07.11.2009 21:05 | Meine Presse Merkliste0

Präsidialer Klimawandel

GASTKOMMENTAR VON GERNOT WAGNER (Die Presse)

Amerika wird bald von einem grüneren Präsidenten geführt als Europa: Für den nächsten EU-Ratsvorsitzenden ist der Klimawandel schlicht ein „Märchen“.

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Egal, ob der nächste US-Präsident John McCain oder Barack Obama heißt, eines ist klar: Ab 20. Jänner 2009 werden die Vereinigten Staaten zum ersten Mal von einem grüneren Präsidenten geführt werden als die Europäische Union. Europa sollte darauf bedacht sein, dies als Chance zu sehen, und sollte die internationalen Klimaverhandlungen nicht verzögern oder gänzlich entgleisen lassen.

Selbst wenn der Lissabon-Vertrag noch durch ein Wunder vor Ende dieses Jahres wiederaufersteht, ab 1. Jänner übernimmt Tschechien die rotierende EU-Präsidentschaft unter der Führung von Präsident Václav Klaus. Dessen Meinung zum Klimaschutz ist in Amerikas erzkonservativen Kreisen weitaus beliebter als diejenige des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Denn Klaus behauptet standfest, dass die globale Erwärmung ein „erlogenes Märchen“ sei. Umweltschutz sei, so Klaus, ein „modernes Ebenbild des Kommunismus“, das individuelle Freiheiten einschränke.


McCain und Obama: Zwei Klimafreunde

Sowohl John McCain als auch Barack Obama haben sich unterdessen hinter gezielte Maßnahmen zum Klimaschutz gestellt. Beide unterstützen ein Emissionshandelssystem nach europäischem Muster. McCain brachte als Senator auch einen diesbezüglichen Gesetzesentwurf ein. Obama hat den Klimaschutz und die Energiesicherheit neben der universellen Krankenversicherung und dem Irak-Abzug zu einem der drei Hauptthemen seiner Präsidentschaft erklärt.

Die EU ist den USA in vielen Klimabelangen voraus. Es wäre also höchste Zeit, dass die andere Seite des Atlantiks aufholt. Dabei geht es aber nächstes Jahr noch um viel mehr. Im Dezember 2009 versammelt sich der globale Klimatross abermals für Diskussionen auf höchster Ebene in Kopenhagen, um ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu verhandeln. Die Zeit drängt. Das Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus, und ohne internationales Abkommen besteht kaum eine Chance, die notwendigen globalen Emissionsziele zu erreichen.

Bei der letzten Verhandlungsrunde wurde 2009 als Ziel auserkoren, da für dieses Jahr kaum Hoffnung auf ein Abkommen besteht. Präsident Bush ist schließlich heuer noch im Amt, und der Hauptteil der Verhandlungen passiert lange, bevor sich die Regierungschefs im Dezember 2009 in Kopenhagen die Hände schütteln.

Deshalb sind die sechs Monate der tschechischen EU-Präsidentschaft im Anlauf auf Kopenhagen kritisch. Die Europäische Kommission und die nationalen Delegationen müssen folglich alles daran setzen, dass die Verhandlungen trotz Václav Klaus als nomineller EU-Spitze nicht vom Kurs abkommen.


Václav Havels „Als ob“-Leben

Dabei können sie sich eine Seite aus Václav Havels Manuskript abschreiben. Havel hat sich in der kommunistischen Tschechoslowakei entschieden, sein Leben so zu führen, „als ob“ er in einer freien Gesellschaft lebte. Dieser Schritt trug schließlich auch dazu bei, den Kommunismus zu besiegen, und führte Havel an die Spitze Tschechiens als unmittelbaren Vorgänger von Klaus.

Václav Havel selbst hat sich auch in Sachen Umweltschutz zu Wort gemeldet und sich damit abermals als Kontrahent von Klaus entpuppt: Wir sollten unser Leben so führen, „als ob“ wir auf der Erde für immer leben würden und eines Tages für den Zustand des Planeten Rede und Antwort stehen müssten.

Das klingt zwar nobel, aber vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen. Für den Anfang würde es schon reichen, wenn wir die internationalen Klimaverhandlungen in den nächsten Monaten so weiter führen, als ob der tschechische und baldige EU-Präsident im vollen Einklang mit der überwiegenden Mehrheit der Europäer stünde, während wir uns trotzdem gegen die schlimmstmöglichen Behinderungs- und Untergrabungsversuche von oben absichern.


EU-Präsident ohne Basis

Mit etwas Glück könnte dieses Verhalten auch Einfluss weit über den Klimaschutz hinaus haben. Schließlich zeigt es vor allem, wie wichtig es wäre, einen EU-Präsidenten zu haben, der tatsächlich die Europäische Union vertritt und nicht nur von einer kleinen Minderheit aller Europäer gewählt worden ist.

Gernot Wagner arbeitet als Ökonom beim Environmental Defense Fund in New York. Autor des Buchs „Der Rest der Welt“ (2003, Ueberreuter Verlag).


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2008)

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4 Kommentare
Raphae1
08.09.2008 10:37
0 0

Und die ÖVP?

Es sieht fast so aus als würde selbst McCain den Klimawandel ernster nehmen als so mancher ÖVP Funktionär:
http://de.youtube.com/watch?v=846tlpV96HU

Ophicus
01.09.2008 19:14
0 0

EU-Präsident

Es gibt keinen EU-Präsidenten. Den Vorsitzenden des Rates in einem Atemzug mit dem US-Präsidenten zu nennen ist fast schon absurd zu nennen.

Der EU-Ratsvorsitzende wäre allenfalls mit dem Senatsvorsitzenden in den USA zu vergleichen. Unser Regierungschef, wenn man so will, ist der Kommissionspräsident. Und auch der hat nichts zu melden, im Vergleich mit dem US Präsidenten. Und Staatsoberhaupt ist er schon garnicht.

Antworten Gast: J. Adante
02.09.2008 05:56
0 0

Re: EU-Präsident

Also US-Präsident ist natürlich nicht gleich dem EU-Ratsvorsitzendem, aber mit dem Senatsvorsitzendem in den USA hat diese Position schon gar nichts zu tun. Der Vergleich mit dem eigentlichen US Präsidenten ist da schon viel treffender.

Aber diese Debatte tut dem Argument ja nichts zur Sache. Der EU-Ratsvorsitzende hat genug Macht um durch seinen Vorsitz allerhand Unfug zu treiben. Klimaschutz ist da nur die Spitze des Eisberges.

ambrosius
02.09.2008 10:43
0 0

Re: Re: EU-Präsident

Klimaschutz ist kein Unsinn, sondern eine gut durchdachte Erfindung von großem ökonomischen Nutzen für die Agrarlobby dieses Planeten. Eine Elite von ,,grünen" Krisengewinnern macht sich ans Werk, der ,,Bauer als Ölscheich" ist der Traum des sogenannten ,,Lebensministers". Das Kunststück ist Bürger dieser alten Erde einerseites zu täuschen und andererseites mit Untergangsszenarien in Angst und Schrecken zu versetzen, auf das sie die Verteuerung der Energie und die dadurch gallopierende Inflation ängstlich und willig hinnehmen. Dabei ist die nächste Eiszeit und ein Kometeneinschlag wesentlich wahrscheinlicher, als eine neue Kalahari in den niederen Tauern. Notwendig wäre realer Umweltschutz von Wasser und Luft und eine Reduzierung des Energieverbrauches, damit ist aber für die Klimaschützer keine goldene Nase zu verdienen, sie wollen ihre ,,grüne Energie" teuer verkaufen.

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