Wollte man das jüngste Geschehen an den Finanzmärkten in Bilder übersetzen, käme ein Horrorschocker heraus. Dann wäre zu zeigen, wie in so manchen Bürotürmen stolzer Banken auf einmal tickende Zeitbomben entdeckt werden. Ein Rudel von Managern bemüht sich hektisch um die Entschärfung. Manchmal kommt der jeweilige Finanzminister wie James Bond Sekunden vor der möglichen Detonation zu Hilfe, so der amerikanische im Fall der AIG, der weltgrößten Versicherung, oder der deutsche bei der Industriekreditbank, manchmal kommt es zur Explosion, wie bei Lehmann Brothers, vorher eine der größten Investmentbanken der Welt. Und bei jeder dieser Explosionen fliegen Trümmer in alle Richtungen auseinander und richten schwere Folgeschäden an.
Begonnen hat alles mit viel Illusionen und einigen scheinbar kleinen Veränderungen im amerikanischen Hypothekenbankgeschäft. Weil die Immobilienpreise jahrelang ständig gestiegen sind, erwarteten viele, dass es immer so weitergeht. Deshalb wurden Hypotheken nicht mehr nur bis zu 80 oder 90% des angenommenen Wertes von Liegenschaften vergeben, sondern bis zu 100 oder gar 110%. Und Hypotheken wurden nicht mehr nur an Bewerber gewährt, deren Bonität man kritisch geprüft hat, sondern von Vertretern verkauft, die nach Umsatz bezahlt wurden und daher an Umsatz, nicht an Bonität interessiert waren.
Risken greifen um sich wie Viren
So kamen Leute ohne Einkommen, sogar ohne Wohnsitz zu Hypotheken, um Häuser zu kaufen, in der Hoffnung, sie bald wieder mit Gewinn zu verkaufen. Weil das Ganze so großartig funktionierte, verkauften die Banken manche dieser langfristigen Hypotheken weiter, um mehr Platz für immer neue Hypotheken zu haben. So verbreiteten sich die Risken wie Viren weltweit im Bankensektor. Und um das Maß voll zu machen, stammte das langfristig ausgeliehene Geld zunehmend aus kurzfristigen Einlagen, weil die Banken damit rechneten, dafür stets genug kurzfristiges Geld zu bekommen. Das funktionierte alles großartig, solange die Hauspreise immer stiegen. Aber sobald die Preisblase einmal platzte, reichte jede einzelne dieser Neuerungen aus, um das kunstvolle System einer derartigen Hypothekenvergabe zerbrechen zu lassen.
Die Rettung des Finanzsystems aus der schwersten Krise seit 1929 durch den amerikanischen Finanzminister, genauer genommen den amerikanischen Steuerzahler (und es bleibt abzuwarten, durch welche Steuerzahler noch), verhindert hoffentlich weitere Schäden. Denn mögliche weitere Schäden wären ja nicht nur noch mehr Konkurse von immer größeren Banken gewesen. Weltweit mussten Banken bereits vor dem 19. September 350 Mrd. Dollar an Verlusten aus den geschilderten Geschäften verbuchen. Durch den folgenden Kursverfall an den Börsen wurden zusätzlich weit mehr als eintausend Mrd. Dollar an Anlegergeldern vernichtet. Und das waren auch Gelder kleiner Sparer und großer Pensionsfonds, von denen die Altersvorsorge von Millionen Arbeitnehmern abhängt. Was mit dem Dollar und in der Folge mit dem ganzen Weltwährungssystem geschieht, wenn das US-Finanzsystem zusammenbricht, möchte man sich gar nicht ausmalen.
Die Rolle der nackten Gier
Wer ist schuld? Die nackte Gier der Spekulanten, ein unüberschaubar gewordenes Finanzsystem; haben der Kapitalismus, die freie Marktwirtschaft selber versagt? Belanglos ist die Rolle der Gier nicht. Noch 2007 wurden an der Wall Street zusätzlich zu den Gehältern mehr als 30 Mrd. Dollar allein an Bonuszahlungen für den Beitrag der Empfänger zum Gewinn der dortigen Banken ausgeschüttet. Dafür haben sie sich auch ordentlich angestrengt. Aber genau so funktioniert die Marktwirtschaft. Sie bringt dem Gewinn, der sich anstrengt, neue Ideen, die neue Nachfrage schaffen. Und die Nachfrage nach Hypotheken war schon deshalb so groß, weil auch den Amerikanern im Lauf der Jahre von ihrem Einkommen nach Steuern, Ausgaben für Gesundheit, Nahrungsmittel und Energie immer weniger blieb. Zusätzlicher Konsum wurde über Schulden finanziert. Davon profitierte die Wirtschaft, und darum war das Ende des Hypothekenbooms zugleich das Ende eines vom fremdfinanzierten Konsum getragenen Wirtschaftsaufschwungs.
Dem traditionellen marktwirtschaftlichen Modell zufolge hätten die Märkte selbst dafür sorgen sollen, dass die Übertreibungen verschwinden, und sei es um den Preis des Untergangs jener Banken, die zu viel Risken auf sich genommen haben.
Illusionen erhalten die Nachfrage
Doch Finanzmärkte funktionieren anders. Hier gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage, wonach mit steigenden Preisen die Nachfrage sinkt, nur sehr eingeschränkt. Hyman Minsky hat beschrieben, wie die Gier nach immer höheren Gewinnen, der Verlust des Gefühls für Risiko und der immer härtere Wettbewerb zwischen den Banken zu immer neuen Übertreibungen führt. Ich möchte ergänzen, dass die Nachfrage mit steigenden Preisen überhaupt nicht abnimmt, solange Illusionen vorherrschen. Solange das Ausmaß der erwarteten weiteren Preissteigerungen höher ist als die Zinsen für die Kredite, die man für den Ankauf solcher Spekulationsobjekte aufnimmt, werden viele mithilfe von Krediten weiterkaufen. Und die nach dem großen Crash gemachten Analysen zeigen, dass das Ausmaß und die Komplexität der übernommenen Risken vielen Banken gar nicht mehr bewusst war. Dies auch deshalb, weil so manche bedeutende Rating-Agenturen die mit derartigen Hypotheken besicherten Anleihen als erstklassiges Risiko einstuften.
Außerdem wird das Gesetz von Angebot und Nachfrage auf den Finanzmärkten noch durch einen anderen Faktor außer Kraft gesetzt. Das ist das Vertrauen. Fürchtet man, dass ein gekaufter Gebrauchtwagen Schäden haben könnte, lässt man sich eine Garantie des Händlers geben. Wenn man zu einer Bank kein Vertrauen hat, dann gibt man ihr kein Geld mehr. Wenn das viele tun, wird diese Bank pleitegehen. Und die Krise wurde so rasch so riesig, weil sie mit einem allgemeinen Vertrauensverlust in die Bankenwelt verbunden war.
Bankenaufsicht ist keine Lösung
Die Dramatik der Ereignisse hat den Ruf nach einer besseren und stärkeren Bankenaufsicht laut werden lassen. Man muss bezweifeln, ob das funktionieren kann. Das System der Bankenaufsicht baut darauf auf, dass die Banken über reichlich Eigenkapital verfügen, dass bei vielen Veranlagungen die Beurteilung von Rating-Agenturen beachtet wird, dass die Wirtschaftsprüfer Unregelmäßigkeiten und überhöhte Risken entdecken, und seit neuestem auch auf komplizierten Prozeduren, die eine umfassende Information der Kunden sicherstellen sollen. Was die Brauchbarkeit der Rating-Agenturen betrifft, hat die Krise genug Gegenargumente geliefert. Die Fälle mehren sich, in denen eine Überforderung der Wirtschaftsprüfer deutlich wird. Und was Informationen betrifft, wird jetzt schon übertrieben. Der letzte mir vorliegende Prospekt, der nur von einem Umtausch einer Anleihe handelt, umfasst, um allen Vorschriften zu entsprechen, 684 Seiten.
Neoliberale Appelle: nur noch skurril
Die Finanzmarktaufsicht wird erst funktionieren, wenn sie sich systematisch mit den Risken befasst, die in den Produkten selber stecken. Überall sonst ist diese Art der Risikovorsorge selbstverständlich geworden. Doch im Finanzbereich ist es bis dahin noch ein weiter Weg.
Was sich derzeit in der Bankenwelt abspielt, könnte als Argument dafür dienen, dass der Kapitalismus oder gleich die Marktwirtschaft als Ganzes nicht mehr taugen. Tatsächlich konnten die Banken die übernommenen Risken nicht richtig einschätzen, die Märkte funktionierten nicht so wie angenommen und konnten daher zu keiner Selbstregulierung finden, die Rating-Agenturen haben ebenso kläglich versagt wie die Aufsichtsbehörden. Angesichts des entstandenen Chaos klingen die Appelle der Neoliberalen, doch auf die Selbstheilungskräfte der freien Marktwirtschaft zu setzen, allmählich nur mehr skurril.
Die Hoffnung der Aufklärung, das menschliche Zusammenleben könne mit Hilfe der Vernunft ordentlich gestaltet werden, ist in so ziemlich jedem Bereich zur Illusion geworden. Das Finanzwesen ist ein gutes Beispiel. Aber kann man jeden Analyseversuch damit beenden, dass man den Kapitalismus als Hauptschurken identifiziert? Wir sollten darüber hinausdenken. Es gibt eine Analyse (der ich mich anschließe), dass der Kapitalismus nicht eine eigenständige Form des Wirtschaftens ist, die den an sich guten Menschen quasi übergestülpt wird, sondern eine Wirtschaftsform, die sich zwingend aus der Natur des Menschen und seiner heutigen Sicht der Dinge ergibt. Dieser Pessimismus führt dazu, dass eine Ikone der Linken wie Habermas schon offen fragt, ob man nicht doch etwas wie Religion brauche, um Moral überhaupt bewahren zu können, und dass Soziologen wie Sloterdijk eine „Herrschaft der Wölfe“ befürchten. Sagen wir es bescheidener. Unser wirtschaftliches System ist anfälliger, als viele wahrhaben wollen. Aber man wird es nicht mit ideologischen Urteilen verbessern, sondern nur mit viel Sachverstand und Nüchternheit.
Dr. Manfred Drennig, geb. 1940, war bis 2002 als Geschäftsführer und Vorstand tätig, u.a. bei der Wiener Holding, der Österr. Länderbank und der Strabag Deutschland. Verfasser mehrerer Bücher („Die Krise sind wir selbst, Tauschen und Täuschen“). Heute tätig als Gesellschafter einer Vermögensverwaltungsfirma.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2008)

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