21.11.2009 15:11 | Meine Presse Merkliste0

Sachwissen schadet niemandem, Herr Strache!

GASTKOMMENTAR VON HEINZ FASSMANN (Die Presse)

Warum der FPÖ-Chef Unrecht hatte, als er sich in der „Pressestunde“ auf mich berief.

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Parteiobmann HC Strache von der FPÖ hat mich in der „Pressestunde“ vom 7. September 2008 zitiert, wonach lediglich 5000 Zuwanderer pro Jahr in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten. „Die Presse“ hat in ihrer Ausgabe vom 8. September auch darüber berichtet: „In den vergangenen Jahren habe es eine ,unkontrollierte Massenzuwanderung‘ gegeben. Von den netto 50.000 Zuwanderern seien nur 5000 im Arbeitsprozess.“

Diese Aussage basiert auf einem am 11.Mai2007 (!) in der „Presse“ erschienenen Interview mit mir, in dem ich u.a. auf die Problematik der sinkenden arbeitsmarktorientierten Steuerbarkeit der Zuwanderung hinwies. Das hängt mit der wachsenden Zuwanderung aus EU-Staaten sowie dem Familiennachzug von in Österreich lebenden EU-Bürgern zusammen, die außerhalb der sogenannten Zuwanderungsquote stattfinden. Dazu kommen klarerweise Asylwerber, die sich aufgrund ihres menschenrechtlichen Anspruchs zu Recht einer Steuerbarkeit entziehen. – Darum ging es in dieser Interviewpassage. Die Frage, wie erfolgreich Zuwanderer in das Beschäftigungssystem integriert werden konnten, wurde nicht angesprochen und kann auch aus der Darstellung der Entwicklung der Zuwanderung nicht abgeleitet werden. Steuerbarkeit von Zuwanderung und erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten sind zwei unterschiedliche Phänomene, die nur dann leicht verwechselt werden, wenn man von der Sache wenig versteht oder eben die eigenen Vorstellungen über alles stellt. Sachwissen hat noch niemandem geschadet, auch nicht Politikern, die um Wählerstimmen kämpfen.


Die Zuwanderungs-Scheindiskussion

Das fehlende Sachwissen begünstigt eine Scheindiskussion, die wir derzeit erleben. Österreich ist längst zum Einwanderungsland geworden, nicht selbstbestimmt und nicht als politisches Konzept, aber durch die faktische Entwicklung. Österreich benötigt Zuwanderung zur demografischen Reproduktion seiner Bevölkerung und zum Ausfüllen offener Stellen auf dem Arbeitsmarkt, und das seit Jahrzehnten.

Österreich hat mit dem Fremdenrechtspaket von 2005 einen rechtlichen Rahmen geschaffen, der mit Sicherheit keine Politik der offenen Grenzen darstellt, sondern im Gegenteil die Zuwanderung aus Drittstaaten klar reglementiert. Dazu kam die Verschärfung des Staatsbürgerschaftsrechts, die Einbürgerung erst am Ende eines langen Integrationsprozesses ermöglicht. Wer das alles zur Kenntnis genommen hat, ist über den laufenden Diskurs überrascht: Sind wir nicht doch zu liberal, sollten wir nicht noch mehr Integrationsleistung fordern, ist nicht doch ein Zuwanderungsstopp angebracht? Diese Fragen sind längst beantwortet bzw. wenig realistisch oder rechtlich unangebracht.

Die österreichische Migrations- und Integrationsforschung hat sich mit der Zuwanderung nach Österreich in den vergangenen Jahren und der Eingliederung der hier Lebenden ernsthaft und auch ernstzunehmend auseinandergesetzt, auch um die Thematik zu versachlichen und dem politischen Alltagsgeschäft zu entziehen. Letzteres ist offensichtlich nicht gelungen. Wie auch immer: Eine wenig mehr Rationalität in diesem Politikbereich wäre angebracht, im Wahlkampf und auch darüber hinaus.

Dr. Heinz Fassmann ist Univ.-Prof. an der Uni Wien für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2008)

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4 Kommentare
Herberti
09.09.2008 20:42
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Befehl von oben: ZURÜCKRUDERN!

Fakt ist, daß nur 5000 Einwanderer bestellt wurden, aber 100.000 kamen. 50.000 reisten ab, die hatten aber mit den 100.000 Einwanderen nichts zu tun. Kann schon sein, daß von den 100.000 mehr als 5.000 arbeiteten.

Das heißt aber nicht, daß die uns auch was nutzen, weil Arbeitskräfte in Bereichen in denen wir Überkapazitäten haben nehmen nur Einheimischen Umsatz und Lohn weg. Als Beispiel sei hier die 500. Kebabbude in Wien angeführt, auf die wir volkswirtschaftlich wohl verzichten können.

Die Zuwanderung aus Drittstaaten mag 2005 reglementiert worden sein. Nichtsdestoweniger reisten auch 2007 wieder über 50.000 Personen aus Nicht-EU Staaten ein.

Zum Schluß: mag schon sein, daß sich die Forschung mit der Migration auseinandergesetzt hat (was ich auch bezweifle, denn man hört nur sehr wenig), die Politik hat es auf jeden Fall nicht getan.

Es sollten in den nächsten Jahren AUSSCHLIESSLICH Einwanderer kommen die uns wirklich was nutzen.

Gast: Bösewicht
09.09.2008 18:14
0 0

"Österreich benötigt Zuwanderung zur demografischen Reproduktion seiner Bevölkerung und zum Ausfüllen offener Stellen auf dem Arbeitsmarkt, und das seit Jahrzehnten."

Die Bevölkerungsentwicklung in Österreich:

1961: 7.1 Mio
1971: 7.5 Mio
1981: 7.55Mio
1991: 7.8 Mio
2001: 8.1 Mio

Da Kritik an den Aussagen des Herrn Professors hier nicht toleriert wird, bitte ich den Herrn Zensor untertänigst, hier wenigstens ein paar Fakten darstellen zu dürfen.

Die Notwendigkeit für Zuwanderung ist aus diesen Zahlen aber vermutlich nur für wirkliche Fachleute zu erkennen.

Gast: Bösewicht
09.09.2008 16:10
0 0

Soso

"Österreich benötigt Zuwanderung zur demografischen Reproduktion seiner Bevölkerung und zum Ausfüllen offener Stellen auf dem Arbeitsmarkt, und das seit Jahrzehnten."
Nun, dann erklären Sie uns, dem dummen Publikum, doch bitte einmal die Entwicklung der Einwohnerzahl Österreichs, von 1950 bis heute. Denn siehe, diese Zahl ist beinahe ständig gewachsen.
Könnte es sein, Herr Professor, dass Sie uns da ein bisserl anschwindeln wollen?

ambrosius
10.09.2008 09:26
0 0

Re: Soso

Abgesehen davon, dass die Zuwanderungen mit ihren geringen oder sogar negativen Steuerleistungen wenig bis nichts zur Sicherung des Sozialstaates beitragen, ist wohl jedem klar, dass gerade diese Menschen später eine Pension beziehen werden die sie niemals einbezahlt haben. Diese Milchmädchenrechnungen sind typisch für politisierende Professoren. Und abgesehen von der sich anbahnenden Unfinanzierbarkeit unserer Sozialsysteme, die meisten Österreicher lehnen vor allem eine islamische Gesellschaft bei uns ab, nicht wegen der Religion an sich, sondern prinzipiell wegen deren rückständigen Geisteshaltung. Auf eine solche Parallelgesellschaft können wir getrost verzichten.

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