06.02.2012 21:31 | Meine Presse Merkliste0

Mehr Parlamentarismus ins Parlament

GASTKOMMENTAR VON LEONHARD DOBUSCH (Die Presse)

Neue Wahlergebnisse erfordern neue Rollen für Präsident und Parlament.

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Die österreichische Bundesverfassung erlaubt dem Bundespräsidenten nur eine wichtige Handlung ohne Vorschlag und damit aus freien Stücken vorzunehmen: die Ernennung (oder Entlassung) des Bundeskanzlers. Schon für die Ernennung der restlichen Regierungsmitglieder ist er dann auf deren Vorschläge angewiesen. Auch den Nationalrat kann der Bundespräsident (nur) auflösen, indem er den Umweg über einen Kanzler nimmt, der ihm ebendiese Auflösung empfiehlt.

Einer auf diesem Wege ernannten Regierung sowie einzelnen Regierungsmitgliedern kann der Nationalrat dann zwar das Misstrauen aussprechen, die Ernennung selbst aber kann er nicht verhindern. Im Unterschied zu Deutschland, ist in Österreich ein „konstruktives Misstrauensvotum“, bei der gleichzeitig mit der Abwahl des Regierungschefs eine Nachfolgerin gewählt wird, nicht vorgesehen: Gänzlich ohne Mitwirkung des Bundespräsidenten geht es also nicht.

 

Auf Machtbalance ausgelegt?

Formal betrachtet, ist die österreichische Verfassung damit auf Machtbalance ausgelegt: Der Präsident kann seine Regierung nicht gegen das Parlament durchsetzen. Das Parlament aber auch keine Regierung ohne Präsidenten wählen. In der österreichischen Realverfassung spiegelt sich diese Pattsituation bislang in keinster Weise wider. Die eigentlich sehr starke Stellung des Präsidenten ist trotz dessen Volkswahl nicht erkennbar. Nur einmal – die berühmte Minderheitsregierung Kreiskys – wurde eine Regierung ohne eindeutige Parlamentsmehrheit angelobt.

Grund für die formale Dominanz des Parlaments ist nicht zuletzt der historische Glaube der österreichischen Sozialdemokratie, alles Gute komme vom Parlament: In letztlich vergeblicher Erwartung einer absoluten Parlamentsmehrheit kämpfte die Sozialdemokratie in der Ersten Republik für das Primat des Nationalrats. Von dessen Mehrheit sollte alle Macht ausgehen, Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Legislative schien Otto Bauer und seinen Parteigenossen ein „bürgerliches“ Konzept zu sein. Dieses Vertrauen ins Parlament war schon immer und bestenfalls naiv: So zentral das Mehrheitsprinzip für die Demokratie, so sehr hat die Geschichte gezeigt, dass auch Massen und damit Mehrheiten irren können. Alle Macht der Mehrheit ist dementsprechend „Demokratur“, die Diktatur der Mehrheit. Grundrechte, qualifizierte Mehrheiten und eben auch die Gewaltenteilung sind die verfassungsgesetzlichen Vorkehrungen gegen diese Gefahr.

Aber auch die in der Verfassung angelegte, starke Stellung des Parlaments ist nur eine Schimäre, die Realverfassung hier ebenfalls eine andere. Dank Klubzwang und Listenwahlrecht ist der österreichische Nationalrat ein Parlament ohne Parlamentarismus, das seine formale Macht vollständig an die Regierung delegiert und so zur Abstimmungsmaschine degeneriert. Das Primat des Parlaments bedeutet in der österreichischen Realität alle Macht für die Regierung und somit für die von ihr dominierten Parteien.

 

Realverfassung ändern

Bleibt die Frage, warum sämtliche Debatten in österreichischen Feuilletons anlässlich der Gefahr „italienischer Verhältnisse“ nur um gleichermaßen grundlegende wie unrealistische Vorschläge wie die Einführung eines Mehrheitswahlrechts kreisen. Dabei wäre es doch viel nahe liegender, es vor einer Änderung der Formalverfassung vielleicht einmal mit Änderungen der Realverfassung zu versuchen: Warum soll der Bundespräsident nicht eine Frist von zwei Monaten für Regierungsverhandlungen setzen und danach entweder eine Koalitions- oder eben eine Minderheitsregierung seiner Wahl angeloben? Natürlich kann diese vom Nationalrat danach jederzeit gestürzt werden, aber noch vor Ablauf der ersten 100 Tage im Amt müsste sich im Parlament dafür auch erst ein mehrheitsfähiger Anlass finden. Aber selbst wenn – es bliebe dem Präsidenten unbenommen, einen neuen Anlauf zu wagen. Und wer sagt denn, dass die Parlamentsfraktionen nicht sogar Gefallen an einer gewachsenen Bedeutung in Zeiten ohne Koalitionsvereinbarung und mit wechselnden Mehrheiten finden könnten? Würde nicht paradoxerweise die stärkere Rolle des Präsidenten, der seine Regierung ernennt, auch den Nationalrat aufwerten? Ein wenig mehr Parlamentarismus würde dem österreichischen Parlament gewiss nicht schaden.

Eine Änderung der Realverfassung könnte wie folgt aussehen: Solange sich keine stabile Koalitionsmehrheit zusammenfindet, obliegt es dem Bundespräsidenten, ein „Kabinett der besten Köpfe“ anzugeloben. Das Parlament spricht der gesamten Bundesregierung erst dann das Misstrauen aus, wenn es eine stabile Koalitionsmehrheit gibt. Im Übrigen gilt die Formalverfassung: Einzelnen Ministern wird dann das Misstrauen ausgesprochen, wenn ebendieses – zum Beispiel als Ergebnis eines Untersuchungsausschusses – begründet ist. Gesetzesvorschläge werden nicht nur abgenickt, sondern im Parlament debattiert, verhandelt und abgestimmt. Die bisherige exekutive und legislative De-facto-Alleinherrschaft der Bundesregierung könnte durch dieses Zusammenspiel von Parlament und Präsident an die de iure intendierte Verfassungssituation herangeführt werden. Utopisch? Vielleicht. Realistischer als ein Mehrheitswahlrecht aber allemal.

 

Leonhard Dobusch studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft in Linz und ist derzeit am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung tätig.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2008)

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11 Kommentare
Tom93
29.10.2008 17:05
0 0

herr dobusch führt die leser absichtlich in die irre

in diesem artikel versucht herr dobusch auf dreiste art die geschichte zu fälschen, indem er suggeriert, die sozialdemokraten hätten eine "diktatur der mehrheit" die die grundrechte für die minderheit außer kraft setzen wollte angestrebt. dem war eben nicht so. nicht nur haben die sozialdemokraten die verfassung erst erkämpft und ALS EINZIGE konsequent verteidigt, sondern sie haben im linzer programm auch ein deutliches bekenntnis zur demokratie und zu den grund- und freiheitsrechten abgelegt. also genau zu all dem, wovon dobusch schreibt, sie hätten daran "naiv" kein interesse gehabt...

wer etwas anderes behauptet sagt die unwahrheit oder weiß es nicht besser. alle die mir das nicht glauben, sollen das unten bereits erwähnte linzer programm lesen.

Antworten Gast: Werner
29.10.2008 20:02
0 0

Re: herr dobusch führt die leser absichtlich in die irre

Wie pflegte einst Ihr großes Vorbild zu sagen: Lernen Sie Geschichte, ...
Wenn Sie schon das umstrittene Linzer Programm erwähnen, sollten Sie wenigstens nicht vergessen, dass darin auch die Rede von einer angestrebten Diktatur des Proletariats ist. Dieses Linzer Programm trug nicht unwesentlich zur Verschärfung der Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen bei.
Lesen Sie endlich das Linzer Programm und Sie werden ob Ihrer geistigen Unbedarftheit erröten!

Antworten Antworten Tom93
29.10.2008 21:39
0 0

Re: Re: herr dobusch führt die leser absichtlich in die irre

ich möchte ihnen selber empfehlen:

"Lesen Sie endlich das Linzer Programm und Sie werden ob Ihrer geistigen Unbedarftheit erröten! "

die sozialdemokratie hat eben NICHT die diktatur des proletariats angestrebt, wie fälschlich oft behauptet wird. vielmehr ist das programm ein zu demokratie und verfassung. der passus über die diktatur ist so formuliert, daß daraus klar hervorgeht, daß man zur gewalt nur greifen würde, wenn die freiheitsrechte und die republik in gefahr wären - was dann auch genauso geschehen ist. es ist kein zufall, daß die einzig verfassungstreue partei der 1. republik die sozialdemokratie war...

Antworten Gast: dora
29.10.2008 17:41
0 0

Re: herr dobusch führt die leser absichtlich in die irre

es gibt nicht "die" demokratie, sondern verschiedene formen. und es ist eine tatsache, dass sich die sozialdemokratie in der ersten republik extrem gegen eine stärkere ausprägung der gewaltenteilung zwischen exekutive und legislative gestemmt hat, sie in erwartung einer parlamentsmehrheit alle macht diesem parlament geben wollte.

wenn ich den artikel richtig verstanden habe, plädiert er ja nur dafür, dass sich eine gewählte legislative (parlament) und eine gewählte exekutive (präsident/regierung) gegenüberstehen.

es geht nicht um die frage für oder gegen, ja nicht einmal um mehr oder weniger demokratie, sondern WELCHE demokratie...

Tom93
28.10.2008 21:27
0 0

es ist wirklich ein starkes stück...

..der sozialdemokratie der 1. republik ihr konsequentes eintreten für das primat der volksvertretung als neigung zu einer "demokratur" auszulegen. das ist nur mehr lächerlich. was zeichnet eine demokratie denn anderes aus, als die herrschaft des volkes, ausgeübt durch ihre vertreter im parlament?

der vorwurf einer "demokratur" soll nur verschleiern, daß herr dobusch selber offenbar probleme mit dem konzept der demokratie zu haben scheint. leute, die die demokratie verabscheuen, nenne sie gerne "anarchie" oder wie herr dobusch: "demokratur".

Antworten Gast: E.B.
29.10.2008 08:19
0 0

Re: es ist wirklich ein starkes stück...

Sie haben offenbar den Gesamtkontext des Artikels nicht ganz erfassen können. Es geht offenbar um System von Checks and Balance zwischen Parlament, Regierung und Präsident. Wenn sie genau lesen werden sie feststellen, dass Herr Dobusch eine reale Aufwertung des Parlaments gegenüber der Regierung fordert.

Antworten Gast: Karl IV.
28.10.2008 22:09
0 0

Re: es ist wirklich ein starkes stück...

Selbst ein SPÖ-Apparatschik wie Sie, Tom93, sollte das Linzer Programm der Sozialdemokraten aus dem Jahre 1926 nicht verleugnen, auch wenn die darin festgelegten Ziele den Ausdruck "Demokratur" rechtfertigen.

Antworten Antworten Gast: Emil
29.10.2008 08:21
0 0

Re: Re: es ist wirklich ein starkes stück...

Wie Tom93 waren eben auch die Sozialdemokraten der Ersten Republik "lupenreine" Demokraten. Ein Schelm, wer anderes denkt.

Antworten Antworten Antworten Gast: E.B.
29.10.2008 10:15
0 0

Re: Re: Re: es ist wirklich ein starkes stück...

Sie waren damals zumindest die einzigen Verteidiger der demokratischen Republik. Nazis, Christlich-Soziale und Kommunisten konnten mit dieser Staatsform bekanntlich nicht viel anfangen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Emil
29.10.2008 19:01
0 0

Re: Re: Re: Re: es ist wirklich ein starkes stück...

Aber auch die Sozialdemokraten betrachteten in der 1. Republik die Demokratie vor allem als Werkzeug zur Einrichtung der "Diktatur des Proletariats", wie im Linzer Programm nachzulesen ist. Lupenreine Demokraten eben, so wie Tom93 einer ist.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Tom93
29.10.2008 21:43
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: es ist wirklich ein starkes stück...

lesen sie das programm! ein flammenderes bekenntnis zu republik, verfassung und demokratie werden sie aus dieser zeit nicht finden! aus dem linzer programm geht klar hervor, daß die sozialdemokratie keine diktatur angestrebt hat, sondern vielmehr demokratisch an die macht zu gelangen und die macht "unter den bürgschaften der demokratie" auszuüben wünschte. die diktatur errichtet haben andere...

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