12.02.2012 02:44 | Meine Presse Merkliste0

Georgien gestraft, der Westen bloßgestellt

GASTKOMMENTAR VON GERHARD MANGOTT (Die Presse)

Russlands Kalkül, dass die Kosten eines Kriegs in Georgien geringer sein würden als die Vorteile, hat sich bestätigt.

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Durch die militärische Eskalation in Georgien hat Russland mehrere strategische Ziele erreicht. Abchasien und Südossetien sind Georgien dauerhaft entzogen, die militärische Präsenz Russlands in den Regionen wird erhöht, und „Rumpfgeorgien“ bleibt als Ergebnis zurück. Die völkerrechtliche Anerkennung der sezessionistischen Regionen ist aber weiterhin nicht zu erwarten, die faktische Annexion ist allen russischen Interessen dienlich; bei einer Anerkennung könnte Russland seine Ablehnung der kosovarischen Staatlichkeit nicht aufrechterhalten.

Zweites Ziel war die Bloßstellung der Inhaltsleere westlicher Schutzversprechen. Moskau hat deutlich gemacht, dass Nato und USA einen militärischen Konflikt mit Russland nicht riskieren. „Mourir pour Tbilissi“ bleibt Fiktion. Das wird auch in Kiew nicht unbemerkt geblieben sein. Beteuerungen, Georgien könne weiterhin Mitglied der Allianz werden, sind wortreiche Gesten, aber in der Substanz wertlos. Allerdings ist zu erwarten, dass die USA die bilaterale Militärhilfe an Georgien verstärken werden.


Ein Signal an die Nato

Das dritte Ziel war die Demonstration konventioneller militärischer Überlegenheit in der Region. Russland hat nicht nur den politischen Willen, sondern auch die militärische Fähigkeit zur bewaffneten Intervention in den Nachbarstaaten demonstriert.

Das vierte, allerdings nachgeordnete strategische Ziel war die Schwächung Georgiens als Transitland für Öl und Gas. Dies betrifft nicht die seit 2005 betriebene Ölleitung BTC von Baku zum türkischen Ceyhan, sondern zwei andere Projekte: zum einen den Transport kasachischen und aserbaidschanischen Rohöls nach Kulevi, Batumi und Supsa an der georgischen Schwarzmeerküste. Dadurch hatte sich Kasachstan eine alternative Ölexportroute eröffnet; bislang war das Land fast ganz auf die Leitung zum russischen Schwarzmeerhafen Novorossisk angewiesen. Dieses Vorhaben wird nun deutlich verlangsamt. Zum anderen dürfte der Plan, kaspisches Erdöl über Georgien und das ukrainische Odessa nach Polen zu transportieren (Sarmatia-Leitung) erheblich verzögert werden.

Insgesamt setzte Russland ein Signal, dass die (perzipierte) Demütigung des Landes durch die Erweiterung der Nato, die Missachtung russischer Interessen auf dem Balkan, den Aufbau eines Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien, die Errichtung von Militärbasen der USA in Bulgarien und Rumänien und das Unterlaufen der russischen Vetomacht im Sicherheitsrat der UN (Kosovo 1999, Irak 2003) nicht mehr fortgesetzt werden dürfen. Russland zeigt Ansätze, eine nachhaltige Roll-back-Strategie zu verfolgen; zumindest aber ist eine „rote Linie“ gezogen.

Zugleich hat der georgische Militärschlag den strategischen Spielraum von Nato und EU erheblich beschädigt. Die Gräben innerhalb der Allianz über die Gestaltung der Beziehungen zu Georgien und der Ukraine haben sich vertieft; während die USA, Polen und die baltischen Staaten betonen, die von Deutschland und Frankreich beim Nato-Treffen im April blockierte Annäherung Georgiens habe die militärische Aggression Russlands geradezu provoziert, sehen sich Deutschland und Frankreich bestätigt.

Mit ungelösten Territorialkonflikten und Saakaschwili als unberechenbarem, weil impulsivem und beratungsresistentem Führer wäre das Risiko, in einen Militärkonflikt mit Russland verstrickt zu werden, zu groß. Ein Konsens der Bündnismitglieder über die Ausdehnung der Nato nach Georgien scheint ausgeschlossen. Möglich aber ist eine bilaterale Schutzverpflichtung der USA an Rumpfgeorgien als „major non-Nato ally“. Dies wäre der Kohäsion in der Nato nicht dienlich und würde die US-Linie fortsetzen, jenseits der Beistandspflicht nach Art. 5 des Nato-Gründungsvertrages bilaterale Sicherheitsabkommen einzugehen.

Der Krieg hat auch die Kluft innerhalb der EU über die Gestaltung der Beziehungen zu Russland vertieft. Die Russland-Strategie der EU wird entweder einer radikalen Revision unterzogen, wie die östlichen und skandinavischen Staaten, angeführt von Großbritannien, fordern, oder die Mitgliedstaaten werden die Beziehungen zu Russland weiter bilateralisieren: Deutschland, Frankreich und Italien werden ihre Sonderbeziehungen aufrechterhalten. Zu erwarten ist wohl ein De-facto-Aussetzen der Verhandlungen zwischen der EU und Russland über ein neues Rahmenabkommen.


USA brauchen Russland in Afghanistan

Die Handlungsoptionen der USA sind beschränkt. Der bilaterale Handel mit Russland ist gering, verdeckte Sanktionen daher kraftlos. Die für Russland schmerzhafteste Reaktion wäre das Scheitern der kürzlich erzielten Übereinkunft mit den USA über die zivile nukleare Zusammenarbeit; diese Vereinbarung hätte Russland viel Geld eingebracht. Zwar wird der WTO-Beitritt Russlands noch weniger aussichtsreich; aber dieser war auch bisher schon blockiert – nicht zuletzt durch Georgien. Die USA können aber auf Russland nicht verzichten: Die ISAF-Mission und die Militäroperation „Enduring Freedom“ in Afghanistan sind auf die Unterstützung Russlands angewiesen. Dessen Mitwirkung an der nuklearen Nichtverbreitung, v.a. gegenüber dem Iran, ist unverzichtbar. Auf eine Verhärtung der Beziehungen durch die USA könnte Russland mit dem Verkauf des Luftabwehrsystems S-300 an den Iran und Syrien antworten.

Das russische Kalkül, die Kosten des militärischen Vorgehens gegen Georgien geringer zu halten als die erreichbaren Vorteile, hat sich letztlich bestätigt. Der Schaden für das Ansehen Russlands wird dabei in Kauf genommen. Georgien ist abgestraft und der Westen bloßgestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2008)

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10 Kommentare
chilly
24.08.2008 22:33
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die russen sollten mal die us taktik 1:1 übernehmen

und zb anfangen die taliban zu bewaffnen, so wie es die usa in den 80-ern in aller öffentlichkeit machten, aber nein russland hilft noch den amerikanern, damit die amerikaner später von afghanistan aus russland erobern können, zumindest erhofft sich der yankie alle bodenschätze weltweit zu besitzen, aber sieen wir mal ernst, die us-sekte hat angefangen jetzt schon sich zu zersätzen, und das alles wegen der gier.

Gast: LekeDukagjini
22.08.2008 16:23
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Rusland macht so weiter solange wir gute wirtschaftliche beziehungen unterhalten.

Die USA als Schutzmacht Europas kann nicht viel ausrichten wenn manche länder zwaar Natomitgliedersind aber verhalten sich nicht als solches.Nicht auszumalen ist wenn die USA aus diesem Kontinentsich zurückzieht.Die Russen hätten nie soviel macht nach den zerfall der sowjetunion bekommen wärem die milliarden von der EU nicht. Also um russland aufzuhalten muss Europa die wirtschaftlichen Beziehungenplett einstellen u meher in richtung Iran, Syrien oder sonst andere gefährliche staaten tun, notfalls Militärisches eingreifen seitens der EU länder unter der Nato führung. Wenn wir hier noch sicher leben wollen natürlich!Wenn Iran eine Atomwaffe ist das einzig u alleine EU schuld, wegen Indifferenz fällt wiedermal die ganze last auf die Amis um uns wiedermal den arsch zu retten wie vor u nach dem zweiten weltkrieg,vor u nach dem kalten krieg.Die Europär müssen ihren nachbarn klarmachen wer hier das sagen hat wenn das nicht geschieht,dann kommen wir in den zustand wie vor 45

Antworten chilly
24.08.2008 22:55
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Re: Rusland macht so weiter solange wir gute wirtschaftliche beziehungen unterhalten.

hast du etwa angst bekommen das du den serben ihr land wieder zurückgeben werden musst?

früher oder später wird das so oder so kommen, nur mit dem honkongmodell fürs kosovo würde eine lösung in dieser situation am einfachsten sein. und für alle am besten.

Gast: Österreicher
22.08.2008 00:57
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Bitte keine Aufregung - die Sache ist doch ganz einfach:

Dem Beispiel Österreichs (hier sind unsere linken Politiker und die Krone meinungsbildend) folgend erklärt sich ganz Europa für NEUTRAL und erspart sich alle Kosten.

Und die Russen wird das erst freuen!!!

Ophicus
20.08.2008 13:42
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Wer ist Gerhard Mangott?

Und wieso stehen in letzter Zeit bei Gastkommentaren nie Informationen zum Autor?
Lobbyisten, Politiker, Wissenschaftler, Journalisten oder überhaupt nur begnadete Laien auf ihrem Gebiet? Oder vielleicht ein wenig von allem?

Antworten Gast: Gerhard Hardt
22.08.2008 12:06
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Re: Wer ist Gerhard Mangott?

Mangott gehört zum akademischen Mittelbau in der Tiroler Provinz und bietet in seinem Blog russischer Porpaganda viel Raum: http://13ener.blogspot.com/2008/08/albanias-hard-to-rhyme.html

Ausgewogener als sein obiger, imho reichlich einfältiger. Kommentar liest sich die Financial Times Deutschland: http://www.ftd.de/politik/international/:Schw%E4chelnde_Gro%DFmacht_Russland_fehlt_die_Kraft_zum_Kalten_Krieg/403743.html

Gast: Christian
19.08.2008 23:47
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Nicht erwähnt wurden die alten Seilschaften in den ehem. Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten,

die auch nach rund 20 Jahren immer noch existieren und durch die in breiteren Bevölkerungskreisen der slawischen Ländern zumindestens noch dumpf vorhandenen panslawistischen Gefühle (dh. zur großen slawischen Völkerfamilie zu gehören) verstärkt wird.
Diese Strömung spricht doch die russische Außenpolitik an, wenn sie in der Kosovo-Frage den serbischen Standpunkt stützt. Dies und die einzigartige geopoltische Lage verleiht Rußland in Europa ein massives Übergewicht, das von der Nato auf Dauer nicht wettzumachen ist! Mit dem wirtschaftlichen Erstarken Rußlands ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Nato korrodiert, weil sich die slawischen Völker wieder in die Arme ihres großen Bruders werfen, der seine Macht so eindrucksvoll demonstriert hat!

Antworten chilly
24.08.2008 22:47
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Re: Nicht erwähnt wurden die alten Seilschaften in den ehem. Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten,

stimmt ganz genau und deshalb sollte der westen die slawischen brüder wie richtige brüder behandeln alle slawen und nicht dieses veraltete blockdenken das selbst bei einigen postern hier deutlich herauszulesen ist, kosovo ist serbien und russland wird kein osetien anerkennen, hat russland auch so die ganze zeit gefordert, recht muss recht bleiben, völkerrecht für alle, ansonsten endet früher oder später europa in einem grossen chaos

und ich wüsste nicht was es jemanden stört wenn kosovo (und südosetien) ein hongkongmodell bekommt, wie es serbien vorgeschlagen hat

hongkong verwaltet sich selbst gehört aber teritoriell zu china

das bankrotierende usa ist ganz klar der übeltäter in den jüngsten konflikten

Gast: johannes-de
19.08.2008 22:09
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nüchterne Bestandsaufnahme

G. Mangott analysiert klar und realistisch - es ist zu hoffen, daß europäische Regierungen wie D und RF das auch tun. Das Spiel der USA und teilweise Deutschlands mit den Nerven der heruntergekommenen Weltmacht grenzt an Schlafwandeln. Alle historische Erfahrung besagt, daß so etwas nicht gut gehen kann. Und Russland hat nunmehr gezeigt, daß es sich das zumindest in seiner konventionell-militärisch erreichbaren Nachbarschaft nicht mehr gefallen läßt.
Um den Nachschub an Öl und Gas für Westeuropa zu sichern, müssen andere Mittel gesucht werden als solche, die schon zu 2 Weltkriegen geführt haben.

Antworten chilly
24.08.2008 22:51
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Re: nüchterne Bestandsaufnahme

mehr fairness und weniger gier muss die nato noch lernen

völkerrecht darf von keinem umgangen werden auch nicht von den usa

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