22.11.2009 06:50 | Meine Presse Merkliste0

Tuberkulose oder Haarausfall?

GASTKOMMENTAR VON PETER SINGER (Die Presse)

Jedes Jahr sterben Millionen von Menschen an Krankheiten, für die keine neuen Medikamente in Vorbereitung sind, während die Pharmaunternehmen Milliarden in die Entwicklung von Mitteln gegen Erektionsstörungen und Haarausfall stecken.

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In einer idealen Welt wäre die Geldsumme, die wir für medizinische Forschung ausgeben würden, um einer Krankheit vorzubeugen oder sie zu heilen, proportional zu ihrer Bedrohlichkeit und der Anzahl der Menschen, die daran leiden. In der wirklichen Welt werden 90 Prozent des Geldes, das in die medizinische Forschung fließt, für Leiden aufgewendet, die für lediglich zehn Prozent der Todesfälle und Behinderungen verantwortlich sind, die global durch Krankheiten verursacht werden.

In anderen Worten: Die Krankheiten, die neun Zehntel der „globalen Krankheitsbelastung“, wie die Weltgesundheitsorganisation es nennt, verursachen, erhalten nur ein Zehntel des weltweiten medizinischen Forschungsaufwands. In der Folge sterben jedes Jahr Millionen von Menschen an Krankheiten, für die keine neuen Medikamente in Vorbereitung sind, während die Pharmaunternehmen Milliarden in die Entwicklung von Mitteln gegen Erektionsstörungen und Haarausfall stecken.


Forschungskosten nicht gedeckt

Doch ist es zu einfach, den Pharmaunternehmen die Schuld zu geben. Sie können die Entwicklung neuer Medikamente nicht rechtfertigen, wenn sie nicht davon ausgehen können, dass sie ihre Kosten durch den Verkauf wieder einnehmen. Wenn sie sich auf Krankheiten spezialisieren, die wohlhabende Menschen befallen oder Menschen, die in Ländern mit staatlicher Krankenversicherung leben, können sie alle neuen Medikamente, die sie erfinden, patentieren lassen. In der Laufzeit des Patents von 20 Jahren haben sie ein Monopol auf den Verkauf des Medikaments und können hohe Preise diktieren.

Wenn die Pharmaunternehmen sich auf Krankheiten konzentrieren, die nur Menschen befallen, die keine hohen Preise für Medikamente bezahlen können, können sie nicht davon ausgehen, ihre Forschungskosten zu decken, geschweige denn einen Gewinn zu erwirtschaften. Egal, wie gern sich die Geschäftsführer auf die Krankheiten konzentrieren würden, die die meisten Menschen dahinraffen, das aktuelle System der finanziellen Anreize bedeutet, dass die Aktionäre sie absetzen würden oder das Unternehmen bald pleitegehen würde, wenn die Geschäftsführer sich so verhielten. Das würde niemandem helfen. Das Problem liegt im System, es liegt nicht an den Einzelpersonen, die innerhalb dieses Systems ihre Entscheidungen treffen.

Bei einer Tagung in Oslo im August machte die gemeinnützige Organisation Incentives for Global Health, die von Aidan Hollis, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Calgary, und Thomas Pogge, Professor für Philosophie und internationale Angelegenheiten in Yale, geleitet wird, den radikalen neuen Vorschlag, das Anreizsystem zu verändern, nach dem die Unternehmen für die Entwicklung neuer Medikamente belohnt werden.


Eine neue Alternative zum Patentrecht

Sie schlagen vor, dass die Regierungen in einen Health Impact Fund (Gesundheitswirkungsfonds) einzahlen, der Pharmaunternehmen proportional dazu bezahlt, wie sehr ihre Produkte die globale Krankheitsbelastung reduzieren. Der Fonds würde das bestehende Patentrecht nicht ersetzen, sondern eine Alternative dazu anbieten. Die Pharmaunternehmen könnten ihre Produkte weiterhin patentieren und verkaufen wie bisher. Außerdem könnten sie ein neues Medikament beim Health Impact Fund anmelden, der auf der Grundlage der Herstellungskosten des Medikaments einen niedrigen Preis vorschreiben würde.

Anstatt ihren Gewinn durch den Verkauf von Arzneimitteln zu hohen Preisen zu erwirtschaften, erhielte das Unternehmen einen Anteil sämtlicher Zahlungen, die der Fonds innerhalb der folgenden zehn Jahre vornimmt. Die Größe des Anteils würde berechnet, indem man bewertet, welchen Beitrag das Mittel zur Verringerung von Todesopfern und Behinderungen geleistet hat.

Das Schöne an diesem Konzept ist, dass es den Gedanken, dass jedes Menschenleben gleichwertig ist, wirtschaftlich fördert. Durch die Produkte, die die Arzneimittelfirmen beim Health Impact Fund anmelden, würden die Unternehmen dasselbe Entgelt für die Rettung von Menschen erhalten, die in Afrika in extremer Armut leben, wie für die Rettung von wohlhabenden Bürgern in reichen Nationen.

So würden die Krankheiten, an denen die meisten Menschen sterben, zu den potenziell lukrativsten Zielen, da hier ein Medikament, das einen medizinischen Durchbruch erzielt, die größte Wirkung für die globale Gesundheit hätte. Darüber hinaus hätten die Unternehmen einen Anreiz, Medikamente zum niedrigsten möglichen Preis zu verkaufen, denn nur, wenn die Armen sie verwenden können, würde das Medikament so viele Menschenleben wie möglich retten. Ein Unternehmen kann sich zum Beispiel entscheiden, die Herstellung günstiger generischer Kopien seines Medikaments in Entwicklungsländern zuzulassen, da es so großflächiger eingesetzt werden könnte und somit mehr Leben retten könnte – für die der Health Impact Fund das Unternehmen, welches das Mittel angemeldet hat, belohnen würde.


Leiden verringern statt Profit maximieren

Hollis und Pogge schätzen, dass ungefähr sechs Milliarden Dollar pro Jahr erforderlich wären, um den Fonds in die Lage zu versetzen, einen ausreichend großen Anreiz zu setzen, damit die Arzneimittelhersteller gezielt die Krankheiten der Armen ins Visier nehmen. Diese Summe würde erreicht, wenn Länder, auf die ein Drittel der globalen Wirtschaft entfällt – zum Beispiel die meisten europäischen Nationen oder die Vereinigten Staaten und ein oder zwei kleine wohlhabende Nationen –, 0,03 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens beisteuern würden, das sind drei Cent pro eingenommenen 100 Dollar. Das ist kein unbedeutender Betrag, aber er ist auch nicht unerreichbar, insbesondere wenn man bedenkt, dass auch die wohlhabenden Nationen von billigeren Medikamenten und von der medizinischen Forschung profitieren würden, die darauf abzielt, Leiden zu verringern, anstatt Profite zu maximieren.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann.

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Universität Princeton und Mitglied eines Forschungsteams der Universität von Melbourne, das die ethischen Aspekte von gewerblichen Schutz- und Urheberrechten in der Medizin untersucht. © Project Syndicate, 2008.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2008)

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