort lagenden Ölreserven das Selbstbestimmungsrecht verweigert und mit fadenscheinigen Argumenten, die kaum das Niveau von Volksschülern erreichen, Kriege vom Zaun gebrochen.
Die USA haben Ende des 19.Jh für ihre Hemisphäre die Monroe-Doktrin (Amerika den Amerikanern) entwickelt. Was haben also die US-Truppen auf der anderen Seite der Erdkugel (und weit außerhalb der Reichweite von arabischen od. iranischen Raketen) in den genannten Ländern verloren?

Antworten Gast: Anonym
06.07.2008 08:37
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Schwerbewaffnete NATO Truppen

ALso soweit ich weiß bauten die Deutschen in Afgahnistan Schulen, räumten Minenfelder, bohrten Brunnen bzw. unterstützen DOrfgemeinschaften dabei.....bis, ja bis einige Idioten (sowas was bei uns die Nazis sind, keiner mag sie abe alle haben vor ihnen Angst)
begannen LKWs ind die Luft zu jagen und Anschläge auszuüben... da tut man sich dann schwer mit dem Humanitären Auftrag, da schick ich als Demokratie doch lieber Schwerbewaffnete Leute runter die meine helfenden Leute schützen....

Ophicus
05.07.2008 22:15
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???

Wo bitte geht es in dem Artikel um Afghanistan oder den amerikanischen Neo-Kolonialismus?

Wobei auch die Argumentation sonst nicht ganz schlüssig ist. Dass die Amerikaner sich nicht mehr an Grundsätze halten die im 19. Jahrhundert gegolten haben ist irgendwie nicht so überraschend. Tun wir ja auch nicht - aus gutem Grund.

Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
06.07.2008 02:26
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Bitte den Artikel Pascal Bruckners in Ruhe noch einmal durchlesen,

der Artikel ist ein einziges Pamphlet gegen ehem. Kolonialvölker, in bei der UNO-Konferenz in Durban ihr Machtlosigkeit gegenüber der westlichen Hegemonie beklagten! Nahoststaaten wie Syrien, Irak etc. werden dort sogar ausdrücklich erwähnt! Daß Sie dabei keinen inneren Zusammenhang mit dem Vorgehen der USA im Nahen Osten herstellen können, ist schon merkwürdig!

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