08.02.2012 19:16 | Meine Presse Merkliste0

Wo bleibt der demokratische Fortschritt?

GASTKOMMENTAR VON ERWIN BADER (Die Presse)

Heftige Reaktionen folgten auf das in der „Presse“ von österreichischen Wissenschaftlern veröffentlichte „Manifest für ein demokratisches Europa“ : Eine Replik auf die Repliken.

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Die Diskussion dieses Manifests einer interdisziplinären Gruppe hat begonnen. Gegen die herrschende Meinung, also die Meinung der Herrschenden, zu sprechen, ist stets ein Wagnis, und jede Wende zum Besseren musste sich historisch gegen beharrende Kräfte durchsetzen. Wir haben es gewagt und freuen uns über die bisherigen Reaktionen. Als Initiator des Manifests und in kurzfristiger Abstimmung mit den Mitautoren (soweit möglich) versuche ich in aller Kürze ein paar Antworten aus meiner Sicht:

Das Manifest hat nach dem Votum in Irland darauf reagiert, dass die Krise der EU endlich auch für jene sichtbar wurde, die den Irrweg der Nicht-Einbeziehung der Bevölkerung beschönigen. Man sollte die Krise als Chance zu einer Demokratisierung der EU sehen. Dass manche ein anderes Verständnis von Demokratie haben als wir, ist uns nicht unbekannt; wir bleiben aber dabei, dass die demokratische Ordnung nicht auf Spielregeln reduziert werden darf, die abgeändert werden, wenn z.B. in Irland, das als einziger Staat der Bevölkerung eine Volksabstimmung zubilligte, „falsch“ abgestimmt wurde.


Auch das Wahlrecht wurde erkämpft

Der Bürger will als Souverän beachtet werden. Auch das Wahlrecht musste erst erkämpft werden; nun geht es um mehr Respekt vor der Bevölkerung. Ist der Vertrauensschwund der Großparteien noch nicht groß genug? Die repräsentative Demokratie muss endlich durch direktdemokratische Elemente gestärkt werden.

Wo bleibt der Fortschritt seit der Antike? Für Plato bestand die Fähigkeit zur Staatsführung vor allem in der Gerechtigkeit; die Urteilsfähigkeit über diese habe Zeus an alle Menschen gleich verteilt. Da sich aber jene, die herrschen wollen, gern den bloßen Anschein der Gerechtigkeit geben, verlangten die Athener – so erklärte er –, dass man zu allen politischen Entscheidungen alle fragen muss. Weil das im modernen Großstaat nicht geht, ist es umso wichtiger, dass Regenten Diener des Volkes (vgl. Mk 10, 42) sind. Nach Ernst Fraenckel, dem Klassiker der Politikwissenschaft, ist die freie Meinungs- und Willensbildung noch wichtiger als alle Einrichtungen und jedes Gesetz. Die Kompetenz-Kompetenz bleibt beim Souverän, d.h., was wichtig ist, also auch die Verfassung, soll von der Bevölkerung und nicht über sie hinweg entschieden werden. In den USA fordert Benjamin Barber mehr partizipatorische Rechte; und was ist mit der EU?

Das Demokratiedefizit der EU ließe sich auch durch den Lissabonner Vertrag nicht beheben, da es keine gesamteuropäische Öffentlichkeit gibt. Das Europaparlament darf ja weiterhin keine Gesetze initiieren etc. Jürgen Habermas betont, dass auch eine Aufwertung des Europaparlaments das Demokratiedefizit der EU nicht beseitigen könne, weil die nationalen Öffentlichkeiten europäische Themen in der Meinungsbildung vernachlässigen und weil sich die nationalen Öffentlichkeiten bei europäischen Themen erst einmal füreinander öffnen müssten. Daher können die EU-Bürger auch eine relativ gestärkte Stellung des Parlaments nicht wirklich nützen.


Die Person hat Vorrang vor dem Kapital

Man darf die Probleme der EU nicht tabuisieren und eine solche Haltung als die angebliche Europa-Gesinnung einfordern. Da ist zum Beispiel das soziale Defizit. Dieses kann erst behoben werden, wenn die Demokratie, die „Herrschaft der Ärmeren“ (Aristoteles) durch plebiszitäre Elemente gestärkt wird. Das heißt auch, dass sich die vier Grundfreiheiten an der sozialen Verantwortung und Nachhaltigkeit orientieren müssen und nicht umgekehrt. Freiheit ist grundsätzlich unteilbar und bedeutet die durch das Recht vor Machtwillkür geschützte Würde der Person. Zur „Freiheit des Kapitalverkehrs“ sollte aber mit John Rawls betont werden, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt sind, wenn die Ärmsten und Schwächsten dadurch einen Vorteil haben. Für manche mag der Vorrang der Person vor dem Kapital Unsinn sein, für uns aber nicht.

Das Manifest ist nicht gegen die EU, sondern für eine Reform Europas, etwa durch einen besseren Vertrag, um die Probleme der Globalisierung effektiver und gerechter zu lösen und um die EU im Inneren demokratischer zu gestalten. Ein Vertrag ohne Klarheit kann leicht missbraucht werden; und ohne die Zustimmung der Bevölkerung ist jedes Gerede von Demokratie sinnlos. Diese und alle anderen Probleme und Belange der EU sollen offen diskutiert werden wie jedes andere Thema. Denn ohne Offenheit gibt es keine Öffentlichkeit.

Die Politiker sind nur mit bedingungsweise übertragener Macht ausgestattet und die politische Elite möge begreifen, dass gemeinsame Entscheidungen der ganzen Bevölkerung tragfähiger sind. Das könnte der Geist eines neuen EU-Vertrags sein, dann würden alle mündigen Bürger auf breiter Basis Maßnahmen zur Bewältigung kommender Krisen suchen. Die Bevölkerung muss einbezogen werden und gemeinsam klären, jeder Einzelne vor dem Hintergrund seines Fachgebietes, welche Maßnahmen Probleme lösen – und welche eher Probleme schaffen.

Lesen und verbreiten Sie also das Manifest!

Univ.-Prof. Dr. Erwin Bader lehrt Philosophie an der Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2008)

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11 Kommentare
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Sozialromantik

Die Mitbestimmung per Volksabstimmung ist in weiten Teilen Sozialromantik. Meist fehlt ers an der Expertise, die diese Mitbestimmung voraussetzt. Und dies nicht so sehr, weil die Menschen dazu nicht die nötigen Fähigkeiten mitbringen, sondern weil ihnen neben ihren persönlichen Herausforderungen nicht die zeitliche und geistige Kapazitt bleibt. Wer somit in so komplexen Themen wie der Lissabon Vertrag eine Volksabstimmung verlangt, sollte die Wähler zuvor fragen , ob sie bereit sind, hier Verantwortung zu übernehmen.

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Der Mensch vor dem Kapital

Schöne Worte, die Erwin Bader findet, wenn er den Vorrang des Menschen vor dem Kapital verlangt. Aber was müsste real dann alles geändert werden? Es sind ja unzählige Rechtsnormen mit ungeahnter Breitenwirkung, die den Vorrang des Kapitals vor dem Menschen manifest machen. Wenn ein Unternehmen zahlungsunfähig wird, ist der Gang zum Konkursrichter unvermeidlich. Auch wenn Menschen damit Arbeit und Einkommen verlieren. Wie müssten das anders aussehen? Und wie tiefwürde das in unser gegenwärtiges System einschneiden? Am Philosophikum Lech rwird von "Geld, was die Welt zusammenhält" gesprochen. Wie weit haben sich die Umterzeichner des Manifestes schon damit auseinandergesetzt? Gilt für sie noch immer die neoklassischen Schulweisheit, "money does not matter". Hier gibt es schon längst andere Einsichten (Binswanger) . Verlangen sie nicht etwas von der EU, wo sie nicht einmal wissen, was in dann Österreich anders sein müsste.

Gast: Zweifler
07.08.2008 10:57
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Der Wille der Iren....

Im "Manifest" wurde so getan, als waere das irische Votum ein Resultat besonders liberaler und demokratisch idealer Grundeinstellung.

Wie anderswo aber auch, war auch in Irland ein betraechtlicher Teil der "Nein"-Stimmen durch weltanschauliche Positionen bestimmt, mit denen sich der Grossteil der eher am linken Rand des gesellschaftspolitischen Spektrums angesiedelten Unterzeichner des "Manifests" wohl kaum assoziieren wollen.

So gab es da auch Interviewmeldungen von Personen, die stolz meinten, sie haetten mit NEIN gestimmt, um eine Liberalisierung der irischen Gesetzgebung zum Thema "Abtreibung" zu verhindern....

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????

Freiheit des Kapitalverkehrs als Hemmnis fuer die Armen??
Dieser illustre Herr kann sich wohl nicht mehr an die Einkaufskarawanen Richtung Freilassing, Rosenheim und Tarvis etc. prae 95 erinnern, wo v.A. die weniger betuchten Oe. hinpilgerten, um Waren, die wenn in Oe wesentlich teurer bzw. gar nicht erhaeltlich, zu kaufen.
Es ist somit unschwer erkennbar, dass die Ideen dieser Manifestos in Realiter kontraproduktiv sind. Wenn schon kleinste Reformen durch ein Votum eines der 27 Staaten scheitern koennen, wie soll dann jemals eine wirkliche Reform (u.a. Aufbau eines Staatenbundes nach USamerikan. oder von mir aus nach CH-Vorbildl) verwirklichbar sein?

Antworten Gast: Christian Felber
07.08.2008 10:11
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Re: ????

Gerade in jüngster Zeit gibt es zwei sehr anschauliche Beispiele dafür, wie der - undifferenziert - freie Kapitalverkehr schaden kann: 1. Der freie Kapitalverkehr zwischen der EU und Jersey macht das Verhalten von MIP und MEL erst möglich. 2. Der freie Kapitalverkehr zwischen der EU und Liechtenstein ist geradezu eine Einladung zur Steuerflucht. Eine Demokratie sollte sich solche Selbstbeschädigung nicht leisten.
Es geht aber um mehr: Die spekulativen Attacken auf das Pfund 1992 oder noch viel mehr auf den thailändischen Bath 1997 hätten durch Beschränkung des Devisenverkehrs ebenso verhindert werden können wie das Übergreifen der Kreditkrise von den USA auf die EU in jüngster Zeit: Freie Einreise für "reale" Dollars, Einreiseverbot für Junk-Kredite.
Letztes Beispiel: Es ist unter anderem der - bedingungslos - freie Kapitalverkehr innerhalb der EU, der Nokia es ermöglich, einen profitablen und subventionierten Standort in Deutschland zu schließen und nach Rumänien zu verlagern.

Antworten Gast: Christian Felber
07.08.2008 10:10
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Re: Kapitalverkehr auf Kosten der Freiheit

Gerade in jüngster Zeit gibt es zwei sehr anschauliche Beispiele dafür, wie der - undifferenziert - freie Kapitalverkehr schaden kann: 1. Der freie Kapitalverkehr zwischen der EU und Jersey macht das Verhalten von MIP und MEL erst möglich. 2. Der freie Kapitalverkehr zwischen der EU und Liechtenstein ist geradezu eine Einladung zur Steuerflucht. Eine Demokratie sollte sich solche Selbstbeschädigung nicht leisten.
Es geht aber um mehr: Die spekulativen Attacken auf das Pfund 1992 oder noch viel mehr auf den thailändischen Bath 1997 hätten durch Beschränkung des Devisenverkehrs ebenso verhindert werden können wie das Übergreifen der Kreditkrise von den USA auf die EU in jüngster Zeit: Freie Einreise für "reale" Dollars, Einreiseverbot für Junk-Kredite.
Letztes Beispiel: Es ist unter anderem der - bedingungslos - freie Kapitalverkehr innerhalb der EU, der Nokia es ermöglich, einen profitablen und subventionierten Standort in Deutschland zu schließen und nach Rumänien zu verlagern.

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Re: Re: Kapitalverkehr auf Kosten der Freiheit

Wusste nicht, dass Liechtenstein EU-Mitglied ist bzw. ich las vor ein paar Jahren, dass die Kanal-Inseln mit der Ausrufung der Unabhaengigkeit drohen, sollte GB ihnen ihre Finanzprivilegien beschneiden (die Kanal-Inseln sind NICHT Teil von GB!!).
Betreff Nokia: na und? auch der CH-Konzern Novartis hat sein Forschungsbuero in Wien geschlossen. Dass die CH einstweilen der Eu beigetreten sein soll, muss mir entgangen sein!

Antworten Antworten Antworten Gast: Christian Felber
08.08.2008 13:04
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Re: Re: Re: Kapitalverkehr auf Kosten der Freiheit

Liechtenstein und Jersey sind nicht Mitglied der EU, aber die EU-Verträge verbieten Beschränkungen des Kapitalverkehrs nicht nur zwischen den Mitgliedstaaten, sondern auch in alle Drittländer: Laut EG-Vertrag, Art. 56, "sind alle Beschränkungen des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern verboten." Ein dogmatisches und Handlungsfreiheit einschränkendes Verbot.
Mit dem Vertrag von Lissabon gibt die EU gerade KEINE Antwort auf die "Globalisierung", indem sie auch weiterhin selbst der Möglichkeit beraubt, den Kapitalverkehrs in Steueroasen einzuschränken, sich vor globalen Finanzkrisen durch Devisenbeschränkungen zu schützen oder Standortverlagerungen in ihrem Inneren, die ausschließlich der Gewinnmaximierung dienen, zu erschweren oder zu unterbinden.

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Re: Re: Re: Re: Kapitalverkehr auf Kosten der Freiheit

Na und?
Scheinbar ist der von Ihnen so gehasste freie Kapitalverkehr kein Thema von Lissabon bzw kein genuines EU-Problem (ich kann ja auch nicht einen Border Collie-Verein dafuer klagen, weil er keine Pudel zuechtet).
Warum strengen Sie dann nicht die Abfassung eines von Lissabon unabhaengigen Vertrages an, der -egal ob realist. oder nicht- dieses vorgebliche Manko loest (vermutlich via Ihrer Tobin-Steuer)?

Ophicus
06.08.2008 20:52
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ReReReplik - Auszug 2

Dass "gemeinsame Entscheidungen der ganzen Bevölkerung" tragfähiger wären ist eine eher unglaubwürdige behauptung. Wer gerne auf die unfähigen Politiker schimpft tut gleiches auch über die unbelehrbar dummen Wähler, die nicht so wählen wie er es tut. Das wäre in der direkten Demokratie nicht wirklich anders.
Völlig grotesk wird es aber, wenn die mündigen Bürger auf breiter Basis maßnahmen zur Bewältigung kommender Krisen suchen sollen. Da einerseits nicht jeder für jede Krise das Fachwissen besitzt, noch eine Podiumsdiskussion mit acht Millionen Teilnehmern besonders produktiv ablaufen könnte. Wenn aber nur interessierte Teile der Bevölkerung an der Problemlösung mitarbeiten, dann sind wir im besten Fall wieder bei einer neuen Variante der repräsentativen Demokratie. Legitimiert ist die dann entweder dadurch, dass diese Vertreter vorher gewählt werden, oder über das Ergebnis nachher abgestimmt wird. Wobei der Einzelne wieder nur die Wahl zwischen Ja oder Nein hat.

Ophicus
06.08.2008 20:45
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Replik zur Replik auf die Replik - Auszug 1

Kapitalfreiheit - um einmal ein Beispiel herauszugreifen - ist nicht die Freiheit des Kapitals sich frei und unbeschwert zu bewegen, sondern die Freiheit von Personen, die ihr Kapital frei und unbeschwert bewegen dürfen.
Dass Personen Vorrang vor Kapital haben müssen ist insofern unsinnig, als es dabei doch nie um das Kapital geht sondern die Interessen der Personen, die das Kapital haben. Und damit wird es ein Vorrang von Personen vor Personen. Dieser Vorrang beruht lediglich auf der Tatsache, dass sie Kapital haben, oder zu viel Kapital haben beziehungsweise das falsche Kapital haben oder auf die falsche Weise erworben haben. Hier begibt man sich schon auf recht dünnes Eis - vor allem wenn man die Freiheit als unteilbar bezeichnet.
Letztlich kann der Vertrag von Lissabon die sozialen Probleme nicht vom Tisch wischen. Die direkte Demokratie nach Manifest-Zuschnitt aber auch nicht.

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