25.05.2012 17:55 | Meine Presse Merkliste 0

Demokratie: Anspruch oder Vorwand?

GASTKOMMENTAR VON SONJA PUNTSCHER RIEKMANN (Die Presse)

Geht es den Autoren des „Manifests für ein demokratisches Europa“ (16. Juli) überhaupt um eine Auseinandersetzung auf europäischer Ebene? Eine Replik.

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Das „Manifest für ein demokratisches Europa“ zielt nicht auf Demokratisierung, sondern auf die nationaldemokratisch legitimierte Abwehr der EU. Natürlich ist in der herrschenden Verfassung der EU das irische Votum zu respektieren. So mancher Aufruf, Irland aus der EU auszuschließen, zeugt von Hysterie und einem Mangel an Logik. Wer auf eine Frage, die zwei Antworten ermöglicht, nur eine erwartet, darf sie nicht stellen. Doch die Forderung des Manifests nach mehr Demokratie in der EU meint vor allem das Vetorecht jedes Nationalstaates, nicht die Verbesserung demokratischer Standards in den EU-Institutionen. Die Autoren und Autorinnen ignorieren die europäische Demokratiedebatte seit den 1970er-Jahren. Aus ihr gingen die Direktwahl und die kontinuierliche Aufwertung des Europäischen Parlaments, aber auch dessen Verfassungsinitiativen seit den frühen 1980er-Jahren hervor. Aus ihr gingen die beiden Konvente hervor, in denen die Grundrechtecharta und die Verfassung für Europa verhandelt wurden. In beiden Konventen gab es eine Mehrheit von europäischen und nationalen Parlamentariern.


Positive Referenden werden verschwiegen

Die Bestimmungen der Verfassung, die der Lissabon-Vertrag aufnimmt, mögen nicht weitreichend genug sein, sie sind gemessen am Status quo ein bedeutsamer Sprung nach vorne: Grundrechtecharta, Gleichstellung des Europäischen Parlaments mit dem Rat in fast allen Bereichen, Aufwertung der nationalen Parlamente in der Subsidiaritätskontrolle und Einbindung in künftige Konvente, doppelte Mehrheiten aus Staaten und Bevölkerungen in den Entscheidungsverfahren mit qualifizierter Mehrheit und nicht zuletzt das direktdemokratische Element in der Bürgerinitiative sind das Ergebnis eines langen Demokratiediskurses.

Diese Errungenschaften spielen aber in dem Manifest nicht die geringste Rolle. Überhaupt verwundert dieser späte Aufschrei: Warum hat man sich während der beiden Konvente nie eingemischt? Jetzt beklagt man nur Souveränitätsverluste und stilisiert negative Volksabstimmungen zum zentralen Argument für einen Ratifikationsstopp. Warum ignoriert man die bereits erfolgten parlamentarischen Ratifikationen? Man spricht den EU-Institutionen pauschal jede demokratische Legitimation ab. Gilt das auch für das direkt gewählte Europäische Parlament? Was hätte eine gewählte europäische Versammlung diesem voraus?

Hier tut sich eine tiefe Kluft zwischen zwei Demokratiemodellen auf: Repräsentative und direkte Demokratie werden im Manifest zu konträren Konzepten, erstere erscheint wertlos und letztere als der eigentliche Quell der Wahrheit. Dass Volksabstimmungen verschwiegen werden, wenn sie Vertragsänderungen zustimmen, ist entlarvend. Warum werden die positiven Referenden zur Verfassung in Spanien und Luxemburg mit keinem Wort erwähnt? Damit begehen die Autoren denselben Fehler wie ihre Gegner: Sie akzeptieren nur eine Antwort auf die Frage.

Konsistenz ist nicht die Stärke dieses Manifests. Es sind nicht die EU-Institutionen, die eine beständige Ausweitung ihrer Kompetenzen vorantreiben (auch wenn sich EU-Kommission und EU-Parlament vieles wünschen mögen), vielmehr entsteht die Ausweitung durch intergouvernemental verhandelte und in allen Mitgliedstaaten ratifizierte Verträge. Ebenso beruhen die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs – auch jene zur Direktwirkung und dem Vorrang des europäischen Rechts – auf den Versprechen der Verträge. Der Lissabon-Vertrag aber würde die Kompetenzen klarer definieren. Die „vier Freiheiten“ wiederum sind Bestand seit den Römischen Verträgen von 1957. Sie sind das ordnende Prinzip des gemeinsamen Marktes, ein wichtiges Element der europäischen Integration. Dass Integration durch Zusammenarbeit Europa den Frieden gebracht hat, wird nicht einmal erwähnt.

Indem sie die vier Freiheiten anprangern, denen der nationale Sozialstaat geopfert würde, verkennen die Autoren und Autorinnen des Manifests zwei wichtige Dinge: erstens, dass die Mitgliedstaaten der EU sozialstaatliche Kompetenzen bisher verweigert haben, und zweitens das Gewicht des globalen Wettbewerbs. Sie verkennen außerdem, dass über die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen ökonomischen Freiheiten und ökosozialen Standards in der EU kein Konsens besteht. Kann es sein, dass sie Demokratie überhaupt missverstehen? Eine demokratische Ordnung beruht auf machtverfassenden Spielregeln. Verfassungen können Zielbestimmungen enthalten, sie bieten keine konkreten politischen Lösungen. Darüber ist in demokratischen Institutionen zu streiten und angemessene Kompromisse sind auszuhandeln. Die Gegnerschaft zum neuen Vertrag mutet deshalb so fragwürdig an, weil dieser die Möglichkeit, die dringend notwendige Auseinandersetzung um eine europäische Sozialordnung zu führen, wesentlich verbessern würde. Und was die Ziele und Werte der EU betrifft, so enthält der Vertrag von Lissabon alle klassischen Begriffe eines europäischen Gesellschaftsmodells: die wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die Vollbeschäftigung, die soziale Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Generationen, den Umweltschutz, die Sicherheit, das Subsidiaritätsprinzip und die Wahrung des kulturellen Vielfalt. Wie diese Ziele zu erreichen sind, darüber scheiden sich die Geister.


Träumen von der Seelenruhe

Doch geht es den Autoren des Manifests überhaupt um diese Auseinandersetzung auf europäischer Ebene? Liegt ihnen nicht vielmehr an der Rettung des Nationalstaates, jener Welt, die sie zu kennen glauben und in der sie den Traum von der österreichischen Seelenruhe vor der Globalisierung träumen können? Wenn überhaupt, so vermag diese Ruhe nur die EU wieder herzustellen.

 

 

Sonja Puntscher Riekmann ist Vize-Rektorin für internationale Beziehungen und Kommunikation der Uni Salzburg und Wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2008)

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6 Kommentare
Gast: Lucky aus Deutschland
18.07.2008 18:08
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"Wahrung des kulturellen Vielfalt"

Waren sie schon ¿mal in Estland? Dier EU möchte den Estländern doch tatsächlich ihr Nationalgetränk verbieten, weil es nicht "EU-Standarts" entspricht. In der parteilosen, seriösen Zeitung habe ich gelesen, dass die EU den Schotten vorschreibt, wie laut sie Dudelsack spielen dürfen & in Spanien müssen die Bauern ganz schnell ¿mal ihre Ernte vernichten, wenn die Karotten zu kurz für "EU-Standart" sind. Also wenn das "Wahrung des kulturellen Vielfalt" ist, dann sind wohl auch Nordkorea & Irak die Demokratischsten Länder Skandinaviens oder? Die EU will einen seelenlosen Superstaat bilden, den keiner will. Mit der Rückkehr der Verfassung, sollte die Macht der EU ausgebaut werden, so dass sie in Grundrechte eingreifen darf. Jeder andere Staat, außer Irland hätte auch NEIN gesagt, wenn man ihn gefragt hätte. Oder was glauben sie, warum man sonst allen anderen Ländern, besonders Frankreich & den Niederlanden das Recht mitzubestimmen genommen hat?

Gast: Lucky aus Deutschland
18.07.2008 18:04
0 0

Wahrung des kulturellen Vielfalt?

Waren sie schon ¿mal in Estland? Dier EU möchte den Estländern doch tatsächlich ihr Nationalgetränk verbieten, weil es nicht "EU-Standarts" entspricht. In der parteilosen, seriösen Zeitung habe ich gelesen, dass die EU den Schotten vorschreibt, wie laut sie Dudelsack spielen dürfen & in Spanien müssen die Bauern ganz schnell ¿mal ihre Ernte vernichten, wenn die Karotten zu kurz für "EU-Standart" sind. Also wenn das "Wahrung des kulturellen Vielfalt" ist, dann sind wohl auch Nordkorea & Irak die Demokratischsten Länder Skandinaviens oder? Die EU will einen seelenlosen Superstaat bilden, den keiner will. Mit der Rückkehr der Verfassung, sollte die Macht der EU ausgebaut werden, so dass sie in Grundrechte eingreifen darf. Jeder andere Staat, außer Irland hätte auch NEIN gesagt, wenn man ihn gefragt hätte. Oder was glauben sie, warum man sonst allen anderen Ländern, besonders Frankreich & den Niederlanden das Recht mitzubestimmen genommen hat?

Gast: Bösewicht
17.07.2008 15:51
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Demokratie: Anspruch oder Vorwand?

Eine stolze Überschrift für jemanden, der sich gegen Mitbestimmung der Bürger ausspricht.

"Dass Integration durch Zusammenarbeit Europa den Frieden gebracht hat, wird nicht einmal erwähnt." Wo genau in Europa war vorher Unfriede und ist jetzt, (Dank welcher gemeinschaftlicher Aktionen?) plötzlich Frieden?
Dass der soziale Frieden in Europa durch die massive Zuwanderung inzwischen brüchig wird, wird totgeschwiegen.

"Man spricht den EU-Institutionen pauschal jede demokratische Legitimation ab. ... Was hätte eine gewählte europäische Versammlung diesem voraus?"
Ist damit eine demokratische Legitimation ohne Einbindung des (ohnehin zu dummen) Volkes gemeint? Einen Preis für konsistente Argumentation gewinnen Sie damit keinen.

Mein Vertrauen in die Autoren des Manifest ist mäßig. Ihr erster Satzt bleibt dennoch eine bloße Unterstellung. Ein Manifest ist ein Manifest ist ein Manifest. Es geht um den geschriebenen Text. Ausschließlich.


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Häh?

..Wo genau in Europa war vorher Unfriede und ist jetzt, (Dank welcher gemeinschaftlicher Aktionen?) plötzlich Frieden?..
Was haben Sie beim Geschichtsunterricht ausser von Kronen-Zeitung Seite 5 zu träumen getan?
Aber das Erinnerungsvermögen der Ö scheint nicht besonders gut ausgeprägt, denke ich noch an die Zeiten des glücklichen Prä-EU Ö zurück, als die Krawanen zum Einkauf nach Rosenheim, Freilassing oder Tarvis fuhren. Besonders das Fiebern an der Grenze (bemerkt der Zollerer meinen italien. Massanzug oder doch nicht?) war immer eine Show wert!

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Schöne Rethorik versus Sachargumente

Dieser Argumentation kann ich nicht zustimmen. Die EU fördert n.m.M. eine Erodierung der Demokratie und dagegen treten die Autoren des Manifests auf. Es wird uns eingeredet, daß Globalisierung ein "Naturgesetz" sei, womit man sie der demokratischen Gestaltung entziehen will und den Lobby-Interessen ausliefert. Der aufmerksame Leser des "EU-Reformvertrags" erkennt das sehr wohl.

Genau das Ignorieren der "Naturgesetze" aber, der Regeln des Lebens (der Evolution), die Vielfalt und Fülle bedeuten und echte, nicht rethorische Subsidiarität, ist die Fehlentwicklung in der EU. Dagegen treten die Autoren auf, die sich mit dieses Regeln systematisch befassen (siehe: www.clubofvienna.org).

Zu den "4 Freiheiten": Schon Nestroy sagt sehr klug: "Freiheit existiert nur im Singular, In der Mehrzahl handelt es sich lediglich um Spielräume".

Gedanken und Zitate dazu siehe:
www.ohnepolemik/politik/ "Demokratieverständnis" und "Internationale Institutionen".

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sie haben Recht mit Ohne Polemik

hohle Phrasen dahinzudreschen taugt wahrlich nix für gute Polemik!
Wenn man schon die Natur daherzitiert, dann wäre mir die Globalisierung ein lieblicheres Naturgestz als ein Rückfall in darwinistische Urwaldzustände

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